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Prof. Dr. Walter Tschugguel, Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde, setzt Hypnose seit 2001 erfolgreich in seinem Fachgebiet ein.
 
Komplementärmedizin 12. März 2009

Suggestionen gegen Angst und Schmerz

Ob Geburtsvorbereitung, chronische Beschwerden, unangenehme Untersuchungen oder Zahnarztphobien: Dem Einsatz der Hypnose in der Medizin sind kaum Grenzen gesetzt.

Im medizinischen Grundstudium wird Hypnose als Wahlfach angeboten, in der Zahnmedizin nimmt sie gerade zwei Wochenstunden ein. Prof. Dr. Walter Tschugguel von der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Prof. Dr. Henriette Walter von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie haben zwei neue Unilehrgänge initiiert, um diese mannigfaltige Methode für mehr Patienten zugänglich zu machen (s. Kasten).

 

Für welche Teilbereiche der Medizin ist die Hypnose besonders interessant?

TSCHUGGUEL: Hypnosetechniken werden schon sehr lange zur Beruhigung, Angstminderung sowie zur Schmerzkontrolle eingesetzt und stellen rasch eine positive Beziehung zwischen Arzt und Patient her. Das erleichtert die Behand- lung in allen Fachbereichen des medizinischen Alltags – z. B. bei Angst vor Injektionen oder vor Operationen, bei invasiven Untersuchungen wie einer Gastroskopie, zur Einsparung von Anästhetika oder sogar zur Beschleunigung der Wundheilung. Interessant ist natürlich auch der Einsatz der Hypnose bei verschiedenen Zahnarztphobien. Hier kann man nicht nur die Angst mindern, sondern Eingriffe wie Wurzelbehandlungen oder Extraktionen unter Hypnose vornehmen, für die sonst eine Anästhesie notwendig wäre. Das bietet sich speziell für Patienten mit Überempfindlichkeiten gegenüber Narkosemitteln oder bei der weit verbreiteten Angst vor Injektionen an. Auch eine Blutungskontrolle ist möglich.

 

Wie funktioniert die Blutungskontrolle konkret?

TSCHUGGUEL: Das vegetative Nervensystem und, im von Ihnen angesprochenen Fall, der Angstzustand beeinflussen die Blutungsneigung und auch die Stärke der Blutung. Man kann Patienten in Trance mit direkten Suggestionen dazu bringen, dass sie sich angstfrei fühlen, und so Blutungen, die aus der Angstsitua-tion heraus gefördert werden, verhindern bzw. minimieren. Auch Dolor post kann sehr gut mit dieser Technik kontrolliert werden.

 

Stichwort Analgesie: Wo liegen hier die Grenzen der Hypnose?

TSCHUGGUEL: Die Hypnose kann prinzipiell in allen Fällen, wo eine Analgesie notwendig ist, eingesetzt werden. Die Grenzen der Schmerzausschaltung in der Hypnose liegen beim Anwender und situationsabhängig beim Patienten. Hat ein Patient die feste Überzeugung, eine ganz bestimmte Behandlung müsse immer mit Schmerzen verbunden sein, kann man mittels der Hypnose diesen Glaubenssatz aufweichen, aber dem Patienten sozusagen noch ein wenig Schmerz belassen.

 

Wie setzen Sie die Hypnose in Ihrem Fachgebiet Gynäkologie ein?

TSCHUGGUEL: Einerseits zur Geburtsvorbereitung, die ich in der Re-gel in Form von zwei bis drei Sitzungen im Abstand von einem Monat während der Schwangerschaft durchführe. Dabei arbeite ich mit sogenannten posthypnotischen Suggestionen, die ich während der Sitzung setze und die dann später im Akutfall wirksam werden. Sobald das Unbewusste die verankerte Situation erkennt – in diesem Fall regelmäßige Wehen oder den Kreissaal –, gehen die Patientinnen automatisch in Trance. Dabei hat die Frau zusätzlich die Wahl, wie sie die Geburt konkret erleben möchte. Entweder bleibt sie bei sich im Körper und kann gleichzeitig bei der Geburt zusehen. Das wird insbesondere bei Erstgebärenden vorher im Trockentraining geübt, wodurch die Frau das Gefühl hat, die Situation schon zu kennen und damit die Geburt angstfrei genießen kann. Die zweite Möglichkeit ist eine Dissoziation, wobei der Körper wie ein außenstehendes, autonomes Element empfunden wird, dem die Frau von oben zusehen kann. Das führt u. a. zu einer ruhigeren Atmung in den Pausen zwischen den Wehen, was auch der Sauerstoffversorgung des Babys zugute kommt. In der Gynäkologie setze ich die Hypnose zum Beispiel bei Frauen mit Amenorrhoe oder chronischen Unterleibsschmerzen ein.

 

Welche Rolle spielt in diesen Fällen die Psyche?

TSCHUGGUEL: Häufig laufen körperliche und mentale Probleme parallel. Meist sind diese Patientinnen Frauen, die sich schwer abgrenzen können und uneindeutig kommunizieren. Der Körper wird dann langfristig zum Sprachrohr. Die Hypnose hilft diesen Frauen, authentischer zu werden. Sie lernen, sich selbst wieder zu spüren, und ändern dann nicht selten ihr gesamtes Weltbild.

Können Sie dazu ein konkretes Fallbeispiel nennen?

TSCHUGGUEL: Ich hatte eine Patientin mit Übergewicht, Haarausfall, funktioneller Amenorrhoe seit fünf Jahren und dadurch unerfülltem Kinderwunsch. Gleichzeitig hatte die Patientin aber selten Geschlechtsverkehr mit ihrem Mann – eine massiv ambivalente Situation. Ein Jahr später kam sie wieder zu mir und ich habe sie nicht wiedererkannt: Sie war schlank, hatte volles Haar, einen regelmäßigen Zyklus und auch wieder das Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Auf meine Frage nach dem Kinderwunsch meinte sie: Das hat Zeit, wichtig ist es, jetzt das Leben zu genießen. Die Kinder kommen schon, wenn es sein soll. Hier hat sich durch unbewusste Änderung der Glaubenssätze auch das körperliche Erscheinungsbild signifikant geändert.

 

Gibt es Patienten, bei denen die Hypnose gar nicht klappt?

TSCHUGGUEL: Das hängt immer davon ab, wer die Methode wie einsetzt. In schwierigen Situationen muss individuell auf den Patienten eingegangen werden, ohne Patentrezept. Man geht davon aus, dass ein Fünftel der Patienten sehr gut hypnotisierbar ist, drei Fünftel mittelgradig ansprechen und das letzte Fünftel schlecht bis gar nicht hypnotisierbar ist. Ich bin wie andere Experten auf diesem Gebiet jedoch der Meinung, dass dieses letzte Fünftel durchaus mit anderen Zugängen erfolgreich hypnotisierbar wäre.

 

Das Gespräch führte

Kasten:
Unilehrgänge für Hypnose in Wien
An der Universität Wien wird je ein Universitätslehrgang für medizinische sowie für zahnmedizinische Hypnose angeboten. Ersterer läuft seit Herbst 2008, jener für Zahnärzte startet bei genügend Teilnehmern. Die Fortbildung dauert zwei Semester und setzt sich aus sieben Seminaren sowie aus Supervisionen, Fachliteraturstudium, Patienten-arbeit und deren Dokumentation zusammen. Tschugguel: „Von Beginn an werden die Teilnehmer ermutigt und angeleitet, das jeweils Erlernte in der Praxis anzuwenden.“ Weitere Informationen über Inhalte und Anmeldung: www.meduniwien.ac.at/hypnose.
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Prof. Dr. Walter Tschugguel, Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde, setzt Hypnose seit 2001 erfolgreich in seinem Fachgebiet ein.

Mag. Andrea Fallent, Ärzte Woche

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