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Komplementärmedizin 30. Juni 2005

Die Traditionelle Chinesische Medizin offiziell anerkannt

Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE stellt Dr. Rupert Lenhart vom "Berufsverband der professionellen TCM Therapeuten" (PROTCM) die Grundzüge der TCM sowie die Arbeit von PROTCM vor.

Auf Basis welcher wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweise erfolgte die Rechtssprechung des OGH?

LENHART: "Wissenschaftliche" Wirksamkeitsnachweise nach den Kriterien der Evidence Based Medicine gibt es aberhunderte. Die TCM wurde als ärztliche Tätigkeit im Sinne von § 2 Ärztegesetz 1998 anerkannt, weil sie Ausübung der Medizin ist.

Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet in Österreich die europaweit erste Zulassung erfolgte?

LENHART: Weil es hier der TCM-Akademie in jahrelanger Tätigkeit gelungen ist, ohne große inhaltliche Differenzen unter den bestehenden Fachgesellschaften eine Idee sachlich zu vertreten, auch wenn von einer "Zulassung" noch nicht die Rede sein kann, sondern nur eine Anerkennung stattgefunden hat. Die zunehmende Akzeptanz in der Bevölkerung verursachte einen Druck auf die Ärzteschaft, das Gebiet der TCM zu regulieren und in das Gesundheitssystem mit hoher Qualität und somit Sicherheit für die Patienten zu integrieren. Aus dem Rechtsstatus als Medizin ergibt sich keine Anrechnungspflicht der TCM, vielmehr ist dieser Status Voraussetzung für eine Anrechnungsentwicklung.

Welche TCM-Methoden wurden anerkannt?

LENHART: As ärztliche Tätigkeit anerkannt wurde die TCM, soweit Therapien an Kranken durchgeführt werden. Als Therapieformen wurden explizit Akupunktur, Pharmakologie und Tui Na genannt. Es wird noch viele Gespräche geben müssen, die Methoden zu definieren und abzugrenzen, und erst dann wird man darüber verhandeln können, ob es eine Beteiligung der Krankenkassen an den Kosten gibt.
Die TCM, wie sie heute gelehrt wird, beinhaltet Ernährung und Diätetik, Akupunktur inklusive Moxa und Schröpfbehandlung, Pharmakologie und Tui Na. Tai Chi und Qi Gong sind Teil der Ausbildung, um Patienten zur Vorbeugung und Funktionsverbesserung anzuleiten, aber auch in China nicht als "ärztliche Therapiemethoden" anerkannt.

Wie erfolgt die Wahrung der Interessen zwischen den vier Sektionen des Berufsverbandes?

LENHART: Indem sie als gleichwertige Partner im Dachverband vertreten sind und gemeinsam agieren. Die Sektionen werden nicht durch Zuordnung bestimmter Behandlungsformen unterschieden, sondern auf Grund der absolvierten Ausbildung, das heißt, es gibt die Sektion Ärzte mit TCM, die Sektion Paramediziner mit TCM, die Sektion Drs. med. chin. und die Sektion Nichtmediziner mit TCM. Hier finden sich viele Hebammen, PhysiotherapeutInnen, Heilmasseure und diplomierte Krankenschwestern.
Eine Trennung nach Methoden ist nicht sinnvoll, da es in Europa keine arbeitsrechtlich getrennten Anwendergruppen (Tuinalogen, Akupunkteure u.ä.) gibt. Zur Zeit ist nur die Akupunktur als ärztliche Leistung definiert, wobei sie weniger als 10 % der angewandten Methoden ausmacht.

Könnte die offizielle Anerkennung von TCM und eine eventuelle Kassenhonorierung besonders für Nicht-Ärzte, aber auch für Kassenärzte Nachteile und Finanzeinbußen bringen?

LENHART: Diese Gefahr besteht für all jene, welche nur Teilausbildungen nachweisen können. Über Kassentarife brauchen wir uns bei der jetzigen Finanzsituation der Kassen noch gar nicht den Kopf zerbrechen, da eine Leistungserweiterung vorerst nur im schulmedizinischen Bereich zu erwarten ist, da hier noch großer Aufholbedarf besteht. Eine Teil-Kostenerstattung, wie schon jetzt auf Grund des Beschlusses des Obersten Sanitätsrates bei chronischen Schmerzzuständen möglich, könnte um einige Indikationen erweitert werden, bedarf aber ausführlicher sachlicher Verhandlungen. In der Zwischenzeit hat sich die TCM in Österreich öffentlich zu beweisen.

Ist die TCM eine alternativ- oder eine komplementärmedizinische Methode?

Lenhart: Wenn unter Alternative der Aspekt "entweder - oder" gesehen wird, und unter "komplementär" nur der Aspekt "das dazu, kann nichts schaden", ist die TCM weder das eine noch das andere, vielmehr ist die TCM eine eigene, über mehr als 5000 Jahre gewachsene Schule zur Erhaltung und Wiedererlangung der Gesundheit mit den ihr eigenen Vorzügen und Grenzen.

Wie und wo wenden Sie persönlich die TCM an?

LENHART: Ich selbst behandle nach erhobenen schulmedizinischen Diagnosen, denen dann eine detaillierte TCM-Diagnose zu folgen hat, schmerzhafte Störungen des Bewegungsapparates, Allergien, neurologische, gynäkologische Erkrankungen, Hauterkrankungen, Krebs und anderes mehr. Dabei bestehe ich darauf, dass die schulmedizinische Therapie von den KollegInnen nach deren Befunden modifiziert wird, welche diese Therapie veranlasst haben, denn diese Therapie nimmt Einfluss auf den von mir erhobenen Befund. Veränderungen durch die TCM-Therapie benötigen eine fortlaufende schulmedizinische Kontrolle durch andere KollegInnen, welche dann auch nach ihren Richtlinien zu Therapieänderungen führen können. Wenn dann auch noch vom Schulmediziner eine Besserung festgestellt wird, gibt dies dem Patienten mehr Sicherheit und zeigt, dass parallel gearbeitet werden kann, auch wenn von grundsätzlich unterschiedlichen Betrachtungsweisen ausgegangen wird.

Grundsätzlich ist mir noch folgende Aussage wichtig: TCM als Modeerscheinung zu betiteln, offenbart nur Unkenntnis. Als Schulmediziner und TCM Therapeut ist mir Fortbildung nicht nur abverlangt, sondern permanente Notwendigkeit, um mich sachlich und fundiert mit PatientInnen, aber auch KollegInnen auseinandersetzen zu können. Um in beiden Medizin-Schulen reüssieren zu können, ist somit doppelter Aufwand notwendig - und nicht nur dafür nehme ich mir Zeit. 

Da auf dieser Welt zur Zeit nur ein kleiner Teil der Menschheit nach westlichen schulmedizinischen Grundlagen medizinisch versorgt wird, empfände ich es als Schulmediziner und TCM Therapeut als Ausdruck von Selbstsicherheit, wenn diese Schulmedizin die Erfolge und das umfassende Wissen aus Erfahrung von anderen Kontinenten und Kulturen akzeptieren und anerkennen könnte. Wir "Schulmediziner" sollten endlich das anmaßende Gehabe des Allwissenden mit der absoluten Wahrheit ablegen und gemeinsam mit anderen Schulen und deren Erfahrung nach besserer Behandlung betroffener PatientInnen suchen.

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 12/2002

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