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Abb. 1: Tinnitus-Betroffene leiden unter Hörwahrnehmungen einer außergewöhnlichen Art. So hören sie z.B. ein Klingeln, Rauschen, Brummen, Pfeifen, Sausen, Summen und ähnliche Geräusche.

Abb. 2: Für einen normal hörenden Menschen sind seine Hörfunktionen so selbstverständlich, dass die Besonderheit, der Wert und die Wichtigkeit außer Acht geraten. Treten jedoch plötzlich Störeinflüsse auf, wie z. B. ein Ohrgeräusch, so führen Funktionseinbußen zu Unsicherheit und zu Belastungen.

Abb. 3: Wichtig ist, dass man sich mit den Klängen oder Naturgeräuschen, die helfen sollen, das Ohrgeräusch zu überlagern und davon abzulenken, wohl fühlt.

Abb. 4: Über die Sensibilisierung aller Sinne in Form des Genusstrainings wird die allgemeine Genussfähigkeit gefördert, um mehr Lebensqualität und Lebenszufriedenheit im Alltag zu erreichen.

 
Komplementärmedizin 4. November 2009

Tinnitus – was tun?

Verhaltenstherapeutisches Selbstmanagement bei Tinnitus und Hörstörungen

Stress hat heute viele Gesichter, eines ist aber allen gemeinsam: Sie sind körperliche Symptome psychischer Belastungen. Menschen, die mit einer komplexen Situation ringen, sehen sich plötzlich mit einer Funktionsstörung konfrontiert, mit der sie nie zuvor zu tun hatten: Tinnitus.

Was ist Tinnitus?

Tinnitus ist der medizinischer Fachausdruck für alle Arten von Geräuschen im Ohr oder Kopf, die man unter Ohrgeräusche, Ohrenklingeln oder Ohrensausen kennt, unabhängig von deren Ursache. Es sind gehörte Wahrnehmungen (Hörereignisse), denen keine tatsächliche akustische Schallquelle aus der Umwelt entspricht und die keinen Informationswert für den Betroffenen besitzen. Es leitet sich ab von „tinnire“, was klingen oder klirren bedeutet.

Welche Funktionen hat das Hören?

Das Hören hat zahlreiche psychophysiologische Funktionen, welche durch ein Ohrgeräusch oder eine Hörverminderung beeinträchtigt sein können:

  • Informationsfunktion

Der Hörsinn ist ein ständiger wacher Hintergrundsinn und informiert uns über sämtliche Änderungen unseres akustischen Umfelds (z. B. Aufruf in Wartezonen).

  • Warnungs- und Alarmierungs- funktion

Wir sind in der Lage, unser akustisches Wahrnehmungsfeld sensorisch einzuengen. Das geschieht willkürlich (z. B. Unterhaltung in lauter Umgebung) und unwillkürlich (z. B. Telefonklingeln).

  • Aktivierungsfunktion

Über das Hören wird die Hirnrinde mit Reizen versorgt, wodurch u. a. Vitalität, Wachheit, Kreativität u. v. m. gefördert wird.

  • Orientierungsfunktion

Orientierungsvermögen und Sicherheit in Orientierung wird u. a. durch den Hörsinn ermöglicht. So auch das Richtungs- und Entfernungshören (z. B. Kind spielt außer Sichtweite).

  • Kommunikationsfunktion

Kommunikation bedeutet: „Verstanden werden“ und „Verstehen“.

Unter Kommunikation fällt die Übermittlung von Sachinformation, Veranlassen von Handlungen oder die Aufnahme von zwischenmenschlichem Kontakt. Bei der verbalen Kommunikation werden Gedanken in Wörter und Begriffe gesetzt.

  • soziale Funktion

Miteinander Sprechen trägt zur Gemeinschaftsbildung bei. Sprechen bedeutet Plaudern, Diskutieren, Trösten, Blödeln, Erfahrungen austauschen u.v.m.

  • emotionale Wahrnehmungsfunktion

Im Gesprochenen schwingt eine simultane Wahrnehmungsbotschaft mit, wie z. B. Erstaunen, Freude, Ärger, Ironie, Zweifel, Zärtlichkeit, Beruhigung u. v. m.

 

All diese Hörfunktionen sind für einen normal hörenden Menschen so selbstverständlich, dass die Besonderheit, der Wert und die Wichtigkeit außer Acht geraten. Treten jedoch plötzlich Störeinflüsse auf, wie z. B. ein Ohrgeräusch, so führen Funktionseinbußen zu Unsicherheit und zu Belastungen.

Wieso kann Tinnitus eine psychische Belastung sein?

Tinnitus-Betroffene leiden unter Hörwahrnehmungen einer außergewöhnlichen Art. So hören sie z. B. ein Klingeln, Rauschen, Brummen, Pfeifen, Sausen, Summen und ähnliche Geräusche. Im medizinischen Sinne bezeichnet Tinnitus eine Hörwahrnehmung ohne vorhandene Schallquelle in der Umgebung. Daher wird der Tinnitus auch als „Phantomgeräusch“ beschrieben.

Nur selten gleichen sich die Tinnitusmerkmale verschiedener betroffener Menschen in der Geräuschzusammensetzung, der wahrgenommenen Intensität, der subjektiven Lautstärke, des Frequenzbereichs und der Lokalisierung.

1953 zeigten Heller und Bergmann in Rahmen eines Experiments, dass 90 Prozent hörgesunder Menschen in einem schallisolierten Raum einen Tinnitus wahrnehmen, und sie schlossen daraus, dass diese Ohrgeräusche teilweise als „normales Hörgeschehen“ interpretiert werden können, gleichzeitig stellten sie fest, dass der Tinnitus durch ein Fokussieren in das Zentrum der Wahrnehmung rücken kann.

Da sehr viele Menschen von Tinnitus betroffen sind, findet man hier auch durchaus berühmte Zeitgenossen. Wie Friedrich Smetana (1824 – 1884) der mit fünfzig Jahren infolge einer Syphiliserkrankung vom Tinnitus betroffen war. Er beschrieb es als ein Summen und Klingeln „wie als stände ich unter einem riesigen Wasserfall“ und verarbeitete sein Leid auch im Finale des 1. Streichquartetts in e-Moll (4x gestrichene E der 1.Geige). Bei Francisco Goya (1746 – 1828) trat mit sechsundvierzig Jahren ein Ohrgeräusch als Folge einer Bleivergiftung auf. Seine Auseinandersetzung mit dem quälenden Geräusch spiegelt sich in den düsteren Phantasiebildern nach 1793, den Capichos, übersetzt Launen, wider. Beethoven wurde zu seinem Hörverlust auch von Tinnitus gepeinigt. Auch in unserem Zeitalter sind Prominente zu finden, die mit einem Ohrgeräusch zu leben gelernt haben, wie Barbara Streisand, Steve Martin, Blixa Bargeld, Neil Young, Cher, William Shatner („Captain Kirk“), Phil Collins, Sting oder der Schlagzeuger von Tokio Hotel.

Was ruft Tinnitus hervor?

Tinnitus wird der Gruppe psychosomatischer Störungen zugeordnet. Das bedeutet, dass es sich um ein somatisches Geschehen handelt, dessen mit bedingende Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren sehr häufig im psychischen Bereich angesiedelt sind. Das gilt ebenso für den Hörsturz.

Im ICD-10, dem Diagnoseschema der WHO sind folgende Diagnosekombinationen möglich:

H91.2 Hörsturz

H93.1 Tinnitus

H93.2 Hyperakusis

F54 Psychologische Faktoren oder Verhaltensfaktoren bei anderorts klassifizierten Erkrankungen (= die oben angeführten Erkrankungen)

Wie ist die empfohlene Vorgehensweise bei Tinnitus?

Da es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, ist primär eine HNO-ärztliche Diagnostik und Behandlung durchzuführen. Die Diagnostik ist deshalb sehr wichtig, um somatische Erkrankungen, die Tinnitus hervorrufen können, auszuschließen. Parallel oder im unmittelbaren Anschluss an die somatische Diagnostik soll die psychologische Intervention erfolgen.

Die medizinische Behandlung eines akuten Tinnitus wird in den meisten Fällen stationär durchgeführt. Auch gibt es HNO-Institutionen, die eine ambulante Behandlung anbieten. Die stationäre Behandlung birgt aus psychologischer Sicht, den Vorteil, dass die gesamte somatische Diagnostik und Behandlung, dazu zählt auch eine Infusionstherapie, ohne Zeit und Termindruck für den Patienten durchgeführt wird. Die Infusion soll langsam vom Körper aufgenommen werden und somit zwischen drei bis fünf Stunden stetig vor sich hintropfen können.

Auch haben Patienten Zeit, zur Ruhe zu kommen und genügend Raum, um Gedanken zu ordnen und mögliche Stressoren und deren Veränderungen zu überdenken. Eine so genannte Auszeit fördert den Gesundungsprozess, auch wenn ein Krankenhaus natürlich nicht das Flair eines Urlaubshotels aufweist, oder es im eigenen Heim immer gemütlicher ist.

Was ist beim Erstgespräch mit Tinnitus – Betroffenen wichtig?

Der Erstkontakt und die Erstintervention sind von größter Wichtigkeit. Im ärztlichen Erstgespräch sollen folgende Punkte behandelt werden:

  • Ein patientengerechtes Erklärungsmodell der Symptomatik und der Behandlung soll dem Patienten vermittelt werden.
  • Patienten sollen gefragt werden, warum sie meinen, dass das Ohrgeräusch aufgetreten ist.
  • Auch soll nachgefragt werden, was Patienten meinen, dass im eigenen Ohr und Kopf passiert. In persönlichen Krankheitstheorien werden oft Ängste sichtbar, die von kompetenten HNO-Fachärzten rasch beseitigt werden können.
  • Mündige Patienten soll man auch nach ihrer Meinung fragen, was ihnen ihrer Meinung nach gut tut. Dadurch wird auch die Selbstwirksamkeit gefördert.
  • Ärzte sollen im Erstgespräch versuchen, Patienten bei Bedarf zu motivieren und eine „Realistische Prognose“ zu vermitteln.

Phasen und Belastungsstärke von Tinnitus

Man spricht beim Tinnitus von Phasen der Symptomatik:

Akute Phase: 6 Wochen – max. 3 Monate

Subakute Phase: 3 – 6 Monate

Chronischer Tinnitus: ab 6 Monate

Eine weitere Einteilung erfolgt nach Schwergrad:

  • 1 (leicht)
  • 2 (mittelgradig)
  • 3 (schwer)
  • 4 (sehr schwer)

Ist jemand durch sein Ohrgeräusch nicht belastet, oder hat eine Habituation stattgefunden, also eine Gewöhnung an das Ohrgeräusch und Akzeptanz des Geräusches, spricht man von Kompensierten Tinnitus. Dekompensierter Tinnitus bedeutet, dass Betroffene das Geräusch als störend und beeinträchtigend empfinden und seine Lebensqualität darunter leidet.

Völlig unabhängig von der Ursache, kann ein Ohrgeräusch für sich eine starke seelische Belastung darstellen: Tinnitus ist Stress!

Welche psychischen Faktoren tragen zu Tinnitus bei?

Stressoren, die in Summation zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Tinnitus beitragen können, sind:

  • Anforderungen & Herausforderungen des Lebens
  • Veränderungen im Leben
  • Faktoren der Berufstätigkeit
  • sozioökonomische Bedingungen
  • Persönlichkeitsmerkmale
  • Verhaltensweisen
  • daily hassels – tägliche kleine Nadelstiche/Ärgernisse

Man weiß aus der Krisenforschung, dass die körperliche Reaktion auf Belastungen oft erst zeitversetzt nach 18 bis 24 Monaten auftritt. Auch treten solche Reaktionen dann in Zeiten der Entspannung und Erholung auf, wo man eigentlich gar nicht damit rechnet.

Es ist zu beobachten, dass Menschen die mit einer körperlichen Antwort, auf seelische Herausforderungen reagieren, sehr wohl – und leider zu gut – Belastungen aushalten. Sie können oder wollen Anzeichen von Belastungen nicht erkennen. Einstellungen wie „Geht noch, geht noch. Muss doch gehen. Andere schaffen das doch auch!“ sind bei Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen, wie Tinnitus, häufig zu finden. Diese Einstellungen und die schrittweisen Veränderungen, sowie das Aneignen selbstfürsorglicher Verhaltensweisen sind dann in der späteren psychologischen Arbeit ein zentrales Thema.

Welche Tinnitus-Behandlung kann mir helfen?

Tinnitus-Betroffene weisen je nach Persönlichkeit und Lebensgeschichte unterschiedliche Strategien im Umgang mit dem Ohrgeräusch auf:

Strategie 1: die ständige Suche und Ausprobieren neuer Behandlungen, um den Tinnitus zu beseitigen. Patienten, die diese Erwartungen haben, sind in einer Selbstmanagementtherapie nicht gut aufgehoben. Diese Patienten neigen zum Medizintourismus und laufen Gefahr, fragwürdige bis gefährliche, sowie fast immer unrealistische Heilungsangebote in Anspruch zu nehmen. Ihr Ziel ist, dass eine der zahlreichen Behandlungen den Tinnitus „wegzaubert“.

Strategie 2: Lernen, experimentieren mit und trainieren von Techniken und Verhaltensweisen, die helfen, das Ohrgeräusch nicht mehr in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen, sondern es auszublenden. Sowie schrittweise Akzeptanz aufzubauen, dahingehend, dass das Ohrgeräusch womöglich ein lebenslanger Begleiter bleibt.

Wie kann Psychologie bei Tinnitus helfen?

Die Tinnitus-Selbstmanagement-Therapie setzt sich aus folgenden Modulen zusammen:

  • Psychoedukation
  • Individuelle Problemanalyse
  • Problemlösetechniken
  • Stressbewältigungsstrategien
  • Veränderung dysfunktionaler Kognitionen
  • Entkatastrophisieren
  • Exposition
  • Achtsamkeit
  • Euthyme Verfahren – Genusstraining

Hauptziele einer psychologischen Intervention, und somit auch der verhaltenstherapeutischen Selbstmanagement – Tinnitusbewältigung sind, die körperliche und seelische Anspannung zu reduzieren, Stressoren zu erforschen, die Einstellung zum Ohrgeräusch zu verändern und trainieren die Aufmerksamkeit zu steuern – der Betroffene soll der eigene Experte im Umgang mit dem Ohrgeräusch werden.

Jeder Mensch, der von Tinnitus heimgesucht wird, sollte eine psychologische Tinnitus-Erstberatung erhalten. Aus meiner langjährigen beruflichen Arbeit an einer HNO-Abteilung weiß ich, dass diese psychologische Interventionsform sehr hilfreich für alle Betroffenen ist und Folgebelastungen reduziert. Je eher dieses Counselling stattfindet und je bessere psychische Ressourcen der Patient aufweist, umso weniger Therapieeinheiten sind nötig. Bei der Mehrheit der Tinnituspatienten führen ein bis fünf Sitzungseinheiten (á 50 Minuten) zum gewünschten Erfolg.

Das Fortsetzen der Interventionen in Form einer Psychotherapie hängt davon ab, wie sehr Betroffene psychisch belastet sind. Angst und Depression stehen häufig in Zusammenhang mit Tinnitus. Bei einer Gruppe der Tinnituspatienten besteht bereits vor dem Auftreten des Tinnitus ein psychisches Problem, welches sich durch das Ohrgeräusch dann verschlechtern kann. Die Dauer der psychotherapeutischen Gesamtintervention ist davon abhängig, welche psychische Vor- oder Begleiterkrankungen bestehen.

Wie kann ich meinen Tinnitus managen?

Was kann mein Ohrgeräusch?

Zu Beginn einer psychologischen Selbstmanagement Intervention steht die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Ohrgeräusch und mit folgenden Bereichen:

  • Wie hört sich das Geräusch an (Wasserfall, Kühlschrank, Grillen, …)?
  • Wann ist es leiser, lauter, unhörbar (Situationen, Tätigkeiten, Tageszeiten, …)?
  • Bei welchen Umgebungsgeräuschen oder Klängen „vergesse“ ich den Tinnitus?
  • Was beeinflusst die Tinnituswahrnehmung?

Die Ergebnisse von Tonaudiogramm und Tinnitusmatch erweisen sich dabei als sehr hilfreich, da diese als bildliche Unterstützung einsetzbar sind. Vorausgesetzt Therapeuten sind in der Lage, ein Audiogramm zu verstehen und lesen zu können.

Den Patienten wird das Teufelskreismodell des Tinnitus nahegebracht und wie die gezielte Aufmerksamkeitslenkung dazu beitragen kann, diesen zu unterbrechen. Konstruktive Gedanken zur Tinnitusbewältigung werden gesucht und damit experimentiert. Sowie Aktivitäten gesucht und geübt werden, die vom Ohrgeräusch ablenken können.

Soll ich mich wirklich entspannen?

Entspannungstechniken jeder Art bringen Erfolg – jedoch nur dann, wenn Betroffene diese freiwillig und mit einer gewissen Freude durchführen. Daher ist es nicht wichtig eine bestimmte Entspannungstechnik zu vermitteln, sondern die Patienten aufzufordern, sich selbst jene zu suchen, die ihnen zusagen. Schnupperstunden, die bei den meisten Institutionen, die solche Techniken anbieten, möglich sind, helfen zur richtigen Entscheidung zu kommen. Ob das die progressive Muskelentspannung nach Jacobson ist, Autogenes Training, Yoga oder Asiatische Techniken, ist nur vom Bedürfnis der betroffenen Person anhängig. Aber auch Bewegung und sportliche Aktivitäten ohne Leistungsanspruch, fördern Entspannung und Wohlbefinden. Der verhaltenstherapeutische Anteil daran ist, mit Patienten die eigenen Vorlieben und Bedürfnisse zu erarbeiten und sie bei der Umsetzung zu coachen.

Ich soll Hinhören lernen, um besser weghören zu können?

Ein Hör- und Wahrnehmungstraining, in welchem die Aufmerksamkeit auf angenehme Geräusche in der unmittelbaren Umwelt und der Natur oder auf Musik gelenkt wird, soll Tinnitus – Betroffene vom „In sich Hineinhorchen“ wegführen. Die Freude am Hören soll wieder spürbar werden. Hierzu werden mit Patienten Horchexperimente und Übungen durchgeführt, welche sie dann als Trainingsaufgaben zu Hause durchführen und weiterentwickeln sollen.

Augen kann man schließen, Ohren nicht. Nachdem der Hörsinn ein ständig wacher Hintergrundsinn ist – auch beim Schlafen hören wir – sollten Menschen, die von Hörstörungen und Tinnitus betroffen sind, ihren Ohren und dem Hörsinn bewusst Auszeiten und Ruhe ermöglichen. Die Empfehlung ist „Ruhe suchen – Stille meiden“, da in der Stille das Ohrgeräusch intensiver wahrgenommen wird. Angenehme natürliche Umgebungsgeräusche bringen eine gute Ablenkung. Es gibt auch die Möglichkeit, sich solche mittels technischer Unterstützung zu schaffen. Zimmerbrunnen, Wasser- und andere Naturklänge auf CD werden von Tinnitus-Betroffenen als sehr hilfreich erlebt. Ein breitgefächertes Angebot solcher CDs gibt es im Fachhandel.

Wie kann ich mir meine Klänge des Wohlbefindens schaffen?

Da Menschen, die von Tinnitus betroffen sind, oft ein sehr feines Gehör und individuelle Klangvorlieben haben, decken die herkömmlichen Klangs CDs nicht immer alle Bedürfnisse ab. Aufgrund dieser Erfahrung, arbeite ich auch mit einer Klangdesignerin zusammen. Eine Klang-CD wird auf der Technik der binauralen Klänge individuell hergestellt. In der Psychoakustik bedeutet binaural mit beiden Ohren verschiedene Töne hören. Ob ein Bach oder Regen plätschert, ob das Meer rauscht, Vögel zwitschern oder nur ein gleichmäßig pulsierender Rhythmus hilft, das Ohrgeräusch in den Hintergrund der Wahrnehmung zu stellen – diese Auswahl der Zusammenstellung bleibt dem Patienten überlassen. Die Klangdesignerin erstellt eine Komposition nach Wünschen und Angaben des Patienten, wobei nachträgliche Änderungen von Klangfarbe, Lautstärke oder Position im Stereobild, etc. von einzelnen musikalischen Bestandteilen möglich sind.

Wichtig ist, dass man sich mit den Klängen oder Naturgeräuschen, die helfen sollen, das Ohrgeräusch zu überlagern und davon abzulenken, wohl fühlt.

Wieso soll ich Genuss trainieren, wenn’s in meinem Ohr klingelt?

Über die Sensibilisierung aller Sinne in Form des Genusstrainings wird die allgemeine Genussfähigkeit gefördert, um mehr Lebensqualität und Lebenszufriedenheit im Alltag zu erreichen. Das Genusstraining oder Euthyme Verfahren hat seine Wurzeln in der Verhaltenstherapie. Wiederentdeckt und trainiert werden alle Sinne, also Tasten, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen.

Genießen können fordert bestimmte Rahmenbedingungen, und Genusstraining stellt eine Anleitung zur Wahrnehmungsdifferenzierung, Aufmerksamkeitsfokussierung, und zum Wiederentdecken und Erforschen der einzelnen Sinne dar. Hedonistische, Genuss bejahende Lebenseinstellungen und die Förderung der gedanklichen Vorstellung und des Phantasierens sollen vermittelt werden.

Zur Unterstützung des Trainings erhalten Patienten für zu Hause ein Genussmanual. Dieses setzt sich entweder aus Arbeitsblättern diverser verhaltenstherapeutischer Programme zusammen oder es wird das Buch „Mit allen Sinnen leben. Tägliches Genusstraining“ – ein Sachbuch zur Selbstanleitung – verwendet.

Um Genuss bewusst wahrnehmen zu können, ist Achtsamkeit nötig. Die Basis von Achtsamkeit ist die Aufmerksamkeitslenkung auf den aktuellen Moment und die gezielte Aufrechterhaltung dieser Aufmerksamkeitslenkung, sowie eine Nicht-Bewertung aller aufkommenden Bewusstseinsinhalte. Eben dieses Element ist auch das wesentliche für den Habituationsprozess beim Tinnitus.

Genießen können ist auch im Bereich der Gesundheitserhaltung wichtig. Euthyme, also Genussbringende Verhaltensweisen bedeutet Freude, Lachen, Wohlfühlen, Glückmomente, Entspannung, Tagträumen und vieles mehr (täglich) erleben zu können. Die Genussregeln sollten daher jeden Menschen (nicht nur Tinnitus-Betroffene) durch das Leben begleiten:

  • Genuss braucht Zeit
  • Genuss ist alltäglich
  • Genuss geht nicht nebenbei
  • Wissen, was einem gut tut
  • weniger ist mehr
  • ohne Erfahrung kein Genuss
  • Genuss muss erlaubt sein
  • Askese kann Genuss erhöhen

 

Die Leser mögen nun kurz für sich überlegen:

  • Wann haben Sie das letzte Mal bewusst eine Genusssituation erlebt?
  • Wann haben Sie das letzte Mal bewusst Wohlbefinden verspürt?
  • Gibt es jeden Tag mindestens drei Genussmomente?
  • Gibt es Genussvolles, das Sie zwar tun, aber sich dabei gar nicht die Zeit nehmen, es auch wirklich zu genießen?
Tab. 1: Mögliche Ursachen von Tinnitus
• Lärm, Explosion • Erkrankungen des Knochenapparates
• Infektion • Schädel-Hirn-Verletzungen
• Vergiftung (z.B. durch Medikamente) • Unfälle
• Herz-Kreislauferkrankungen • Operationen
• Stoffwechselerkrankungen • Tumore
• Endokrinologische Erkrankungen • Psychische & Physische Belastungen
Fazit für die Praxis
Ziel einer verhaltenstherapeutischen Selbstmanagement Therapie ist, unabhängig vom psychischen Problemfeld, immer die Stärkung der Autonomie und Selbstverantwortung von Klienten. So wählt man in der Psychotherapie auch vorzugweise den Begriff Klient, statt Patient. Die lateinischen Vorfahren von Patient weisen darauf hin, dass es sich dabei um einen Menschen handelt der ein Leidender oder Erduldender ist, also jemand der infolge seiner Krankheit behandelt wird und somit selbst wenig zu seiner Gesundung beitragen kann. Jedoch genau das Gegenteil, nämlich Selbsteffizienz, ist das wesentliche Element der Tinnitusbewältigung.
Das ist auch das Ziel beim verhaltentherapeutischen Selbstmanagement bei Hörstörungen und Tinnitus: Durch Vermittlung vieler Fertigkeiten (z. B. Strategien, um mit dem Ohrgeräusch anders umzugehen, Techniken, um das eigene Wohlbefinden zu fördern, Stressoren erkennen und zu managen, Problemlösestrategien zu entwickeln usw.) werden Klienten in die Lage versetzt, mit ihrem ohrgeräuschbelastetem Alltag und in ihrem Leben selbst wieder besser zurecht zu kommen. Wenn Klienten während der Therapie die dazu notwendigen Fertigkeiten gelernt haben und zu Experten für die eigenen Problemfelder geworden sind, werden wir als Therapeuten nicht mehr gebraucht und können uns wieder verabschieden.
Verabschieden von einem Menschen, der nun selbstwirksam und konstruktiv mit seinem Ohrgeräusch lebt und selbstfürsorglich für die Aufrechterhaltung seines Wohlbefindens sorgt. Oder wie ein chinesisches Sprichwort denn Sinn von Selbstmanagement treffend beschreibt:
Gib einem Menschen einen Fisch, dann hat er zu essen für einen Tag.
Lehre ihn zu fischen, und er hat zu essen ein Leben lang.

Mag. Beate Handler, Klinische, Gesundheits- & Arbeitspsychologin, Psychotherapeutin, Wien, komplementärmedizin 1/2009

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