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© ÖNR 2012
Abb. 1 Der segmentregulatorische Komplex - die gleichsinnige Verschaltung aller zugehöriger Strukturen (Dermatom, Myotom, Enterotom, Sklerotom, Neurotom).
© ÖNR 2012

Abb. 3: Prüfung des Verquellungszustandes der Subcutis - Kibler´sche Hautfalte

© Klaus Rose

Abb. 2: Neuraltherapie bei Myogelose.

 
Komplementärmedizin 11. März 2013

Neuraltherapie – wie wirkt sie?

Teil II: Die Neuraltherapie moduliert, beruhigt und führt den Organismus zur Normalfunktion zurück.

Bei NT werden kleine Mengen kurzwirksamer LA an typische Therapielokalisationen appliziert. Damit werden Syndrome moduliert, resonierende Systeme beruhigt und der Organismus zur Normalfunktion zurückgeführt. Diese Summeneffekte sind klinisch in zahllosen Kasuistiken beschrieben.

Als Mechanismen kommen die physikalische Reizung durch den Injektionsvorgang und die Effekte der verwendeten Substanzen additiv zur Geltung.

Zum „Needle-Effect“ existiert eine alte aber immer noch gültige Arbeit von Lewit. Nadelung in speziellen Spots (hyperalgetischen Zonen, Tender-points) ist dem Stich in ein willkürlich gewähltes Areal bei weitem überlegen. Der Mechanismus dürfte über ein Gating des Hinterhorns erklärbar sein (Abb. 1). Dadurch werden die Hinterhornneurone entlastet, eine Genexpression verhindert und einer Chronifizierung vorgebeugt.

Zur Wirkung der LA ist zu sagen, dass der neuraltherapeutische Effekt weder mit der Menge der Substanz oder ihrer Halbwertszeit korreliert, noch dass der lokalanästhetische Effekt allein entscheidend ist (Abb. 2).

LA sind oberflächenaktive basische Moleküle, die bei physiologischem pH in einem Äquilibrium aus dissozierter und undisoziierter Substanz vorliegen. So können sie ihre verschiedenen Bewegungen durchführen (durch saures Gewebe in dissoziierter Form, durch Lipidmembranen in undissoziierter Form etc.) und an ihre Rezeptoren andocken. Nach Beubler trägt die Molekülgrundstruktur die Sequenz C-C-N, eine Struktur, die zahlreichen anderen Substanzen gemein ist (z.B. Antidepressiva, NSAR,). LA haben daher neben der Wirkung auf Na -Kanäle Affinität zu zahlreichen weiteren Rezeptoren (Serotonin, Muskarinrezeptor…) und neben der anästhesierenden Wirkung auch ein ausgeprägt antiinflammatorisches Potenzial (Cassuto et al.).

Der neuraltherapeutische Effekt ist nur zu geringem Teil auf die anästhesierende Wirkung der Substanz zurückzuführen, da er deren Halbwertszeit um ein Vielfaches überdauert.

In Summe dürfte der zentralnervöse Effekt auf Rückenmarksebene und im Kortex für die therapeutische Wirkung hauptverantwortlich sein (Zieglgänsberger 2009).

Konklusio

Da die Physiologie der projektionsbedingten Krankheitszeichen sehr umfangreich und unschwer nachzulesen ist, möchte ich, um den Umfang dieses Artikels nicht zu sprengen, nur die Vor- und Nachteile dieser Diagnostik beleuchten:

Vorteile:

Reflektorische Krankheitszeichen (RK) stehen bezüglich Intensität in Phase mit dem Krankheitsgeschehen. Ihre Dynamik zeigt die momentane Dimension der Erkrankung, ihre Beeinflussbarkeit und Therapieeffekte unmittelbar an. Beschwerden, die von wechselnder Intensität sind und durch äußere und innere Reize abgeschwächt oder verstärkt werden können, weisen auf ein vorwiegend funktionelles Krankheitsbild hin, das die Möglichkeit zur weitgehenden Restitutio trägt.

RK sind mit unmittelbar verfügbaren Diagnostika erhebbar (5 Sinne + Verstand). Daher ist der diagnostische Zugang niederschwellig. Neben Anamnese und Inspektion werden durch Hautbild, Quellungszustand des Bindegewebes (Abb. 3), Muskeltonus, Hyperalgesietest und Funktionsprüfung ein primäres Zustandsbild erhoben und dann durch Testinjektionen eine Differenzierung vorgenommen. Ergebnisse sind lokale unmittelbare oder langsam sich entwickelnde Zustandsänderungen, Auswirkung auf Allgemeinbefinden, Vigilanz und Leistungsfähigkeit sowie die Veränderung von Parametern, die durch andere klinische Untersuchungen nicht in Zusammenhang mit der Primärstörung gebracht werden können.

Nachteile:

RK sind nur zum Teil interindividuell erhebbar. Dies ist durch viele Umstände bedingt. Exemplarisch seien Erfahrung, Ausbildungsstand und Training des Therapeuten, Flüchtigkeit und Veränderbarkeit der Zeichen (z.B. Veränderung des Hautbildes durch Massage) genannt, und ihre Dokumentation wird mangels geeigneter technischer Hilfsmittel gelegentlich zur Glaubensfrage.

RK sind immer mehrdimensional. Die Segmentalreflektorik mehrerer Elemente projiziert in die gleiche Zielstruktur, neben segmentaler Projektion existieren weitere Projektionsebenen wie die pseudoradikuläre Symptomausbreitung, die Projektion entlang von Bindegewebsstrukturen wie Faszien, Bänder etc. und weitere Ausbreitungsmuster. Neben einer räumlichen Beziehung ist die Zeitachse maßgeblich an der Beziehung von Verursachern und rezenten Symptomträgern beteiligt. Daher gibt es lediglich überlieferte Häufung von Zusammenhängen, die Beziehung von Störfeldern und erkrankter Zielstruktur ist jedoch immer individuell. Dies erschwert auch die Erstellung von Studienprofilen, die der Methode gerecht werden.

Zusammenfassend können RK zur Diagnose einer Störung, zur Auflistung möglicher erkrankter Partnerstrukturen und zur Therapiekontrolle verwendet werden.

Methoden der NT

Zahlreiche technische Varianten stehen für neuraltherapeutische Injektionen zur Verfügung.

Als direkt segmental wirksame Techniken (TLA) gelten die intrakutane Quaddel, die Triggerpunktinjektion, die Injektion an Insertionen von Muskeln und Ligamenten, die präperiostale Injektion, die peri- und intraartikuläre Injektion und die Injektion an gemischte Spinalnerven („Radix“).

Die Behandlung von störfeldverdächtigen Regionen wird durch direkte Injektion oder durch Umflutung mit LA durchgeführt und dient zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken.

Weiters stehen die indirekten Segmenttechniken (= erweiterte Segmentbehandlung) durch direkte Injektion an vegetative Ganglien zur Verfügung. Häufig werden sie im Halsbereich am Ggl. stellatum oder am Ggl. cervicale superius (GLOA) durchgeführt. Kaudal sind die wichtigsten Techniken die Injektion an den Hiatus sakralis (epidurale Sakralblockade) und an den Plexus uterovaginalis bzw. prostaticus. Systemische Applikation i.v. oder per Infusionem rundet das Angebot ab.

Gemeinsames Ziel aller Interventionen ist eine Modulation von Reizantworten. Der Ausdruck „Blockade“ enstammt der Anästhesiologie und ist für NT nicht zutreffend. Auch der Ausdruck „TLA“ wird nur traditionell weiterverwendet, Lokalanästhesie ist nicht die primäre Intention. Der Organismus funktioniert durch zahlreiche Programme, deren ungestörtes Ablaufen Gesundheit bedeutet. Im Erkrankungsfall sind einige physiologische Abläufe gestört, und es müssen Ersatzwege (alternate pathways) benützt werden. Dies ist mit erhöhtem Energieaufwand verbunden, und entlang einer Zeitachse fördert dieser Umstand die schnellere Degeneration der Zielstrukturen. NT hat als Zielsetzung die Normalisierung der Programmabläufe durch Abschwächung inhibierender oder durch moderate Modulation überschießender Signale. Die Ökonomisierung und Rückkehr von der Sympathikotonie zur throphotropen Ruhelage ist klinisches Korrelat der NT-Wirkung.

Fazit für die Praxis

Neuraltherapie (NT) ist ein wichtiges Tool zum Erfassen von klinischen Zeichen gestörter Regulation. Sie ist unmittelbar einsetzbar und ermöglicht daher vielen Patienten einen niederschwelligen Therapiezugang. Gutes Training in Untersuchungs- und Behandlungstechnik ist Voraussetzung für ihren effektiven Einsatz. Als einfachste Form interventioneller Schmerztherapie verfügt sie bei sachgemäßer Anwendung über ein ausgesprochen günstiges Risikoprofil. NT ist mit jeder anderen Behandlungsmethode kombinierbar.

Literatur beim Verfasser

Dr. Kurt Gold-Szklarski

E-Mail:

Web: www.neuraltherapie.at

K. Gold-Sklarszki, komplementärmedizin 1/2013

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