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Foto: pixelio.de / Harald Wanetschka
Abb. 1: Physiologische und pathophysiologische Bedeutung des Herzen für Akupunktur, Tuina und Akupressur ist recht gut bekannt, doch die Beziehung zur Psyche wird bislang wenig beachtet.

Abb. 2:  周易归根图 Zurück zur Wurzel mit Zhouyi (nach Prof. SUN Zexian, China)

 
Komplementärmedizin 20. Oktober 2009

Das Herz ist König aller Organe

„Wenn der König nicht in Ordnung ist, droht seinen 12 Ministern auch Gefahr.“

Die physiologische und pathophysiologische Bedeutung des Herzen für Akupunktur, Tuina, Akupressur ist allgemein recht gut bekannt. Doch die Beziehung zur Psyche wird bislang wenig beachtet.

Der Mensch in seiner nicht voneinander trennbaren Komplexität und Wechselwirkung mit seinem soziokulturellen Umfeld, erlangt immer größere Bedeutung in der Psychosomatik. Das Konzept der Gesundheit wird im Osten (China, Indien, Japan, Korea, etc.) mit Begriffen wie I Ging, Laotse-Taoteking, Kungfutse-Lun Yü und Buddhismus beschrieben. Im Westen sind Begriffe wie TCM, Akupunktur, Qigong, Yoga, Zen-Buddhismus etc. bekannt. Die Brücke zur kulturellen und geistigen Verständigung der Völker zwischen Ost und West bauten Richard Wilhelm und C. G. Jung. Genial war die Entdeckung des Unterbewusstseins durch Sigmund Freud.

Das Herz als Organ in der TCM

Shen, Geist ist das äußere Zeichen aller Lebensaktivitäten und Ausdruck der Organfunktionen. Aus der geistigen Ausstrahlung, der Motorik, der Gesichtsfarbe, des Blickes, der Körperhaltung, dem Sprechen, der Atmung und den Reaktionen auf äußeren Reizen können wir den Zustand des Geistes beurteilen. Eine andere Funktion des Herzen ist die der Pumpe des Blutkreislaufes. Im Komplex des Körpers (im Vergleich zu einem Staat) hat das Herz die Position des Königs.

Das Herz ist der „Motor“ des Kreislaufs, und es reguliert den Blutkreislauf und das mentale, emotionale Geschehen. Das Herz ist somit an allen Geschehen im Körper beteiligt. Die TCM bezeichnet deshalb das Herz als der König aller Organe. Die Analogie zum Organ Herz wird in Tabelle 1 dargestellt.

Syndrom des Herzmeridians

Schmerzen in der Herzgegend, im Hypochondrium und Schmerzen an der Innenseite des Oberarmes; organspezifisch: Rhythmusstörungen, Schlafstörungen. Der Verlauf des H-Meridians und des Dünndarmmeridians ist am Unterarm dem Verlauf des N. ulnaris ähnlich. Diese lokale und allgemeine Wirkung wird meist rasch von Therapeut und Patienten bemerkt.

Physiologie und Pathophysiologie

Die Hauptfunktionen des Herzens sowie seine Bedeutung für Physiologie und Pathophysiologie nach der Auffassung der traditionellen chinesischen Medizin ist in Tabelle 2 übersichtlich dargestellt.

Wirkungen von Akupunktur, Tuina und Akupressur

  1. Förderung der Durchblutung
  2. Wirkung auf das vegetative Nerven- system

Die Herzkreislauf-, Magen-Darm- und Ausscheidungsfunktion werden immer positiv beeinflusst. Der Schlaf wird besser, die Psyche stabiler, ausgeglichener und ruhiger, oft auch eine deutliche Verbesserung der Stimmungslage und Leistungsfähigkeit.

  1. Normalisierung des Muskeltonus

Sehr deutlich ist zu bemerken, dass ein erhöhter Muskeltonus schon während der Massage nachlässt. Der G 21 in der Mitte des Schulterrand sind der Wetterfühligkeitspunkt und der psychovegetative Punkt. Der Punkt G 21 ist ganz in der Nähr des 3E 15, weshalb wir wie in der Akupunktur diese Zone auch als die „Wetterfühligkeitszone“ bezeichnen. Die Behandlung mit dem Na- oder An-Griff bringt eine sofortige Erleichterung von Nackenverspannungen.

In allgemeine ist ein erhöhter Muskeltonus besser als der erniedrige Tonus zu behandeln.

  1. Deutliche Linderung des Schmerzes

Die schmerzlindernde Wirkung der Fernpunkte ist besonders beim akuten Schmerzzustand imponierend. Aber denken Sie bitte immer, wenn wir hier von Behandlung sprechen, an die Indikationen und Kontraindikationen.

Durch den Einsatz der Akupressur (das macht auch der Laie) kann die Mobilisierung des Schlaganfallpatienten rascher Fortschritte machen, denn z. B. die Linderung der Schmerzen im Schultergelenk bedeutet für den Patient Verminderung eines Speers.

  1. Die Körperabwehr wird gestärkt

Es scheint, dass der Patient während und nach der Therapie gegenüber Infekten und auch Saisonkrankheiten gestärkt ist. Ähnliche Beobachtung machen wir auch in der Akupunktur von an Heuschnupfen erkrankten Personen.

  1. Allgemein wird die emotionale und psychische Befindlichkeit besser.

Akupressur gegen Schlafstörung

Einschlafen und Durchschlafen nicht wie früher ohne Problem. Meist mit inneren Unruhe, Kraftlosigkeit, Abnahme der Leistungsfähigkeit, des Gedächtnisses, der Konzentration, auch Kopfschmerzen, Depressionen, Ängste sind oft die Begleitsymptome. Wenn die interne, neurologisch, psychiatrische Abklärungen keine Besonderheiten ergeben, welche eine spezielle Therapie erfordern, dann ist die Akupressur eine gute Möglichkeit der Selbsthilfe.

Eine sehr einfache Form ist die regelmäßige Selbstakupressur. Einmal pro Tag. Etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen, nach einem heißen 10 minütigen Fußbad, drei Punkte links und rechts je 2 Min. fest drücken und zirkeln. Zuerst den Punkt N 1 (sprudelnde Energie Quelle) Mitte der Fußsohle. N 6 (Erleuchtetes Meer) knapp unterhalb des Innenknöchels. G 43 (Enge des Tals) hinter der Schwimmhautfalte zwischen 4. und 5. Zehe. M 36 (göttlicher Gleichmut; großer Heiler der Füße), ein Handbreit unter der Kniescheibe, dann ei Fingerbreit von der Schienbeinkante nach außen. Dann den Punkt MP 6 (die Kreuzungszone der drei Yin-Meridianen des Beines) eine Handbreit über den Innen- knöchel am Hinteren Rand des Schienbeines. Zum Schluss den Punkt H 7 (Tor zu den Göttern), dieser ist am Handgelenk, Beugeseite des Unterarmes, an Ende der Kleinfingerseite.

Wer einen sitzenden Beruf hat und oft an Zervikalsyndrom leidet, kann noch etwas mehr Zeit investieren: mit der rechten und linken Hand abwechseln die Muskeln am Schulterrand und Nacken fest zusammendrücken (kneifen); je fünfmal.

Etwas wirksamer ist meistens die Tuina-Massage von Masseuren bzw. Physiotherapeuten und auch die Akupunktur mit Nadeln vom Arzt. Mehr zu diesem Thema auch in „Chinesische Heilkunst“ von A. Meng und W. Exel im Kneipp-Verlag.

Psychosomatische Aspekte in der TCM

Begründer der Tiefenpsychologie ist der Österreichische Neurologe Sigmund Freud (1886–1939). Allgemein bekannt ist die Tatsache, dass Freud vor mehr als 100 Jahren mit den Begriffen Bewusstsein und Unterbewusstsein den Grundstein der modernen Tiefenpsychologie gelegt. Wesentliche Bereicherung der Verständnis der östlichen Psychologie hat der Schweizer Psychiater, C. G. Jung (1875–1961) in seinen zahlreichen Kommentare zu Übersetzungen von Richard Wilhelm (1873–1930), Sinologe aus Deutschland beigetragen. Prof. SUN Zexian, von TCM Universität Liaoning, China beschäftigt sich sein mehr als 30 Jahren mit Qigong, die sog. chinesische Yogaübung und Depth Psychology in Classics of Chinese Qigong. Es sagte in seinem Festvortrag: „Wir sehen in den Begriffen Bewusstsein und Unterbewusstsein eine ideale Brücke zu den chinesischen Qigong-Klassikern.“

Bewusstsein und Unterbewusstsein

In altem China in „Huangdi Yinfujing“ (vor 2000 Jahren verfasst) werden alle Aktivitäten, die mit dem Geist, dem Bewusstsein zu tun haben, als Shen bezeichnet. Das wiederum in einem als Shishen. Es ist Erkenntnis-, Differenzierendes-Shen, etwa wie Bewusstsein. Ein zweites ist das Yuan- Shen (auch Nicht-Shen). Es ist das Ursprungs-, Quellen-, Wurzel-Shen, etwas wie Unbewusstsein. Im Ursprungs-Shen birgt viele Informationen. Diese riesige Menge an Information hat Einfluss auf die Entwicklung der Bewusstheit.

Sigmund Freud war der erste, der in einer Sprache unserer Zeit postulierte und formulierte, dass neben dem Bewusstsein noch ein Unbewusstsein existiert. Freuds Ent- deckung des Unterbewusstseins liefert uns einen modernen, wissenschaftlichen Beleg.

Freud brachte den Vergleich mit einem Eisberg: der sichtbare Teil entspricht der Bewusstheit, jener unsichtbarer unter Wasseroberfläche liegende Teil der Unbewusstheit. Die Größenrelation der beiden Teile ist etwa 1:6. In China dachte man an aber an einen Baum. Die Symbolik des Baums ist tiefgründiger, denn der Eisberg ist leblos, der Baum aber lebendig. In diesem unbewussten Teil sind sämtliche Erlebnisse (Informationen) seit der Geburt gespeichert, gleichgültig, ob wir uns erinnern können.

Das Wort Sein hier hat Form und Substrat. (Wir empfinden das Sein als real.) Das Wort Nichtsein besagt, es existieren Informationen, welche formlos und namenlos sind. (Wir habe keine Empfindung, dass sie existieren.)

Lü Dongbin (798-?), ein Arzt und bekannter taoistischer Adept wird als Autor des als esoterisch geltenden Geheimbüchlein: „Das Geheimnis der goldenen Blüte“ gesehen. Der berühmte deutsche Sinologe Wilhelm Richard hat das Werk in Deutsch übersetzt (1926/1929). C. G. Jung schrieb dazu ein ausführliches Vorwort und Kommentar (1929). Beide Autoren schrieben noch eine Fülle weitere Beiträge, Bücher über das Thema „Psychologie Chinas“. Sie hinterlassen tiefe Eindrücke in der Wissenschaftswelt.

Der Baum des Lebens

Laozi (Lao Tse) schrieb: „Sie wachsen und blühen und kehren zu ihrem Ursprung zurück.“ (Übersetzung aus Lao Tse Tao-Te-King, Kapitel 16, Diagenes, 1985; Das Wort Ursprung kann auch mit Wurzel eines Baumes übersetzt werden). Während Laozi diese Zeile schrieb, könnte es um ein schöner, klarer Herbsttag sein, die herunter fallenden Blätter haben ihn inspiriert zu der These: Alle Dinge kehren zu ihrem Ursprung (Wurzel) zurück.

Der Überlieferung nach erreichte der Siddharta Gautama unter einer Linde seine Erlösung. Bodhisattva Maitreya fand unter einem Baum die Erleuchtung. In der Heiligenschrift der Christen ist auch ein Baum im Garden Eden als Richter für Gut und Böse bekannt. Die Urahnen der Menschheit, Adam und Eva, sind durch den Genuss eines Apfels von diesem Baum zu Ursündern geworden.

Das Leben des Baumes besteht aus dem Stamm mit seinen Ästen und Blättern und der Wurzel, als unterirdischer Teil. Mit Sprossen des Keimlings entwickelt sich der Baum in zwei entgegengesetzten Richtungen, nach oben und nach unten.

Ein großer Baum, so sagen wir oft, hat tiefe und lange Wurzeln. Diese garantieren ein gesundes, energiereiches Leben des Stammes und der Blättern.

In die Wurzel zurück

Die Besonderheit des Erkenntnis-Shens ist die ständige Bereicherung des Wissens, Erforschung der Außenwelt, wie die Äste des Baumes immer breiter und höher werden. Die Besonderheit des Quellen-Shen ist die ständige Vertiefung in die innere Welt. Um den Baum des Wissens gesund gedeihen zu lassen, darf man die Bedeutung der Wurzeln nicht außer Acht lassen. Je höher und kräftiger der Baum, umso fester müssen die Wurzeln verankert sein.

Die Entwicklung der Bewusstsein (Yuanshen) ist ein Prozess der Selbstüberprüfung. Dadurch erreicht das Yuan Shen immer mehr an Tiefe. Daraus entsteht eine Fähigkeit der Selbsterkenntnis (Transcendental power). Man versteht, dass alle Dinge des Universums letztlich wieder zu ihrer Wurzel zurückehren. Dass alle Dinge des Universums die gleiche Wurzel haben (wie Archetypen und Kollektive Unbewusste?). Das Hui (Transcendental power) entsteht nicht im Gedanken. Genau gegenteilig, man muss die gedankliche Welt überwinden (z. B. mittels Yoga oder Qigong). Das Wort Hui (Transcendental power) ist eng mit Erleuchtung, Intuition in Verbindung. Sie werden oft gleichzeitig genannt.

Die Reinigung als Praxis

Die Innenwelt muss ständig „gereinigt“ werden. Im Buddhismus steht: Tue nichts Böses, sei wohltätig, reinige deine Gedanken – das ist die Regel der Buddhisten. Ein im Buddhismus weit verbreitetes Lied:

„Kehrt den Boden, kehrt den Boden, kehrt den Herzensboden,

Umsonst ist, wer nur den Boden kehrt, den Herzensboden nicht

Jeder kehre seinen Herzensboden, kein Platz auf der Erde ist nicht unrein.“

Was kehrt man am Herzensboden?

Nach dem Buddhismus gibt es zwei Hindernisse für die Rückkehr zur Wurzel. Das Erste Hindernis ist Kummer, und das zweite ist die Überbewertung des Wissens.

a) Kummer hat jeder von uns, der Erwachsene, das Kind, der Arme und der Wohlhabende, frei von Kummer ist niemand. Im Buddhismus wird das mit der Lotusblüte verglichen. Die Erde, wo die Lotusblute ihre Wurzel hat, ist sumpfig und im Finsteren. Fehlen dieser Sumpf und die Finsternis, kann die Lotusblume nicht gedeihen. Der Sumpf (und die Finsternis) ist (sind) der Kummer. Lotusblume ist „Bodhi“. Das altindische Wort Bothi bedeutet Erleuchtung, erreichen der Erlösung, Intuition, sich bewusst werden, empfinden, verstehen. Den Kummer kann man nicht einfach mit dem Besen wegfegen. Es bedarf eines mühevollen Prozesses der Aufarbeitung und Auflösung. Im Buddhismus gibt es einen Satz: „Kummer ist Bodhi.“

Ähnliche Bedeutung hat der Müll der Großstadt: Er wird in vielen Industrieländern nicht einfach wo anders deponiert, sondern verarbeitet und verwertet. Der Müll wird in Wertvolles transformiert.

b) Die Überbewertung des Wissens als Hindernis. Das angereicherte Wissen und ihre Denkstrukturen sind ebenfalls Hindernisse für das Unterbewusstsein.

Die Menschheit hat in den langen Jahren der Entwicklung und der Einzelnen in seinem bisherigen Leben viel Wissen gespeichert. Dieses Wissen um das Universum hilft uns, zu überleben. Diese allmählich entwickelten Strukturen im Gehirn bilden ein verschlossenes System gegen alles uns nicht Gleiche. Solchen uns nicht gleichen Dingen wird der Zugang in unser Inneres verwehrt. Daher ist es gerade das Wissen, das uns hindert, die Welt richtig zu erkennen, nicht das Unbekannte. Dieses Phänomen wird im Buddhismus als Hindernis durch Überbewertung des Wissens bezeichnet. Weil wir schon ein fixes Gedankengebäude haben, werden Neuerungen durch eine psychologische Barriere gehindert.

Die Beseitigung des Wissens als Hindernis ist mühevoller als die Bereinigung des Kummers als Hindernis. Es ist eine transzendentale Kraft notwendig, um Wissen als Hindernis zu überwinden. „Ohne Auflösung kein Neubeginn. Es fließt nur, was nicht verstopft ist. Wer ruht, der bewegt sich nicht.“ (Chinesisches Sprichwort)

Die Krise in der Gegenwart

Seit vielen Jahren legen wir in der Bildung viel Wert auf Zhi, auf Anhäufung von Wissen. Die Bildung von Güte und des Geistes haben wir vernachlässigt. Wir haben eine Psychologie der Intelligenz des Wissens. Aber die Entwicklung der Psychologie des Geistes, der Güte ist nahezu null. Eine latente Krise der Gesellschaft ist vorhanden.

Die Naturwissenschaft erfährt gegenwärtig eine rasante Entwicklung. Im Makrokosmos beschreiben wir das Phänomen des Urknalls. In Mikrokosmos tasten wir an Quarks heran. Der Wissensbaum (Bewusstsein) der Menschheit befindet sich in einer Periode des „wilden“ Wuchses. In dieser Euphorie ahnen wir nicht, dass langsam eine Krise heranreift: Im selben, rasanten Tempo wie der hohe Wissensbaum wächst die Wurzel des Unterbewusstseins. Die Bildung wird im alten China in zwei Punkten gepflegt: das eine De (Tugend, Geist, Psyche), das andere ist Dao (Weg, Weltordnung Lauf der Welt, Wissen etc).

Tagtägliche Neuerkenntnisse über das Universum und das Leben lassen religiösen Glauben schwanken, ein Vakuum im Unbewussten entsteht und wird immer größer.

Der Baum des Wissens (Bewusstsein) steht heute mit mächtigem Stamm auf schwacher Wurzel. Das Wissen wird immer mehr. Das Unbewusstsein (Güte, Geist) wird immer weniger und schwächer. Die Dysbalance zwischen Wissen und Geist ist gravierend. Das ist eine Krise zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein.

Diese Balance-Störung bedroht die Existenz und die Entwicklung der Menschheit. Eine Revolution der Bildung ist dringend fällig. Das Gleichgewicht zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein muss wieder hergestellt werden. Die Bildung des Geistes und der Güte muss wieder ein Teil der Bildung sein. Der Mensch muss wieder besser über sich selbst Bescheid wissen, noch mehr muss der Mensch über die Natur von heute und gestern Bescheid wissen. Wo stehen wir in der Natur? Welche Rechte und Nutzen haben wir von der Natur, aber auch welche Pflichten und Verantwortung haben wir?

Qigong, Yoga und Religion sind Wege zum Unterbewusstsein

Mit Qigong schaffen, verbessern, vervollkommnen wir uns selbst. Dieses Sich-Vervollkommnen ist ein Ziel der Religion und des Qigong (auch als chinesische Yogatechnik bezeichnet).

Treffend dazu ist die Beschreibung Kapitel 16, „Dao de jing“ (Tao te ching), von Laozi, etwa 500 v. Chr. verfasst:

„Ich tue mein Äußerstes, um leer zu werden, und versenke mich tief in die Stille. Die zehntausend Dinge kommen und gehen, wenn dein Selbst darauf achtet.

Sie wachsen und blühen und kehren zu ihrem Ursprung zurück.

Zum Ursprung zurück heißt: in die Stille gehen.

In die Stille gehen heißt: erleuchtet sein. Weh dem, der mit Absicht handelt, ohne das Ewige zu erkennen!“

Die chinesische Qigong Literatur spricht von Optimierung des Lebens, (Rebuilding personality unconsciously which was called “somatic exercise”?)

Der Baumstamm, die Äste und die Blätter symbolisieren das Bewusstsein (Wissenschaft, Philosophie). Die Erde steht für das Unterbewusstsein (Religion etc). Aus der Erde (Unterbewusstsein) entwickeln sich erst das Yin und Yang (Ziffer 2), dann die vier Himmelsrichtungen (Ziffer 4), dann weiter die acht Trigramme (Ziffer 8) und schließlich das Universum (unendliche Verzweigungen und Ziffer).

Indikationen für Akupunktur, Tuina und Qigong

Indikationen für Akupunktur, Tuina und Qigong sind psychovegetative Syndrome (Synonyme: vegetative Dystonie, vegetative Labilität, neurasthenisches Syndrom, vegetatives Syndrom, Psychasthenie, vasoneurotisches Syndrom, neurozirkulatorische Dystonie); polysymptomatische Beschwerdebilder ohne pathophysiologisch oder anatomisch nachweisbare Ursache bzw. Korrelate (funktionelle Störungen).

Ursächlich liegen meist psychische Belastungen, vor allem Stress und Konfliktsituationen, vor. Die Beschwerden treten häufig zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf. Häufig werden Kopfschmerz, Magenbeschwerden, Herzbeschwerden, Herzstolpern, Schwindelgefühle, Atembeschwerden, Kreuz- oder Rückenschmerzen, Müdigkeit, sexuelle Funktionsstörungen oder eine lavierte Depression beschrieben. Diagnostisch wichtig ist der zeitliche Zusammenhang von Beschwerden und Konfliktsituationen, organische Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden.

Häufige Syndrome mit Leitsymptom Schmerz sind das Fibromyalgiesyndrom, das Reizdarmsyndrom, der atypische Gesichtsschmerz, der nichtkardiale Brustschmerz, die funktionelle Dyspepsie, der chronische Unterbauchschmerz, aber auch der Spannungskopfschmerz, die chronischen Myoarthropathien des Kausystems, der unspezifische Rückenschmerz, die Prostatodynie, des chronischen Müdigkeitssyndrom und das multiple Chemikalienunverträglichkeitssyndrom (W. Häuser et al., 2004). In allen Fällen handelt es sich um körperliche Beschwerden ohne Nachweis von erklärenden strukturellen Organschäden. Die Begriffe „Funktionelles somatisches Syndrom“ oder „ Funktionelle Störung“ werden hier öfters als Überbegriff verwendet.

Zuerst überlegen wir, wie die TCM die vorliegende funktionelle Störung betrachtet. Für die Gesundheit und das Wohlbefinden sind die drei Schätze in unserem Körper wichtig: Shen-Psyche, Qi-Vitalenergie und Jing-Essenz der Niere sind die drei Schätze unserer Gesundheit. Die drei Schätze des Himmels sind Sonne, Mond und Sterne. Die drei Schätze der Erde sind Wasser, Feuer und Wind.

Bei jeder organischer Störung kann eine psychische Symptomatik mit dabei sein. Auch intensive, lang anhaltende psychische und emotionale Belastungen können organische Störungen verursachen und beeinflussen. Das Herz wird in der TCM als Herrscher alle Organe gesehen. Deswegen wird bei jedem Patienten zuerst sein psychischer und geistiger Zustand beurteilt, um sich der Mitarbeit des Patienten zu versichern. Mit Qigong werden die drei Schätze des Körpers gestärkt, und so das leibliche und seelische Wohlbefinden garantiert. Die mentale Konzentration reguliert den Austausch (Transformation, Qi Hua Funktion) von Information (Shen), Energie (Qi) und Substrat (Jing) im Körper und mit der Außenwelt.

Die Wechselwirkung der Fünf Elemente gibt dem Arzt noch die Möglichkeit, über Organe und ihre Wechselbeziehung die psychische Störung zu therapieren.

Praktisches Beispiel: Neurasthenie

In China wird die Diagnose Neurasthenie gestellt, wenn drei der folgenden fünf Punkte vorliegen:

1. Rasche Ermüdbarkeit, Unkonzentriert, Leistungsschwäche. 2. Erregungen leicht induzierbar, viele Gedanken, Überempfindlichkeit auf Lärm und optische Reize. 3. innere Unruhe, rasches Aufkommen von Zorn, Leistungsverminderung, Depression ohne erkennbare Gründe 4. Kopf- Muskelschmerzen in Verspannungen. 5. Ein- und Durchschlafstörung.

Besserung nach Ruhe, Verstärkt nach geistiger Anstrengung. Sehr wechselhafter Verlauf.

Pathomechanismus nach TCM: Die 5 Zang-Organe bilden die physiologische Basis der Psyche. In der Fünf Elemente Lehre wird deren Beziehung beschrieben. Alle seelischen und emotionalen Irritationen treffen zuerst das Herz (Königsorgan), dann die andere Organe. An zweiter Stelle wird die Leber in Mitleidenschaft gezogen. Die TCM sieht die Ursachen einer psychosomatischen Erkrankung in den exogenen bioklimatischen Faktoren, den sieben Emotionen, in Tan, Blutstatus, Diätfehlern und Exzessen, wobei die so genannten sieben Emotionen am wichtigsten sind. Es entsteht eine Disharmonie zwischen Yin und Yang, Blut- und Qi-Zirkulation und eine Funktionsstörung in den Organen.

Nadelakupunktur

Vier kluge Götter, LG 20, G20, PdM, LG 14 (chi), B 23, KG 4, KS 6, M36, MP 6

Bei Herz- Milz- Mangel, Xin Pi Liang Xu: dazu B 15, B 20, KG 6 (Bufa durch Drehung)

Bei Herz- Nieren Yin-Mangel, Xin Shen Yin Xu: H 7, N 3, LG 4 (Bufa durch Drehung und Auf- und abbewegung)

Bei aufsteigendem Leber-Yang, Ganyang Shangkang: N 1, M 36, M 40 (Xiefa durch Drehung)

Schröpfen

Schröpfen: LG 14 (Dazhui), LG 11 (Shendao, unter D5), B 15, B18; LG 12 (Shenzhu, Unter D3), LG 10 (Lingtai, unter D6), B 20, B23; KG 12, KG 4. Diese drei Programme abwechselnd verwenden.

Bei Herz-Milz-Mangel, Xin pi liang xu: Schröpfglas von B 13 langsam bis B 20 bewegen, bei B 15 und LG 14 (Dazhui) die drei Gläser 15 Minuten liegenlassen.

Bei Qi-Stagnation und Tan-Blockade, Qi Yu Tan Jie: die Gläser von B 18 bis B 13 bewegen, dann bei B 18 und LG 14 (Dazhui) fünf Minuten liegenlassen.

Bei Herz- Nieren Yin-Mangel, Xin shen yin xu: die Gläser von B 13 nach B23 bewegen, dann in B 23 zehn Minuten liegen lassen, dann noch an LG 14 (Dazhui) fünf Minuten liegen lassen. Jeden Tag eine Sitzung. Eine Woche Pause zwischen den einzelnen Zehner-Serien.

Laserpunktur

Sedativpunkt 1, Anmian 1 (entspricht Neu-Punkt 27, Mittelpunkt der Verbindungslinie zwischen 3E17 und Yiming = PaM 13 ) und Sedativpunkt 2, Anmian 2 (Neu-Punkt 28, Mittelpunkt von der Verbindungslinie zwischen G 20 und PaM 13 oder: In der Knochenrinne zwischen Warzenfortsatz und Hinterhauptschuppe, in der Höhe des Antitragus). PaM 13, Yiming = hinter dem Warzenfortsatz, 1 Cun dorsal von 3E 17.

H 7, Taiyang-Sonne, KS 6, M 36 und MP 6. Täglich eine Behandlung, pro Punkt zehn Minuten Laseranwendung. He-Ne-Laser mit 2–4 mW Ausgangsleistung.

Tuina

PdM, Taiyang-Sonne, LG 23, LG 20, LG 14 (Dazhui), G 20, Di 20, Di 4, KS 6, 3E 5, H 7. Behandlung in Sitzen oder Liegen. In fünf Schritten:

Von PdM zu G 14 zu Sonne 15 Male Tui-Schieben, etwas fester An-Drücken bei Sonne.

Der Patient sitzt. Mit einer Hand sein Hinterhaupt halten, mit dem Daumen der anderer Hand von PdM bis LG 20 Tui-Schieben, 20-mal. Bei LG 23 und LG 20 immer etwas fester An-Drücken.

Von LG 14 (Dazhui) bis G 20 schräg nach oben Tui-Schieben, 20-mal. Bei G 20 etwas fester Drücken-An.

Mit dem Fingerbauch die Zone Di 20 An-Drücken und Rou-Friktionieren. Bis zu zartem Deqi-Gefühl.

An-Drücken: die Zone Di 4, KS 6, 3E 5. H 7 links und rechts je zwei Minuten pro Zone. Ideal ist die tägliche Behandlung.

Nachwort

Der Autor hat hier einen Vortrag von Prof. Sun Zexian, China, welcher im Rahmen des Kongresses „International TCM Psychology Committe Establishing Conference WFCMS & The1st Development Forum on Medicine and Psychological Hygiene, 22. bis 25. Juni 2006, in Beijing gehalten wurde, überarbeitet. Als Quellen dienten der Originaltext sowie weitere Literatur.

Korrespondenz: Prof. Dr. med. univ. Alexander Meng Facharzt für Neurologie/Psychiatrie Vizepräsident der Österr. Gesellschaft f. Akupunktur, Leiter Ö. Arbeitskreis f. Tuinatherapie Vice Chairman of Specialty Committee of TCM Psychology of WFCMS, Ehem. Leiter Schmerz/Akupunktur/TCM Ambulanz Neuro. Abt. KH Lainz/Wien Frauenfelder Straße 8, 1170 Wien, Tel.: +43/(0)1/486 12 77 E-Mail:

1 Facharzt für Neurologie/Psychiatrie Vizepräsident der Österr. Gesellschaft f. Akupunktur, Leiter des Ö. Arbeitskreises f. Tuinatherapie, Vice Chairman of Specialty Committee of TCM Psychology of WFCMS, Ehem. Leiter der Schmerz/Akupunktur/TCM Ambulanz, Neurologische Abteilung, KH Lainz, Wien

„Geheimnis der Goldenen Blüte“ von Richard Wilhelm / C.G. Jung, im Diederlichs Gelbe Reihe, 2005

„Lao Tse Tao-Te-King“ Diogenes, 1985

„C. G. Jung und der östliche Weg“ Hrsg. und mit einer Einführung von J. J. Clarke, im Patmos, Paperback, 2005

„Psychosomatische Vorsorgemedizin, Seelische Balance durch polares Denken und altchinesische Phasenwandlungslehre“ Felix Badelt, Springer Verlag WienNew York, 2009

„Gesundheitsvorsorge mit TCM, Philosophie-Krankheitslehre, Diagnose-Therapie“ Alexander Meng, Springer Verlag WienNewYork, 2005

„Die Auffassung der Emotionen im Huang Di Nei Jing und ihre Brechung in der Affektlogik Luc Ciompis“ Wolfgang Schulz Europäischer Universitätsverlag Reihe Sinica, Band 24. 2009

Tabelle 1 Das Herz und seine Entsprechungen in der TCM
Jahreszeit Sommer
Himmelsrichtung Süden
Farbe rot
Geschmack bitter
äußerer pathogener Faktor Hitze
innerer pathogener Faktor: Emotion Freude/ Lust
Schmerzcharakter brennend, hitzend
Vollorgan Herz
Hohlorgan Dünndarm
Meridiane Herz/ Dünndarm
Öffner Zunge
Schicht/ Gewebe Subkutis/ Gefäß-Nervenbündel
Dominiertes System Hirn
Komplexe Funktion Intellekt, Bewusstsein, Schlaf, Sprache
Tabelle 2 Physiologie und Pathophysiologie des Herzens
HauptfunktionBedeutung für PhysiologieBedeutung für Pathophysiologie
Das Herz beherrscht das Blut und die Gefäße. 1. Blutzirkulation, Xing Xue: Das Qi des Herzens treibt das Blut in die Blutgefäße 2. Blutbildung: Nützliches aus der Nahrung wird durch das Feuer des Herzens rötlich zu Blut Gesichtsblässe, Puls dünn, kraftlos, Stagnation von Blut und Vitalenergie, Behinderung in der Blut-Qi-Zirkulation: Gesicht grau, Zungen- und Lippenzyanose, Herz- und Brustschmerzen, Puls knotig-Jie etc.
Das Herz beherrscht den Geist (Shen) und den Willen (Zhi). 1. Aufnahme von Eindrücken, beherrscht die geistige Aktivitäten: klarer Gedanke, rasche Reaktion 2. Kontrolliert die Aktivität aller Eingeweide; wird als König aller Organe bezeichnet: „Wenn der König in Ordnung ist, dann herrscht auch Frieden bei seinen Untertanen." Abnorme Psyche und Emotionen, verworrene Gedankengänge, träge Reaktion „Wenn der König nicht in Ordnung ist, droht seinen 12 Ministern auch Gefahr." Organfunktionen verlaufen disharmonisch
Die Physiologie des Herzens äußert sich an der Zunge. Der Zungenkörper (ZK) bei gesundem Herzen ist rosa, feucht und frei beweglich, der Geschmackssinn normal, das Sprechen flüssig. Störung der Blutzirkulation: ZK-Farbe abnorm, blass, dunkelrot, zyanotisch bzw. zeigt livide Flecken. Bei psychischer Störung kann die Zunge unbeweglicher sein, oder Dysphasie oder Aphonie

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