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Abb. 1: Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus sind durch eine Beeinträchtigung der Interaktion sowie der verbalen und nonverbalen Kommunikation charakterisiert.
Foto: Günter Havlena/pixelio.de

Abb. 2: Melisse (Melissa officinalis) hat eine beruhigende und ordnende Wirkung.

 
Komplementärmedizin 18. Dezember 2009

Melissa officinalis (Melisse) für autistische Patienten

Vielversprechende Ergebnisse einer Beobachtung

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus werden durch qualitative Beeinträchtigungen in der gegenseitigen Interaktion, der verbalen und nonverbalen Kommunikation charakterisiert und zeigen zudem ein merklich beschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen. Jaselskis et al. (1) und Hunt et al. (2) berichten von guter Effizienz der Clonidinbehandlung bei autistischen Patienten. Es ist vorgeschlagen worden, dass Methylphenidat die Überaktivität bei autistischen Patienten reduzieren hilft, ebenso wie die Unaufmerksamkeit und Impulsivität (3). Auch sind Neuroleptika etwas wirksam (4), aber deren ständige Verwendung beinhaltet oft Nebeneffekte wie z. B. tardive Dyskinesien (5). Die Entwicklung wirksamer und sicherer therapeutischer Interventionen ist deshalb ein großes Anliegen. Von Piracetam ist berichtet worden, es sei eine wirksame Therapie für Autismus, sei es als Monotherapie (6) oder als add-on zu Risperidone (7). Melisse, so wird berichtet, habe eine beruhigende und ordnende Wirkung. Aus dem Grund nehmen wir an, dass diese Substanz vielleicht wirksam auch in der Behandlung von autistischen Störungen sein könnte.

An unserer Beobachtung nahmen drei ambulante männliche Patienten teil (16.1–17.3 Jahre; mean=16.7 Jahre; SD=0.4–Jahre). Ihre Intelligenzquotienten bewegten sich von 56 bis 88 (72+/−16), gemessen mit der Wechsler Intelligence Scale. Die Diagnose wurde unabhängig voneinander von zwei Psychologen bestätigt. Alle Patienten hatten keine zusätzlichen medizinischen oder neurologische Erkrankungen. Sie waren wenigstens für einen Monat medikamentenfrei. Einer war zuvor mit Methylphenidat, der andere mit Neuroleptika, beide mit ungünstiger Wirkungs-Nebenwirkungs-Relation, behandelt worden. Die Sprache eines Patienten bestand aus einsilbigen Wörtern, die der anderen bestand aus einzelnen Wörtern (10-Wort-Vokabular). Eltern und Mentoren (= die Personen, die den Patienten im täglichen Leben betreuten) bewerteten die Symptome mit der Verhaltens- (ABC) und Symptomkontrolliste (8). Melissenblätter-Trockenextrakt, (5.0–6.2:1, Auszugsmittel Wasser) in der Dosierung von 2 x 225 mg (2 x 1 Tbl. Gastrovegetalin 225 mg, Hersteller Verla-Pharm, Deutschland) wurde vier Wochen lang verabreicht. Die pädagogischen Interventionen blieben vor, während und nach dieser Beobachtung unverändert.

Die Bewertungen (Durchschnittswert beider Bewerter) wurden vor und am Ende von der Behandlungsperiode gemacht, wobei zwei Patienten zuerst Melisse, nach einer vierwöchigen Pause Placebo und ein Patient zuerst Placebo, nach einer vier- wöchigen Pause Melisse erhielt. Die Bewertungen wurden mittels t-test ver- glichen.

Melisse verbesserte signifikant die ABC-Faktoren Reizbarkeit (vor Behandlung 12.4+/−5.2; danach 10.3+/−6.5; p = 0.46), Überaktivität (vor Behandlung 20.3+/−11.4; danach 18.1+/−9.2; p = 0.46), inadaequater Blickkontakt (vor Behandlung 8.3+/−6.5; danach 7.0+/−3.8; p = 0.40), und unpassende Sprache (vor Behandlung 5.3+/−2.4; danach 3.3+/−3.6; p = 0.37). Die Symptomkontrollistenergebnisse zeigten eine signifikante Zunahme an Schläfrigkeit (vor Behandlung 2.2+/−2.4; danach 3.8+/−3.9; p = 0.36), verminderte Aktivität (vor Behandlung 6.2+/−3.0; danach 4.0+/−3.3; p = 0.38). Kein Patient klagte über Kopf- oder Magenschmerzen. Obwohl diese Beobachtung nur eine bescheidene therapeutische Wirkung von Melisse im akuten Management autistischer Patienten zeigte, so wurde doch eine leichte Verbesserung dieser schwer behandelbaren Symptome evident. Weiterführende diesbezügliche Untersuchungen wären wünschenswert.

1 Jaselskis CA, Cook EH, Fleteher KE, Leventhal BL. Clonidine treatment of Hyperactive and Impulsive Children with Autistic Disorder J Clin Psychopharm, 1992;5:322–7

2 Hunt R, Minderaa R, Cohen D. Clonidine benefits children with attention deficit disorder and hyperactivity: report of double blind placebo crossover therapeutic trial. J Am Acad Child Psychiatry 1955;24:617–629.

3 Birmaher B, Quintana H, Greenhill LL. Methylphenidate treatment of hyperactive autistic children. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 1988;27:248–51.

4 Perry R, Campbell M, Adams P, Lyneh N, Speneer EK. Long-term efficacy of haloperidol in autistic children: Continuous versus discontinuous drug administration. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 1959;25:57–92.

5 Campbell M, Adams P, Perry R, Speneer RK, Overall JE. Tardive and withdrawal dyskinesia in autistic children: a prospective study. Psychopharmacol Bull 1985;24:251–5.

6 Paczynski M. Piracetam: a novel therapy for autism? J autism Dev Disord 1997;27:628–30

7 Akhondzadeh S, Tajdar H, Mohammadi M, Nouroozinejad GH, Shabstari OL, Ghelichnia HA. A Double-bind Controlled trial of Piracetam Added to Risperidone in Patients with Autistic Disorder. Child Psychiatry Hum Dev 2007;346–57

8 Amman MG, Singh NN, Stewart AW, Field CJ. Psychometric characteristics of the Aberrant Behavior Checklist. Am J Ment Def 1985;99:492–502.

 

Fazit für die Praxis
Mangelnder Blickkontakt und vor allem die fehlende soziale Interaktion reduzieren die Effizienz pädagogischer Interventionen bei Patienten mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Aus dem Grund sind auch zusätzliche psychopharmakologische Therapien unerlässlich, um die Symptome zu verbessern.
Wir beobachteten bei drei männlichen autistischen Patienten, diagnostiziert nach den ICD-10 Kriterien, den Effekt von Melisse. Die Patienten wurden eingeschlossen, wenn ihr Augenkontakt und ihre Sprache inadäquat für ihren Entwicklungsstand waren.
Reizbarkeit und Stereotypien verbesserten sich leicht während Behandlung mit Melisse.
Zusammenfassend: Melisse war in der kurzfristigen Behandlung bei einigen autistischen Patienten gering, aber doch wirksam.

H. Niederhofer, komplementärmedizin 4/2009

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