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Komplementärmedizin 7. Oktober 2008

Keine Zauberei! Wissenschaft!

Sie hilft bei der Rauchentwöhnung, feiert Erfolge in der Therapie der Alkoholkrankheit und ermöglicht den besseren Verlauf von Operationen mit und ohne Anästhesie. Die Rede ist von medizinischer Hypnose.

„Das Gehirn ist eine Batterie“, so leitete der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Hypnose, em. Prof. Dr. Giselher Guttmann, die Pressekonferenz anlässlich des 11. Kongresses der Gesellschaft ein, der vom 17. bis 21. September 2008 im AKH Wien stattgefunden hat. „Hypnose ist kein Schlafzustand, sie stellt vielmehr eine extreme Fokussierung auf eine kleine Hirnregion dar“, erläuterte Prof. Dr. Guttmann.
Dies konnte mittlerweile auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie wurde festgestellt, dass „es unter Hypnose zum isolierten Ein- und Ausschalten der Erregbarkeit umschriebener Gehirnregionen kommt. Diese ‚Spot-Aktivierung‘ erklärt, warum etwa chirurgische Eingriffe ohne Anästhesie unter Hypnose durchgeführt werden können“, so Prof. Dr. Guttmann weiter. „Durch Hypnose kann es zu einem konkreten Blockieren der Erregbarkeit bestimmter Hirnareale kommen.“

OP ohne Narkose

Den praktischen Beweis für diese Behauptung trat der Anästhesist und Intensivmediziner Dr. Helmut Sponring von der Schmerzambulanz im Wiener Wilhelminenspital an. Der Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für ärztliche und zahnärztliche Hypnose berichtete von einer Varizenoperation, die er ausschließlich unter Hypnose an sich selbst durchführen ließ. Nicht zuletzt diese Erfahrung und die intensive Auseinandersetzung mit der Hypnosetherapie ließen in Dr. Sponring die Überzeugung reifen, dass „es durchaus vorstellbar ist, jeden operativen Eingriff ohne Anästhesie, lediglich unter Hypnose schmerzfrei durchzuführen“. Voraussetzung dafür sei allerdings nicht nur ein vertrauensvolles, offenes Verhältnis zwischen Patient und Therapeut. Auch Überzeugungsarbeit müsse noch geleistet werden – vor allem bei den Operateuren.

Bohrer verliert Schrecken

Weniger spektakulär, dafür schon deutlich häufiger findet die Hypnose in der Zahnbehandlung erfolgreiche Verwendung. Dabei kommt es vielfach zu einer besseren Schmerzkontrolle und zur Angstvermeidung. Wie das funktioniert, berichtete die deutsche Psychologin und anerkannte Hypnoseexpertin Prof. Dr. Ulrike Halsband im Rahmen des Hypnosekongresses: „Hypnotische Trance bringt im Gehirn eine Reihe faszinierender Prozesse und Phänomene in Gang“, sagte sie in ihrem Vortrag. Die Hypnose führt zu Veränderungen im Gehirn, die messbar und analysierbar sind. Berichtet etwa eine Versuchsperson, dass eine graue Fläche ihr plötzlich bunt erscheint, so ist dies keine Einbildung. Stattdessen zeigten die Neurone im Farbsehzentrum unter Einfluss dieses Bildes tatsächlich eine erhöhte Aktivität.
Dieses Wissen macht sich die medizinische Hypnose auch in anderen Bereichen zunutze, etwa in der Schmerztherapie wie bei akuten und chronischen Schmerzzuständen.

Schmerzmedikation verringert

Nicht immer kann damit der Schmerz gänzlich aufgelöst werden. Es ist oft schon ein großer Erfolg, wenn weniger Schmerzmedikation notwendig ist, da diese PatientInnen bessere Schmerzkontrolle lernen.

Trauma bekämpfen

Auch in der Psychotherapie hat die Hypnotherapie mittlerweile einen fixen Stellenwert. Sie wird erfolgreich bei Depressionen und Angstzuständen, Burnout, psychosomatischen Erkrankungen und zum Selbstsicherheitstraining eingesetzt. Als Traumatherapie eignet sich besonders die Eye Movement Desensitization and Reprocessing – kurz EMDR. „EMDR hat sich in den vergangenen 15 Jahren weltweit zu einer der effektivsten Verfahren in der Behandlung von Traumafolgestörungen entwickelt“, berichteten Dr. Sylvia Wintersberger und Mag. Eva Münker-Kramer vom EMDR Netzwerk Österreich im Rahmen der Pressekonferenz.
Mit Hilfe von EMDR werden eingefahrene Muster in Gang gebracht und neu geordnet. Dies ermöglicht die Behandlung von Erfahrungen, die ein Trauma ausgelöst haben, in einem sicheren und angstfreien Umfeld. Ist die Behandlung erfolgreich, können die traumatisierenden Erfahrungen abgelegt werden.

Strenge Kriterien

Das Verfahren ist nicht ungefährlich. EMDR unterliegt – nach Auskunft von Mag. Münker-Kramer und Dr. Winterberger – strengen Qualitätskriterien. Die Anwender werden regelmäßig durch nationale und internationale Fachgesellschaften überprüft. Dies ist auch notwendig, wie Dr. Sylvia Winterberger erläuterte: „Die Patienten haben um die Erlebnisse, die sie belasten, viele Barrieren aufgebaut. Werden zu viele dieser Barrieren zu plötzlich eingerissen, kommt es zu einer erneuten Traumatisierung.“ Wie bei Hypnose sind die Ausbildungskriterien für EMDR streng, die praktische Anwendung ist wissenschaftlich fundiert. Dies wurde im März 2005 vom National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) bestätigt. NICE empfiehlt EMDR als Regelversorgung für Patientinnen und Patienten mit Posttraumatischem Belastungssyndrom.

Hypnose und Hypnotherapie

Nicht nur Schmerzen, Traumata und Depressionen lassen sich mittels Hypnotherapie heute bereits ausgezeichnet behandeln. Auch in der Therapie der Alkoholkrankheit erlangt dieses therapeutische Verfahren einen immer größeren Stellenwert. Die Typologie der Alkoholkranken nach Prof. Dr. Otto-Michael Lesch verbesserte die Indikation für den erfolgreichen Einsatz von Hypnose in der Therapie der Alkoholkrankheit. Denn nicht jeder Alkoholkranke spricht in gleicher Weise auf die Behandlung mit Hypnose an (siehe Typologie nach Lesch).
„Wir stehen in der Behandlung der Alkoholkrankheit dort, wo man in der TBC-Therapie bei Einführung des Vibramycin war“, hielt Prof. Dr. Otto-Michael Lesch im Rahmen der Pressekonferenz fest. „Die spezialisierten Kliniken für Suchtkranke bieten den guten Hintergrund für die Therapie, aber jetzt benötigen wir spezifische, typenbezogene Behandlung.“ In der von Prof. Dr. Lesch entwickelten Typologie der Alkoholabhängigkeit zeigt sich, dass Hypnose vor allem bei Typ-II- und Typ-III-Alkoholkranken wirksam ist. Die Erfolgsraten einer Hypnosetherapie bei Alkoholkranken sind – je nach Typus – erstaunlich hoch und reichen bis zu achtzig Prozent.

 Typologie nach Lesch


Interview

„Die Frage ist: Was braucht der Patient?“

 Prof. Dr. Otto-Michael Lesch

Bei der Suchttherapie gibt es wissenschaftlich gesicherte Erfolge. Allerdings ist die Hypnosetherapie nicht für jeden Alkoholkranken gleichermaßen geeignet.

Im Interview erläutert Prof. Dr. Michael-Otto Lesch, welche Unterscheidungen wichtig sind und warum die Hypnosetherapie nicht von der Alkoholkrankheit, sondern von den darunter liegenden Problemen ausgehen muss.

 

 

In welchen Fällen funktioniert die Hypnosetherapie bei Alkoholkrankheit?
Lesch: Wenn man Hypnose für die Motivationsbildung einsetzt, ist sie für alle vier Typen wirksam. Suggestionen, die einen Weg weisen, die der Patient nehmen kann, sind dabei sehr hilfreich. Beginnt man dagegen die Basisstörung zu behandeln, damit der Alkohol nicht mehr benötigt wird, sind es besonders die Alkoholkranken vom Typ II und III, bei denen diese Therapieform wirksam eingesetzt werden kann.

Welche Voraussetzungen braucht eine gelungene Hypnosetherapie bei Alkoholkrankheit?
Lesch: Die äußeren Rahmenbedingungen stimmen: Ruhe, kein Telefon, Zuwendung zum Patienten, eine wertschätzende Haltung. Wer diese Art von Patienten nicht mag, lässt sich auf diese Therapiearbeit besser nicht ein. Ein berühmtes Beispiel, wie es nicht funktioniert, hat uns Helmut Qualtinger überliefert. Qualtinger war alkoholkrank und suchte deshalb einen Psychiater auf – der sprach mit ihm, hat aber zwischendurch immer wieder telefoniert. Qualtinger ging – eine Therapie hat er nie gemacht und ist letztlich an seiner Alkoholkrankheit verstorben.

Wie viel Zeit benötigt eine Hypnosetherapie bei Alkoholabhängigkeit?
Lesch: Das kommt auf den Patienten an. Wenn ein Patient zum ersten Termin alkoholisiert erscheint, ist eine Behandlung über 20 Minuten sinnlos. Ist der Patient in einem wenig beeinträchtigen Zustand, sollte bereits die erste Sitzung rund eine Stunde dauern. In der Behandlung eines Typ-II-Alkoholkranken sieht man oft bereits nach 20 Stunden einen Erfolg. Typ-II-Patienten erlauben rasche direkte Suggestionen; das sind Menschen mit wenig Selbstvertrauen , die rasch Stabilität, die Vermittlung von Sicherheit, brauchen. Deshalb werden in der Therapie mit diesen Patienten Metaphern wie der „starke Baum“ verwendet, an den sie sich anlehnen können. Bei Typ-III-Patienten dagegen kann eine Hypnosetherapie rund 15 Monate dauern, weil diese Patienten sehr festgefügte Strukturen haben, Gefühle nur wenig zulassen können. Mit diesen Patienten muss man in den ersten Stunden vor allem „Leerhypnosen“* ohne Suggestionen machen. Wird zu früh strukturiert und beginnt der Patient wieder mit Kontrollverlust zu trinken, verlässt er die Therapie und ist oft massiv suizidal. Bei diesen Menschen verwenden wir Metaphern wie den Fluss oder das Meer, etwas, das ins Fließen kommt. Die Suggestionen sollten Gefühle der Gegenwart bewusst machen, wie etwa Spüren des Bauches, Spüren des Atems.

Was ist das Ziel einer Hypnotherapie bei Alkoholkrankheit?
Lesch: Unser Ziel ist nicht die völlige Abstinenz. Unser Ziel ist typenspezifisch Abstinenz oder auch Verbesserung des Trinkverhaltens. Wir wollen dem Betroffenen helfen, Coping-Strategien für die Probleme in seinem Leben zu liefern. Es ist auch ein Erfolg, wenn ein Patient zwar noch Trinkepisoden hat, aber dann ohne Kontrollverlust damit umgehen kann. Bei manchen Patienten geht es aber auch schlicht und einfach darum, zu überleben. Das sind Typ-IV-Alkoholkranke, die auch körperlich bereits meist sehr krank sind. In dieser Gruppe sind die richtige Medikation und eine soziale Strukturierung das Wichtigste.

Wie sind die Erfolgsraten in der Hypnosetherapie bei Alkoholkrankheit?
Lesch: Bei Typ-II-Alkoholkranken liegen wir bei 80 Prozent, bei Typ III sind es leider nur 30 Prozent, weil diese oft nicht den Zugang zu guten psychotherapeutisch und pharmakologisch ausgebildeten Psychiatern haben. Interessant sind die Ergebnisse bei Typ-IV-Alkoholkranken: Hier sind, bei einer typenspezifischen Therapie, die vor allem eine soziale Strukturierung und die richtige Anti-Craving-Medizin beinhaltet, nach zwei Jahren 50 Prozent absolut abstinent.

Was kostet eine Hypnosetherapie bei Alkoholkrankheit?
Lesch: Bei uns an der Klinik ist die Therapie kostenlos, aus Personalgründen können wir dies aber nur in Einzelfällen anbieten. Es gibt aber bereits viele niedergelassene Psychologen und Psychiater, die über eine entsprechende Ausbildung verfügen. Wir haben allerdings eine Warteliste. Derzeit muss ein Betroffener mit einer Wartezeit von mindestens zwei Monaten rechnen.

Das Gespräch führte Sabine Fisch

* Leerhypnosen sind Hypnosen, bei denen keine Suggestionen gesetzt werden. Es geht hier darum, dem Patienten ein Gefühl der Entspannung, des Loslassens zu vermitteln.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 40/2008

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