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Handbuch der Integrativen Therapie Leitner, Anton 333 Seiten, € 58,32 Springer Wien, 2010 ISBN 9783211997345

 
Komplementärmedizin 5. Jänner 2011

Mehr als nur der Körper

Neues Handbuch zur Integrativen Therapie.

Wenn die Schulmedizin allein nicht zum Ziel der Beseitigung von Beschwerden oder zur Heilung des Patienten führt, ist es sinnvoll, einen Blick über den Zaun zu riskieren. Die Integration anderer Therapieoptionen wird im kurativen wie im palliativen Bereich erfolgreich angewendet. 

Der Mensch ist in seiner Vielschichtigkeit, in seinem Facettenreichtum und in seiner Komplexität einmalig in der Natur. Dem annähernd gerecht zu werden, heißt, in der Diagnostik einen mehrperspektivischen Zugang und in der Folge einen schulenübergreifenden methodenintegrierenden Behandlungsweg anzuzeigen.

Psyche und Körper

Eindrücklich ist das beispielsweise bei einem „rein körperlich“ zugeschriebenen Ereignis, etwa einem Bandscheibenvorfall, zu erkennen: selbstverständlich liegt hier ein körperlicher Schaden vor. Die Therapie wird lege artis bis hin zur Operation erfolgen. Wir greifen aber zu kurz, wenn wir nur am Körper manipulieren. Es kann Sinn machen, nach erfolgter medizinischer Behandlung und Rehabilitation auch lebensgeschichtliche Ereignisse zu reflektieren, die ein betroffener Patient zeitextendiert und unreflektiert mitschleppt.

Eine solche Reflexion kann im Rahmen von „unbewussten Übertragungen“, zum Beispiel einer „Vater-Übertragung“ zum Chef, zu wiederholten körperlichen Anspannungen führen, die letztlich mit dazu beitragen, dass die osmotische Ernährung der Bandscheiben herabgesetzt wird.

Objektivierbarkeit

Wegen solcher Vorschädigungen, die über bildgebende Methoden als „Abnützungen“ objektiv sichtbar sind, kann es nach einem „Auslöser“ (wie Sport oder ungewöhnliche Bewegung in der Arbeit) zu einem Bandscheibenvorfall kommen. Daher kann es für Patienten, die für eine psychosomatische Sichtweise zugänglich sind, sinnvoll sein, unbewusste Verhaltensstrategien aufzudecken. Dadurch kann eine Neuorientierung eingeleitet werden, um nicht in absehbarer Zeit die nächste Bandscheibe zu opfern. Wir Menschen sind mehr als „nur Körper“, mehr als eine physikalische Größe in Kilopond gemessen und mehr als Biomasse in Kilogramm.

Humantherapie

Die Integrative Therapie versteht sich als „Humantherapie“, ist doch in jeder Erkrankung der ganze Mensch betroffen. Dies drückt sich körperlich in seinem Schmerz, seiner Bewegung, Haltung, Gestik, Mimik, in den Gefühlen und in seiner geistigen Verfassung aus. Auf der Grundlage klinisch-empirischer Forschung, sowie unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Kenntnisstände und bewährter Konzepte unterschiedlicher Therapierichtungen wurden schulenübergreifende Konzepte entwickelt und in dieses Psychotherapieverfahren integriert.

Persönliche Entwicklung

Die Integrative Therapie versteht die persönliche Entwicklung als lebenslangen Prozess. Ausgehend von der aktuellen Lebenssituation wird auf negative und defizitäre, sowie auf positive und stützende Ereignisse und Ereignisketten in der Biografie fokussiert. Bewusste und unbewusste Strebungen werden in ihrer Relevanz für die Persönlichkeitsentwicklung und Lebensführung erfahrbar gemacht, um so eine zukunftsgerichtete, nachhaltige Veränderung des Lebensstils zu ermöglichen.

Eine tragfähige therapeutische Beziehung als intersubjektiver Prozess ist die Grundlage für differenzierte Wege der Heilung und Förderung. Neben der Zentrierung auf Sinnerfahrung und der Vermittlung von Einsicht können in weiteren Wegen emotionale Nachsozialisation durch „korrigierende Erfahrungen“, Erlebnisaktivierung durch „alternative Erfahrungen“ sowie Solidaritätserfahrungen ermöglicht und vermittelt werden.

Kreative Techniken

Integrative Therapeutinnen und -therapeuten setzen in der psychotherapeutischen Behandlung neben dem verbalen Austausch auch kreative Medien, Techniken und Methoden ein, die darauf abzielen, lebensbestimmende und belastende Ereignisse des bisherigen Lebens bewusst zu machen und Ressourcen aufzuspüren. Dabei werden die Patienten und Patientinnen unterstützt, neue Formen des Denkens, Erlebens und Verhaltens zu entwickeln, um so einen zukunftsgerichteten Lebensstil sowie eine Zunahme an Lebensqualität und Gesundheit zu erreichen.

Ziel ist es, Symptome psychischer, psychosomatischer und psychosozialer Erkrankungen zu beseitigen oder zu lindern und Persönlichkeitsentwicklung der Patienten zu fördern.

Auf dieser Basis ist die Integrative Therapie ein kuratives und palliatives Handeln in ambulanten, stationären, klinischen und rehabilitativen Settings, aber auch eine gesundheitsfördernde Arbeit. Sie findet Anwendung in der Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppentherapie sowie in der Supervision.

 

Prof. Dr. Anton Leitner, MSc, ist an der Donau-Universität Krems - Department für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie, tätig. Des Weiteren ist er Mitglied des Obersten Sanitätsrates und des Psychotherapiebeirates im Bundesministerium für Gesundheit der Republik Österreich.

Von Prof. Dr. Anton Leitner, MSc, Ärzte Woche 1 /2011

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