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© (3) Prof. Dr. Alexander Meng
Für TCM Ärzte gilt der Spruch, den Sie im Hintergrund in chinesischer Schrift lesen können:„Dem Leiden des Patienten mit Empathie und Mitleid begegnen.“
 
Komplementärmedizin 5. September 2014

Mit Konfuzius zur Gesundheit

TCM-Prävention – Teil 1.

Die TCM ist stark in Philosophie und Kultur verwurzelt. Die chinesischen Klassiker sind noch heute Quelle der Inspiration. „Der Mensch als Teil der Natur, muss mit den Gesetzen der Natur im Einklang leben, darf nicht gegen diese kämpfen.“ Der Arzt im alten China wurde von seinen Patienten so lange gut honoriert, als die ihm Anvertrauten gesund blieben. Er musste imstande sein, einem Anvertrauten vorausschauend individuelle, präventive Empfehlungen und Maßnahmen zum Lebensstil zusammenzustellen. Die Beratung zum Lebensstil beinhaltet Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Bewegung, Sexualität, Ehe und Psyche.

TCM-Gesundheitspflege

Die erfolgreiche Behandlung von Kranken im Frühstadium steht an der zweiten Stelle der ärztlichen Qualitätsanforderung, gleich nach der Prävention.

Wann beginnt das Gesundheitsbewusstsein im Westen? Mit etwa dem 50. Lebensjahr oder mit der Pensionierung bzw. mit der ersten ernsthaften Erkrankung?

In China beginnt die Gesundheitspflege mit der Schwangerschaft. Die Lebenserwartung wird mit 120 Jahren angesehen. Alt zu sein bedeutet nicht unbedingt, krank zu sein. Biologisch gesehen ist das Altern eine natürliche Abnützungserscheinung. Neben der Veranlagung ist der Lebensstil entscheidend dafür, mit welcher Geschwindigkeit der Lebenszyklus eines Menschen abläuft. Im Lebensstil steht wiederum die gesunde Psyche vor dem Soma. Weil die traditionelle chinesische Medizin sich von ihrer philosophisch humanistischen Wurzel nie getrennt hat, ist eine kurze Einleitung in diese, hilfreich für das Verständnis.

Methoden der Prävention

Konzepte der TCM, Akupunktur, Selbstmassage, Tajiquan, Qigong und Ernährungsberatung sind wichtige Methoden der Prävention. Yin/Yang-, 5 Elemente- und Organ-Lehre bilden ein komplexes Regulationssystem, ein Zeit- und Raum-Denkmodell. Sie sorgen für die Synchronisation des komplexen Systems.

Huangdi Neijing

Huangdi Neijing (etwa 22 v.u.Z.) ist ein Klassiker in Dialogform. Der Meister Qi Bo, ein mystischer Arzt gibt auf die Frage des „Gelben“ Kaisers Huang Di, warum die Menschen früher hundert Jahre alt wurden, ohne die normalerweise auftretenden Zeichen des Alters aufzuweisen („Heutzutage altern die Menschen vorzeitig und werden kaum fünfzig. Ist das durch eine Veränderung der Umwelt oder den Verlust der korrekten Lebensführung entstanden?“), die Antwort: „In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie verstanden das Prinzip des Gleichgewichts von Yin und Yang, wie es sich in den Wandlungen der Energien des Universums widerspiegeln. Sie entwickelten Praktiken wie die des Daoyin, einer Kombination von Dehnungsübungen, Massage und Atemtechniken, um den Fluss der Energie zu unterstützen. Sie übten sich in Meditation, um in Harmonie mit dem Universum zu kommen. Sie aßen ausgewogen und regelmäßig, sie vermieden jede geistige und körperliche Überanstrengung, sie standen zu bestimmten Zeiten auf und gingen zu bestimmten Zeiten zu Bett und waren in jeder Hinsicht maßvoll.“ (Übersetzung von Maoshing Ni, 2000).

Yanglao Fengqinshu

Im Yanglao Fengqinshu (Meisterwerk der Geriatrie von Chen Zhi ist aus dem Jahre 1085) sind Maßnahmen festgehalten, was im Alter zu tun ist: Psychohygiene, Ernährung, Sexualität, nach Biorhythmus des Tages sowie des Jahres leben, Schlafen und Bewegung.

Daodejing von Laozi

Die Regeln zur Psychohygiene und für ein gesundes, langes Leben werden im „Daodejing vermutlich von Laozi (v.u.Z. 571 bis v.u.Z. 471) in knappen Worten formuliert: Bescheidenheit im Leben und die Gefühle regulieren. „Dao“ bedeutet der Weg, die Gesetze des Universums, „De“ bedeutet Tugend, natürliche innere Kraft. Die völlige Entspannung und das Loslassen von sämtlichen irdischen Begierden und Emotionen sind ein Weg dazu. Diese Technik wird Xiudao bzw. Xuqixin genannt.

Das Dao des Himmels ist selbstlos und somit ewig. Das Dao der Menschen ist verbunden mit Eigennutz, der Mensch erliegt in dieser Welt Begierden und Emotionen, daher ist unsere Lebensdauer begrenzt. Für das Streben nach langem Leben (Yangsheng) ist die Entsagung der Begierden und Emotionen der natürliche Weg des Dao (Wuwei Zustand). Wenn man sich um innere Ruhe bemüht, dann tritt bei der Meditation/Qigong ein Wärmegefühl im Unterleib auf. Ferner sollte man sich in Konzentration üben, dann sieht und hört man nicht, was in der Umgebung geschieht.

„Arzt des Herzens“

Die TCM kennt viele Techniken, Qigong ist eine von davon. Auch im Alltag wäre es ratsam Reizüberflutungen zu meiden, denn exzessives Freizeitvergnügen schadet den drei Schätzen unseres Lebens-Essenz, Qi-Vitalenergie und Geist. Wer seine Grenzen in Karriere und materiellem Reichtum kennt, dem ist die Lebensgefahr fern. Da Daodejing die Grundlage der chinesischen Kultur und Lebensphilosophie ist, sind die TCM-Ärzte neben ihrer hohen konfuzianischen Bildung meist auch berühmte Daoisten. Um ein guter Arzt zu sein, gehört neben umfassender Bildung auch ein hoher Grad an Tugendhaftigkeit (ethische Lebensführung). Sun Simiao (581-682) fordert zu Psychohygiene/Ethik des Arztes und des Helfers auf: Das Leben ist kostbar, mit keinem Gold kann man das erkaufen. Keine Gegenleistung vom Patient erwarten. Das Leiden des Patienten mit Empathie und Mitleid begegnen. Ein guter Arzt/Therapeut ist ein Arzt des Herzens, hier ist aber nicht der schulmedizinische Kardiologe gemeint.

Konfuzius

Konfuzius prägte für China den Kernsatz für die Moralische Normen, für Psychohygiene des Individuums und des Staates: „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an.“

Die fünf Tugenden der Konfuzianer lauten:

1. Menschlichkeit, Humanität, Güte; sich selbst bezwingen und sich an die Gebote der Sittlichkeit halten, das heißt Menschlichkeit (Ren).

2. Wissen, was Pflichten sind, rechtens zu tun und erlaubt ist (Yi).

3. Befolgen der Sittlichkeit, der Regeln des menschlichen Zusammenlebens (Li).

4. Die Weisheit, das gesammelte Wissen über Sachverhalte, die zu einer seitlichen Lebensführung gehören (Zhi) vervollständigen und

5. sich um die Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit bemühen (Xin).

Diese fünf Tugenden der Konfuzianer sind stets einzuhalten, um sich eines psychosomatisch gesunden Lebens zu erfreuen. Wenn sich das Individuum, der Mensch, der König/Manager/Politiker daran halten, dann ist auch der Staat gesund.

Zhouyi und Yijing

Die Ganzheitlichkeit der TCM kommt aus dem Zhouyi („Buch der Wandlungen“, ist ein Kommentar zu Yijing, verfasst etwa 700 v.u.Z.). Das Buch der Wandlungen ist gleichzeitig das älteste philosophische Werk Chinas. Der große deutsche Chinakenner Richard Wilhelm sagt über Yijing: „Das Buch der Wandlungen ist ein uraltes chinesisches Orakelbuch. Es unterscheidet sich von anderen Orakelbüchern dadurch, dass es nicht allein dem Zweck der Erkundung der tatsächlichen Zukunft diente, sondern immer zugleich Anweisungen für das menschlichen Handeln unter gewissen Umständen gab, um auf diese Weise dem Fragenden die Möglichkeit zu geben, nicht wehrlos einem blindes Faktum überliefert zu sein, sondern selbst an der Gestaltung der Zukunft durch Tun oder Lassen, durch Streben oder Meiden mitzuwirken. So ergab es sich von selbst, dass in die geheimnisvollen Zeichen, durch die die verschiedenen Lagen des Menschenlebens symbolisiert waren, zugleich Ratschläge für richtiges Handeln verwoben wurden. Dies hatte wieder zur Voraussetzung eine ganz bestimmte, sozusagen philosophische Theorie von den Gesetzen des Geschehens. Ein langer Weg führt bis zu seiner heutigen Gestalt. Und durch Tradition ist in das Buch der Wandlungen die gesammelte Erfahrung der Jahrtausende und die reifste Lebensweisheit der bedeutendsten Männer Chinas hineingeheimnisst.“ (Richard Wilhelm, China im Umbruch, in: DG 2 China, 1973, Seite 63).

Die Phänomenologie und die Philosophie sind die Basis der TCM, nicht die quantitative, experimentale Naturwissenschaft der Physik oder Chemie. Daraus resultieren die Stärken und auch die Schwächen der TCM.

• Die TCM legt den Schwerpunkt auf die Gemeinsamkeit, auf die Analogie, die Ganzheit steht in ihrer Wertigkeit über dem Einzelbestandteil.

• Die TCM legt großen Wert auf dynamische Prozesse, Funktionen, im Hintergrund steht die Materie und Struktur.

• Alles in der Natur (Makrokosmos) und im Körper (Mesokosmos) ist in ständiger Bewegung. Das philosophische Model sind die 5 Elemente- und die Yin/Yang-Lehre.

• Die TCM legt großen Wert auf Formeln der 5 Elemente-, der Yin/Yang-Lehre und der 8 Prinzipien.

• Das Modell von Yin/Yang beschreibt den Rhythmus von Tag und Nacht, der Jahreszeiten etc. als ein nicht-lineares, zyklisches System der Zeit. Auch die 5 Elemente-Lehre beschreibt so ein zyklisches System. Um die Physiologie und Pathophysiologie der TCM zu verstehen, ist der Zeitfaktor äußerst wichtig. Die Veränderungen der Organstruktur werden vernachlässigt. Die Beurteilung der Organfunktion hingegen ist entscheidend.

Die westliche Medizin und Wissenschaft sieht die Zeit als ein lineares Phänomen, auf die räumliche Struktur (z.B. Histologie, Röntgenbefund etc.) wird größerer Wert gelegt.

Definition der Gesundheit

Stabilität und Autoregulation im Organismus sowie Gleichgewicht des Menschen mit seinem sozialem Umfeld und seiner Umwelt wird in der TCM als Gesundheit definiert (Yinping Yangmi). Zwischen Yin und Yang herrscht Harmonie, es gibt kein numerisches Gleichgewicht. Das Symbol von Yin/Yang kann man verstehen als „der schwarze Mond frisst den weißen Mond“ bzw. „der weiße Fisch mit schwarzen Augen und der schwarze Fisch mit weißen Augen drehen sich im Kreis, ohne Unterbrechung, sodass keiner jemals den Anderen auffressen kann“. Das Yin/Yang Konzept kommt aus der altchinesischen Philosophie. Es symbolisiert Sonne/Mond, Licht/Schatten, Tag/Nacht, Leben/ Tod, Bewegung/Stillstand, Funktion/Struktur, Wärme/Kälte, männlich/weiblich etc. Das Paar ist unzertrennlich, sie ergänzen sich, widersprechen sich und beschreiben eine dynamische Wandlung.

Biorhythmus (Wuyun Liuqi)

Im antiken China entwickelten sich zwei kosmische Systeme, das sogenannte Yin/Yang- Dualsystem und das Yin/Yang-Tripelsystem (Qu Limin, 2008). Wuyun bedeutet „Wandlungen nach der Entsprechung der fünf Elemente“. Liuqi steht für die 6 Qi Zustände im Laufe des Himmels. Der Mensch ist das Produkt des Himmels und der Erde; der Himmel gebiert den Menschen, die Erde ernährt den Menschen (Tianshengren, Diyangren). Der Mensch kann sich die Natur dienstbar machen, aber in Hinsicht auf die Versöhnung mit der Umwelt ist der Mensch in der Passivität. Die chinesischen Philosophen sehen Erde und Himmel nicht als leblos, primitiv an, sondern die Erde und der Himmel sind die Urquellen unseres Körpers und der Psyche (Tianre heyi). Die religiöse, emotionale Bindung des Menschen zu Erde und Himmel wurde durch die materialistische Wissenschaft und Erkenntnislehre gelöst. Yin und Yang als Dualsystem folgen der Ansicht des „Zhouyi“, dass der Himmel, rund wie eine Eierschale, die Erde wie ein Schachbrett deckt. Der Rhythmus der Sonne verursacht Tag (Yang) und Nacht (Yin) und im Jahresverlauf Kälte und Hitze. Yin und Yang symbolisieren somit gegensätzliche Bewegungen, sie sind regelmäßig, begrenzt und ohne Fortschritt. Die bedeutendste Weiterentwicklung der TCM wurde mit Einführung des Tripelsystems, 3 Yin und 3 Yang, erreicht. Damit wurde die unendliche Variations- und Entwicklungspotenz aller Dinge erweitert. Das Dualsystem Yin/Yang des Zhouyi ist geeignet um das Gesetz (Dao) des Himmels zu beschreiben; das Tripelsystem aus 3 Yin und 3 Yang eignet sich zur Beschreibung der Gesetze (Dao) der Menschen. Im Dualsystem spielt das Soziale, Ethische und Psychosomatische eine wichtige Rolle. Im Tripelsystem wird der Himmel (Taixu) als ein undifferenziertes Yin/Yang angesehen. Die 5 Elemente sind das Yin und Yang der Erde. Die Begegnung (Jioganyunxing) des Himmels mit der Erde ist Leben (Keimen, Gedeihen, Zurückziehen und Speichern). Die TCM betont die Einheit der Lebensvorgänge mit den Vorgängen des Himmels und der Erde. Die Eigenschaften und Dynamik der Jahreszeiten, der Wärme und Kälte, der räumlichen Positionen, des menschlichen Körpers und die Krankheiten stehen eng mit Himmel und Erde in Zusammenhang.

„Aus dem Gleichgewicht“

Gerät Yin und Yang aus dem Gleichgewicht, können verschiedene Krankheiten entstehen. Burnout z.B. können wir als Vorstadium einer somatischen bzw. psychischen Erkrankung betrachten. In China werden die Begriffe Subhealth (Yajiankang) bzw. noch nicht krank (Weibing) verwendet.

Zusammenfassung

Die psychosomatische Kompetenz zu erweitern erreichen wir Ärzte mit komplementären TCM Methoden nur im Zusammenhang mit der chinesischen Philosophie. In China ist diese stark von Konfuzius geprägt worden. Die daraus folgenden medizinischen Konzepte sind Yin, Yang, Ganzheitlichkeit zwischen Mensch- Erde und Himmel sowie der Fünf-Elemente-Lehre.

In der Prävention und Stärkung stehen ethische Lebensführung, Psychohygiene, Ernährung, Biorhythmus, Ruhe und Bewegung im Maßnahmenkatalog. In der Therapie stehen Akupunktur, Tuina und Arzneitherapie zu Auswahl.

Die Kluft zwischen moderner Schulmedizin und chinesischer Medizin ist enorm: Erfolge in der Praxis fordern von uns Ärzten zusätzlich einen Nachweis der Wirksamkeit und eine Aufdeckung des Wirkmechanismus. Quellen:

„TCM in Prävention und Therapie“ von Meng A. Verlag Maudrich, 2011

„Basishandbuch der Akupunktur: Schritt für Schritt zur Therapie“ von Meng A., Bijak M., Stockenhuber D., Verlag Maudrich, 2010

„Mit Konfuzius zur Weltmacht“, von Stefan Aust, Adrian Geiges, Quadriga Verlag, 2012

„China im Umbruch“ von Richard Wilhelm in: DG 2 China, 1973, Seite 89

„Der gelbe Kaiser“ von Maoshing Ni in O. W. Barth, 2000

„Gesundheitspflege in Dialog Qu Limin, in Verlagskompanie China in Chinesisch 2008

Korrespondenz:

Prof. Dr. Alexander Meng

Facharzt für Neurologie/Psychiatrie

Präsident Österr. Gesellschaft f. Akupunktur, Leiter Ö. Arbeitskreis f. Tuinatherapie, Vice Chairman of Specialty Committee of TCM Psychology of WFCMS, Ehem. Leiter Schmerz/Akupunktur/TCM Ambulanz Neuro.Abt.KH Lainz / Wien

Ordination: Frauenfelder Str. 8 A-1170 Wien

E-Mail: Web: www.meng.at

TCM-Prävention

Teil 2 dieses Beitrags befasst sich mit den Themen Subhealth, Akupunktur und Organe in der TCM und erscheint in einer der nächsten Ausgaben unserer „ÄrzteWoche Spezial Komplementärmedizin“.

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