zur Navigation zum Inhalt
© privat
Prof.Dr. Brigitte Kopp, Department of Pharmacognosy, Uni Wien
 
Komplementärmedizin 21. September 2012

Phytopharmaka – wirksam und nebenwirkungsarm

Der „Wirkstoff“ eines Phytopharmakons ist ein Vielkomponentengemisch.



Phytopharmaka (=Phytotherapeutika) sind Arzneimittel, die als wirksame Bestandteile Pflanzen (oder Pflanzenteile) in verarbeitetem Zustand enthalten. Der „Wirkstoff“ eines Phytopharmakons ist der aus der Pflanze hergestellte Auszug bzw. Extrakt in seiner Gesamtheit, also ein Vielkomponentengemisch.

Arzneimittel mit chemisch isolierten, definierten Reinsubstanzen pflanzlichen Ursprungs (z. B. Menthol, Morphin, Atropin) werden nicht als pflanzliche Arzneimittel eingestuft, ebenso nicht solche mit synthetisch „nachgemachten“ wie Galanthamin (früher aus Narzissen isoliert).

Der Anspruch auf Wirksamkeitsnachweis ist äquivalent zu synthetischen Produkten (Zulassungsbedingungen als Arzneimittel).

Ca. 70 000 Pflanzen werden weltweit medizinisch eingesetzt, wovon fünf bis zehn Prozent chemisch/pharmakologisch gut untersucht sind. In Österreich sind Extrakte aus ca. 200 Pflanzenarten in Phytopharmaka enthalten, etwa 500 weitere Pflanzen werden volksmedizinisch genützt.

Pflanzliche Produkte, die nicht als Phytopharmaka eingestuft werden, sind:

  • Homöopathika (unterliegen nicht dem Arzneimittelgesetz)
  • Nahrungsergänzungsmittel (folgen dem Lebensmittelgesetz)
  • Natur-Kosmetika (unterliegen der Kosmetikverordnung)
  • Therapie-Ergänzungsmittel (Bachblüten, anthroposophische AM, Methoden der Komplementärmedizin)

Die Qualität von Extrakten bzw. die Zusammensetzung wird durch unterschiedliche Parameter beeinflusst. Zubereitungen aus ein und derselben Pflanze können je nach verwendetem Herstellungsverfahren (z. B. Wahl des Lösungsmittels für die Extraktion; Wahl der Temperatur für die Extraktion) eine unterschiedliche Zusammensetzung haben.

Jeder nach einem eigenen Verfahren hergestellte Extrakt stellt einen gesonderten Wirkstoff dar, d. h. unterschiedliche Herstellungsmethoden beeinflussen das Inhaltsstoffspektrums (z. B. unterschiedliche Herstellungsmethoden des Getränkes Kaffee führen zu unterschiedlichen Produkten, unterschiedliche Herstellungsverfahren für Wein etc.).

Extrakte sind somit im Wesentlichen durch ihr Herstellungs- und Extraktionsverfahren definiert.

Der Wirkstoff = Extrakt = Vielkomponentengemisch, besteht aus wirksamkeitsbestimmenden Substanzen, wirksamkeits-mit-bestimmenden Substanzen und Komponenten, die Aufnahme, Verteilung im Körper etc. positiv beeinflussen (können). Extrakte sind meist wirksamer als die additive Wirkung der daraus isolierten Einzelkomponenten, Extrakte weisen oftmals einen synergistischen Effekt der Einzelkomponenten auf.

Phytopharmaka sind zwar nebenwirkungsarm, aber nicht nebenwirkungsfrei (daher: Einsatz bei Kindern, multimorbiden Patienten). Sie kommen z. B. adjuvant im Rahmen einer Antibiotika-Therapie (Beispiel: Sinupret®) zur Anwendung.

Während ein Arzneimittel mit einem Reinstoff meist nur eine spezifische pharmakologische Wirkung aufweist, zeigen die in einem Extrakt enthaltenen unterschiedlichen Wirkstoffgruppen vielfach auch unterschiedliche pharmakologische Wirkmechanismen, die positive Einflüsse bei diversen Erkrankungserscheinungen bewirken.

Mit den heutigen zur Verfügung stehenden Untersuchungsmethoden auf molekularer Ebene unter Einbeziehung höchstentwickelter Analysenmethoden können optimale Bedingungen für die Entwicklung von Extrakten als Vielkomponentengemische nicht nur studiert werden, sondern auch die Ergebnisse in die Praxis umgesetzt werden.

Korrespondenz: Univ.-Prof.Dr. Brigitte Kopp Department of Pharmacognosy, University of Vienna 1090 Vienna, Althanstraße 14 Tel. +43-1-4277-55255 E-Mail:  

Quelle: „Die Zukunft der Phytotherapie“, Pressekonferenz, 16. 5. 2012, Wien

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben