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„Nicht Glauben, sondern Wissen(schaft)“ - das interessierte Publikum imHörsaal der MedUniWien
© Dr. Christoph Abermann (7)

Symposium zur wissenschaftlichen Forschung in der Homöopathie: alle Referenten

Prof. Klaus Linde berichtete über die Evidenzlage.

Prof. Michael Frasspräsentierte zwei Studien.

Dr. Klaus von Ammon: das Paradigma unserer Medizin

Dr. Michael Teut propagierte die Outcome Forschung.

Dr. Ing. Fritz Dellmour er-öffnete die Veranstaltung.

 
Komplementärmedizin 15. März 2013

Nicht Glauben, sondern Wissen(schaft) und Forschung

Symposium zur wissenschaftlichen Forschung in der Homöopathie.

Wer dachte, ein rein wissenschaftliches Symposium zum Thema Forschung in der Homöopathie würde nur einen kleinen, erlauchten Kreis speziell Interessierter zu dieser Veranstaltung locken, wurde eines Besseren belehrt. Tatsächlich präsentierte sich ein voller Hörsaal mit geschätzten 180 bis 200 Teilnehmern, davon erfreulich viele Studenten. Zugegeben, diese hatten freien Eintritt und konnten die Veranstaltung für ihr Wahlfach nutzen. Aber auch zahlreiche „ältere Semester“ fanden den Weg zu diesem eher praxisfernen Symposium, das gemeinsam von ÄKH, SIH, ÖGHM und ÖGVH veranstaltet wurde.

Dies lag wahrscheinlich auch an den hochkarätigen Referenten. Den Beginn machte Fritz Dellmour, zunächst mit dem Zitat von M. Haid-vogel, dass das Denkgebäude der Homöopathie alle Kriterien erfüllt, die an eine Wissenschaft gestellt werden. Er stellt die unterschiedlichen Sichtweisen der EBM (Evidenzbasierten Medizin), der Naturwissenschaft und der Homöopathie gegenüber. Dabei erklärt er die Fragwürdigkeit der EBM, an deren Spitze Metaanalysen stehen, die oft sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern, da sie häufig auf heterogenen Studien unterschiedlicher Qualität beruhen. Gegen die placebokontrollierten Studien selbst gibt es ebenfalls zahlreiche Einwände (praxisferne Bedingungen, es werden nicht Patientenwerte, sondern nur einzelne Parameter gewürdigt etc.). Der wissenschaftliche Wert der EBM ist somit gering, sie ist allenfalls ein Hilfsmittel für die Praxis. Die reale Schulmedizin mit ihrer Polypharmazie ist vielfach nicht evidenzbasiert - nur ca. 11% der medizinischen Behandlungen haben einen belegten, ca. 25% einen wahrscheinlichen Nutzen für den Patienten. Während in der Sicht der Naturwissenschaft die Analyse und Quantifizierung eine große Rolle spielt, ist die Homöopathie eine qualitative Medizin, wobei man Qualitäten naturgemäß nicht messen, sondern vergleichen kann, was uns zum Simileprinzip führt.

Die aktuelle Datenlage

Anschließend bringt Dellmour einen Überblick über die aktuelle Studienlage und verweist dabei auf die Datenbank der Karl und Veronika Carstens-Stiftung: www.cam-quest.org, auf der aktuell 705 homöopathische Studien zu den unterschiedlichen klinischen Bereichen aufgelistet sind. Daneben finden sich auf www.carstens-stiftung.de/hombrex ca. 1750 experimentelle Studien, wie zum Beispiel eine Studie von Bell, wo spezifische EEG-Veränderungen nach der Gabe homöopathischer Mittel nachgewiesen werden konnten. Zur Grundlagenforschung gibt es zahlreiche Studien an Tieren, Pflanzenmodellen oder toxikologische Studien, bezüglich Wirkmechanismen wird zurzeit besonders im Bereich der Biophotonen geforscht.

Michael Frass sprach anschließend über zwei randomisierte, placebokontrollierte Doppelblind-Studien, die er auf der Intensivstation des AKH durchgeführt hatte. In der einen konnte die Sterblichkeit bei Patienten mit schwerer Sepsis um mehr als 20% vermindert werden, was ein sehr beachtliches Ergebnis für die Homöopathie bedeutet. In der zweiten Studie wurde Kalium bichromicum C30 bei Patienten geprüft, bei denen aufgrund vermehrter trachealer Schleimbildung die Extubation erschwert war. Einschlusskriterium war u.a. die zähe und gelbe Beschaffenheit des Sekrets. Auch diese Studie erbrachte ein statistisch signifikantes Ergebnis zugunsten der Homöopathie.

Warum wird so viel gestritten?

Zum Thema „Evidenzlage und Plausibilität“ - warum wird über die Homöopathie so viel gestritten“ referierte Prof. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung an der TU München. Als der Homöopathie neutral gegenüber Stehender listete er zahlreiche Einwände gegen die Homöopathie auf: Viele der Studien sind nicht reproduzierbar, auch die unterschiedlichen Schulen der Homöopathie sprechen aus wissenschaftlicher Sicht gegen diese und vor allem fehlt nach wie vor die Plausibilität, d.h. das Verständnis des Wirkmechanismus. So könnte die Wirkung der homöopathischen Behandlung durch die intensive Anamnese, die Selbstbeobachtung, die hohe Akzeptanz, die psychotherapeutische Dynamik oder Ähnliches erklärt werden, wobei der Placeboeffekt selbst ein fragwürdiges Konzept darstellt. Er schließt seinen Vortrag mit der Schlussfolgerung, dass der Kampf mit den Skeptikern aufgrund ihrer fundamentalistischen Haltung wissenschaftlich nicht gewonnen werden kann und dass dabei auch keine weiteren herkömmlichen Studien - weder placebokontrolliert, noch Outcome-Studien - helfen können, sondern neue Ansätze beschritten werden müssten.

Das Paradigma unserer Medizin

Klaus von Ammon - er arbeitet an einem Forschungsinstitut der Uni Bern und ist gleichzeitig niedergelassen in einer homöopathischen Praxis bei Zürich - sprach zunächst über die nicht-wissenschaftlichen Faktoren, die eine Studie beeinflussen. Das Paradigma unserer Medizin stammt teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert und beruht auf einem reduktionistisch- materialistischen Weltbild, wo nicht sein kann, was nicht sein darf. Wirtschaftliches Denken, die Macht der Medien und der Politik, die wieder beeinflusst sind vom medizinisch-industriellen Komplex sowie von persönlichen Interessen, bestimmen die medizinische Forschung. Als Gegengewicht schlägt Klaus von Ammon vor, 0,5% des Jahreseinkommens für Homöopathieforschung zu spenden, das würde schon viel helfen.

Anschließend präsentiert er die Ergebnisse der ADS/ADHS-Studie von H. Frei, an der er mitgewirkt hat. Das interessante Design dabei war, dass nur die Patienten eingeschlossen wurden, bei denen mit der homöopathischen Therapie bereits eine mind. 50-prozentige Verbesserung des Symptomen-Scores erzielt werden konnte. Diese Responder wurden dann in zwei randomisierte Gruppen aufgeteilt, wovon die eine durch weitere sechs Wochen Verum erhielt, anschließend Placebo und dann wieder Verum. Bei der anderen Gruppe war es umgekehrt: zuerst Placebo, dann Verum, dann wieder Placebo. Während sich die beiden Gruppen zunächst noch ziemlich parallel, mit einer leichten Verschlechterung, verhielten, konnte im weiteren Studienverlauf eine spezifische, statistisch signifikante Wirkung des Verums nachgewiesen werden.

Die Outcome-Forschung

Michael Teut, der neben seiner Forschungstätigkeit an der Berliner Charité auch als FA für Allgemeinmedizin niedergelassen ist und dabei Schulmedizin mit komplementärmedizinischen Methoden verbindet, vertritt die These, dass placebokontrollierte Studien in eine Sackgasse führen. Für die Homöopathie geeigneter ist vielmehr die Outcome-Forschung. So berichtet Teut über eine prospektive Beobachtungsstudie unter Leitung von Prof. Cl. Witt, die von 102 Ärzten für klassische Homöopathie an insgesamt 3981 Patienten mit schweren Symptomen unterschiedlicher Erkrankungen durchgeführt wurde. Dabei wurde das Behandlungsergebnis sowohl von den Ärzten, als auch von den Patienten beurteilt und über 8 Jahre verfolgt. Neben der Symptomminderung zeigte sich eine deutliche Zunahme der Lebensqualität und v.a. eine hohe Patientenzufriedenheit auch noch nach acht Jahren, wobei knappe 70% der ursprünglichen Patienten in der homöopathischen Therapie verblieben waren. Der Nachteil derartigen Studien ist die fehlende Kontrollgruppe, die schwache Kausalitätsbeurteilung und eine mögliche Verzerrung durch die Patientenpräferenzen.

Interessant: der Kostenvergleich

Eine weitere prospektive Studie, bei der die homöopathische mit der konventionellen Therapie verglichen wurde, zeigte, zumindest bei den Erwachsenen, einen signifikanten Unterschied zugunsten der Homöopathie bei annähernd gleichen Kosten. Eine rezente vergleichende Studie zwischen klassischer Homöopathie und konventioneller Dermatologie bei der Behandlung der Atopischen Dermatitis brachte nach zwölfmonatiger Beobachtung keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen, auch nicht hinsichtlich Juckreiz, Schlaf und Lebensqualität. Hier waren allerdings die Kosten bei den Homöopathen deutlich höher, was vermutlich auf teure Zusatzbehandlungen zurückzuführen ist. Denn generell sprechen die Therapiekosten für die Homöopathie: so hat eine Schweizer Studie ergeben, dass die Krankenkassenkosten bei der anthroposophischen Behandlung 97%, bei der Homöopathie gar nur 85% der Behandlungskosten der Schulmedizin betragen. Ähnliche Daten gibt es auch aus Holland.

Workshops und Schlusswort

In den anschließenden Workshops konnte man sich noch vertieft mit den einzelnen Themen auseinandersetzen. Die verbliebenen Fragen konnten dann noch in der abschließenden Podiumsdiskussion geklärt werden. Auch wenn dieses Symposium gezeigt hat, wie spannend und interessant homöopathische Forschung sein kann, wichtiger noch sei - so Klaus von Ammon in seinem Schlusswort - dass wir, die wir in der Praxis stehen, unsere Erfahrung vermitteln.

Korrespondenz:

Dr. Wolfgang Eichler, E-Mail:

Dieser Bericht erschien erstmals in „Homöopathie in Österreich“ 4/12.

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