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Fotos (4): Bildarchiv der Österr. Med. Ges. f. Neuraltherapie und Regulationsforschung
Abb. 1: Neuraltherapeutisches Procedere am Beispiel schmerzhafte Schulter
Foto: Privat

Abb. 2: Palpation periartikulärer Strukturen

Abb. 3: Lokale Quaddeltherapie

Abb. 4: Injektion an die Tonsillen

 
Komplementärmedizin 23. März 2012

Schulterschmerzen – was tun?

Die Neuraltherapie hilft.

Unter „Schulter“ wird im Volksmund die kugelförmige Auftreibung des proximalen Humerus verstanden. Nach Abschluss des universitären Studiums ist das Verständnis um dieses komplexe Gelenkssystem oft nur unwesentlich gereifter. Störungen der Schulterregion werden landläufig mit Erkrankungen des Glenohumeralgelenks gleichgesetzt.

 

Funktionell müssen zum Schultergürtel 3 echte und 2 unechte Gelenke, zahlreiche Bänder und Muskeln, die Wirbelsäule von der unteren HWS bis zur mittleren BWS und die oberen Rippen gerechnet werden. Für den Neuraltherapeuten gehören darüber hinaus zum System „Schulter“ Muskelfunktionsketten bis zum Fuß (statische Unterstützung bei Armbewegungen), neurogene Verknüpfungen über Plexus cervicalis, brachialis und den Grenzstrang sowie weitere kybernetische Schaltkreise (Extrazelluläre Matrix, Zytokine,…). Die Schulter ist auch als Ausdrucksmittel zu verstehen. Ein funktionstüchtiges Gelenk symbolisiert Vitalität. Auch die Form des Schultergürtels kann Stärke oder Schwäche ausdrücken (Bio-Psycho-Soziales Dreieck).

Der Schultergürtel ist der beweglichste Gelenkskomplex des menschlichen Körpers. Störungen des muskulären Zusammenspiels oder der ligamentären Verbindungen (z. B. Überlastung) können ebenso Schmerz verursachen wie arthrogene oder vertebragene Störungen. Wenn kein akutes Trauma oder keine Entzündung vorliegt, besteht meist primär eine muskuläre Dysbalance. Diese Störung betrifft nicht nur die Schultermuskulatur, sondern verläuft in der Regel von der paravertebralen Muskulatur bis in den distalen Arm („kinetische Kette“). Da die Beschwerden meist über lange Zeit Bagatellcharakter haben, werden sie von Patient und Therapeuten geringgeschätzt und über lange Zeit gar nicht oder nicht suffizient behandelt. Daher können zum Zeitpunkt des Auftretens einer akuten Symptomatik bereits ausgeprägte degenerative Vorschäden bestehen mit geringer Chance auf Restitution.

Beziehungen

Weitere Beziehungen der Schulter sind zum Teil schon in älteren Anatomielehrbüchern erwähnt. Das bekannteste Beispiel ist die Beziehung der Leber-Gallenregion zur rechten Schulter (segmentale Projektionszone). Dabei verläuft die Projektionsbahn über eine Afferenz im rechten N. phrenicus, wobei bis heute ungeklärt ist, wie das afferente Signal in diesen Nerv gelangt. Folge dieser Beziehung ist, dass bei Erkrankungen oder Op.-Narben in der Leberregion verstärkte Degenerationserscheinungen der rechten Schulter auftreten können.

Ein weiteres Beispiel ist die Aktivierung einer kinetischen Kette vom distalen Arm nach proximal. Typische Primärläsionen sind distale Frakturen oder belastungsbedingte Handgelenkserkrankungen (PC-Maus!), deren Signal Tonusänderungen der Armmuskulatur und schließlich auch der Rotatorenmanschette hervorruft.

Störfeldbeziehungen aus dem HNO- und ZMK-Bereich werden bei Schultererkrankungen oft gefunden. Hier ist der Übertragungsmechanismus nicht völlig erklärbar. Neuroplastische Beziehungen der kaudalen Trigeminuskerne zum Plexus cervicalis, segmentregulatorische Schaltung über den Truncus sympathicus, Signalübertragung über die ECM und Zytokin-vermittelte Signale sind beteiligt.

Durch komplexe segmentale Beziehungen können statomotorische Störungen der Beine und des Beckengürtels über die Wirbelsäule ebenfalls auf den Schultergürtel übertragen werden. Der Körper verfolgt dabei ständig das Ziel, Dysbalancen auszugleichen. Dabei gibt es eine hierarchische Struktur. Zum Beispiel wird ein Kopfschiefstand (z.B. durch Skoliose) nach Möglichkeit immer ausgeglichen, wobei die zwangsläufige funktionelle Verschlechterung der kontralateralen Schulter in Kauf genommen wird.

Praxis der neuraltherapeutischen Differentialdiagnostik

Die häufigsten Störfelder liegen im Kopf-Hals-Bereich (HNO- und ZMK-Region). Hierzu zählen chronische entzündliche Residuen im Bereich der NNH, Tonsillen, Ohren und Zähne, sowie Narben, die vor allem an der behaarten Kopfhaut nur durch gezielte Befragung und Palpation aufzufinden sind. Bei der typischen neuraltherapeutischen Exploration sind diese Ergebnisse unverzichtbar (Übersehen kann Therapieversagen bedeuten).

Anamnestisch wird nach rezidivierenden Erkrankungen und Minimalbeschwerden im Bereich der einzelnen Organe gefragt. Bei den Zähnen muss nach Extraktionen, WB, Resektionen und nach Retention (8er) gefragt werden. Typisches Symptom einer chronischen Tonsillenstörung ist flüchtiges Halskratzen bei Luftzug oder Stress.

Bei der Inspektion der Region können Lokalzeichen oder Symptome in der Reflexzone erfasst werden. Z.B. verändern sich die Nasolabialfalten bei Sinusitis maxillaris und auch bei Störfeld NNH, indem sie verstreichen oder asymmetrisch werden.

Mit der Palpation (Abb. 2) können reflektorische Zeichen in allen Projektionsebenen gefunden werden. Jedes der genannten Organe projiziert in erster Linie auf bestimmte Stellen der Gesichtshaut, zweitens auf die HWS und drittens in die Schulterregion. Je mehr dieser Zeichen auf eine bestimmte Störung hinweisen, umso sicherer ist die Zuordnung möglich.

Durch Testinjektion an das verdächtige Störfeld kann die Vermutung bestätigt oder entkräftet werden. Bei positivem Resultat verschwinden nach erfolgreicher Injektion die Projektionszeichen und kehren erst nach einem Intervall von mehr als 24 Stunden wieder. Eine Wiederholung dieses Phänomens gilt als Beweis für den Zusammenhang mit dem aktuellen Syndrom. Für die Testinjektion werden die zu testenden Regionen um- oder unterspritzt.

Beispiel für eine Versuchsanordnung

Ausgangswert der Abduktion 40°, Hypertonus des M. trapezius und Einschränkung der ipsilateralen Atemexkursion (Testparameter), Injektion an die ausgewählte störfeldverdächtige Region (z.B. Tonsillektomienarbe), Nachtestung unmittelbar nach der Injektion und nach 24 Stunden. Haben sich die Testparameter verändert (z.B. Abduktion nach Testung 70°, Atemexkursion ausgeglichen etc.), besteht der Effekt länger als einen Tag und ist dieses Phänomen bei einer weiteren Sitzung wiederholbar, so gilt es als bewiesen, dass die Tonsillektomienarbe in Störfeldbeziehung zu der erkrankten Schulter steht. Gelegentlich gibt es auch beim ersten Versuch dauerhafte Erfolge (Sekundenphänomen).

Häufig bestehen neben den echten Störfeldern noch eine Reihe weiterer segmentaler Sekundärstörungen. Dies erklärt sich aus dem Umstand, dass bei längerem Bestehen eines Syndroms bestimmte Strukturen einer Dauerbelastung ausgesetzt sind und selbst entzündlich erkranken. Besonders betroffen sind Insertionen von Muskeln und Bändern (Enthesiopathie). Diese sind ebenfalls zu behandeln, da sie mögliche Starter für eine neuerliche Verschlechterung darstellen und bei längerdauernden Syndromen selbst Störfeldcharakter erlangen.

Therapie

Zur Therapie der schmerzhaften Schulter sind folgende Techniken verfügbar:

Die Quaddeltherapie (Abb. 3) wird überall dort eingesetzt, wo eine direkte Injektion nicht möglich ist (Viszera), oder wenn eine KI gegen andere Techniken besteht (Antikoagulation). Sie wird an Dermatomen der entsprechenden Segmente appliziert.

Periost- und Bandtechniken werden an dolenten Insertionen oder hyperalgetischen Periostregionen angewendet. Das Periost ist reichlich mit marklosen Afferenzen versorgt, die Therapie moduliert also Signale, die über das vegetative Nervensystem laufen (Sympathikotonus).

Auch die periartikuläre Injektion hat die gleiche Zielsetzung (periartikuläres vegetatives Geflecht).

Die Injektion in aktive myofasziale Trigger ist eine elegante und wirksame Segmenttechnik. Die Punkte werden durch Palpationsdiagnostik aufgesucht, nach erfolgter Injektion an sämtliche aktive Trigger können vor allem Patienten mit akuten Syndromen sehr schnell beschwerdefrei werden.

Weitere neuraltherapeutischen Techniken sind die iv.-Injektion oder die Infusion. Gelegentlich benötigt man bei Schultererkrankungen auch direkte Injektionen an den Truncus sympathicus. Für die Schulterregion wird die indirekte Blockade des Ggl. stellatum nach Dosch durchgeführt.

Bei nachgewiesener Störfeldbeziehung sind die oben beschriebenen Segmenttechniken nicht ausreichend. Die Beschwerden verbessern sich ungenügend oder zeigen eine Tendenz, nach wenigen Tagen wiederzukehren. Hier ist die wirksamste Maßnahme die Behandlung der relevanten Störfelder.

Eine Störung im Tonsillenbereich kann man beispielsweise folgendermaßen behandeln:

  • Direkte Umflutung des Tonsillenbettes (Abb. 4)
  • Injektion an die primäre Projektionszone am Kieferwinkel
  • Adjuvant Injektion an sekundäre Projektionszonen in der unteren HWS
  • Adjuvant Injektion an den Haupttrigger des M. sternocleidomastoideus und den oberen Trapeziusrandtrigger

Kasuistik

Männlicher Patient, 1941 geboren, Erstvorstellung in der Schmerzambulanz 31. 10.2008.

Anamnese: seit 20 Jahren Schulterschmerz rechts nach Sturz auf die Schulter, St. p. dreimaliger operativer Behandlung 1991, 1992 und 2000.

Er klagt über Dauerschmerz (auch nachts) und Bewegungseinschränkung im Gelenksbereich, eine suffiziente Physiotherapie sei schmerzbedingt nicht durchführbar (Pat ist sportlich und bewegt sich gerne). Bei der Funktionsprüfung sind alle Bewegungsrichtungen nur in der Endlage behindert, jedoch stark schmerzhaft. Orthopädische Infiltrationen wurden wiederholt durchgeführt sine effectu. Die ersten beiden Operationen hätten kein für ihn erkennbares Ergebnis gebracht, die dritte führte für ein halbes Jahr zu einer Erleichterung um 50%, seitdem starke permanente Schmerzbelastung (NRS zwischen 5 und 8).

Kurze Zusammenfassung der vorliegenden oder neu angefertigten Hilfsbefunde:

Op.-Bericht 2000: „zweimalig voroperiertes Impingementsyndrom der rechten Schulter, arthroskopische Fixation der SLAP-Läsion, Acromioplastik und Arthrolyse“.

MR-Tomographie re. Schulter 02/2007: grenzwertige akromiohumerale Distanz, Supraspinatussehne etwas verdünnt, jedoch intakt; beginnende Omarthrose

MR-Tomographie HWS 06/2009: multisegmentale Osteochondrosen mit Osteophyten und Uncovertebralarthrosen C4-C7, Einengung der Neuroforamina C5-C7

Nativröntgen 02/2011: beträchtliche AC-Arthrose und mäßige Omarthrose rechts. Deutliche Einengung des Subakromialraumes auf 4 mm.

Erweiterte neuraltherapeutische Exploration ergibt Störfeldverdacht im Bereich der Schulter-OP-Narben, der Tonsillen (Tonsillektomie und auffällige Anamnese), der Narben nach Cholezystektomie (Beziehung zur rechten Schulter!), die erweiterte Untersuchung ergibt ein unteres Zervikalsyndrom, Blockierung der Segmente Th4, Th5 und des linken Iliosakralgelenks. Auf letzteres angesprochen, gibt der Patient seit längerer Zeit bestehende Knieschmerzen links an. Eine MR-Tomographie des linken Knies 01/2008 beschreibt zahlreiche degenerative Veränderungen (Chondromalazie, mucoide Degeneration Lig. cruciatum ant., Enthesiopathie der Quadrizepssehne,…).

Als Ersttherapie wurden die Schulternarben und die Tonsillenreflexzone behandelt. Unmittelbar danach Verbesserung der Schmerzen und Nachlassen des Muskelhypertonus (M. trapezius, Testparameter).

Bei der zweiten Sitzung gab der Pat. an, 10 Tage lang nahezu schmerzfrei gewesen zu sein. Th.: Infiltration der Tonsillektomienarben sowie der Schulternarbe und der Segmente Th4,Th5. Weitere Besserung im Schulterbereich, jedoch Beschwerden im Bereich der HWS (waren vorher durch Schulterschmerz maskiert).

Durch Erweiterung des therapeutischen Regimes um die Infiltration der CHE-Narbe, diverser myofaszialer Triggerpunkte und des ISG beidseits konnte der Patient in eine stabile Remission gebracht werden. Bei Wiederverschlechterung zeigt sich, dass die Beschwerden am besten durch Infiltration des Tonsillenbereichs zum Sistieren gebracht werden können. Seit der Applikation neuraltherapeutischer Injektionen waren Analgetika nie erforderlich.

Diskussion: Die Exploration zeigte zahlreiche segmentale Funktionsstörungen und störfeldverdächtige Regionen bei einem chronischen, primär traumatogenen Schulter-Arm-Syndrom rechts. Hilfsbefunde beschreiben massive Degenerationszeichen ohne Indikation zu invasiver Therapie.

Darauf wurde eine Störfeldtestung durchgeführt, Kontrollparameter war der Tonus des M. trapezius (Schmerz an sich ist ein schlechter Testparameter, da multifaktoriell). Durch Zufall stießen wir gleich bei der ersten Testung auf einen Hot Spot im Tonsillenbereich. Die anderen störfeldverdächtigen Regionen wurden in der Folge ebenfalls getestet, aus dem Testergebnis konnte ein Therapieregime erstellt werden, das den Patienten in mehrwöchige bis mehrmonatige stabile Remissionen brachte und bei Rezidiv mit der gleichen Effektivität anwendbar war und noch heute ist. Aufgrund der massiven degenerativen Vorschäden ist eine Restitutio auszuschließen. Jedoch ist die neuraltherapeutische Behandlung vor allem der Tonsillen als kausal im Bezug auf das bestehende Beschwerdebild zu interpretieren. Plakativ gesprochen wäre es wichtig gewesen, diesen Patienten mit Schulterschmerzen zum HNO-Arzt zu überweisen!

Dieser Fall zeigt, wie wichtig eine holistische Betrachtungsweise vor allem bei chronischen Schmerzpatienten ist!

 

Patienten sprechen oft von Schmerzen in der „Kugel“

ECM = Extrazelluläre Matrix

Von Dr. Wolfgang Ortner, Hof am Leithaberge, und Dr. Kurt Gold-Szklarski, Wien, komplementärmedizin 1/2012

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