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Eine mögliche Rezeptur bei Lungen-Yin-Mangel: Bai he gu jin tang.
 
Komplementärmedizin 7. Jänner 2010

Abwehr des Körpers unterstützen

Teil 3: Die TCM bietet zur Behandlung von Erkältungskrankheiten wertvolle Alternativen.

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) setzt sich schon sehr lange mit Erkrankungen auseinander, die durch Kälte induziert werden. Dringt diese über die Haut oder den Respirationstrakt mit Wind und Feuchtigkeit tief in den Körper ein, kann sie sich in unterschiedlichen Gewebeschichten festsetzen und komplizierte Krankheitsbilder entwickeln. Mit Hilfe eines komplexen therapeutischen Systems kann die TCM Erkältungen behandeln. In den ersten zwei Teilen dieser Serie (Ärzte Woche Nr. 49/50 2009) wurden bereits Pathogenese, Klinik und Therapievorschläge von Erkältungskrankheiten aus Sicht der TCM aufgezeigt. Im dritten und letzten Teil wird im Speziellen auf die irritierte Schleimhaut der Lunge eingegangen und die Behandlung mit verschiedenen Rezepturen vorgestellt.

Heißer Schleim in der Lunge

Der kalte, weißliche Schleim kann sich auch in gelben, heißen, eitrigen und eventuell stinkenden Schleim transformieren mit der Ausbildung von eitriger Bronchitis, Sinusitis oder Otitis media (schulmedizinisch würde man von bakterieller Superinfektion sprechen und Antibiotika verschreiben.) Mögliche Ursachen aus TCM-Sicht sind:

  1. Behandlungsfehler: z. B. wenn zu lange diaphoretisch behandelt wurde und durch das „räuberische“ Schwitzen ein Kühlflüssigkeitsmangel mit anschließender Hitze entsteht oder wenn zu lange purgiert wurde.
  2. Durch die Stagnation der Feuchtigkeit und inneres Verklumpen kann sich Hitze ausbilden, die dann den Schleim in ein zähes, gelbes Sekret umwandelt.
  3. Das Pathogen hat sich von selbst in Hitze transformiert
  • Zunge : roter Zungenkörper
  • Belag: gelb, klebrig
  • Puls: schnell, schlüpfrig, voll
  • Rezept: z. B. Qing qi hua tan wan
  • Fr. Trichosanthis (Gua lou)
  • Rh. Pinelliae (Ban xia)
  • Rd. Scutellariae (Huang qin)
  • Pc. Citri ret. (Chen pi)
  • Sm. Armeniacae (Xing ren)
  • Fr. Aurantii immat. (Zhi shi)
  • Poria (Fuling)
  • Rh. Arisaematis cum bile (Dan nan xing)
  • Rezeptanalyse: Arisaematis cum bile ist sehr effektiv bei der Auflösung von heißem Schleim, besonders, wenn es mit Rd. Scutellariae und Fr. Trichosanthis kombiniert wird. Fr. Aurantii imm. und Pc. Citri ret. zerstreuen Schleimklumpen und regulieren das Qi. Rh. Pinelliae löst den Schleim und Poria bahnt über den Harn einen Weg, die gelöste Feuchtigkeit auszuleiten.
  • Akupunktur:
  • Schleim und Hitze lösen: Lu 5, Lu 10, Di 11, B 13, M 40, KS 6, KG 9, KG 12, KG 22
  • Absenkende Funktion der Lunge wiederherstellen: Lu 1, Lu 7
  • Diät: kühlende, bittere Nahrungsmittel Rhabarber, grüner Tee, Enzianwurzel, Kamillentee;
  • Milz stärkend: Kartoffel, Karotten, Lauch, Hirse, Reis, Eukalyptusblätter, Skabiosenkraut.
  • Vermeiden: zu heiße, fettige Speisen, Alkohol, Rauchen.

In diesem Stadium ist oft der Einsatz von Antibiotika erforderlich.

Hitze und Trockenheit in der Lunge

Sehr häufig klingt der Infekt danach ab. Doch manchmal kommt es zu einer Chronifizierung. Durch die schwelende Hitze, der langsam die Kühlflüssigkeit ausgeht, wird der Schleim immer zäher und trockener, und schließlich fühlen sich die Schleimhäute wund an und brennen. Der Patient (z. B. nach Pneumonie mit Antibiotikum) berichtet auch noch Wochen nach der Therapie über trockenen Hustenreiz, der ihm den Schlaf raubt, trockene Kehle, Halsschmerzen, Heiserkeit und Durst.

  • Puls: beschleunigt, dünn
  • Zunge: trocken, dünn, gerötet
  • Bei mu gua lou san
  • Bl. Fritillariae Thunbergii (Zhe bei mu)
  • Fr. Trichsoanthis (Gua lou)
  • Rd. Trichosanthis (Tian hua fen)
  • Poria (Fuling)
  • Pc. Citri ret. (Chen pi)
  • Rd. Platycodi (Jie geng)
  • Rezeptanalyse: Das bitter, kalte Bl. Fritillariae Thunbergii befeuchtet die Lunge und löst den Schleim und stoppt Husten. Unterstützt wird es von Fr. Trichosanthis, das ebenfalls Schleim eliminieren kann und trotzdem simultan die trockene, entzündete Bronchialschleimhaut kühlt und befeuchtet.

Rd. Trichosanthis kann noch besser die durch die Hitze verletzte Feuchtigkeit der Bronchialschleimhaut, die sich als trockener Reizhusten äußert, wieder aufbauen und dabei aber trotzdem den zähen Schleim wie ein „Dampfsauger“ auflösen. Rd. Platycodi fördert das Fließen des Lungen Qi und befeuchtet den Rachen. Poria und Pc.Citri ret. stärken die Milz und bewirken dadurch, dass wieder neue, klare Körpersäfte zur Lunge transportiert werden können.

  • Akupunktur:
  • Lunge befeuchten und stärken: Lu 9, B 13
  • Säfte ergänzen: KG 4, MP 6, KG 12
  • Diät: Befeuchten und kühlen: Apfel, Birne, Mango, Pfirsich, Papaya, Sellerie, Rettich, Spargel, Kürbis, Tintenfisch, Eibischwurzel
  • Vermeiden: frischen Ingwer, Knoblauch

Lungen-Yin-Mangel

Wenn nun auch der letzte zähe Schleim durch die Hitze eindickt und die Bronchialschleimhaut immer dünner und wunder wird, kann auch blutig tingiertes Sputum oder Nasensekret auftreten. Die Körpertemperatur wird nun durch die schwelende Hitze beeinträchtigt und subfebrile Temperaturen entstehen. Auch Hand und Fußsohlen werden unangenehm warm. Die Wangen röten sich. Der Husten ist trocken und quälend. Das feuchte Yin ist verbraucht, das Yang ist relativ im Überschuss, dadurch fühlt sich der Körper heiß an.

  • Puls: beschleunigt, dünn
  • Zunge: rot, belaglos, trocken mit Rissen im Lungenareal
  • Rezeptur: z. B. Bai he gu jin tang (siehe Bild)
  • Bl. Lilii (Bai he)
  • Rd. Rehmanniae viride (Sheng di huang)
  • Rd. Ophiopogonis (Mai men dong)
  • Rd. Scrophulariae (Xuan shen)
  • Rd. Rehmanniae präp. (Shu di huang)
  • Bl. Fritillariae cirrhosae (Chuan bei mu)
  • Rd. Platycodi (Jie geng)
  • Rd. Angelicae sin. (Dang gui)
  • Rd. Paeoniae albae (Bai shao)
  • Rd. Glycyrrhizae (Gan cao)
  • Rezeptanalyse: In diesem Zustand dürfen weder scharfe, Schleimhaut irritierende Arzneien noch allzu bitter kalte, feuchte Hitze ausleitende Arzneien verwendet werden, sondern die Trockenheit muss mit süßlichen, kühlenden Kräutern befeuchtet werden. Die ersten fünf Kräuter dieser Rezeptur erfüllen diese Voraussetzung, stärken das Yin und kühlen die Leere-Hitze. Trotzdem sind noch zwei Schleimlöser in der Rezeptur, Bl. Fritillariae cirrhosae ist süßlich und Rd. Platycodi ist berühmt für die positive Wirkung auf den trockenen Rachen, wenn man es, wie auch in dieser Rezeptur, mit dem süßen Süßholz kombiniert. Die beiden blutstärkenden Arzneien Rd. Angelicae sin. und die weiße Pfingstrosenwurzel sind hier beigefügt, damit sie die Leber beruhigen und so die Lunge vor weiteren Verletzungen schützen. Außerdem ist die Erkrankung schon bis in die Blutschichte vorgedrungen, was sich im blutig tingierten Sputum zeigt und deshalb wird auch die Blutschichte gestärkt.
  • Akupunktur:
  • Lungen Yin stärken: Lu 9, KG 17
  • Nieren Yin stärken: N 6, (ev. mit Lu 7), N 3, KG 4
  • Lungen-Qi stärken: B 13, B 38, LG 12
  • Säfte stärken: MP 6
  • Hitze entfernen: Lu 10
  • Diät: Milch, Milchprodukte (Vorsicht bei Lactoseintoleranz), Tofu, Ei, Algen, Wassermelonen, Mandarinen, Walnüsse, Erdnüsse, Pinienkerne, Gerstenmalz, Schweinefleisch, Tomaten, Spargel, Zucchini, Spinat

In dieser Phase kann die entzündliche Veränderung der Bronchialschleimhaut (bei Asthmatikern auch vermehrt eosinophile Granulozyten) eine Hyperreaktivität der Bronchien verursachen und so einen Brochospasmus auslösen.

Stagnierende Leberenergie verletzt die Lunge

In der TCM ist die Leber für das sanfte gleichmäßige Fließen zuständig, daher behandelt man eine spastische Bronchitis auch noch zusätzlich über Entspannung der Leber.

  • Zunge: Ränder gerötet
  • Puls: gespannt, saitenförmig
  • Akupunktur:
  • Lungenbehandlung nach Konstitution plus:

MP6 und KS 6: öffnet das Durchdringungsgefäß (Chong Mai)

G 34, Le 14, B 18: bewegen Le Qi

KG 17: stellt Absteigen des Lungen-Qi wieder her

Le 3: harmonisiert die Leber

  • Rezeptur: je nach Konstitution, plus Rh.Cyperi (Xiang fu), ev. Pc. Cicadae (Chan tui) und Leber-Wind entfernende Kräuter
  • Diät: Dinkel, Grünkern, Rinder- und Hühnerleber, schwarzer Sesam, Pflaumen, Basilikum, Lorbeerblatt, rote Rübe, Dillsamen, Knoblauch, Litschi, Majoran, Rosmarin, Jasmintee

Studie an asthmatischen Kindern

Die Traditionelle Chinesische Medizin kann bei der Behandlung und Vermeidung von akuten Infekten einen wertvollen, additiven Beitrag zur herkömmlichen Behandlung leisten. Bei einer randomisierten, placebokontrollierten Studie an asthmatischen Kindern mit Laser-Akupunktur und kombinierter probiotischer Therapie, die am Johannes-Bischko-Institut für Akupunktur (im Kaiserin-Elisabeth-Spital, 1150 Wien) gemeinsam mit der Universitätskinderklinik Wien durchgeführt wurde, konnte eine Reduktion der akuten Exazerbationen mit fieberhaften Infekten, gemeinsam mit einer signifikanten Verbesserung der Peak-Flow-Variabilität, als Maß für das Ausmaß der bronchialen Hyperreaktivität nachgewiesen werden.

57 Prozent der Verumgruppe hatten im Winter (in den Monaten November bis Februar) keinen einzigen Infektionstag, im Vergleich zu 33 Prozent der Kinder der Placebogruppe. Akupunktur setzt endogene Opoide, Corticosteroide und adrenocorticotropes Hormon frei.

Außerdem konnte gezeigt werden, dass es nach der Behandlung mit Akupunktur zu einer signifikanten Reduktion von TH 2-induziertem IL-4, -6 und -10 sowie zu einem Anstieg von IL-8 kommt, gemeinsam mit einer 32-prozentigen Reduktion von eosinophilen Granulozyten.

Es wird spekuliert, dass die Akupunktur die TH 1/TH 2-Dysbalance, die für die Entwicklung des allergischen Geschehens verantwortlich ist, positiv beeinflusst.

 

Dr. Karin Stockert ist als Ärztin für Allgemeinmedizin mit Ärztekammerdiplom für Akupunktur und chinesische Kräutertherapie in Wien tätig.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin promed komplementär 3/2009; © Springer-Verlag, Wien.

Kasten
Fazit für die Praxis
Die TCM bietet ein umfassendes Konzept, um Erkältungen und deren Folgen zu behandeln. Sie ermöglicht dem Körper, einen Weg zu finden, die pathogenen Faktoren wieder zu eliminieren, und hilft durch Konstitutionsbehandlung und Ernährungsberatung auch mit, die Abwehr des Körpers zu stärken, um so prophylaktisch die Anfälligkeit für neuerliche Infekte zu verbessern.

Von Dr. Karin Stockert, Ärzte Woche 1 /2010

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