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Abb: Dr. Gallei
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Komplementärmedizin 15. Juni 2011

Salutogenese im Inneren Tantra

Salutogenese im Inneren Tantra Tibetische Medizin ist eng mit dem Tantrischen Buddhismus verbunden. Von Dr. Lukas Gallei 1

Tibetische Medizin versteht sich primär als ganzheitliche Salutogenese. Sie ist eng mit dem Tantrischen Buddhismus verbunden, der sich ab etwa 500 n. Ch. in den Ländern des Himalajas verbreitet hat. Ihre wesentlichen psycho-physiologischen Grundkonzepte leiten sich aus den tantrischen Belehrungen über die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum ab. Deren Dynamik soll im folgenden Abriss kurz erläutert werden.

 

Der Autor studiert seit 1993 bei buddhistischen Lamas der Alten Tibetischen Überlieferung (Nyingma). Im Jahre 2000 wurde er als Ngakpa (tantrischer Yogi) in dieser Tradition ordiniert.

Tantra

Tantra bedeutet wörtlich Faden oder Verflochten sein und meint natürliches, spontanes Verbundensein mit allem und jedem.

Jeder Augenblick des Lebens ist Stoff für die tantrische Praxis. Alle Sinneseindrücke werden dabei möglichst unvoreingenommen wahrgenommen und uneingeschränkt kreativ integriert.

Manche tantrische Traditionen enthalten komplexe Rituale. Essentielles oder Inneres Tantra verzichtet hingegen weitgehend auf rituelle Ausdrucksformen und ist vollkommen kulturunabhängig in jeden Lebensstil integrierbar.

Padmasambhava („der Lotos-Geborene“) (Abb. 1) ist die zentrale Figur im tantrischen Buddhismus. Der Lotos erblüht aus dem Sumpf. In diesem Symbol ist die Psycho-Physiologie des Innern Tantra ausgedrückt. Schlamm und Morast sind, ebenso wie Belastung und Neurose, der Wurzelboden, aus dem Klarheit, Reinheit und Schönheit erwachsen können. Verzerrung und Pathologie beinhalten von Anfang an Perfektion und Blüte. Die Symptomatik ist der Nährboden für die Salutogenese. Die Lösung wurzelt im Problem.

Der natürliche Zustand

In der Lehre des Inneren Tantra wird nicht von Erleuchtung, sondern vielmehr von natürlichem Zustand gesprochen.

Das Ziel jeder tantrischen Praxis ist ein freier, natürlicher, unbegrenzter, authentisch entspannter und primär gesunder Zustand des Menschen. Die tantrische Medizin ist als salutogenetisches System darauf ausgerichtet, jedem Menschen den natürlichen Zustand zugänglich zu machen.

Jedoch ist mit dem natürlichen Zustand keinesfalls der naive Glaube an permanente körperliche Gesundheit verknüpft. Vergänglichkeit des Körpers und Endlichkeit des menschlichen Daseins gehören zu den wesentlichen Grundgedanken tantrischer Praxis.

Die grundlegende Pathologie – Der Versuch der Trennung von Form und Leerheit

Die Lehre des Inneren Tantra betrachtet in dem ständigen Versuch der Menschen, Endlichkeit und Verände rung zu negieren, indem sie zwanghaft und permanent Solidität und Konstanz in den Vordergrund ihres Ich-Verständnisses schieben, als die pathologische Problematik schlechthin.

Wir erschaffen unsere subjektive Realität auf der Basis von Sinneseindrücken, die durch unsere gewohnten Erwartungshaltungen vorgeprägt und gefiltert sind. Der dabei vorherrschende Filter ist die Erhaltung eines festen Ich-Bildes. Wir halten uns an scheinbar stichhaltige Indizien für ein „fixes Ich“ und vermeiden gleichzeitig alle dieses Ich hinterfragende Eindrücke. Das entspricht dem menschlichen Grundproblem, Form zu bevorzugen und die damit untrennbar verbundene Leerheit zu negieren. Form ist jeder erdenkliche Inhalt des Geistes oder jeder begreifbare Sinneseindruck, den uns unsere innere und äußere Wahrnehmung – im Sinne von verfestigten, statisch existierenden, abgesonderten, fortdauernden und eindeutig umschriebenen Phänomenen – liefern kann. Leerheit ist das Unbegreifliche und Unfassbare, das unsere Referenzpunkte und unsere Beziehung dazu auflöst – fragil, vergänglich, vermischt, unterbrochen oder nicht genau umschrieben. Leerheit ist aber auch das unvoreingenommene, unbeschränkt offene, spontane und absolut kreative Potential für das Entstehen jeglicher Form. Form entsteht aus Leerheit und löst sich wieder spontan in Leerheit auf, um wieder aus Leerheit zu entstehen. Abhängig von äußeren und inneren Situationen und vorgeprägt durch unsere Gewohnheitsmuster entsteht auch die momentane Form unseres „Ich“ in jedem Augenblick aufs Neue, um sich im nächsten, neuen Moment wieder in Leerheit aufzulösen. Diese Sichtweise muss das Konzept eines fixen Ich-Bildes zutiefst hinterfragen. Meist missverstehen wir das unbeschränkt offene, unfassbar weite menschliche Potential unseres Seins als bodenlose Leere, als Fehlen jeglicher Anhaltspunkte oder als Ende jeglichen individuellen Ichs, weil wir dabei an die natürliche Sicherheit unserer eigenen Endlichkeit erinnert werden. Jede Lebenssituation, die im Stile eines bestimmten Elements verzerrt und unentspannt erlebt oder missverstanden wird, lässt typische Strategien entstehen. Diese sind darauf ausgelegt, das gewohnte und verlässliche Muster zur Bestätigung eines konstanten Ichs wieder herzustellen. Daraus leiten sich viele Eigenschaften unserer Persönlichkeit ab. Praxis des Inneren Tantra

In der essentiellen Medizinpraxis des Inneren Tantra ist Meditation das eigentliche Mittel der salutogenetischen Perspektive. Durch die Entwicklung in der Meditationspraxis ist es möglich, die Mechanismen der eigenen Wahrnehmung zu erleben und durchschaubar werden zu lassen. Durch diese direkte, unmittelbare, unvoreingenommene Erfahrung können wir beginnen, uns selbst und unsere Umwelt anders wahrzunehmen.

Philosophische Spekulationen, die nicht auf tatsächlichen Erfahrungen beruhen, bleiben hier genauso Abstraktionen wie positivistische Formulierungen oder naiver New-Age-Idealismus. Sowohl unsere individuelle Persönlichkeit mit ihren spezifischen Mustern als auch jede Lebenssituation mit ihrem speziellen elementaren Grundtenor bieten uns die Möglichkeit, unseren ureigensten, natürlichen Zustand zu entdecken. Die fünffache elementare Dynamik ist in jedem Augenblick unseres Lebens sowohl in uns, in unserer Umgebung, als auch in unserer Wahrnehmung erfahrbar. Durch authentische Entspannung wird es uns möglich, das Potential und den weiten Raum unseres Seins als Mutterschoß aller Möglichkeiten, als die Chance für Spontaneität, Offenheit und natürliche Verbundenheit zu sehen. Daraus entstehen in jeder Situation des Lebens ganz natürlich spontanes Verständnis und stimmiges Verhalten. Dazu Ngak’chang Rinpoche und Khandro Déchen, die Lamas des Autors: Das verwirklichte Wesen, das du tatsächlich bist und immer gewesen bist ist „das Reale“, nicht die Ansammlung von Neurosen, Ängsten und Mustern, an die wir so gewöhnt sind. Der individuelle Charakter unseres psycho-physiologischen und emotionalen Grundgerüsts symbolisiert in der einen oder anderen Weise unser erleuchtetes Wesen. Jeder Geisteszustand, wie verzweifelt, bedroht oder stressig er auch immer sein mag, ist dynamisch mit der immanenten Freiheit des nicht-dualen Spiels unserer freien Elemente verbunden. Der natürliche Zustand des menschlichen Geistes ist frei und offen. Diese Freiheit gilt es zu entdecken. Diese Freiheit kann nicht „geschaffen“ werden. Die Dynamik der Elemente Erde – Wasser – Feuer – Luft – Raum

Erde ist massiv. Erde existiert in gewaltigen Formen, als Gebirgszüge, als Täler, Ebenen, Kontinente. Erde lässt uns die eigene Bedeutungslosigkeit spüren. Erde ist überwältigend, unheimlich solid. Erd-Beben vernichten die Arbeit von Jahren in Sekunden. Schwankt die Erde, verschwindet jedes Gefühl von Sicherheit.

Das Missverständnis des Erdelements besteht in einem Gefühl von Bedeutungs- und Substanzlosigkeit, dem wir durch die Entwicklung von Festigkeit und Stärke zu entgehen versuchen. Das Bedürfnis, Wohlstand und Macht zur Schau zu stellen, erwächst aus unserem tief sitzenden Gefühl von Armut und Wertlosigkeit. Um dieses Hohlsein zu kompensieren, erschaffen wir Imperien, wir horten Reichtümer und häufen scheinbar überzeugende Definitionen unseres Selbst bezüglich Status, Eigentum, Kontrolle, Ruhm, Verehrung und Vorherrschaft an. Hartnäckigkeit, Territorialität und Arroganz führen uns tiefer in unsoziales zwischenmenschliches Verhalten hinein. Durch einen Moment der Entspannung kann sich jedoch die Territorialität der Erdelement-Neurose in nicht differenzierende Wertschätzung und unbeschränkte Großzügigkeit ver-wandeln. Wasser ist in der Gischt, im Sturzbach, im Nieselregen. Die Brandung bricht sich an der Hafenmauer und lässt glitzernde Gischt entstehen; die Wogen donnern und rollen an die Klippen, der Gebirgsfluss reißt mit seiner ungezähmt wilden Strömung alles mit sich. Das Wasserelement reagiert auf das unfassbar weite Potential des Seins zunächst mit Angst. Diese versuchen wir durch Aggression zu überspielen – Aggression, in der wir uns berechtigt fühlen, handgreiflich zu werden. Rechtfertigung nährt unseren Ärger und Groll, um unsere Angst in Schach zu halten. Aber wenn wir uns auf natürliche Weise ermächtigt und zuversichtlich fühlen, können wir es uns leisten, freundlich und tolerant zu sein. Die Aggression der verzerrten Wasserelement-Neurose wird zu spiegelblanker Klarheit und glasklarer Einsicht. Feuer ist die leidenschaftliche Lebenskraft, die ihre eigene Umwelt zerstört. Feuer verschlingt alles, mit dem es in Kontakt kommt. Feuer ist sinnliche Energie. Wir sprechen von einem zündenden Funken, der überspringt, von flammender Leidenschaft, vom brennenden Verlangen, singen von „setting the night on fire“, „ring of fire“. Aber genauso kann sich Leidenschaft abkühlen und Gefühle können erlöschen. Ein Gefühl von Isolation und Trennung steigt als Missverständnis des verzerrten Feuerelements auf. Dies vermeiden wir durch Konsumzwang. Wir erleben unsere Welt als eine emotionale Wüste und versuchen unsere Einsamkeit zu verdrängen, indem wir nach Vereinigung mit jedem x-beliebigen Fokus unserer flüchtigen Aufmerksamkeit haschen. Durch entspannte, offene Wertschätzung wird die konsumierende Besessenheit der verzerrten Feuerelement-Neurose ganz natürlich zu leidenschaftlichem, vorbehaltlosem Mitgefühl. Luft schweift in alle Richtungen, berührt alles, erkundet jede Oberfläche, jeden Winkel, jede Biegung. Luft sucht immerzu, aber findet nie. Der Wind muss weiterwehen, immer rastlos auf der Suche. Luft kann eine sanfte warme Brise im Frühling sein oder ein gewaltig zerstörerischer Hurrikan. Das verzerrte Luftelement empfindet abgrundtiefe Furcht und verwickelt sich daraufhin mehr und mehr in ein sich selbst speisendes Perpetuum mobile des Misstrauens. Wir befürchten, dass unheimliche, geheime Mächte im Spiel sind, die nur darauf aus sind, uns auf subtile Weise zu schaden. Jegliche Empfindung von Stabilität geht verloren. Unheimliche Bedrohung von allen Seiten – alle stehen unter Verdacht. Ständig müssen wir unsere Konzentration kreisen lassen, müssen alles überwachen. Unsere Gefühle reichen von Feindseligkeit über Eifersucht und Misstrauen bis hin zu Paranoia. Sich zu erlauben, Schritt für Schritt das zu tun, was getan werden muss, verlangsamt sehr rasch den paranoiden Wirbelwind des Luftelements. Ein Moment der entspannten Klarheit, in dem wir sehen, was tatsächlich „direkt vor unserer Nase liegt“, lässt aus der kreisenden Paranoia des verzerrten Luftelements offenes Vertrauen und sich selbst erfüllende Aktivität entstehen. Raum erinnert uns wegen seiner unendlichen Weite an den Tod. Wir können uns in der Raumdimension dauerhaft verlieren. Raum kann uns leer und blank erscheinen; nichts gibt es dort, nichts passiert und es gibt nicht einmal jemanden, der wahrnimmt, dass nichts passiert. Bei der Idee, dass absolut nichts und niemand da ist, erfasst uns absoluter Schrecken. Die verzerrte Reaktion des Raumelements ist das fundamentalste aller Reaktionsmuster, das die anderen vier Reaktionsmuster entstehen lässt und in welches sie anschließend kollabieren. Bei diesem fundamentalen verzerrten Muster werden wir von der bloßen Weite des Raumes ganz und gar überwältigt. Indem uns das Raumelement an den eigenen Tod erinnert, spüren wir die Auflösung des Ichs, das Ende von allem besonders deutlich. Der Ausweg, den das Raumelement entwickelt, besteht darin, überhaupt keinen Ausweg zu entwickeln. Wir werden handlungsunfähig und depressiv, stellen uns blind, taub, stumm, gefühllos und dumpf. Wir suchen Schutz in Vergessen, Vergessenwerden und Vergessenheit. Erlauben wir uns allerdings, die Weite des Raumes als unerschöpfliche Palette an Möglichkeiten und unendliche Bühne für unsere Sinneseindrücke zu erleben, verwandelt sich die absichtlich herbeigeführte Depression des verzerrten Raumelements in allgegenwärtige Intelligenz und durchdringendes Gewahrsein. Salutogenese – im natürlichen Zustand verweilen

Alle Menschen tragen ein für sie typisches Element oder Muster in sich. Dies zeigt sich in Talenten, Fähigkeiten und Eigenheiten; mitunter aber auch in pathologischen Tendenzen. Entsprechende Lebensumstände können elementare Dysbalancen derart anheizen, dass sich psycho-physiologische Störungen entwickeln.

Aber welches Ungleichgewicht sich auch immer zeigt: Die Essenz der tantrischen Psychologie besagt, dass verzerrte oder neurotische Element-Reaktionen immer auch direkt, spontan und dynamisch mit der vollen Weite des natürlichen menschlichen Potentials verbunden sind. Das Symptom beinhaltet die Lösung. In jeder elementtypischen Strategie sind Spontaneität, Offenheit und natürliche Verbundenheit im Stile des jeweiligen Elements enthalten. Um diese Wahlmöglichkeit zu sehen, bedarf es eines Moments der authentischen Entspannung und des tatsächlichen Loslassens von gewohnten Mustern. Das ist die eigentliche salutogenetische Botschaft der tantrischen Medizin. Meditation

Durch die Meditations-Praxis (Abb. 2) des Inneren Tantra wird der einengende Horizont unserer gewohnten, konventionellen Realität gesprengt und unser natürlicher Zustand erschlossen.

Zunächst werden in der Meditation auftauchende Gedanken losgelassen und sein gelassen. Später wird die Energie jeder Emotion als physische Empfindung zugelassen. Der Meditierende wird zur Emotion und hört auf, Beobachter zu sein. Jede Trennung zwischen Erfahrung und Erfahrendem löst sich auf. Schließlich erlebt der Praktizierende die natürliche Identität von Leerheit und Form. Letztendlich kann in jedem Augenblick des alltäglichen Lebens der natürliche Zustand des Menschen realisiert werden. Verzerrte Emotionen befreien sich spontan selbst und werden zur natürlichen Lebensenergie. Durch diese Meditationsmethoden kommen die Praktizierenden in die Lage, in der Dimension der eigenen Erfahrung zu verweilen, ohne dass der aktuelle Inhalt des Geistes sofort wieder als Bestätigung eines konstanten Ich herangezogen werden muss. Der menschliche Geist wird dadurch frei von jeglicher konzeptuellen Aktivität, vollkommen präsent und nähert sich seinem natürlichen Zustand.

Korrespondenz:

Dr. Lukas Gallei, Am Forst 17

7212 Forchtentein

Tel/Fax 02626 20414

Mobil 0699 13 33 30 51

www.praxisamforst.at

oder

 

Literatur beim Verfasser 1 Die originalen Quellen sprechen dabei weniger von substantiellen Elementen, sondern vielmehr von elementaren Grundkräften und Dynamiken [4]. 2 Die Einengung von Sinnlichkeit auf tantrische Sexualität entspringt dabei überbordenden westlichen New-Age-Fantasien. Vergleichsweise wenige tantrische Traditionen verwenden sexuelle Praktiken als authentische Hauptpraxis.
Fazit für die Praxis Tantrische Praxis eröffnet den Menschen ihr uneingeschränktes Potential, ihren natürlichen Zustand, und lässt sie darin mühelos verweilen. Essentielles Tantra ist ein klar fassbarer Schlüssel zu den Grundzügen des menschlichen Verhaltens, zu den uneingeschränkten Möglichkeiten der menschlichen Natur und zu deren gesunder Verwirklichung. Diese fundamentale salutogenetische Perspektive kann kulturunabhängig in jedes ganzheitsmedizinische Konzept integriert werden.

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