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Abb. 1: Krankengeschichte Linda - 1. Repertorisation
© Hemera / Thinkstock

Ob Grimasse oder Tic - eine ausführliche homöopathische Anamnese bringt Zusammenhänge und therapeutische Ansätze an den Tag.Eine homöopathische Behandlung von Tics ist möglich.

Abb. 3: Krankengeschichte Chiara - Repertorisation

Abb. 2: Krankengeschichte Linda - 2. Repertorisation

 
Komplementärmedizin 12. November 2013

Homöopathie gegen Tics

Das Auftreten von Tics bei Kindern ist für die Eltern meist eine größere Belastung als für die Kinder selbst.

Das Auftreten von Tics bei Kindern ist in vielen Fällen zunächst für die Eltern eine größere Belastung als für die Kinder selbst. Das ständige Beobachtet-Werden und gut gemeinte Ermahnungen, mit dem Tic aufzuhören, verstärken und verfestigen die Symptomatik mitunter recht rasch.

Immer wieder kommt es auch zu einem Switch der Symptomatik in eine andere Körperregion.

Tiefenpsychologisch betrachtet, handelt es sich häufig um ein Kon- trollphänomen, bei dem die Kinder meiner langjährigen Erfahrung nach auf große Spannungszustände in sich und auch im Familiensystem mit unwillkürlichen muskulären Entladungen reagieren.

Homöopathische Arzneien erweisen sich hier als spannungs- lösend und können verschiedenste Tics mit der individuell gewählten Arznei innerhalb kurzer Zeit um 80-90% abschwächen, manchmal auch gänzlich zum Verschwinden bringen, dennoch kommt es häufig zum Wiederauftreten bei Stresssituationen, die neuerliche Gaben homöopathischer Arzneien erforderlich machen.

Da die Homöopathie bekanntermaßen eine individuelle Therapiemethode ist, sind Fallbeispiele mit zusätzlicher Vorstellung der heilenden Arzneien eine gute Möglichkeit, Behandlungserfolge darzulegen. Auch mich beeindruckt nach bald 20-jähriger Praxiserfahrung noch immer die klare und prompte Wirkung einer gut gewählten homöopathischen Arznei.

Krankengeschichte Linda 2006 bis 2010

Linda (Name geändert) kommt im Alter von 8 Jahren 2006 zu mir in Behandlung. Das quirlige schlanke Mädchen begann 4 Monate zuvor mit Augenrollen, Blinzeln und Verziehen der Mundwinkel auf beide Seiten. Davor waren immer wieder Kopfschmerzen aufgefallen. Als Kleinkind war mit 18 Monaten und mit drei Jahren je einmal ein Fieberkampf während eines Infektes aufgetreten. Die neurologische Untersuchung mit EEG ergab keine Auffälligkeiten.

Die Schwangerschaft war pro- blemlos, die Geburt endete wegen Geburtsstillstand in einer Sectio. Die körperliche Entwicklung war zeitgerecht, außer einer Laryngitis, Varicellen und rezidivierenden Ekzemen sowie einer Warze an der rechten Großzehe bestanden keine besonderen Erkrankungen. An Allgemeinsymptomen (Symptome, die den gesamten Organismus betreffen) zeigt Linda vermehrten Nachtschweiß, häufiges schwieriges Einschlafen, vor allem vor Prüfungen, großen Durst, Verlangen nach Salzigem und Saurem.

An für die homöopathische Behandlung wichtigen Wesenszügen schildert die Mutter ihre Tochter als zornig und trotzig mit „minihysterischen Anfällen“, wenn etwas nicht gleich klappt, als unruhig und zappelig. Linda ist sehr fürsorglich mit ihrem jüngeren Bruder, schnauzt auch die Mutter an, wenn diese den Bruder schlecht behandelt. Sie ist kontaktfreudig und als Anführerin bekannt. Sie gibt gerne Befehle aus, vor allem in vertrauter Umgebung. Vor Tests und Prüfungen in der Schule ist sie sehr angespannt, sie ist eigentlich sehr ehrgeizig, hat aber kein Sitzfleisch zum Lernen und resigniert schnell, wenn sie merkt, dass ihr die Aufgaben nicht gleich gelingen. Linda macht Fehler beim Rechnen. Druck kommt vom ebenfalls sehr ehrgeizigen Vater, der möchte, dass die Kinder in der Schule gute Noten haben.

Die erste Repertorisation (Abb. 1) lässt mich für das an zweiter Stelle gereihte Lycopodium entscheiden, da ich mit dieser Arznei schon sehr gute Erfahrungen bei Tics gemacht habe. Das erstgereihte Sulfur zeigt das wesentlich entspanntere Arzneimittelbild, weshalb mir die Chancen hier geringer erschienen, damit Lindas Tics verbessern zu können.

Nach einer Gabe von 5 Globuli in der Potenz C200 verbessern sich die Zuckungen innerhalb einer Woche laut Eltern um 50% , aber schon eine Woche später lässt die Wirkung wieder nach. Eine weitere Gabe einer C1000 bringt dann eine nachhaltige Verbesserung um 90% für die nächsten drei Monate.

Dann kehren die Tics wieder zurück, gleichzeitig tritt ein starkes Ziehen und Stechen an der Außenseite des linken Ober- und Unterschenkels auf. Jedes Symptom wird in der homöopathischen Behandlung ernst genommen, da es auf eine weitere Arznei hinweisen kann. Die neuerliche Repertorisation (Abb. 2) ergibt jedoch weiterhin Lycopodium als Mittel der Wahl und wiederum kommt es nach einer C1000 zu einem fast völligen Verschwinden der Symptomatik.

Ein Jahr später, im Herbst 2007 kommt Linda neuerlich in die Ordination, die Tics haben wieder begonnen, und zwar nachdem sie erfahren hat, dass ihr Hamster an Diabetes mellitus erkrankt ist. Linda ist sehr unruhig, sie hat zu schlafwandeln begonnen, redet zweitweise laut im Schlaf, hat Angst im Dunkeln, möchte das Licht nachts eingeschaltet lassen. Die Mutter beschreibt sie als sehr „unrund“, sie eckt überall an, auch auf mich macht Linda einen „wilden“ Eindruck. Das Augenrollen ist stark, sie wetzt am Sessel herum und kann nicht zur Ruhe kommen.

Die neuerliche Repertorisation zeigt wieder Lycopodium an erster Stelle. Mein Therapieversuch mit Lycopodium zu behandeln, scheitert jedoch. „Keine Verbesserung“, berichtet die Mutter nach einer Woche.

Der „wilde“ Blick und die starke Angst im Dunkeln lassen mich nun doch auf das Nachtschattengewächs Stramonium, den Stechapfel, wechseln.

Eine Gabe von 5 Globuli in einer C1000 verbessert die Zuckungen innerhalb weniger Tage. Auch das Schlafwandeln, die Furcht im Dunkeln und die großen Unruhe verringern sich in den folgenden drei Wochen deutlich.

In den Jahren 2009 und 2010 benötigt Linda je eine Gabe 5 Globuli Stramonium C1000, nachdem es wiederum zum Auftreten von leichten Zuckungen gekommen war. Seither ist sie beschwerdefrei.

Arzneimittelbild LYCOPODIUM (Bärlapp)

• ehrgeizig

• diktatorisch

• nörgelnd und unzufrieden

• zu geringes Selbstwertgefühl

• nach oben buckeln, nach unten treten

• Nägelbeißen, Tics, schlagen

• im Widerspruch mit sich selbst

• viele Beschwerden sind rechts- seitig

• Verlangen nach Süßem und Saurem, Fleisch

• Bezug zum Gastrointestinaltrakt mit Blähungen (Säuglingskoliken), Diarrhoen

• Warzen, trockene Haut

• trockener Husten, Bronchitis

• Zugluftempfindlich

Arzneimittelbild STRAMONIUM (Stechapfel, Solanaceae)

• Große Unruhe

• viele Ängste (Dunkelheit, Allein sein, Wasser)

• gewalttätig, schlagen, beißen, fluchen

• Schlafwandeln

• Krampfanfälle

• Zuckungen einzelner Muskel-gruppen

• Schmerzlosigkeit

• müde, aber schlaflos

Krankengeschichte Chiara 2006-2012

Chiara (Name geändert) wurde 2005 nach i.v.F. (2. Versuch wegen Endometriose der Mutter) gesund aus 1. HHH geboren. Ab 2006 war sie bei mir wegen diverser Infekte immer wieder in homöopathischer Behandlung. Chiara ist ein ängstliches Mädchen, das gerne phantastische Geschichten erzählt, auf der körperlichen Ebene neigt sie zu rezidivierenden Bronchitiden, auch die Ohren sind ein immer wiederkehrendes Thema, Tubenkatarrh mit Hörminderung beschäftigten uns einige Zeit.

Die Familie ist ab 2009 belastet durch eine bedrohliche Erkrankung der Mutter (Insult), und nach dem Tode der Großmutter 2010 kommt es erstmals zum Auftreten von ständigem Räuspern bei Chiara. Auch bei mir in der Ordination bemerke ich den Zwang jede Minute. Außerdem begann wieder ein Einnässen nachts, nachdem das Mädchen schon sauber gewesen war.

Auf der psychischen Ebene zeigt sich ein starkes Bedürfnis nach Ordnung, die Buntstifte müssen in Reih und Glied liegen, die Schuhe der Familie werden geschlichtet, alle Rituale müssen eingehalten werden.

Es fällt starkes Mitgefühl und große Achtsamkeit der kranken Mutter gegenüber auf. Chiara liebt Eier und Butter und tanzt sehr gerne. Die Repertorisation (Abb. 3) weist auf die Nosode Carcinosinum hin.

Eine Gabe von 5 Globuli Carcinosinum C200 verbessert das Einnässen um 80% und das Räuspern verschwindet. Die Mutter muss bei der nächsten Konsultation an das Problem erinnert werden, es war schon vergessen.

Im folgenden Jahr gab es immer wieder Infekte, die gut behandelt werden konnten. 2011 trat plötzlich ein häufiges Nasewackeln auf, das neuerlich auf Carcinosinum gut ansprach. 2012 begann für Chiara das Schulleben und möglicherweise durch den vermehrten Stress traten ein Summen und Spucken auf, begleitet von großer Unruhe und Angst im Dunkeln und beim Alleinsein im Zimmer.

Stramonium C200 brachte ein rasches und nachhaltiges Verschwinden der Tics, und auch die Ängste beruhigten sich wieder.

AMB Carcinosinum

• sehr kontrolliert

• heikel, genau

• mitfühlend

• zu frühes Verantwortungsgefühl

• Verlangen nach Musik und Tanzen

• liebt Eier, Butter, Geräuchertes

Zusammenfassung:

Aus obigen Krankengeschichten können folgende Schlüsse gezogen werden:

1) Eine homöopathische Behandlung von Tics ist zweifelsfrei möglich.

2) Eine wiederholte unmittelbare Placebowirkung würde mehr „Glauben“ abverlangen als die sachliche Betrachtung der zeitlichen Zusammenhänge zwischen Arzneigabe und nachfolgender Wirkung oder auch Nicht-Wirkung einer falsch gewählten Arznei.

3) Die Behandlung kann sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und kann bei Verschiebung der Symptome die Verwendung verschiedener homöopathischer Arzneien erforderlich machen.

4) Die exakte Anamneseerhebung und Arzneiwahl ist Grund- voraussetzung einer erfolgreichen homöopathischen Therapie.

Literatur:

RADAR OPUS - PC-Repertorisationsprogramm

J.Vermeulen, Prisma, 2006 Emryss Verlag

Boericke, W. Homöopathische Mittel und ihre Wirkungen, 1991

Korrespondenz:

Dr. Michaela Zorzi

Hietzinger Hauptstraße 34B/2

1130 Wien

Kontakt:

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