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Über neue „Wundermittel“ liegen oft noch keine Bewertungen von offizieller Stelle vor. Was tun?
 
Komplementärmedizin 6. September 2013

Pflanzliche Wundermittel?

Aktuelle Bewertungen von Wirksamkeit, traditioneller medizinischer Anwendung und Sicherheit pflanzlicher Zubereitungen.

Kaum eine Ausgabe einer medizinischen oder pharmazeutischen Zeitschrift, die nicht Werbung und zumindest auf den ersten Blick seriöse Information zum neuen pflanzlichen Wundermittel enthält, das exakt jene Probleme lindern kann, die bislang nur unzureichend oder mit erheblichem Aufwand behandelbar waren.

Beliebte ‚Indikationen‘ sind etwa Diabetes, Übergewicht, Schmerzen, Immunschwäche und Tumorbehandlung.

Sowohl für Fachkräfte als auch für Laien ist es schwierig, aus der Fülle an Informationen zu pflanzlichen Produkten in Printmedien und dem Internet Spreu vom Weizen zu trennen. Während für produktbezogene Werbung Richtlinien existieren, unterliegen Produkt-unabhängige Artikel kaum Einschränkungen, eine Verpflichtung zur Korrektheit von Äußerungen existiert nicht.

Wo können fachlich fundierte und aktuelle Informationen gefunden werden?

Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA)

Eine der gesetzlich verankerten Aufgaben des HMPC ist die Erstellung von sogenannten EU-Gemeinschaftsmonographien (kurz: HMPC Monographien). In diesen Monographien, die im Stil einer Fachinformation eines Arzneimittels gehalten sind, sollen die wesentlichen Eckpunkte der traditionellen medizinischen Anwendung sowie einer eventuellen klinisch belegten Verwendung von Arzneidrogen und Zubereitungen zusammengefasst werden. Alle Aussagen zu Wirksamkeit und Sicherheit, die in der Monographie aufscheinen, werden durch einen Bewertungsbericht mit Literaturliste gerechtfertigt. Der Bewertungsbericht soll die gesamte relevante publizierte Literatur berücksichtigen. Aktuell (Stand August 2013) sind zu 114 Arzneipflanzen derartige Bewertungen zu Wirksamkeit, Sicherheit und traditioneller Verwendung auf der Webseite der EMA publiziert, über 40 weitere sind in Ausarbeitung. Die Dokumente sind über die Webseite www.ema.europa.eu, den Reiter ‚Find medicine‘ und dem Kapitel ‚Herbal medicines for human use‘ abzurufen. Die weitere Suche erfolgt über den Anfangsbuchstaben des lateinischen Pflanzennamens. Auch wenn die Bewertung zum Schluss kommt, dass eine medizinische Anwendung nicht gerechtfertigt erscheint (z.B. Schöllkraut), wird ein Bewertungsbericht zur Rechtfertigung der Entscheidung publiziert.

Ziel dieses umfangreichen Unterfangens ist, eine Basis für eine harmonisierte Bewertung pflanzlicher Arzneimittel in der EU zu erreichen. Der große Vorteil zu anderen Heilpflanzenmonographien ist, dass die HMPC Monographien zumindest im Abstand von 5 Jahren revidiert und auf den neuesten Stand gebracht werden sollen.

Auch wenn die Sammlung bereits sehr umfangreich ist, bleibt sie auf Pflanzen beschränkt, die innerhalb der EU nachweislich eine medizinische Verwendung haben. Neue Pflanzen und Wundermittel werden vom HMPC nicht bearbeitet.

Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen BASG / Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES

Auf nationaler Ebene bewerten Gutachter des BASG / der AGES Sicherheit und Wirksamkeit von Arzneimitteln, auch von pflanzlichen Arzneimitteln. Diese wissenschaftliche Bewertung wird produktspezifisch in der Fach- und Gebrauchsinformation abgebildet. Das Arzneispezialitätenregister des BASG (über die Webseite des BASG www.basg.gv.at) bietet tagesaktuell die gültigen Fach- und Gebrauchsinformationen aller zugelassenen und registrierten Arzneispezialitäten ohne Zugangsbeschränkungen an.

Neben dieser Information zu legalen Produkten werden Warnungen vor illegalen, auch oft vorgeblich pflanzlichen Produkten, auf der Webseite publiziert.

Als besonderes Service bietet das BASG einen elektronischen Newsletter für Fachkräfte (‚up to date‘) und für Patienten (Patientennewsletter) an, die nach Anmeldung automatisch versendet werden. Auch interessante Themen zu pflanzlichen Arzneimitteln werden in diesen Newslettern diskutiert.

Informationen zu Pflanzen, die als Nahrungsergänzung oder diätetisches Lebensmittel vertrieben werden

Viele Pflanzen und pflanzliche Zubereitungen werden mit medizinischen Aussagen beworben, obwohl in vielen Fällen keine ausreichende Evidenz zur Wirksamkeit vorliegt. Dies betrifft bevorzugt den Bereich der Nahrungsergänzungsmittel und der diätetischen Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke.

Unabhängige wissenschaftliche Bewertungen betreffend ‚Wirksamkeit‘ und Unbedenklichkeit im Lebensmittelbereich führt die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) durch. Das Gremium für diätetische Produkte, Ernährung und Allergien (das sogenannte NDA-Panel) bewertet aus Lebensmittelsicht die physiologische Wirksamkeit und Unbedenklichkeit auch von pflanzlichen Produkten. Die Bewertungsberichte können über die Webseite http://www.efsa.europa.eu/de/nda/ndascdocs.htm abgerufen werden. Dort kann etwa nachgelesen werden, dass die Anwendung von Weinsamenextrakten zur Reduktion von Schwellungen der Beine eine medizinische Anwendung ist und daher Arzneimitteln vorbehalten bleibt. Auch wer bisher geglaubt hat, mit Kartoffelextrakt abnehmen zu können, wird durch die Bewertung der EFSA eines Besseren belehrt. Positiv bewertet wurde zum Beispiel der Effekt von Monacolin K aus fermentiertem roten Reis auf den Cholesterinspiegel.

Das Bundesinstitut für Risikoforschung in Deutschland (http://www.bfr.bund.de/de/start.html) widmet sich speziell der Bewertung möglicher Risiken, auch jenen ausgehend von Pflanzen und pflanzlichen Zubereitungen. Das BfR publiziert Risikobewertungen sowohl zu Substanzen, die in Pflanzen vorkommen (z.B. Cumarin), als auch zu Pflanzen generell (z.B. Publikation ‚Risikobewertung von Pflanzen und pflanzlichen Zubereitungen‘, http://www.bfr.bund.de/cm/350/risikobewertung-von-pflanzen-und-pflanzlichen-zubereitungen.pdf).

Informationen zu neuen Wunderpflanzen?

Was tun, wenn von diesen offiziellen Stellen noch keine Bewertung zu einem neuen vermeintlichen Wundermittel vorliegt? Hier bleibt als Ausweg wohl nur mehr die Suche in Datenbanken zu wissenschaftlichen Publikationen, denn auch kongruente Information auf mehreren Internetseiten ist nicht aussagekräftig, da Inhalte oft nur kopiert werden. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt aber, dass es einfach keine Wunderpflanzen gibt und die meisten der plötzlich aufgetauchten ‚rising stars‘ wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind.

Take home message

Durch neue Medien steht uns eine Fülle an Information zur Verfügung. Der Nutzer hat es aber schwer, zwischen seriös recherchierten Beiträgen und Werbeaussagen, die auf mangelhafter Basis beruhen, zu unterscheiden. Neben Hausverstand sollte unbedingt die Seriosität der Quelle der Information berücksichtigt werden. Offizielle Quellen (z.B. Europäische Arzneimittelagentur, Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, deutsches Bundesinstitut für Risikoforschung) sollten bevorzugt werden. Sind hier keine Informationen zu Wirksamkeit und/oder Sicherheit zu finden, sollten allzu enthusiastische Berichte in den Medien mit Vorsicht bewertet werden. Korrespondenz:

Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger

AGES Medizinmarktaufsicht

Traisengasse 5

1200 Wien

E-Mail:

Internet: www.ages.at

Disclaimer: Dieser Artikel repräsentiert die persönliche Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die offizielle Meinung des BASG (Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesens) / der AGES Medizinmarktaufsicht. Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jede der genannten Quellen bietet Querverweise zu weiteren Informationen.

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