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Fotos: ÖGHM
Abb. 1: Globuli: Die Einnahme erfolgt zumeist oral in Form von Globuli (Kügelchen), die aus Rohrzucker bestehen und mit einem Arzneimittel getränkt sind.

Abb. 2: Abfüllung: Es gibt verschiedene Stärken (= Potenzen): C-Potenzen, D-Potenzen, LM-Potenzen (= Q-Potenzen), die einen unterschiedlichen Verdünnungsgrad angeben.

Abb. 3: Was kann die Homöopathie? Sie unternimmt den Versuch, den ursprünglichen Gesundheitszustand wiederherzustellen.

 
Komplementärmedizin 18. August 2010

Similia similibus curentur – damals wie heute


Was kann die Homöopathie? Wie wirkt sie, und wer profitiert davon? 

Im Jahre 1755 wurde Christian Friedrich Samuel Hahnemann in Meißen geboren. Im Rahmen seines Medizinstudiums kam er nach Wien, wo er bei Dr. Quarin, dem Leibarzt von Kaiser Joseph II. und Gründer des Alten AKH, im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder studieren durfte.


Die Medizin im 18. Jahrhundert war geprägt durch Verfahren, die wissenschaftlich nicht fundiert waren, z. B. Aderlässe, Klistiere, Blutegel, etc. Hahnemann gab daher die Ausübung des medizinischen Berufs auf. Er sicherte das Überleben seiner rasch anwachsenden Familie durch Übersetzungen. Dabei kam er bei der Übersetzung eines Werkes von Cullen zu einer Stelle, an der die Wirkung der Chinarinde besprochen wird: Das Kauen der Chinarinde heilt Malaria durch eine tonisierende Wirkung auf den Magen, was von Cullen auf deren Bitterkeit zurückgeführt wurde. Hahnemann bezweifelte diese Er­klärung und konstatierte bei einem Selbstversuch tatsächlich Symp­tome, die denen der Malaria ähnlich waren. Durch einen Gedankenblitz kam ihm das Ähnlichkeitsgesetz als die Grundlage der Homöopathie in den Sinn, nämlich „Similia similibus curentur“ (Ähnliches muss durch Ähnliches geheilt werden). Dies bedeutet vereinfacht, dass einerseits die Einnahme von Chinarinde beim Gesunden Malariasymptome hervorrufen kann, und andererseits Kranke mit ähnlichen Symptomen durch Chinarinde geheilt werden können. Dabei wird durch die jeweiligen Arzneimittel im Körper eine Kunstkrankheit erzeugt, die stärker ist als die eigentliche, ursprüngliche Krankheit und diese damit überwindet. Die Dauer der Kunstkrankheit ist aber bedeutend kürzer. Somit kommt es also zu einer Anregung der Eigenheilkräfte. Die Krankheit soll gehoben werden, das heißt, sie soll von innen her gänzlich zum Verschwinden gebracht werden. Dabei kann es auch zum Auftreten einer Erstreaktion kommen, wodurch in den meisten Fällen eine Heilung respektive Besserung eingeläutet wird. 


In der Folge untersuchte Hahnemann mit seiner Familie und Kollegen verschiedene pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen und schrieb die Symptome genau auf. Dabei entstanden die sogenannten Arzneimittelbilder nach der Prüfung am Gesunden. Da die Zahl der Symptome sehr groß war, entstanden später sogenannte Repertorien, das sind Register, mit deren Hilfe die Arzneimittel leichter auffindbar sind.


Hahnemann begann eine Praxis. Da er ein cholerischer Typ war und zudem im Krieg mit Apothekern wegen Selbstdispensierung lag, ist er zum Leidwesen seiner Familie mehrmals umgezogen und lebte zuletzt in Köthen. Seine zweite Frau, Melanie Gohier, brachte ihn nach Paris, wo er im Alter von 88 Jahren im Jahre 1843 verstarb.


Hahnemanns wesentliche Werke sind: das Organon, 6. Ausgabe, das die Grundlagen der Homöopathie in knapp 300 Paragraphen zusammenfasst, darunter § 1 („Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“) sowie § 153, der die Wichtigkeit der eigentümlichen und sonderbaren Symptome für die Anamnese und Mittelfindung besonders betont. Die Arz­neimittellehre beschreibt sämtliche bei der Prüfung auf­getretenen Symptome. Die Chronischen Krankheiten sind Hahne­manns Meisterwerk, das er erst im hohen Alter abschloss.


Wie sieht nun die homöopathische Praxis aus? Die Patienten kommen mit Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen zum Homöopathen, vorteilshafterweise noch vor organischen Veränderungen. Die Patienten schildern ihre Beschwerden, am besten simpel und einfach ohne Verwendung von Fremdwörtern und fertigen Diagnosen. Der Arzt schreibt alles auf, versucht wenig zu unterbrechen, nur hier und da gezielte Zusatzfragen zu stellen. Die Anamnese in der Homöopathie zeichnet sich durch besondere Berücksichtigung individueller Symptome aus. Es wird auch besonderes Augenmerk auf eventuelle Auslöser gelegt, die Anamnese berücksichtigt also auch die Gründe, die zur Entwicklung der Krankheit beigetragen haben können.


Die Fragen des Arztes beziehen sich, ähnlich wie in der konven­tionellen Medizin, auf Familien­anamnese, Kinder­krankheiten und frühere Krank­heiten. Weiters wird eine vegetative, soziale, private sowie berufliche Anamnese erhoben, wobei auch Gemütssymptome besondere Beachtung finden. Dazu kommt eine physikalische Untersuchung. Wert wird auf zum Teil weniger wichtig erscheinende Details gelegt, wie z. B. Empfindlichkeiten gegenüber Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, etc. Nach Aufschreiben aller Symptome versucht der Arzt, jenes passende Arzneimittel zu finden, das bei der Prüfung bei Gesunden ähnliche Symptome hervorzurufen imstande ist.


Die Einnahme erfolgt zumeist oral in Form von Globuli (Kügelchen), die aus Rohrzucker bestehen und mit 
einem Arzneimittel getränkt sind. Es gibt verschiedene Stärken (= Potenzen): C-Potenzen, D-Potenzen, LMPotenzen (= Q-Potenzen), die einen unterschiedlichen Verdünnungsgrad angeben. Warum hat Hahnemann nun die Potenzen eingeführt? Er testete zunächst die Arzneimittel in unverdünntem oder in üblicher Weise verdünntem Zustand. Da aber bei der Prüfung von Veratrum album eine seiner Töchter beinahe gestorben wäre (manche Pflanzen sind ja im Ur-
zu­stand sehr giftig), dachte er über eine andere Form der Zube­reitung nach. So entwickelte Hahne­mann die „Potenzen“: Potenz bedeutet Verdünnung UND Verschüttelung des Arzneimittels. Dabei wird z. B. ein alkoholischer Auszug einer Pflanze in einem bestimmten Verhältnis mit einem Wasser-Alkoholgemisch versetzt und in einem verschlossenen Fläschchen geschüttelt. Dieser Vorgang kann nun in gleicher Weise in einem neuen Fläschchen fortgesetzt werden. Die Verschüttelung führt zum Übergang der Wirkung eines Arznei­mittels auf das Lösungs­mittel. Die Grenze für Naturwissenschaftler ist die Losch­midt’sche Zahl: 6 x 1023 (= Zahl der Mole­küle in einem Mol eines Stoffes), die daher Potenzen nur bis zu einer D23 oder C11 verschreiben, in denen noch Moleküle vorhanden sind. Hahnemann machte viele Untersuchungen mit einer C30. Diese so genannten „Hochpotenzen“ zeichnen sich aber durch ihre besonders tief-
gehende Wirkung aus. Die hohe Potenzierung ist aber nicht eine unabdingbare Voraussetzung zur Anwendung der Homöopathie, allerdings treten viele Qualitäten der Arzneimittel erst bei der Potenzierung hervor. Zudem können mit der Potenzierung die toxischen Effekte mancher Arzneimittel umgangen werden. Die D-Potenzen wurden von Hahnemann’s Schülern entwickelt, die LM – Potenzen werden in ihrer Wirkung allgemein als weniger stark als die C-Potenzen angesehen.


Es muss betont werden, dass die Homöopathie eine „materielle“ Medizin ist: die Kügelchen lässt man auf der Zunge zergehen. Wichtig ist es, die Wirkung zu beobachten: Solange eine Besserung eintritt, soll man abwarten und die Mittelwirkung nicht unterbrechen. 


Was kann die Homöopathie? Sie unter­nimmt den Versuch, den ursprüng­lichen Gesundheits­zu­stand wieder­herzustellen. Die Patienten sind aus dem Gleich­gewicht gekommen, eine Harmonisierung wird ange­strebt. Das Vor­handensein der „Lebenskraft“ ist Voraussetzung. Die Homöopathie ist eine Medizin, die nicht nach Indikationen vorgeht, sondern es wird der Patient in seiner Gesamtheit betrachtet. Als vereinfachtes Beispiel kann die Tollkirsche erwähnt werden: Die Einnahme löst bei Gesunden Mydriasis und Tachykardie aus; bei Kranken, die an My-
driasis und Tachykardie leiden, kann Belladonna daher therapeutisch eingesetzt werden.


Im Folgenden ein kleiner Fallbericht: Eine Mutter ist am Wochenende verzweifelt, da die kleine Patientin an Fieber bis 38 °C sowie an Schmerzen im Nabel klagt. Zudem reichen diese Schmerzen quer über das Abdomen bis zur rechten Seite, strahlen aber nicht weiter in den Rücken aus. Mehr war an hilfreichen Symptomen nicht zu erfahren, auch die weitere Untersuchung war unauffällig. Dieses Symptom ist bei den Arzneimittelprüfungen bei Chelidonium aufgetaucht. Eine Gabe Chelidonium C30 half innerhalb kürzester Zeit.


Moderne wissenschaftliche Methoden wie die Thermolumineszenz zeigen, dass hoch potenzierte Sub-
stanzen physikalische Eigenschaften entfalten. Auch große klinische Studien belegen, dass die Ergebnisse mit Homöopathie der Wirkung von Placebo überlegen sind.


Homöopathie kann auch bei Krebspatienten zusätzlich zur bestehenden Behandlung eingesetzt werden. Damit können oft Nebenwirkungen reduziert, das Wohlbefinden gestärkt, Zweiterkrankungen geheilt, und Blockaden gelöst werden. An der Medizinischen Universität Wien, Klinik für Innere Medizin I, Vorstand Univ.-Prof. Dr. C. Zielinski, betreibt der Autor eine „Spezialambulanz 
Homöopathie bei malignen Erkrankungen“, wobei sich gezeigt hat, dass im Vergleich zu unbehandelten Patienten eine höhere Lebensqualität und subjektive Befindlichkeit erreicht werden konnte.n


Korrespondenz: 
Univ.-Prof. Dr. Med. Michael Frass
Sporkenbühelgasse 2
1090 Wien 
und
Viechtlgasse 11 
2340 Mödling
Telefon: 02236 / 47313
Präsident des Dachverbandes
Vizepräsident ÄKH 


1 Univ.-Prof. Dr. Michael Frass
Ärztegesellschaft für Klassische 
Homöopathie (ÄKH)
www.aekh.at

Durch Ähnliches Heilen – Homöopathie in Österreich (2005) Hg.: Peter König. Lexis Nexis Verlag; ISBN 3-7007-2998-7


Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin (2007) Hg.: Michael Frass und Martin Bündner. Elsevier Verlag; ISBN 978-3-437-57260-9


Homöopathische Notfall-Apotheke: Selbsthilfe in Akutfällen (2006) Walter Glück.Goldmanns Taschenbücher; ISBN: 3442167841

Grundlagen der Homöopathie
Ähnlichkeitsgesetz
Arzneimittelprüfung am 
Gesunden
Einzelmittelgabe
Ärztliche Methode
Arzneiliche Methode
Tabelle 1
Fazit für die Praxis
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Homöopathie dadurch gekennzeichnet ist, dass sie von Ärzten unter Verwendung von Einzelmitteln nach der Ähnlichkeitsregel mit an Gesunden und Kranken geprüften Arzneimitteln durchgeführt wird. Zum Wohle der Patienten ist eine Kooperation mit der konventionellen Medizin sowie anderen komplementärmedizinischen Methoden unerlässlich. 
Das Diplom für Homöopathie kann nach einem mindestens dreijährigen Studium bei der Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie (ÄKH; www.aekh.at) erworben werden.

Von Univ.-Prof. Dr. Michael Frass 1, komplementärmedizin 2/2010

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