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Komplementärmedizin 30. Juni 2005

Kneipp - Kuren und interne Medizin

Seit fünf Jahren ordiniert Dr. Heinz Sattler als Kurarzt und Internist im Kneipp Kurhaus Marienkron im Burgenland. Er arbeitet mit Hydrotherapie - Güssen, Bädern, Bürstungen, Waschungen -, aber auch mit physiotherapeutischen Maßnahmen wie Massagen. Wir fragten ihn, ob diese Behandlungen sich als komplementäre Ergänzung in der internistischen Praxis eigenen.

Herr Dr. Sattler, worauf bezieht sich die Kneipp-Therapie und was sind ihre Ansätze?

Sattler: Die Kneippkur bezieht sich auf die fünf Prinzipien der Therapie nach Kneipp. Nämlich die Hydrotherapie, Phytotherapie, Bewegung, Ernährung sowie Ordnungstherapie. Mit der klassischen Kneippkur werden Körper, Geist und Seele erreicht. Die Therapieziele verstehen sich als Loslösen - Ausleiten - Aufbauen - Einüben. Mit dem Loslösen soll die Befreiung von Belastungen aus dem Alltag in Gang gesetzt werden.
Störfaktoren wie zum Beispiel schädliche Stoffwechselprodukte, aber auch psychophysische Phänomene wie Ängste werden mit dem Ausleiten beseitigt. Das passiert im Sinne einer Ordnungstherapie. Der folgende Aufbau setzt auf eine positive Grundstimmung und Intensivierung der psychischen und physischen Kräfte.

Durch den Stress kommen die Ordnungsprinzipien zum großen Teil durcheinander. In welcher Form stellt sich die Kneipptherapie darauf ein?

Sattler: Auf den Aufbau folgt die Stufe des Einübens. Mit ihr wird eine Erhöhung der physisch-psychische Belastbarkeit angestrebt. Auch die Bemühnug, eine klare Lebensordnung anzustreben und aufrechtzuerhalten wird gefördert. Dies wird zumeist auch erreicht. Nach Kneipp nennen wir das die Nachkurphase.

Was für Ansätze hat Kneipp bei Übergewicht?

Sattler: Mehr als die Hälfte der internistischen Patienten weist Übergewicht auf. Deshalb greift der Internist, je nach Indikation und Wunsch des Patienten, auf neun Kostformen, die im Kneippkurhaus angeboten werden, zurück. Neben Normalkost stehen verschiedene Schonkostformen, Vollwertkost, Reduktionskost, jeweils mit 400 oder 1.000 Tageskilokalorien, Entschlackungsdiät, Saftfasten und weitere zur Auswahl.

Hat die Kneipptherapie ein Konzept gegen den Jojo-Effekt, da Übergewichtige häufig nach einer Kur in ihre alten Ernährungsmuster zurückfallen?

Sattler: Vor allem propagieren wir keine einseitigen Diäten und halten uns auch weitgehend an ernährungsphysiologische Grundlagen. Für die meist notwendige Weiterführung einer kalorienrestriktiven Kostform erstellen wir individuell sowie nach jeweiliger Indikation einen Diätplan. Der Diätplan beinhaltet meist allgemeine Empfehlungen zu einer ausgewogenen Mischkost mit mediterranem Charakter. Aber auch reichlich frisches Gemüse, Obst und Fisch sowie hochwertige pflanzliche Öle und ein reduzierter Einsatz von tierischen Fetten wird empfohlen.

Welchen Stellenwert hat im Kneipp-Kurhaus die unterstützende Bewegungstherapie?

Sattler: Da ein Kuraufenthalt mit dem Ziel der Ernährungsmodifikation sowie Gewichtsreduktion meist natürlich auch bewegungstherapeutische Anwendungen beinhaltet, bieten wir verschiedene Gymnastikformen, wie Body Contour und Fat Burning, geführte Radtouren mit unterschiedlichen Leistungsgruppen, natürlich auch Walking, Joggen, zusätzlich auch tänzerische Gymnastik, da Bewegung eine wichtige Säule der Kneipptherapie darstellt.

Kommt da nicht die nötige Entspannung zu kurz? Viele Menschen sind ja beruflich stark überfordert heutzutage?

Sattler: Es werden in Marienkron von unserem geschulten Personal auch Entspannungsübungen sowie meditative Techniken wie Yoga, QI-Gong, Zen und autogenes Training angeboten. Diese sollten, soweit sie dem Patienten entsprechen, natürlich auch zuhause weiter perfektioniert werden.

In welcher Form wird die Kneippsche Wassertherapie in Marienkron verabreicht?

Sattler: Zur Unterstützung etwa bei Entschlackungsdiät verordnen wir diverse Wickel und Packungen, aber auch bei schmerzhaften Verspannungszuständen als warmer Heusack, Topfenwickel als entzündungshemmende, schmerzlindernde Anwendung bei aktivierten Arthrosen.

Und welche Art von Güssen wird angewandt in Marienkron?

Sattler: Kneippgüsse als heißer, kalter oder wechselwarmer Guss sind oft Bestandteil eines so genannten Kurplanes. Als Indikationsbeispiel bei leichter Varikosis zur Venentonisierung. Kalte Knie-, Schenkel- und zusätzlich wechselwarme Obergüsse regen Atmung und Kreislauf an.

Die Stärkung des Immunsystems ist sicher auch ein Teil der Kneipptherapie?

Sattler: Güsse eignen sich ähnlich wie Saunabäder, das Reaktionsvermögen auf wechselnde Temperaturen zu trainieren und somit eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungskrankheiten zu erwerben.

Als Resümee Ihrer langjährigen internistischen Erfahrungen: Wie können Sie die Kneipptherapie im komplementären Therapieplan einstufen?

Sattler: Zusammenfassend ist die Kneipptherapie sehr gut als komplementär ergänzende Therapieform zu sehen, die besonders bei speziell internistischen Fragestellungen die Therapieoptionen bereichert und meist gefahrlos eingesetzt werden kann.

Christine Stadtländer, Ärzte Woche 34/2003

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