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Komplementärmedizin 26. Mai 2009

„Der Mensch ist Musik“

Veranstaltung zur Musikmedizin im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Dass Musik wirkt, war nie umstritten. Doch wie sieht es mit der wissenschaftlichen Evidenz aus, die die moderne Medizin heute verlangt? Sie wurde in Wien erbracht, in einer gemeinsamen Studie von Medizinischer Universität (MUW) und Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW) auf der Intensivstation des AKH.

 

Es blinkt und tönt, es flimmert und rauscht. Die Intensivstation eines Krankenhauses ist ein High-tech-Raum, vollgestellt mit Apparaturen. Das Licht brennt hier Tag und Nacht. Die Intensivstation ist gewissermaßen die Gestalt gewordene moderne Medizin, ein Ort der Geborgenheit ist sie dagegen überhaupt nicht. Doch das soll sich ändern, jedenfalls am AKH Wien. „Beim nächsten Umbau wollen wir darauf drängen, dass auch Videomonitore installiert werden und ein Raum reserviert wird, wo Musiktherapeuten mit den Patienten zusammenkommen können.“ Das sagte Prof. Dr. Klaus-Felix Laczika. Und er sagte es im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Aufgeschlossen und neugierig

Hier, im Hort der Wissenschaft, wurde Anfang Mai eine außergewöhnliche Studie vorgestellt, die gemeinsam von der MUW und der MDW auf der Intensivstation des AKH durchgeführt wurde. Es ging um die Frage, ob wissenschaftliche Evidenz für die Musiktherapie erbracht werden kann. Prof. Dr. Christoph Zielinski ließ die Musiktherapeuten auf seine Station. Er ist ein bedeutender Onkologe, nun wissen wir, dass er auch ein Wissenschaftler ist, der gegenüber neuen Wegen überaus aufgeschlossen ist.

Dass Musik unser inneres Befinden beeinflusst, das steht außer Frage. Sie vermag aufzuheitern und auch traurig zu stimmen. Das weiß jeder aus eigener Erfahrung. Möglicherweise kann sie auch krank machen, Christoph Schlingensief schreibt in seinem neuen Buch, dass seine Krebserkrankung vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass er Wagners Todesmusik bei seiner Bayreuther Parsifal-Inszenierung zu nahe gekommen ist. „Der Mensch ist Musik“, sagte Prof. Dr. Gertraud Berka-Schmid, die Medizin und Gesang studiert hat und heute an der MDW unterrichtet. Im gesunden Zustand befänden sich seine Rhythmen in Harmonie.

Musik als Therapeutikum, das hat eine uralte Tradition in der Medizingeschichte. Und genügt sie auch den Kriterien der Objektivierbarkeit und Reproduzierbarkeit? Ja, lautet das eindeutige Ergebnis der Studie. Anhand von EKG-Messungen konnte nachgewiesen werden, dass die Patienten über die Musiktherapie in einen entstressten Zustand gelangten, der eine notwendige Voraussetzung ist, dass Gesundung überhaupt erfolgen kann.

Wovon geht nun die entscheidende Wirkung aus, von der Musik oder dem Musiktherapeuten? Wahrscheinlich von beidem, sagte Dr. Gerhard Tucek, der seit Jahren als Musiktherapeut arbeitet und das Fach auch unterrichtet. In jedem Fall genüge es nicht, dem Patienten einfach seine Lieblingsmusik vorzuspielen: „Was einem Menschen gefällt, wenn er gesund ist, kann fundamental von dem abweichen, was ihm im kranken Zustand gefällt.“ Die Arbeit des Musiktherapeuten beginne damit, die Vorlieben des Patienten in Erfahrung zu bringen, wozu nicht selten großes Einfühlungsvermögen nötig sei, vor allem dann, wenn der Patient sich sprachlich nicht ausdrücken kann.

Die Musikmedizin ist für Tucek eine Form der Beziehungsmedizin, mit dem Ziel, dem Patienten Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, was in der Regel in dieser Abfolge geschieht: erst Kommunikationsaufbau, dann Emotionsmodulation und Motivationsveränderung und schließlich Kognitionswandel.

Und die Konsequenz aus der Studie? Erstens darf sich die Musikmedizin nun über generierte Evidenz freuen. Und zweitens wird die Intensivstation, dieser „Ort der Reizüberflutung“ (Zielinski), eben wohl nicht mehr lange so bleiben, wie er ist.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 21 /2009

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