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Foto: Herbert Hauser
Prof. Dr. Stefan Willich, Präsident ECIM 2009 (li), und Dr. Wilhelm Schein, Forum Integrativmedizin in Österreich.

Das Kongressprogramm.

 
Komplementärmedizin 12. April 2010

Zusammenführung 
unterschiedlicher Heilsysteme


Bericht vom 2. Europäischen und 2. Deutschen Kongress für Integrative Medizin am 20. und 21. November 2009 in Berlin.

Sie ist noch jung – die Integrative Medizin –, doch langsam kommt der Zug in Fahrt. Diese Entwicklung bestätigte der diesjährige Europäische Kongress für Integrative Medizin (ECIM) in Berlin mit etwa 600 Teilnehmern. Ihre Proponenten wollen mehr bewirken, als nur „alten Wein in neue Schläuche“ gießen. Ziel ist eine Symbiose von Methoden der Schulmedizin, der Komplementär- und Alternativmedizin (CAM) und der Mind-Body-Medizin.


„Jedes dieser Heilsysteme hat Stärken und Schwächen“, sagte in der Eröffnungssitzung Kongress-Präsident Prof. Dr. Stefan Willich vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charite Universitätsmedizin in Berlin. „Wichtig ist, dass sich Ärzte und Wissenschaftler die Mühe machen, die Errungenschaften der jeweiligen Methoden zusammen zu fügen.“


Unbefriedigender Status quo


Der Status quo zeigt in der Praxis ein mehr oder weniger zweigleisiges Agieren. Auf der einen Seite die an Universitäten, in Krankenhäusern und Ordinationen dominierende Schulmedizin, auf der anderen Seite die Komplementärmedizin und andere traditionelle Heilmethoden, die viele Leute in der Bevölkerung in Anspruch nehmen. „Dieses Nebeneinander der unterschiedlichen Heilsysteme entspricht nicht den Wünschen der Patienten“, sind Integrativmediziner überzeugt. Das hat jedenfalls die Schweizer Bevölkerung in einer Volksabstimmung am 17. Mai 2009 mit einer klaren Mehrheit (67 %) bestätigt. Sie erwirkte damit die Verankerung der Komplementärmedizin in der Verfassung: Behandlungsmethoden wie Akupunktur, Homoöpathie, Ayurveda etc. sollten gleichberechtigt in der medizinischen Versorgung berücksichtigt werden. Auch in EU-Ländern wäre wohl dasselbe Ergebnis zu erwarten.


Nicht nur in Deutschland trauen sich Patienten oft nicht, ihrem Schulmediziner vom Besuch eines Homöopathen zu berichten und umgekehrt, bedauerte ein Referent. Die Zielsetzung der Integrativen Medizin lautet deshalb, beispielsweise Patienten, die jahrelang unter chronischen Kopfschmerzen leiden, auch die vielversprechendsten Behandlungen zugänglich zu machen.


Chronische Schmerzzustände zählen zu jenen Indikationen, in denen die Integrative Medizin bereits konkrete Aktivitäten setzt und Ergebnisse vorzuweisen hat. Ein Beispiel: Studien zur Wirkung der Akupunktur bei Rückenschmerzen und Gelenksarthroseschmerzen haben dazu geführt, dass deutsche Krankenkassen seit 2006 diese Behandlung bezahlen. Die Studien initiierte Prof. Dr. Claudia Witt von der Berliner Charite in Zusammenarbeit mit 2 Fachgesellschaften und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten.


Konzepte für große Fachgebiete


Integrativkonzepte sind laut Willich zurzeit vor allem in der Kardiologie, Onkologie, Pädiatrie, Dermatologie und Gastroenterologie ein Thema. Deren Umsetzung und weitere Evaluierung erfolgt z. B. in Deutschland an der Abteilung Innere Medizin V, Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. Deren Leiter, Prof. Dr. Gustav Dobos, hat dort mehr als 50 Betten zur Verfügung, auch ambulante Behandlungen werden durchgeführt. Die Kosten für diese Einrichtung tragen die Sozialversicherungen.


Willich selbst hat in seinem „erlernten“ Fach Kardiologie die Sinnhaftigkeit integrativer Konzepte erkannt: „Die universitäre Kardiologie ist stark bei akuten Erkrankungen, hat aber Schwächen zum Beispiel in der Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz, Hypertonie oder rezidivierenden Rhythmusstörungen. Diese Patienten brauchen mehr.“ Um „eine Brücke zwischen den Anbietern unterschiedlicher Methoden“ zu bauen, hat Willich von der renommierten Charite Ende 2008 den 1. Kongress für Integrative Medizin (ECIM) initiiert.


Integrativmedizin in Europa


Zum 2. Kongress Ende November 2009 in Berlin kamen etwa 600 interessierte Kolleginnen und Kollegen aus Ländern, in denen dieses „wichtige Element der modernen Medizin“ (Willich) bereits in Einzelinitiativen wahrgenommen und umgesetzt wird. Das sind neben Deutschland vor allem auch Großbritannien, Holland, Italien, die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden und Norwegen sowie die Schweiz. In Österreich gibt es seit Oktober 2009 das Forum Integrativmedizin (siehe Interview, Seite 18). Mit der Gründung der Europäischen Gesellschaft für Integrative Medizin beim Kongress in Berlin konnte Willich einen weiteren wichtigen Schritt setzen.


Forschung und Ausbildung


Integrativmedizin soll letztlich in allen Bereichen der Medizin Fuß fassen. Von der Ausbildung über Forschung bis hin zur Anwendung in Klinik und Praxis. In der Forschung dominiert bisher die konventionelle Medizin. Der Grossteil der finanziellen Mittel, vor allem der öffentlichen Fördertöpfe, geht in Studienprojekte der universitären Medizin. Doch die „medizinische Realität ist viel komplexer als Studien“, betonte Willich. Im Sinne der Integrativen Medizin seien gut evaluierte Modellversuche sowie eine Versorgungsforschung, die Methoden der CAM und der Mind-Body-Medizin berücksichtigen, notwendig, um den Nachweis von Wirksamkeit und Qualität zu erbringen.


In den USA steht die integrative Ausbildung der zukünftigen Mediziner im Vordergrund. Dort haben in den letzten 10 Jahren insgesamt 44 Unikliniken und Medizinische Hochschulen Methoden der CAM und der Mind-Body-Medicine in das Curriculum aufgenommen. „Die Lehre folgt einem kritisch seriösen Ansatz“, berichtet Willich, der mehrere Jahre als Kardiologie in den USA tätig war. Ein so genanntes „Konsortium der akademischen Zentren für CAM“ befasst sich in regelmäßigen Treffen mit der Weiterentwicklung dieses Angebots.


Herbert Hauser

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