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Komplementärmedizin 30. Juni 2005

3.000 Jahre allein sind kein Beweis

Mehr als 400 komplementärmedizinische Verfahren werden in Diagnostik und Therapie eingesetzt. Den wissenschaftlich denkenden Mediziner interessiert vor allem der Effizienznachweis. Der Erfahrungsmediziner hingegen wird argumentieren, dass jahrhundertealte Überlieferung eine ausreichende Bestätigung der Wirksamkeit sei. Jede Therapie, die 3000 Jahre überlebt, müsse ihre Richtigkeit haben. "The plural of anecdote is not data", warnt Prof. Edzard Ernst vor voreiligen Analogieschlüssen. Ernst leitet in Exeter, UK, den weltweit einzigen Lehrstuhl zur Erforschung von Komplementärmedizin. Im März 2002 hielt er in der Gesellschaft der Ärzte einen Vortrag über den aktuellen Erkenntnisstand von Wirkungen und Nebenwirkungen komplementärmedizinischer Methoden.

Mit Hilfe der Evidenz-Pyramide machte Ernst den Informationsgehalt unterschiedlicher Daten deutlich: Die Basis bilden unkontrollierte Daten, darüber folgen kontrollierte Studien und randomisierte klinische Studien. An der Spitze steht die Metaanalyse. "Zu den unkontrollierten Daten gehören 3000 Jahre Erfahrungsschatz, Fallberichte, Anwendungsbeobachtungen etc.", erklärte Ernst. "Diese sind ganz nützlich, wenn es darum geht, Hypothesen zu formulieren, jedoch wenig hilfreich, um Thesen zu überprüfen. Dazu brauchen wir kontrollierte Studien, und zum Vergleich von Gleichem mit Gleichem randomisierte klinische Studien." Die Bedeutung der Randomisierung belegte Ernst anhand von Studien zu TENS gegen postoperative Schmerzen: Von 17 randomisierten Studien fielen 2 positiv, 15 negativ aus, von 19 nicht randomisierten Studien hingegen 17 positiv, 2 negativ. Ernst: "Ein Großteil der nicht randomisierten Studien hat ein positives Ergebnis gebracht, hingegen ein Großteil der randomisierten ein negatives. Bei der ?andomisiererei?geht es also nicht darum, den Gepflogenheiten von Akademikern im Elfenbeinturm zu entsprechen. Tatsächlich kann die Datenlage auf den Kopf gestellt werden, wenn man nicht randomisiert." 

Fast alle von Ernst durchgeführten randomisierten Studien haben keinen Beleg erbracht, dass Komplementärmedizin besser wirkt als Placebo (siehe Kasten). Ernst relativiert: "Da sich allerdings randomisierte Studien häufig widersprechen, stehen nicht sie an der Spitze der Evidenz-Pyramide, sondern Metaanalysen klinischer Studien." Er bedient sich erneut des bereits zitierten Beispiels TENS bei chronischem Kopfschmerz: "Ein TENS-Hersteller wird sich nur die positiven Studien herauspicken: Mit 17 plus 2 positiven Studien könnte er wahrscheinlich viele Menschen überzeugen, dass TENS bei dieser Indikation wirksam ist. Ich könnte jedoch nur die negativen Studien (15 + 2) publizieren - die Verwirrung wäre komplett. Dieses Beispiel zeigt, dass narratives Reviewen keine objektiven Ergebnisse bringt." Allerdings seien auch systematische Reviews keineswegs fehlerfrei. Mögliche Schwächen liegen in der Heterogenität der Primärdaten, der publications bias (negative Studien verschwinden in der Schublade und werden nie publiziert - daraus resultieren falsch positive Ergebnisse bei Metaanalysen) und der methodologischen Qualität. Ernst: "Rubbish in - rubbish out. Wenn Sie Mist in die Metaanalyse hineinführen, kommt Mist dabei heraus. Leider ist die Qualität der Komplementärmedizin-Studien oft miserabel."

Ergebnisse aktueller Metaanalysen

Eine Metaanalyse zu Akupunktur ergab eine positive Wirkung bei Übelkeit, Rücken- und Kopfschmerzen, keine Wirkung bei Raucherentwöhnung und Gewichtsreduktion, der große Bereich anderer Indikationen liegt dazwischen. Die Ergebnisse können inkonklusiv sein, weil die Studien methodisch mangelhaft oder ihre Ergebnisse widersprüchlich sind. Metaanalysen zur Phytotherapie kommen überwiegend zu positiven Ergebnissen, hier zwei Beispiele:

  • Eine Metaanalyse zu Gingko biloba bei Alzheimer und vaskulärer Demenz ergab, dass von neun doppelblinden placebokontrollierten Studien mit insgesamt über 600 Patienten nur eine Studie negativ ausfiel.
  • Sieben randomisierte placebokontrollierte Studien mit 477 Patienten zeigten übereinstimmend: Kava ist Plazebo in der symptomatischen Behandlung von Angstzuständen überlegen. Es gibt auch Hinweise, dass dieser Pflanzenextrakt ebenso effektiv ist wie ein synthetisches Anxiolytikum. Allerdings wurde Kava vom Markt genommen, weil der Verdacht der Leberschädigung aufgetaucht ist.

Hingegen fällt aus westlicher Sicht die Beurteilung der Chinesischen Medizin schwer, resümiert Ernst: "Wir haben rund 3000 chinesische Studien ausgewertet, enorme methologische Fehler waren häufig. Wir sind zur Erkenntnis gekommen, dass Chinesen häufig den Terminus Randomisierung verwenden, ohne ihn zu verstehen. Die meisten Studien waren nicht verblindet, viele sehr klein und zu kurz, mit inadäquaten Kontrollinterventionen und ohne Follow-up."

Abschließendes Fazit von Prof. Edzard Ernst: "Für die Beurteilung auch nur einer einzigen komplementärmedizinischen Methode ist es zu früh. Allerdings werden sicher nicht alle Wunschvorstellungen der Komplementärmediziner in Erfüllung gehen (Kasten 1), und es sind auch nicht alle Methoden unwirksam. Es braucht noch viel Forschungstätigkeit und Expertise."

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 19/2002

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