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Komplementärmedizin 24. September 2012

Serie: Homöopathie aus wissenschaftlicher Sicht

Teil 1: Nachweisbare Erfolge in der Intensiv- und Notfallmedizin

Weltweit werden seit 200 Jahren Millionen Patienten von über 300.000 Ärzten und Therapeuten mit homöopathischen Arzneimitteln behandelt. Auch in Österreich erfreut sich diese komplementärmedizinische Methode großer Beliebtheit. Allerdings gibt es auch Skeptiker, die die Wirksamkeit und wissenschaftlichen Nachweise der Homöopathie anzweifeln. In einer vierteiligen Serie wird daher der aktuelle Wissensstand zur Homöopathie – basierend auf einem Workshop des Allgemeinmediziners Ing. Dr. Friedrich Dellmour anlässlich der WONCA 2012 in Wien – vorgestellt.

Die Homöopathie ist in Österreich die bei Weitem bekannteste und beliebteste komplementärmedizinische Heilmethode. Im Jahr 2011 hat bereits die Hälfte der österreichischen Bevölkerung mindestens ein homöopathisches Mittel verwendet. 43 Prozent der österreichischen Bevölkerung nehmen lieber homöopathische Arzneien als herkömmliche Medikamente ein, wie eine im Jänner 2012 bei 2.000 Österreichern durchgeführte Studie zeigt1. Ungeachtet der hohen Beliebtheit und langen Tradition der Homöopathie gibt es auch Kritik der in der Öffentlichkeit noch wenig bekannten wissenschaftlichen Datenlage zur Wirksamkeit.

Auf dem Europäischen Hausärztekongress, WONCA Europe Conference, der Anfang Juli 2012 in Wien stattfand, hielten die Allgemeinmediziner Dr. Reinhard Flick und Ing. Dr. Friedrich Dellmour einen Workshop zum Thema „The Science and Daily Practice of Homeopathy“. Der Vortrag von Dr. Dellmour wird in dieser Serie wiedergegeben. Dabei widmet sich der erste Teil der Definition und den therapeutischen Möglichkeiten der Homöopathie.

Was ist Homöopathie?

Die Homöopathie ist eine ärztliche Heilkunst, das heißt die Homöopathie ist eine medizinische Therapiemethode, die in Österreich von speziell ausgebildeten Ärzten ausgeübt wird. Die Homöopathie verwendet Arzneimittel, die aus natürlichen und chemischen Reinstoffen nach den geltenden Vorschriften des Europäischen Arzneibuches zubereitet werden. Homöopathische Arzneimittel werden potenziert und als Einzelmittel angewandt. „Das bedeutet, dass jeder Patient ein Arzneimittel erhält, das zu seinem aktuellen Krankheitszustand passt. Diese Mittel werden nach der Ähnlichkeitsregel ausgewählt“, erklärte Dellmour.

Die Homöopathie ist eine Regulationstherapie, die es ermöglicht, jeden Patienten individuell zu behandeln und alle körperlichen, psychischen, konstitutionellen, biografischen, sozialen und umweltbedingten Aspekte bei der Arzneiwahl zu berücksichtigen.

Therapeutische Möglichkeiten

Die Homöopathie kann bei einem breiten Spektrum an akuten, chronischen, psychischen und psychosomatischen Krankheiten eingesetzt werden (siehe Kasten „Fallbericht“). „Aber auch bei den häufig vorkommenden ‚Befindlichkeitsstörungen‘, wenn sich Menschen mit unklaren Symptomen nicht gesund fühlen und die Schulmedizin dafür keine Diagnosen und Therapien kennt, kann die Homöopathie erfolgreich angewandt werden“, berichtete Dellmour.

Die Homöopathie behandelt Menschen und Tiere und wird auch in der Landwirtschaft erprobt. Die therapeutischen Möglichkeiten der ärztlichen Homöopathie reichen bis in die Intensivstationen und Notfallmedizin. „Aber auch die Laienhomöopathie hat eine wichtige Bedeutung, wenn zum Bespiel Mütter ihre Kinder homöopathisch behandeln“, so Dellmour. „Dies ist möglich, weil in der Homöopathie auch einfache Indikationen bekannt sind, die ohne ärztliche Kenntnisse oder spezielle Homöopathie-Ausbildung erfolgreich homöopathisch behandelbar sind.“

Intensiv- und Notfallmedizin

Prof. Dr. Michael Frass, Internist am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, hat gemeinsam mit dem deutschen Notarzt Dr. Martin Bündner 2007 eine umfangreiche Fallserie herausgegeben2. In diesem Standardwerk wurden die Therapieverläufe von 145 Patienten mit schwersten und lebensbedrohlichen Krankheitszuständen dokumentiert, z. B. Schädel-Hirntrauma, Enzephalitis, Subarachnoidalblutung, Myokardinfarkt, kardiogener Schock, hypertensive Krise, Pankreatitis, Pyelonephritis, Asthmaanfälle, allergische Reaktionen, Sepsis, Multiorganversagen, Erfrierungen, Verbrennungen und Knollenblätterpilzvergiftung, die mit einer begleitenden homöopathischen Therapie erfolgreich behandelt wurden.

Bereits 2005 hatte Frass an einer Intensivstation am Wiener AKH eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie3 an 70 Sepsis-Patienten durchgeführt. Diese Schwerstkranken liegen monatelang in einem relativ stabilen Zustand auf der Intensivstation, da die Vitalfunktionen durch die medikamentöse und maschinelle Therapie erhalten wurden. Die Patienten erhielten zusätzlich zur intensivmedizinischen Medikation zweimal täglich ein homöopathisches Arzneimittel in der Potenz C200 (Apis, Arsenicum album, Baptisia, Belladonna, Bryonia, Carbo vegetabilis, Crotalus horridus, Lachesis, Lycopodium, Phosphor, Pyrogenium u. a.) oder Placebo. Das Follow-up ergab nach 180 Tagen, dass in der homöopathisch behandelten Gruppe mit 76 Prozent (25 von 33) deutlich mehr Patienten überlebten als in der Gruppe, die Placebo erhalten hatte (50 Prozent; 17 von 34). Der Unterschied zwischen Homöopathie- und Placebogruppe war statistisch signifikant (p=0,043).

„Die Studie zeigt, dass die Wirksamkeit der Homöopathie mit Doppelblindstudien nach modernsten klinischen Standards untersucht werden kann“, resümierte Dellmour.

Die zweite Folge der vierteiligen Homöopathie-Serie ist dem Thema „Antworten auf die Argumente der Kritiker“ gewidmet.

Literatur:

1 244552 Gesundheitsstudie - Homöopathie: Eine Studie von GfK Austria im Auftrag der Dr. Peithner AG

2 M. Frass, M. Bündner (Hrsg.): Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin. Elsevier Urban & Fischer, München 2007

3 Frass M et al. Homeopathy (2005) 94, 75–80

Quelle: Europäischer Hausärztekongress, WONCA Europe Conference, Wien, 4.–7. Juli 2012. Workshop „The Science and Daily Practice of Homeopathy“ von Dr. Reinhard Flick und Ing. Dr. Friedrich Dellmour

Hennrich.PR; http://hennrich-pr.at  

Fallbericht: Patientin mit rezidiverenden Abszessen

Eine 25-jährige Studentin leidet seit ihrer Pubertät an rezidivierenden Abszessen, anfangs axillär, in letzter Zeit immer in der Gesäßfalte (Rima ani). Sie erhielt oftmals Antibiotika, die das Problem nicht lösen konnten. Es wurde auch einmal inzidiert und einmal komplett chirurgisch entfernt. Dann verschwand das Abszess an dieser Stelle, kam aber an einer anderen Stelle in der Analregion wieder. Vor der Menses füllte sich das Abszess wieder und schmerzte stark, „wie wenn man mit einem Messer hineinsticht“. Etwa alle drei Monate entleerte es sich. Dann begann es sich erneut zu füllen und zu schmerzen. Außerdem litt die Patientin unter einer sehr ausgeprägten prämenstruellen Depression.

Zu Beginn der homöopathischen Behandlung wurde im Oktober 2010 Anthracinum C200 verordnet. Die Milzbrandnosode, die nach Sterilisation aus der Leber eines an Milzbrand erkrankten Kaninchens hergestellt wird, ist in der Homöopathie eine wichtige Arznei bei hartnäckig rezidivierenden Abszessen. Es kam jedoch zu keiner Änderung der Symptomatik.

Unter regelmäßiger Einnahme der Arznei Acidum nitricum FC1000 trat anfangs ein zusätzliches kleines Abszess unter der linken Mamma auf, das bald wieder verschwand. Das Abszess im Anusbereich wurde allmählich kleiner, füllte sich nicht mehr und verschwand im Lauf von drei Monaten. Auch die prämenstruelle Depressivität besserte sich wesentlich. Bis heute sind keine neuen Abszesse aufgetreten. Zur Wahl von Acidum nitricum führten der bekannte Bezug zu Abszessen, die heftig stechenden Schmerzen und die prämenstruelle Depressivität.

Kommentar: Diese Kasuistik zeigt die Sinnhaftigkeit homöopathischer Therapie bei Beschwerden, für die unter herkömmlicher Behandlung keine kausale, sondern nur eine symptomatische Therapie zur Verfügung steht.

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