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Komplementärmedizin 30. Juni 2005

Kneippmedizin mit Zukunft

Sebastian Kneipp wäre wahrscheinlich nicht begeistert: "Kur im klassischen Sinn wird von vielen als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen", analysiert Dr. Franz Daringer, neuer Präsident des Österreichischen Kneippärztebundes. Gesundheitsurlaub, Wellnesswochenenden oder kurze Entspannungseinheiten "zwischendurch", so sehen manche Kuren heute aus - auch das muss möglichst schnell gehen, der schnelllebige "Event" steht für viele im Vordergrund.

Der "neue" Gesundheitstourismus

Die Tourismusbranche fördert diesen Trend, denn der "neue" Gesundheitstourismus bringt - zumindest auf den ersten Blick - mehr Umsatz als die klassischen Drei-Wochen-Kuren. "Der Erholungseffekt ist allerdings in vielen Fällen unbefriedigend und der nächste Wellnesstermin schnell wieder fällig", kritisiert Daringer. Dies würde auch unnötig hohe Kosten für das Gesundheitswesen verursachen.

Kneippen ist aus seiner Sicht "Ur-Wellness" und der schnelllebige Wellnesstrend allmählich wieder im Abklingen: "Vielen Menschen wird wieder ein wesentlicher Teil von Kneipp-Kuren wichtig: sich Zeit nehmen, abschalten, unter kompetenter Betreuung den Lebensstil analysieren und Veränderungen hin zu einer gesunden Lebensweise vornehmen." Kneippen würde den Menschen daher auch über die drei Wochen Kur hinaus begleiten.

Altbewährte Aufgüsse und Teekuren

"Maßnahmen der Hydrotherapie können Patienten nach entsprechender Anleitung eigenständig durchführen", betont der Allgemeinmediziner und Kneippkurarzt Dr. Heinz Schiller aus Bad Mühlacken. "Für Krampfadern sind etwa kalte Kniegüsse ein hervorragendes und bewährtes Mittel der Prävention. Gute Wirkungen ließen sich ebenso mit Tees, basierend auf Kräutermischungen, erreichen, die von Kneippärzten selbst zusammengestellt werden. Bewegungstherapie nach Kneipp setzt auf kleine, machbare Maßnahmen, auf dosierte, genau auf die Situation des Patienten ausgerichtete Bewegungsempfehlungen.

Langfristig positive ökonomische Effekte

"Kneippen ist letztlich eine Lebenseinstellung", betont Daringer. Damit würden sich nicht nur für die einzelnen Patienten persönliche Vorteile, sondern auch für das Gesundheitssystem langfristig positive ökonomische Effekte ergeben. Da Kneippmedizin ganzheitlich ansetzt, werden Medikamentenkosten eingespart, die Gefahr eines Rückfalls sei geringer, "vor allem auch, weil Selbstheilungskräfte aktiviert und die Eigenverantwortung des Patienten gestärkt werden" (Daringer).

Die Ordnungstherapie

Die Ordnungstherapie versucht den individuellen Rhythmus der ergo- oder topotrophen Phasen zu regulieren. Schiller meint, dass "gerade auch dieser Ansatz für den Allgemeinmediziner neue Möglichkeiten in Bezug auf die Behandlung bringt".

Die Wirkung der fünf Säulen der Kneippmedizin - Hydro-, Phyto- und Ordnungstherapie beziehungsweise Bewegung, Ernährung - sind durch Forschung und Praxis fundiert. "Die fünf Säulen ergänzen einander ideal", sagt Schiller. Sie würden nicht nur in einigen Kliniken und Kurhäusern, sondern auch im niedergelassenen Bereich zum Einsatz kommen. Klassische Indikationen sind alle möglichen vegetativen Regulationsstörungen, Erschöpfungszustände, venöse und arterielle Durchblutungsstörungen.

Reform der Ausbildung zum Kurmediziner

Schiller und Daringer erhoffen sich durch die derzeit laufende Reform der Ausbildung zum Kurmediziner auch mehr Zulauf zum Kneippkurarzt. Synergieeffekte können sich für den Kneipparzt auch durch den engen Kontakt zum Österreichischen Kneippbund ergeben, mit etwa 50.000 Mitgliedern die größte private heimische Gesundheitsorganisation. Über diesen könnten auch Kurse angeboten werden, bzw. ist die Schulung und Fortbildung von ReferentInnen der zahlreichen Veranstaltungen des Kneippbundes für Ärzte ein interessantes Feld.

Wissenschaftlich gut abgesicherte Methoden

Daringer hat sich vorgenommen, mehr Information über die Kneippmedizin und sein 5-Säulen-Modell sowohl an die Ärzte als auch die Patienten zu bringen: "Nach wie vor gibt es Wissensmankos über die vielen, auch wissenschaftlich gut abgesicherten Vorteile der von Kneipp entwickelten Methoden." Beispielsweise wurden in einer Studie des Instituts für Physikalische Medizin Patienten mit Krampfadern, ausgehend von den Kneippschen Methoden, mit Wechselbädern behandelt. Dabei zeigte sich gegenüber der Kontrollgruppe eine messbare Verbesserung des Krankheitsbildes. Festgehalten wurde auch, dass die Methode billig ist, keine Nebenwirkungen hat und vor allem die Patienten selbst stark in die Therapie eingebunden sind.

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