zur Navigation zum Inhalt
Fotos: Alpentherme Gastein
Abb. 1: Prinzipiell hat Wellness mit Aktivitäten oder Passivitäten zu tun, die man sich selbst zuführt.
 
Komplementärmedizin 8. Jänner 2009

Wellness – was ist das eigentlich?

Versuch einer Definition – und: Was die Thermenlandschaft mit Wellness zu tun hat

Über Wellness zu sprechen, ist ein gewagtes Unterfangen, da es sich um einen strapazierten, unexakten, nicht geschützten und vielfach missbräuchlich verwendeten Begriff handelt. Das Wort Wellness wird im Gesundheits-Sektor und auch im kommerziellen Bereich sehr häufig, beinahe inflationär, verwendet. So häufig, dass manche Stimmen – oftmals beinahe erleichtert – meinen, Wellness sei schon wieder am Abklingen, sei „out“. Seit kurzem taucht der Begriff Selfness auf, der eine Art Reform des Wellnessbegriffes darstellt.

Wellness ist für den Bereich der Kurmedizin und der Thermen ein Thema, dem man sich nicht verschließen darf und auch nicht entziehen kann. Das Thema Wellness wird im Rahmen des ÖÄK Diploms Integrative Kurmedizin gelehrt. Information ist aber auch für Konsumenten angebracht. Der folgende Artikel versucht Ihnen Klarheit über den Begriff Wellness und, wie sich Wellness in Österreichs Thermen verwirklichen lässt, zu vermitteln. Grundsätzlich möchte ich wie folgt vorgehen:

 

  1. Einführung in die vielfältige Verwendung des Begriffes Wellness
  2. Was sagt Literatur/Internet über Wellness
  3. Definition und Geschichte des Begriffes Wellness
  4. Wellbeing, Medizinische Wellness, Selfness
  5. Wellness und Thermen/Kurorte

1. Vielfältige Verwendung des Begriffes Wellness:

Prinzipiell hat Wellness mit gesundheitsfördernden Aktivitäten oder Passivitäten zu tun, die man sich selbst zuführt, ohne dass man mit Ärztin oder Arzt zu tun hat. Die ärztliche Interaktion bleibt für den Konsumenten unbemerkt.

Im Tourismus bieten Wellnessangebote ganz unabhängig von der Lokalisation (Österreich Werbung, www.austria.info) an:

  • Übernachtungen
  • Gutes Essen, Diäten oder Fasten
  • Anwendungen (Massagen, Bäder, Packungen..)
  • Entspannung oder Sport
  • Naturerleben, Besinnliches, Mentales

Also summa summarum: Sinnliches, alles ohne direkte ärztliches Intervention.

Dann gibt es noch Unmengen von Dingen, die mit dem Begriff Wellness attributiert werden:

  • Körperpflege, Kosmetik
  • Nahrungsmittel
  • Kleidungsstücke

Alles ohne direkte ärztliche Intervention.

Und es gibt Wissensinhalte, die mit Wellness betitelt werden: (Bsp: www.wellness.com mit vielen Links)

  • Beziehungen: Freundschaften, Partnerschaft
  • Vitalfunktionen: Schlaf, Stressreduktion, Entspannung, Schmerzfreiheit
  • Selbstbehandlungsmethoden (Schüssler Salze …)
  • Situationen: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Gefängnis, Teenager
  • Sportarten …

Alles ohne direkte ärztliche Intervention.

Weiters wird Wellness auch jenseits der menschlichen Dimension angeboten: Für Hunde, Katzen und andere Tiere, Pflanzen, auch hier wieder, themenbedingt, ohne direkte ärztliche Intervention.Grundsätzlich also:

  • Konsumieren
  • Handeln, Agieren
  • Wissen
  • Gegenstände

– alles möglichst ohne Arztkontakt.

Medizinisches Know how muss aber vorhanden sein, will man seriös sein!

2. Was ist über den Begriff Wellness in Literatur und Internet zu finden?

Wellness ist ein relativ junges Wort, in älteren Lexika findet sich der Terminus gar nicht, jüngere treffen den Inhalt nicht wirklich, da meist von Wohlfühlwellness (siehe weiter unten) die Rede ist.

2.1. WHO (www.who.int)

Die Weltgesundheitsorganisation kennt den Begriff „wellness“ mittlerweile, seit 2001 gibt es Literaturangaben zu diesem Suchbegriff, im Oktober 2008 1210 Einträge, man scheint aber die Begriffe Lifestyle und Health Promotion synonym zu verwenden.

2.2. Internetsuchmaschinen

Bei eher laienorientierten Internetsuchmaschinen (Yahoo, Google ...) werden seitenweise Treffer zum Begriff Wellness angegeben, übrigens im Laufe der Jahre in Explosions-, wenn nicht zu sagen in Inflationsartiger Zunahme.

Medizinische Suchmaschinen haben den Begriff mittlerweile ebenso im Repertoire, wie zum Beispiel medline: im Oktober 2008 finden sich 2540 Treffer.

Allerdings: Richtig schlau wird man aber hier auch nicht.

3. Definition und Geschichte des Begriffes Wellness

3.1.WHO-Definition der Gesundheit und Reaktionen darauf

3.1.1. WHO Definition der Gesundheit

„WHO definition of Health: Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity. (1946)“ (Copyright 2003 World Health Organization)

Wir sehen hier eine romantische Definition (Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens), die nicht realisierbar ist, ein gutes Arbeitsprogramm darstellt, uns aber beispielsweise unterstellt, dass jegliche psychische Weiterentwicklung auch selbst krankhaft ist. Das dürfte nicht genügen.

3.1.2. Halbert Dunn und seine Wellnessgedanken

Erste Publikation über eine Wellnessbewegung war 1961 das Buch „High Level Wellness“ von Halbert Dunn, nach meinen Recherchen als Reaktion auf die 1946 gegebene Definition der WHO der Gesundheit, die Dunn als zu wenig umfassend sah. Dunn war Arzt im öffentlichen Gesundheitswesen. Sein erklärtes Ziel war “a method of functioning, which is oriented toward maximizing ones ability to function in their environment”, also das Optimum an Lebensqualität für jedes Individuum je nach Möglichkeit des Einzelnen zu ermöglichen.

3.2. Wellness wird mehrdimensional

Donald Ardell definiert in seinem Buch „High Level Wellness, An Alternative to Doctors, Drugs and Diseases“ 1977 den fünfdimensionalen Aspekt der Wellness:

  • Eigenverantwortlichkeit
  • Bewusste Ernährung
  • Stresskontrolle
  • Körperliche Fitness
  • Sensitivität für die Umwelt

Später erweitern andere die Wellness auf weitere Aspekte: Wellness wird sechsdimensional: Als Teilfaktoren dieser sechsdimensionalen Wellness gelten hier:

  • Gesellschaft: It is better to contribute to the common welfare of our community than to think only of ourselves. It is better to live in harmony with others and our environment than to live in conflict with them.
  • Beruf: It is better to choose a career which is consistent with our personal values interests and beliefs than to select one that is unrewarding to us. It is better to develop functional, transferable skills through structured involvement opportunities than to remain inactive and uninvolved.
  • Spirituelles: It is better to ponder the meaning of life for ourselves and to be tolerant of the beliefs of others than to close our minds and become intolerant. It is better to live each day in a way that is consistent with our values and beliefs than to do otherwise and feel untrue to ourselves.
  • Körper: It is better to consume foods and beverages that enhance good health rather than those which impair it. It is better to be physically fit than out of shape.
  • Intellekt: It is better to stretch and challenge our minds with intellectual and creative pursuits than to become self-satisfied and unproductive. It is better to identify potential problems and choose appropriate courses of action based on available information than to wait, worry and contend with major concerns later.
  • Emotionen: It is better to be aware of and accept our feelings than to deny them. It is better to be optimistic in our approach to life than pessimistic.

Es wird hier das Umfassende des Wellness-Gedankens dargestellt, erinnert ein wenig an ein religiöses System.

3.3. Beispiel für Wellness-Organisationen

Von diesen Ideen ausgehend wurden Dachgesellschaften gegründet, mit privater oder staatlicher Hilfe. Zum Beispiel:

3.3.1. in den USA

National Wellness Association, gegründet 1977 am National Wellness Institut der Universität Wisconsin/Stevens Point,USA, als gemeinnützige Organisation zur Unterstützung aller Wellness praktizierender Berufsgruppen. Dort definiert man Wellness als einen aktiven Prozess in Richtung einer erfolgreichen Existenz („wellness is an active process of becoming aware of and making choices toward a more successful existence“). – www.nationalwellness.org

Ähnliches gilt für : http://www.tcwf.org/ – The Californian Wellness Foun- dation.

3.3.2. Im deutschsprachigen Raum (auszugsweise)

  • www.wellnessverband.de – mit Qualitätsvorgaben für Produkte und Angebote
  • Europäische Wellness-Union – http://www.optipage.de/ewu/html/kontakt.html – EUROPÄISCHE WELLNESS UNION, EWU, Carl-von-Joest-Straße 13–15, D-50389 Wesseling, Telefon/Telefax 0 22 36/2715, Verantwortliche: Gisela Malich M.A. und Dr. Siegfried Malich M.Sc.
  • www.wellness-institut.com – Bad Homburg; Ausbildung, Beratung, Zertifizierung.

4. Weitere Begriffe

4.1. Wellbeing („Wohlfühlwellness“)

Wellbeing ist Sich-Verwöhnen, Massagen und Wohlgerüche, Behaglichkeit, Zuwendung im Kurzeitverfahren. Also beispielsweise eine Fahrt in eine Therme übers Wochenende mit einigen guten oder zumindest eindrucksvollen Anwendungen. Dies wird leider auch als Wellness bezeichnet, was ja das Problem der unscharfen Definition bringt.

4.2. Selfness

Im Gegensatz zur kurzfristigen Entspannung dient Selfness der dauerhaften Veränderung, der Selbstfindung. Stichworte „Simplifying“ oder „Ich will nicht bleiben wie ich bin.“ Gefordert und gefördert wird eine Übernahme von Eigenkompetenz und dauerhaftes Selbstwissen.

Quelle: www.zukunftsinstitut.de (Matthias Horx). http://www.selfnessforum.de

Meines Erachtens eine klare Reaktion auf den reinen Konsumcharakter der Wohlfühlwellness.

4.3. Medizinische Wellness

Diese versucht, (beginnenden) Krankheiten durch Wissensvermittlung vorzubeugen, wobei die Wissensvermittlung in Erlebnisinhalte (Sport, Tests, Therapien ...) integriert ist. Ärztin und Arzt stehen im Hintergrund, organisieren, achten auf medizinische Korrektheit, stehen aber auch für Nachfragen zur Verfügung. Sinnvoll wäre es, eine Nachbetreuung zu gewährleisten, aber zumindest die Eigeninitiative zu erwecken. Als Teamarbeit ist medizinische Wellness anspruchsvoll, aber auch attraktiv.

4.4. Zusammenfassend

Medizinische Wellness ist eine ganzheitliche Lebensrezeptur mit Langzeiteffekt, führt zu eigenständiger Befindlichkeitssteuerung und zu einer selbstgestalteten Gesundheitskultur. Variante: Medizinische Wellness versteht sich als Gesundheitsförderung durch genüssliche Anleitung zum gesunden Wohlfühlen, durch Wissensvermittlung und durch Förderung der Eigengestaltung der Gesundheit.

Wohlfühlwellness ist eine kurzfristige Regenerierung und prinzipiell sinnvoll, wenn zumindest ein Spürchen Eigeninitiative erweckt wird. Wohlfühlwellness ist ein beachtlicher wirtschaftlicher Faktor, und – für Kurorte – eigentlich eine Rekrutierungsstelle für zukünftige Kurpatienten.

Die Nachhaltigkeit allerdings ist der wesentliche Unterscheidungspunkt

5. Was können unsere Thermen und Kurorte mit Wellness anfangen?

Kurorte, Thermen und Wohlfühlhotels/SPAs sind wie gemacht für die Wellness. Voraussetzung ist das Vermögen und der Wille des Betreibers, Qualität anzubieten. Qualität kann übrigens durchaus auch attraktiv gestaltet werden. Auch können die ortsgebundenen Heilmittel eingesetzt werden, auch wenn Sie nicht über die Dauer einer Kur (3 Wochen) vor Ort sind. Auch natürliche Heilmittel können sehr attraktiv angeboten werden, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren.

5.1. Was können die Thermen und Kurorte bieten

  • Thermalwasser: Die Thermen mit den warmen Wässern und deren Inhaltsstoffen haben einen nachweislichen Effekt für die Gesundheit. Durch die Wärme wird reaktiv eine Lockerung verspannter Muskelpartien erzeugt. Dazu kommt noch die Wirkung der jeweiligen Inhaltsstoffe des Heilwassers. Aber Achtung: die Bezeichnung Therme bedeutet nicht automatisch, dass auch Heilwasser verwendet wird.
  • Qualität: In Thermen und Kurorten gibt es geschulte Therapeuten. Die Angebote reichen von Packungen über Massagen bis hin zu Beauty. Eine gute Therme nutzt auch die ärztliche Kompetenz in der Beratung des Personales und der Abläufe, Stichwort Strukturqualität. Man kann sich also auf das Gebotene verlassen.
  • Erfahrung: Namentlich Kurorte haben eine lange Erfahrung mit Patienten. Man kennt die Probleme, welche Wärme oder Anwendungen machen können. Wer Patienten betreut, kann auch mit Gesunden besser umgehen. Nebenbei: Auch scheinbar Gesunde haben kleinere Störungen (z. B. Krampfadern), welche durch die Behandlungen gereizt werden könnten, wenn man nicht darauf achtet. Also: Sicherheit wird angeboten.

 

5.2. Was kann man nun selbst in Bezug auf Wellness unternehmen

  • Wohlfühlwellness: Man kann es sich einfach gut gehen lassen und aus einem Angebot auswählen, das ärztlicherseits überprüft wurde. Einige Erholungstage in einer Therme dienen sehr der persönlichen Gesundheit. Was Sie buchen, steht Ihnen frei. Die Information erhalten Sie aus Broschüren oder einem persönlichen Gespräch. Für Nachfragen ist das Personal geschult, und steht auch ärztlicher Rat im Hintergrund zur Verfügung.
  • Medizinische Wellness: wenn Sie eine Vorbeugung brauchen, wenn Sie sich nicht so fit fühlen, dann könnten Sie beispiels- und auszugsweise folgende Programme buchen: Stressvorbeugung, Abnehmen, gesunde Wirbelsäule, Sportprogramme, Fitness fürs Herz, Raucherentwöhnung … Solche Programme sind verbunden mit kompetenter Beratung unter ärztlicher Einbindung; die Praxis machen dann weitere Fachkräfte. Also nach dem Eingangs-Check geht’s weiter in die Sportmedizin, die Diätküche, zur psychologischen Beratung, zum Walkingkurs oder anderen Fachkräften. Sie gehen dann mit einem Ergebnis und mit einem Programm für die Zukunft nach Hause, und haben sich gleichzeitig erholt. Das bringt Nachhaltigkeit.

 

Literatur beim Verfasser.

 

 

 

 

 

 

Korrespondenz: Der Autor ist Ärztlicher Leiter am Kur- und Rehabilitations- zentrum Bad Hofgastein, eingebunden in die Ausbildung der österreichischen Kurärzte sowie Vorsitzender des Verbandes Österreichischer Kurärzte Dr. Wolfgang Foisner 5630 Bad Hofgastein, Senator-W-Wilfingplatz 1 E-Mail:

Fazit für die Praxis
Wellness entstand aus dem Gedanken der Gesundheitsvorsorge heraus. Laien sollen fähig sein und werden, sich selbst gesund zu erhalten und selbst (kleinere) Gesundheitsstörungen behandeln können. Anregungen in Europa finden sich bei Kollath, Bircher-Benner, Kneipp und anderen Naturheilmethoden. Aus dem angloamerikanischen Sprachbereich kommt die heutige Wellness-Bewegung beginnend 1961. Die Idee ging in den 90er Jahren nach Europa über. Umfassende Lebenskonzepte wurden entwickelt, im Sinn einer Selbstverantwortung und Selbstgestaltung des Lebens in all seinen Bereichen.
Tourismus und Handel griffen die Idee auf und verbreiteten selbige, gleichzeitig trat aber eine Verflachung ein, die Wellness auf Konsumieren reduzierte.
Für den Bereich der Thermen und Kurorte ist Wellness prinzipiell zu begrüßen. Sie stellt aber durch die zunehmende Tendenz, die ärztliche Kompetenz nicht einzubinden, ein Ärgernis für die Ärzteschaft dar, und überdies eine potentielle Gefährdung auch der Klienten, noch dazu, wenn selbige Patienten sind (ganz zu schweigen von den juristischen Vorgaben!).
Inhaltlich und in der Zielsetzung zu trennen sind Wohlfühlwellness von Medizinischer Wellness.
Die Thermenlandschaft Österreichs kann für den Wellnessektor sehr viel anbieten. Neben dem bekannt wohltuenden relaxierenden Effekt der Thermen kann aus einem reichen Repertoire von Therapien ausgewählt werden. Geschulte und fortgebildete Mitarbeiter sind allerdings Voraussetzung für eine qualitativ gute und überzeugende Arbeit. Die medizinische Kompetenz bietet die Grundlage für die Seriosität und Qualität.
Fotos: Alpentherme Gastein

Abb. 1: Prinzipiell hat Wellness mit Aktivitäten oder Passivitäten zu tun, die man sich selbst zuführt.

Abb. 2 und 3: Im Bereich der Kurmedizin und der Thermen hat Medizinische Wellness einen hohen Stellenwert

 

Abb. 4: Thermalwasser wirkt

Abb. 5: Namentlich Kurorte haben eine lange Erfahrung in der Betreuung von Patienten.

Dr. Wolfgang Foisner, Bad Hofgastein

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben