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Foto: pixelio.de / Ulrich Antas, Minden
Die kalte Jahreszeit wirkt als pathogener Faktor auf den Organismus.
 
Komplementärmedizin 9. Dezember 2009

Erkältung aus Sicht der TCM - Teil 2

Über altbewährte Rezepturen: Wer bei Erkältungen nicht auf die Schulmedizin zurückgreifen möchte, findet in der TCM wertvolle Alternativen.

 

In der Anamnese werden neben pathogenen Faktoren vor allem individuelle Modalitäten berücksichtigt.

Wind-Kälte an der Oberfläche plus Flüssigkeits-Stagnation

Trifft der pathogene Faktor Kälte akut auf einen Organismus, der durch Flüssigkeitsstagnation und mangelnde Feuchtigkeitstransformation im Inneren vorgeschädigt ist, was sich in allgemeiner Verschleimung mit chronischer Rhinitis, Schnarchen, chronischer Bronchitis, Diarrhoe, Dysurie, Gefühl der Kälte im oberen Rücken, aber Durst äußert, werden die Akutsymptome „schleimiger“ sein, d. h. mehr weißliches, dünnflüssigeres, etwas schaumiges Sekret mit Bronchitis und Völlegefühl mit Atemnot im Thorax, eventuell plus Sinusitis oder Rhinitis, Schweregefühl und Ödeme.

  • Puls: oberflächlich, 2. u. 3. Position links: dünn, saitenförmig. gespannt
  • Zunge: feuchter Belag

Die passende Akut-Rezeptur ist Xiao qing long tang: Kleines blau-grünes Drachen Dekokt

  • Rm. Cinnamomi (Gui zhi)
  • Rd. Paeoniae albae (Bai shao)
  • Rh. Zingiberis off. (Gan jiang)
  • Rd. Glycyrrhizae präp. (Zhi gan cao): bis hierher ident mit Gui zhi tang zur Entfernung von Kälte aus der Oberfläche plus:
  • Hb. Ephedrae (Ma huang)
  • Rh. Pinelliae (Ban xia)
  • Hb. Asari (Xi xin)
  • Fr. Schisandrae (Wu wei zi)
  • Rezeptanalyse: Weil im Inneren eine Feuchtigkeitstransformationsstörung zusätzlich zum akuten Infekt vorliegt, wäre Gui zhi tang zu wenig schleimlösend. Daher zusätzlich Hb. Ephedrae, das gemeinsam mit den Zimtzweigchen scharf, zerstreuend, schweißtreibend, Lungen Qi verteilend und leicht diuretisch wirkt. Die scharfe, warme Pinellia Wurzel hilft, gemeinsam mit dem ebenfalls scharfen, warmen Hb. Asari, die Feuchtigkeit zu transformieren, den kalten Schleim und die innere Kälte aufzulösen.

Die adstringierende, saure Schisandra Frucht beendet den Husten und arbeitet als Regulans, um einer zu starken Zerstreuung durch die Schärfe von Hb. Asari, Hb. Ephedrae und Rh. Pinelliae entgegenzuwirken.

Diese scheinbar entgegengesetzte, aber dadurch ausgleichende Wirkung von Arzneien in einer Rezeptur ist typisch für das Multitarget-Prinzip der TCM. Nicht eine Arznei soll hochdosiert verwendet werden, sondern in Wirkung einander ergänzende und begrenzende Arzneien in ganz geringen Dosen sollen wie ein Orchester wirken, dessen Klang mehr ist als die Summe der Einzelinstrumente. Auch werden mögliche Nebenwirkungen durch kleine Mengen der Einzelarzneien reduziert. Von dieser Akut-Rezeptur sollten nur einige Portionen verabreicht werden, um dann mit einer den Wassermetabolismus verbessernden Rezeptur fortzusetzen:

  • z. B. Ling gui zhu gan tang
  • Poria (Fu ling)
  • Rm. Cinnamomi (Gui zhi)
  • Rh. Atractylodis macrocephalae
  • (Bai zhu)
  • Rd. Glycyrrhizae präp. (Gan cao)
  • Rezeptanalyse: Diese Arzneien bewirken eine verbesserte Transformation der „lästigen“ Feuchtigkeit und initiieren auch eine Zirkulation der in den diversen Körperhöhlen eingesperrten Flüssigkeiten. Sollte dann noch Feuchtigkeit in den Nasennebenhöhlen stecken, kann man diese mit Zusatz von Rd. Angelicae dahuricae (Bai zhi) oder Fl. Magnoliae (Xin yi) gezielt eliminieren. Wenn die Feuchtigkeit eher in der Lunge rasselt, wird man schleimlösende Substanzen wie Rh. Pinelliae (Ban xia), Sm. Armeniacae (Xing ren), Fr. Trichosanthis (Gua lou), Bl. Allii macrostemi (Xie bai) oder Pc. Citri ret. (Chen pi) dazugeben. Klassische Indikationen für diese Rezeptur sind auch Schwindel nach dem Aufstehen und Morbus Menière, der auch häufig im Rahmen eines Infektes auftritt, oder St. p. Otitis media mit Seromucotympanon.
  • Puls: links 1. und 2. Position tief (Yang kann nicht aufsteigen) und ev. saitenförmig (stagnierende Feuchtigkeit hat oft einen saitenförmigen Puls)
  • Zunge: blass, geschwollen. Belag: weiß, schlüpfrig
  • Akupunktur: Oberfläche befreien: B 12, B13
  • Feuchtigkeitstransformation verbessern: M40, MP 3, KG 12

Kalter Schleim behindert die Lunge bzw. Kälte gelangt in die Tai Yin Schichte

In diesem Zusammenhang kann die Kälte auch in die Tai Yin (Milz/Lunge) Schichte gelangen und deren feuchtigkeitstransformierende Funktionen schwächen. Es entsteht dadurch noch mehr Feuchtigkeit und Schleim im Respirationstrakt, mit zusätzlichen abdominellen Schwellungen und Schmerzen, wässriger, nicht stinkender Diarrhoe, Nausea, wenig Appetit, keinem Durst und kalten Extremitäten.

  • Puls: re. 2. Position tief, und saitenförmig (wegen Flüssigkeitsstagnation)
  • Zunge: blass, Belag: nass, weißlich
  • Rezept: Variation von Li zhong wan
  • Rh. Zingiberis off. (Gan jiang)
  • Rd. Ginseng (Ren shen)
  • Rh. Atractylodis macroceph. (Bai zhu)
  • Rd. Glycyrrhizae präp. (Gan cao)
  • plus Schleim transformierende Lungenkräuter
  • Rezeptanalyse: Der getrocknete Ingwer ist die Hauptarznei zur Behandlung von Kälte in der Tai Yin Schichte. Er wärmt Milz und Magen und entfernt Kälte im Mittleren Erwärmer. Rh. Atractylodis macroceph. trocknet Nässe, stärkt die Milz und eliminiert so den Schleim. Ginseng und Süßholz tonisieren das Milz Qi und helfen dadurch die Feuchtigkeitstransformation zu verbessern.
  • Akupunktur:
  • Schleim der Lunge auflösen: Lu 5, M 40, KG 9, KG 22
  • absenkende Funktion der Lunge wiederherstellen: KG 17, B 13, Lu 9
  • Völlegefühl im Thorax beseitigen: KS 6
  • Milz stärken: KG 12, B 20
  • Husten beenden: Lu 1, Lu 6
  • Diät: warme Speisen !!!!
  • Milz stärken: „Erdige” Nahrungsmittel: Kartoffel, Karotten, Kürbis, gekochtes Gemüse, Reis, Hirse, gekochtes Getreide, Muskat, Thymian, Basilikum

Kälte in der Shao Yin Schichte

Besteht schon vor dem Infekt eine Konstitution mit Yang-Mangel, extremer Kälteempfindlichkeit, Müdigkeit, Kreuzschmerzen, die sich durch Wärme bessern, und trifft dann Wind (Kälte) auf den Organismus, so hat der Körper zu wenig Yang = Wärme, um hohes Fieber aufkommen zu lassen. Der Patient fühlt sich hoch fiebrig, hat aber trotzdem nur leicht erhöhte Temperatur und fröstelt sehr. Der Patient hat dabei auch ein starkes Bedürfnis nach warmen Getränken plus grippale Symptome wie Bronchitis, Rhinitis mit Zahnschmerzen und starke, tief liegende Kopfschmerzen sowie LWS-Beschwerden wegen des Nieren-Yang-Mangels.

  • Zunge: weiß, nass
  • Puls: tief, gespannt und dünn

Als Therapie muss man noch mehr aus der Tiefe (Shao Yin Schichte) heraus stärken und trotzdem die Oberfläche befreien. Mögliche Rezeptur:

  • Ma huang fu zi xi xin tang
  • Hb. Ephedrae (Ma huang)
  • Rd. Aconit. Lat. Präp. (Fu zi)
  • Hb. Asari (Xi xin)
  • Rezeptanalyse: Hb. Ephedrae öffnet an der Oberfläche und entfernt dort die eindringende Kälte. Rd. Aconiti wärmt und rettet das Yang der Niere und entfernt die Kälte aus der Tiefe, wärmt die Shao Yin Schichte und wirkt dadurch auch gegen tief sitzende Rücken-Kälteschmerzen. Hb.Asari ist warm und behandelt sowohl die Kälte in der Shao Yin Schichte als auch die Kälte der oberflächlichen Tai Yang Schichte.

Auch diese Rezeptur sollte nur kurz initial angewandt werden und dann mit z. B.

  • Zhen Wu Tang (Wahre Krieger Dekokt) fortgesetzt werden:
  • Rd.Aconiti lat präp. (Fu zi)
  • Poria (Fu ling)
  • Rh. Atractylodis macroceph. (Bai zhu)
  • Rh. Zingiberis rec. (Sheng jiang)
  • Rd. Paeoniae albae (Bai shao)
  • Rezeptanalyse: Dieses Rezept wärmt und stärkt den Nieren Yang Mangel, der die Wurzel dieses Zustandes ist. Das heiße scharfe Rd. Aconiti lat. präp. ermöglicht den Nieren, die Wasser transformierende Funktion wieder aufzunehmen. Poria und Rh. Atract. macroceph. stärken die feuchtigkeitstransformierende Funktion der Milz und lassen die Nässe über den Harn abfließen. Der frische, scharfe Ingwer wärmt und zerstreut das Lungen Qi und hilft Nässe, die sich als Ödem zwischen Subcutis und Muskeln abgesetzt hat, zu eliminieren. Die saure, kühle, weiße Pfingstrosenwurzel verhindert, dass die trocknenden, heißen Arzneien zu schnell und stark die Flüssigkeiten zerstreuen und moduliert so die Rezeptur auf sanfte Art und schützt das Yin.
  • Akupunktur : Moxa auf B 23. LG 4, KG 4, B 13, LG 13
  • Diät: heiße Nahrungsmittel, Fisch aus kalten Gewässern (Forelle, Lachs), heiße Maroni

Kälte in Shao Yang Schichte

Dringt der pathogene Einfluss in die Shao Yang Schichte ein, versucht das normale Qi diesen nach außen zu vertreiben. Dieser Zustand ist so tief, dass er durch die Schwitzmethode nicht mehr eliminiert werden kann, aber noch nicht tief genug, um durch Abführen eliminiert werden zu können. Es entsteht ein halb äußerlicher und halb innerlicher Zustand, abwechselnd mit Fieber und Frösteln.

Der Patient berichtet dann, dass ihm sehr schnell heiß und im nächsten Moment sofort wieder kalt sei, weiters über ein Völlegefühl in Thorax und Hypochondrium. Der halb innerliche Zustand äußert sich in Hitze, die sich nach oben bewegt, mit bitterem Geschmack, Schwindel und Engegefühl im Thorax mit Husten und Halsschmerzen. Der assoziierte Meridian des Shao Yang ist die Gallenblase, die in diesem Zustand den Magen attackiert und zu Sodbrennen und Nausea führen kann.

  • Puls: dünn und saitenförmig an der linken mittleren Position
  • Zunge: Belag: weiß und dünn
  • Therapie: Xiao chai hu tang: Kleines Bupleurum Dekokt
  • Rd. Bupleuri (Chai hu)
  • Rd. Scutellariae (Huang qin)
  • Rh. Pinelliae (Ban xia)
  • Rh. Zingiberis rec. (Sheng jiang)
  • Rd. Ginseng (Ren shen)
  • Rd. Glycyrrhizae präp. (Zhi gan cao)
  • Fr. Ziziphi jujubae (Da zao)
  • Rezeptanalyse: Bupleurum entlüftet den pathogenen Faktor aus der Shao Yang Ebene, besonders wenn es mit Rd. Scutellariae kombiniert wird. Diese bitter kalte Arznei lässt Hitze aus Leber und Gallenblase abfließen, Rhizoma Pinelliae wärmt und transformiert Schleim und verbessert den Husten. Ginseng, frischer Ingwer, Süßholz und Datteln unterstützen das normale Qi und verhindern, dass der pathogene Faktor tiefer in den Körper eindringt.

Dieser Zustand entwickelt sich auch manchmal im Anschluss an einen Infekt, wo noch Restbeschwerden mit Temperaturempfindlichkeit und Bronchitis, Halsschmerzen oder Sinusitis vorhanden sind.

  • Akupunkturtherapie : G 41,3 E 5, KS 6, Lu 11

Wenn mehr äußere Symptome (in Tai Yang Schichte) vorhanden sind (Abneigung gegen Kälte und Gliederschmerzen), gibt man Rm. Cinnamomi dazu. Die Rezeptur heißt: Chai hu gui zhi tang.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin promed komplementär 3/2009.

© Springer-Verlag, Wien

Von Dr. Karin Stockert, Ärzte Woche 50 /2009

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