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Komplementärmedizin 30. Juni 2005

Begegnung von Okzident und Orient

Mit Musik geht alles besser, weiß der Volksmund. In früheren Zeiten wurden Klänge sogar ganz gezielt zu Heilungszwecken eingesetzt. Diese Tradition, die immerhin über 1000 Jahre in Spitälern des Vorderen Orients bis ins 18. Jahrhundert gepflegt wurde, versucht nun hierzulande Dr. Gerhard Tucek wiederzubeleben, als Therapeut und als Leiter des Instituts für Ethnomusiktherapie.

War es Bestimmung, war es Zufall? Das kann jeder sehen, wie er will. Jedenfalls hatte Tucek, wie er bei einem Wochenendseminar in der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin erzählte, vor zwanzig Jahren einen bewegenden Traum. Er hörte Musik, die ihn im Innersten aufwühlte. Und just eine Woche später hörte er ebendiese Musik wieder, nun allerdings in einem Konzert, das der aus der Türkei stammende Mystiker und Musiker Oruc Güvenc in Wien gab. Und wieder wurde Tucek von dieser so genannten Sufi-Musik tief ergriffen, so tief, dass er beschloss, seinem Leben eine radikale Kehrtwendung zu geben. Er, der zu jener Zeit Psychologie und Theologie studierte mit dem Berufsziel Priester, schloss sich kurz entschlossen Güvenc an und reiste mit ihm in die Türkei. Dort sollte die Altorientalische Musik zu seinem neuen Lebensinhalt werden. Tucek begann, sie spielen zu lernen und ihre Tradition und Geheimnisse zu studieren. Denn wie der Zufall (oder eben die Bestimmung) es wollte, hatte Güvenc verloren geglaubte Schriften über ihre therapeutische Wirksamkeit wieder entdeckt und schrieb gerade über dieses Thema seine Dissertation an der Universität Istanbul. Was mehr oder weniger als Abenteuer begann, steht inzwischen auf höchst soliden Füßen. 1989 gründete Tucek in Wien die „Schule für Altorientalische Musik- und Kunsttherapie“, aus der 1999 das heutige „Institut für Ethnomusiktherapie“ hervorging, dessen Lehrgänge nun vor der Hochschulanerkennung stehen.

Heilkonzept mit Tradition

Die musikalischen Wurzeln der Altorientalischen Musiktherapie liegen in den schamanischen Heilriten zentralasiatischer Turkvölker. Ihrem Prinzip nach haben bestimmte Tonarten, so genannte „maqamat“, direkte Wirkung auf bestimmte Körperregionen und Gefühlszustände, in dem Sinn, dass sie einen Ausgleich zwischen Leere und Fülle schaffen. Dieses Heilkonzept wurde über immerhin 1000 Jahre von Ärzten aus dem arabischen und zentralasiatischen-türkischen Raum bis zum Ende des 18. Jahrhunderts angewendet. Hat dieses Prinzip auch heute noch Gültigkeit? Und stimmt sein Ansatz überhaupt? Lässt sich seine Wirkweise mit unseren heutigen Messmethoden verifizieren? Das sind Fragen, denen Tucek nun schon seit zwanzig Jahren nachgeht. Und zwar als Institutsleiter wie auch als Therapeut. Vor etwa zehn Jahren bekam er eine Anstellung im Neurologischen Rehabilitationszentrum in Wien-Meidling. Seine Patienten sind vor allem Hirn-Trauma-Verletzte, Menschen, die meist von heute auf morgen, etwa durch einen Verkehrsunfall, aus ihrem normalen Leben gerissen wurden. Eben waren sie vielleicht noch erfolgreiche Ingenieure, jetzt sitzen sie im Rollstuhl und können unter Umständen nicht einmal mehr ihre Finger bewegen. Es sind Schwerverletzte, die wieder von ganz vorne beginnen müssen. Im rehabilitativen Konzept des Meidlinger Spitals nimmt die Altorientalische Musiktherapie einen besonderen Stellenwert ein. Hier brauchen die Patienten im Unterschied etwa zur Ergo- oder Physiotherapie kein bestimmtes Übungsprogramm zu absolvieren, keine Leistung zu erbringen, sondern sie können sich zurücklehnen, sich entspannen, zu sich kommen, sich verinnerlichen. Ein Aspekt, der nicht unterschätzt werden sollte, da diese Patienten oft das Trauma des Verkehrsunfalls verarbeiten müssen und ihnen das ständige Piepsen der Geräte auf der Intensivstation im wahrsten Sinne des Wortes noch im Ohr ist. Hier hören sie endlich einmal etwas anderes, Melodien, Lautenklänge, die einfach als schönes (ästhetisches) Erlebnis genossen werden können.

Der Patient im Mittelpunkt

Dass das in der Regel fremde, da orientalische Klänge sind, ist meist von Vorteil, da sie nicht an bestimmte Erinnerungen der Patienten geknüpft sind. Es kann aber auch von Nachteil sein, dann nämlich, wenn bestimmte Inhalte mit ihnen wieder wachgerufen werden, deshalb wirkt, was zunächst verwundern und paradox klingen mag, diese Musik erfahrungsgemäß gar nicht so gut bei religiös orthodox eingestellten türkisch stämmigen Patienten. Sie lehnen Unterhaltungsmusik ab und verstehen ihren therapeutischen Einsatz nicht. Dieses Beispiel zeigt: Bestimmte „makamat“ mögen eine besondere Wirkungsmacht auf bestimmte Körperregionen und Gefühlszustände haben, doch in welchem Ausmaß, das ist von weiteren Faktoren abhängig, so von den individuellen Hörgewohnheiten und Vorlieben des Patienten. Um sagen zu können, dass die Altorientalische Musiktherapie nicht nach einem einfachen Reiz-Reaktions-Muster mit garantiert vorhersagbaren Ergebnis funktioniert, musste Tucek gar nicht aufwändige Studien durchführen, sondern es genügte, dass er sich seine eigenen Erfahrungen aus der praktischen Spitalsarbeit vor Augen führte. Genauso wie etwa in der Homöopathie oder der Allopathie gilt auch hier, dass der Therapeut sein Konzept individuell nach dem Patienten ausrichten muss. Ein guter Therapeut ist im Unterschied zu einem schlechten in der Lage, Bedürfnisse und Wünsche seines Patienten zu erkennen und sich nach diesen zu richten, statt nur starr ein bestimmtes Programm zu verfolgen. Unabdingbar für diese Arbeit ist ein feines Sensorium, denn gerade hirnverletzte Patienten können sich oft nicht über Worte mitteilen. Einige hervorgestoßene Laute, ein Zwinkern mit dem Augenlid, ein Zucken mit der Hand – es sind fast ausschließlich minimale Reaktionen dieser Art, die der Therapeut vom Kranken erhält. Es ist ein Arbeiten in kleinen und kleinsten Schritten, doch hin und wieder geschehen auch wahre Wunder: Einmal erlebte Tucek, wie ein Patient, dem er auf der Laute vorspielte, plötzlich zum ersten Mal aus seinem Rollstuhl aufstand und damit begann, Tanzschritte auszuführen. Was der Physiotherapeut nicht erreicht hatte, schaffte die Macht der Musik.

Chronobiologische Messungen

Tucek achtet bei seinen Studierenden darauf, dass sie zum einen eine gewisse musikalische Begabung mitbringen, zum anderen sich aber auch für die therapeutische Arbeit interessieren. Denn wer sich nur als Künstler versteht, sollte besser das Podium als das Krankenbett anstreben. Die Altorientalische Musiktherapie ist wertvoll in beziehungsmedizinischer Hinsicht, da sie den Kommunikations- und Beziehungsaufbau des Kranken fördert, und auch in regulationsmedizinischer Hinsicht, da sie den Patienten von seinem hohen Stress-Niveau herunterzubringen versucht. Tucek spricht davon, dass der Schädel-Hirn-Trauma-Patient ein wahres „Notfallprogramm“ fahre und er ihn wieder „schwingungsfähiger“ machen wolle, also offen für neue Erfahrungen – insofern sei sein Therapieansatz auch ein „adjuvanter“. Schon diese Umschreibungen, dieser Mix aus medizinischer Nomenklatur und esoterisch angehauchter Sprache, aus Okzident und Orient, zeigen an, wie schwierig es ist, eine alte Heilweise in unsere Welt zu transferieren und sie auch mit unseren Augen zu bewerten. Zumal wir im Westen dazu neigen, nicht an die Macht und Gültigkeit von Traditionen zu glauben, sondern was wir sehen wollen, sind Beweise. Nur, wie sollte etwas Magisches wie die Musik vollkommen in ihrer Wirkweise erfasst werden können? Ein schier hoffnungsloses Unterfangen, Tucek versucht es trotzdem. Zunächst arbeitete er mit Hirnstromfrequenzanalysen, heute mehr mit chronobiologischen Messmethoden. Zwei wichtige Partner sind der Grazer Mediziner Prof. Dr. Max Moser und der Salzburger Physiker und Chronobiologe Prof. Dr. Hans Ulrich Balzer. Moser hatte im Übrigen nachgewiesen, dass sich über die Rezitation von Hexametern der biologische Apparat beruhigen lässt. Wenn schon Gedichte eine solche Wirkmacht haben, wieso sollten dann nicht auch musikalische Rhythmen die physiologischen beeinflussen können?

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 36/2004

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