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Mag. Anita Frauwallner
© sissi furgler

Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Holzer

 
Komplementärmedizin 12. November 2013

Stress beginnt im Darm

Studien zeigen: Probiotika erhöhen die Stressresistenz.

Gespräch mit Mag. Anita Frauwallner, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Probiotische Medizin und Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Holzer, Neurogastroenterologe und Forschungsleiter am Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Graz.

ÄrzteWoche Komplementär: Stress und die Darmtätigkeit - ein interessanter Zusammenhang; wie stellt sich dieser heute dar?

Holzer: Diesen Zusammenhang erforschen wir Neurogastroenterologen; diese Fachrichtung mit dem ersten österreichischen Lehrstuhl in Graz befasst sich mit den Verbindungen zwischen Darm bzw. Mikrobiom und Gehirn, vor allem mit deren Wechselwirkungen.

Frauwallner: Der Terminus Mikrobiom entstammt den seit zehn Jahren durchgeführten genetischen Sequenzierung jener Symbionten, die man früher als „Darmflora“ bezeichnet hat. Es handelt sich um rund 100 Billionen Mikroorganismen, die den menschlichen Verdauungstrakt besiedeln. Besonders interessant daran ist die genetische Vielfalt von 3,3 Millionen Genen welche in ständigem Austausch mit den menschlichen Genen stehen.

Holzer: Die Mikrobengesellschaft im Gastrointestinaltrakt des Menschen umfasst rund 1.000 verschiedene Bakterienarten, die durch Ernährung, Infektionen, Entzündungen, Übergewicht und Mangelernährung sowie Medikamente und Stress beeinflusst werden - besonders intensiv durch Stress. Die Zusammensetzung der Mikrobengesellschaft im Darm hat Auswirkungen auf den gesamten Organismus, nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf das Immunsystem und das Gehirn.

Der Magen-Darm-Trakt und damit die Darmmikroben kommunizieren mit dem Gehirn über vier verschiedene Informationskanäle: Metaboliten der Darmmikroben, Darmhormone, Immunbotenstoffe (Zytokine) und sensorische Neuronen.

Die Mikrobengesellschaft im Darm stellt ein riesiges Ökosystem dar, das nur dann stabil ist, wenn es sich aus möglichst vielen unterschiedlichen Arten zusammensetzt. Eine Veränderung der Darmmikroben-Vielfalt („Dysbiose“) hat nicht nur negative Konsequenzen für den Magen-Darm-Trakt selbst, sondern auch für die Abwehrkraft und die Denkleistung. So kommt es nach Beeinflussung durch Medikamente u. a. zu verstärkter Unruhe und einer Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit (Lernen und Gedächtnis).

Umgekehrt haben experimentelle Studien gezeigt, dass Probiotika sich positiv auf Ängstlichkeit, Stimmungslage und Stressanfälligkeit auswirken können. Bildgebende Magnetresonanz-Untersuchungen am Menschen ergaben, dass Probiotika einen nachweisbaren positiven Einfluss auf die Gehirnaktivität ausüben.

Frauwallner: Aber nicht nur Medikamente üben diesen Einfluss aus, sondern eben auch Stress: Fast jeder Mensch hat die Erfahrung gemacht, dass Stress unseren Magen-Darm Trakt negativ beeinflusst. Wenn negativer Stress andauert (Dysstress), so wirkt sich die Belastung auch auf das Nervensystem und praktisch den gesamten Organismus aus. Die Produktion der Stresshormone im Körper erschöpft sich unter lang andauerndem Stress, wodurch massive Entzündungen entstehen. Zuerst nur als so genannte „silent inflammation“, die jedoch bereits die Produktion des Glückshormons Serotonin und des Schlafhormons Melatonin einschränkt. Im Darm lebende Bakterien reagieren auf diese Entzündung sehr empfindlich: Die Darm-Hirn-Achse wird aktiviert, Botenstoffe in Form proinflammatorischer Zytokine ausgesandt (einer an sich richtigen Immunantwort), welche jedoch im Endeffekt die falschen Signale vermittelt: Unser Gehirn reagiert mit mentalen Problemen: schlechter Laune, Stimmungsschwankungen, nervlicher Überlastung bis hin zum Burn-out.

Holzer: Zahlreiche Studien haben sich mit der intestinalen Barrierefunktion befasst und den Terminus „leaky gut“ dafür geprägt. Eine intakte intestinale Barriere ist wichtig, um die Translokation von Bakterien, Toxinen und Antigenen aus dem Darmlumen in den Körper zu verhindern. Eine erhöhte Permeabilität im Sinne eines leaky gut und die daraus resultierende Inflammation kann für kardiovaskuläre Ereignisse ebenso wie für die steigende Anzahl an Autoimmunerkrankungen verantwortlich sein .

Frauwallner: Laut neuester Studien können einige wenige probiotische Bakterienarten - stammspezifisch - die epitheliale Barriere-Funktion verbessern und die Entzündung zurückdrängen (1, 2).

Holzer: Durch eine rechtzeitige Gabe jener Bakterienstämme, die eine ausgewiesene anti-inflammatorische Wirkung haben, kann die Öffnung der tight junctions rückgängig gemacht werden. Auch hier kommt wieder die Darm-Hirn-Achse ins Spiel: Eine Beruhigung der Reizleitungen führt direkt zu einer Verbesserung der Stimmung und einer Entspannung, die sich in einer Hebung von Schlaf- und Lebensqualität wiederspiegelt.

Frauwallner: Probiotika erhöhen die Stressresistenz, daher haben wir ein maßgeschneidertes Produkt für diese Indikation entwickelt: OMNI-BIOTIC® Stress Repair.

ÄrzteWoche Komplementär: Vielen Dank für das interessante Gespräch! Quelle: Pressegespräch Institut Allergosan, 25. 10. 2013

Literatur:

1) Persborn et al, The effecte of probiotics on barrier function and mucosal pouch microbiota during maintenance treatment for severe pouchitis in patients with ulcerative colitis. Alimentary Pharmacology and Therapeutics (2013) doi: 10.111/apt.12451

2) Van Hemert, Schütz et al. Clinical Studies Evaluating Effects of Probiotics on Parameters of Intestinal Barrier Function. Advances in Microbiology (2013); 3, 212-221

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