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Fotos: Buenos Dias/photos.com (4x)
Abb. 1: Ayurveda: Ernährung und Lebensstil sollen sich an den Jahreszeiten orientieren – so gelingt es, ein Gleichgewicht der Energien im Körper zu erzielen.
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Abb. 2: Ayurveda: Im Spätsommer soll vor- wiegend gegarte Nahrung zu sich genommen werden.

Abb. 3: TCM: Das Erreichen eines energetischen Gleichgewichts wird durch eine einerseits individuelle, die persönlichen Dysbalancen ausgleichende und andererseits der Jahreszeit entsprechende Kost erreicht.

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Abb. 4: Europäische Tradition: Was die heimischen und benachbarten Gärten in den Sommermonaten an Obst und Gemüse hergeben, hat durchwegs kühlenden Charakter – hier z. B. die Wassermelone.

 
Komplementärmedizin 9. Juli 2009

Endlich Sommer!

Lebensstil und Ernährung in Ayurveda, Traditioneller Chinesischer Medizin und europäischer Tradition

In allen Kulturen, mögen sie auf den ersten Blick noch so unterschiedlich erscheinen, gab und gibt es für den Sommer spezielle Verhaltensregeln und Ernährungsempfehlungen, um den Organismus optimal der Jahreszeit anzupassen.

In diesem Artikel sollen nun die Grundlagen von Ayurveda, Traditioneller Chinesischer Medizin und europäischer Tradition im Allgemeinen erläutert und auf Empfehlungen für den Sommer im Speziellen eingegangen werden.

1. Ayurveda, das Wissen vom Leben

Ayurveda, das „Wissen vom Leben“ (Sanskrit ayus = Leben, veda = Wissen), ist eine Jahrtausende alte Lehre, in der sich Philosophie und Medizin verbinden. Auch Ärzte der griechischen Antike, wie zum Beispiel Hippokrates und Galenus, waren Ärzte und Philosophen. Da auch inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden Medizinsystemen bestehen, gibt es Diskussionen darüber, inwieweit ein Austausch zwischen den beiden Kulturen statt gefunden haben könnte, oder ob nur die zeitliche Koinzidenz – heute würde man sagen, der Zeitgeist – ähnliche Erkenntnisse hervorgebracht hat.

Fünf Elemente – drei Doshas

Fest steht jedenfalls, dass es sich um eine Lehre handelt, in der fünf Elemente eine zentrale Rolle spielen: Luft, Äther, Feuer, Wasser und Erde. Jedem dieser Elemente sind gewissen Eigenschaften und Wirkungen zugeordnet. Die Elemente wiederum bilden die drei Bioenergien oder Doshas: Vata, Pitta und Kapha. Vata setzt sich aus Äther und Luft zusammen und hat die Eigenschaften kalt und trocken, Pitta aus Feuer und (wenig) Wasser (heiß und trocken), Kapha aus Wasser und Erde (kalt und feucht). Im Idealfall sollen sich die Doshas im Gleichgewicht befinden – nur dann ist körperliche und geistig-seelische Gesundheit gewährleistet. Allerdings nimmt das sogenannte „Königsdosha“ Vata eine Sonderstellung ein – es sollte in gewissem Maß immer vorhanden sein, da es das Dosha der Bewegung ist und somit Stagnation verhindert.

Die drei Bioenergien sind grundsätzlich im ganzen Körper verteilt, werden aber auch einzeln gewissen Körperteilen und Organen sowie physischen und psychischen Funktionen zugeordnet.

Von zentraler Bedeutung sind die drei Doshas für den Konstitutionstyp. Das erklärt die unterschiedliche Reaktion jedes Menschen auf medizinische Therapien, Ernährung, körperliche Betätigung, klimatische Faktoren, so wie auf Herausforderungen des Alltags in Beruf und Privatleben. Ein Lebensstil, der der eigenen Konstitution zuwider läuft, hat schädliche Auswirkungen. Das hat übrigens allgemein Gültigkeit, nicht nur in der Ayurveda!

Dennoch gibt es auch allgemeine Empfehlungen, die für alle Typen vorteilhaft umgesetzt werden können. Durch den Jahreszeiten entsprechende Maßnahmen – insbesondere Ernährung und Lebensstil – gilt es, ein Gleichgewicht der Energien im Körper zu erzielen (Abb. 1).

Früh- und Spätsommer

Die Ayurveda kennt sechs Jahreszeiten zu je zwei Monaten. Der Sommer gliedert sich in den Frühsommer (Juni, Juli) und den Spätsommer (August, September).

In unseren Breiten würde man den September wohl kaum mehr als Sommermonat bezeichnen – im Gegenteil, ab Mitte August können die Nächte schon recht kühl und feucht sein, während es untertags noch sehr warm ist.

Auch in der Ayurveda wird für diese Jahreszeit angemerkt, dass alle drei Bioenergien gestört sein können und daher besondere Vorsicht angezeigt ist. Die Nahrung sollte besonders ausgewogen sein und bevorzugt in gegarter Form aufgenommen werden (Abb. 2).

Auf leichte, aber dennoch wärmende Kleidung und den Aufenthalt in trockenen Räumen (besonders nachts) sollte speziell geachtet werden.

Im Juni und Juli hingegen überwiegen durch die starke Sonneneinstrahlung Pitta und Vata, während Kapha (kalt und feucht) stark vermindert ist. Empfehlungen für diese Jahreszeit: Vermeidung von direkter Sonneneinstrahlung, vor allem in den Mittagsstunden, kühle Speisen und Getränke, leicht süß und fetthaltig, Alkohol nur in verdünnter Form (auch bei uns ist der „Sommerg’spritzte“ ja sehr beliebt).

Körperliche Aktivitäten sollten reduziert werden.

2. Traditionelle Chinesische Medizin – Yin/Yang und Chi

Die TCM vereint ebenfalls Philosophie und durch Jahrtausende überliefertes medizinisches Wissen. Sie basiert auf dem Gegensatzpaar Yin und Yang, die einander ergänzen und immer auch jeweils einen Teil des Anderen enthalten; ferner auf Qi, das für den Fluss der Energie und somit für die Lebenskraft steht, sowie den fünf Elementen Erde, Metall, Wasser, Holz und Feuer. In den Wandlungsphasen bringen sie einander hervor, kontrollieren einander, können einander aber auch, wenn sie unterschätzt werden, zerstören. All das geschieht in bestimmten Zyklen; näher darauf einzugehen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Jedenfalls handelt es sich um ein, vor allem für unsere westliche Denkungsart, sehr komplexes System.

Organe und Funktionskreise

Den Elementen sind Organsysteme zugeordnet, die zwar namentlich unseren Organbegriffen entsprechen, aber keinesfalls als einzelne Organe aufgefasst werden dürfen. Vielmehr sollen sie als Funktionskreise verstanden werden, basierend auf oben erwähnten Wechselwirkungen und unter Einbeziehung von Yin und Yang und der den Organsystemen zugeordneten Meridiane, die den gesamten Körper überziehen und auf denen die Akupunktur- und Akupressurpunkte liegen.

Der gesamte Organismus – Seele, Geist und Körper – ist im Gleichgewicht, wenn die Funktionskreise/Wandlungsphasen – bei uns besser bekannt als „Fünf Elemente“ – sowie das Wechselspiel von Yin und Yang in Balance sind – dann kann das Qi fließen.

Sommer und Spätsommer in der Chinesischen Medizin

Auch in der TCM wird zwischen Sommer und Spätsommer unterschieden.

Dem Sommer sind das Element Feuer (Hitze) und die Organe Herz - Dünndarm zugeordnet, der vorherrschende Geschmack ist bitter, die dazu gehörende Emotion ist die Freude. Für den Spätsommer stehen das Element Erde (Feuchtigkeit), das Organsystem Milz - Magen, der Geschmack süß und das Grübeln und Zweifeln.

Das Erreichen eines energetischen Gleichgewichts wird durch eine einerseits individuelle, die persönlichen Dysbalancen ausgleichende und andererseits der Jahreszeit entsprechende Kost erreicht (Abb. 3). Zusätzlich sind ein bestimmter Lebensstil und Körperübungen angeraten, um den Qi-Fluss zu harmonisieren.

3. Europäische Tradition: von der griechischen Antike zum heimischen Obst- und Gemüsegarten

Wie eingangs schon erwähnt, waren in der Antike noch Medizin und Philosophie eng miteinander verwoben. Damals ging die Medizin von einem humoralpathologischen Ansatz aus, das heißt Körpersäfte wie Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle wurden als Auslöser für ein Ungleichgewicht des Körpers und somit bestimmte Krankheiten, aber auch für Körperbau und Temperament angesehen. Man denke nur an die von Hippokrates definierten Konstitutionstypen Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker.

Mit Virchow und der Begründung der Zellularpathologie gerieten diese Lehren zunehmend in Vergessenheit und der Grundstein für die heutige Schulmedizin wurde gelegt.

Essverhalten und Lebensstil in unseren Breiten basieren heutzutage einerseits auf überlieferten Traditionen, andererseits auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

So ist es beispielsweise ratsam, sich nicht der prallen Mittagssonne auszusetzen – sowohl im Sinne der (Haut)Krebsvorbeugung (Stichwort Freie Radikale) als auch der Kreislaufschonung – das ist wissenschaftlich belegt.

Traditionell überliefert bzw. auf dem saisonalen Angebot beruhend ist die Ernährung: Was die heimischen Gärten in den Sommermonaten an Obst und Gemüse hergeben, hat durchwegs kühlenden Charakter. Als Beispiele seien Gurken und Tomaten erwähnt (die werden übrigens im mediterranen und arabischen Raum schon zum Frühstück genossen). (Abb. 4)

Himbeersaft gilt in der Volksmedizin als Fieber senkend – und funktioniert (bei Bagatellerkrankungen) tatsächlich (so wie die Gurke zu diesem Zweck in der arabischen Medizin eingesetzt wird).

Pfefferminze und Zitronenmelisse werden für kühlende Getränke verwendet werden – ebenso wie selbstgemachter Eistee mit frischen Pfirsichen.

Der große Unterschied zu Ayurveda und Chinesischer Medizin besteht darin, dass Nahrungsmittel nicht bewusst nach Geschmacksrichtung oder thermischer Qualität ausgewählt werden – diese Klassifizierung ist in unserer Tradition ja kaum verankert. Allerdings bietet die Natur zu jeder Jahreszeit die „richtigen“ Nahrungsmittel an: praktisch alle bei uns im Sommer reifen Pflanzen entsprechen auch den Empfehlungskriterien von Ayurveda und Chinesischer Medizin. Ein Grund mehr für eine auf frischen regionalen Lebensmitteln basierende Ernährung!

 

Korrespondenz:  Monica Dirnberger Diplomierte Ernährungsberaterin, Konstitutionstherapeutin E-mail: Mobil: 0699 11 503 936

1 Diplomierte Ernährungsberaterin, Konstitutionstherapeutin, Wien

Fazit für die Praxis:
Trotz scheinbar großer Gegensätze zwischen Ayurveda, Chinesischer Medizin und europäischer Tradition ergeben sich überraschend viele Parallelen.
Von großer Bedeutung ist, dass Lebensstil und Ernährung auch in unseren Breiten nicht nur auf die Jahreszeit und das Lebensumfeld, sondern auch auf den individuellen Konstitutionstyp abgestimmt werden sollten.
Wenn das Wetter nicht der Jahreszeit entspricht (warme Winter, kühle Sommer), kann eine sorgfältige Abstimmung der Ernährung auf die klimatischen Gegebenheiten Wetterfühligkeit mindern.

M. Dirnberger 1, komplementärmedizin 2/2009

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