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Komplementärmedizin 1. Juli 2008

Der freie Fluss des Qi

Traditionelle chinesische Medizin gewann in den letzten Jahren auch in unseren Breiten immer mehr an Beliebtheit. Akupunktur, ein Teilgebiet der TCM, wird in Österreich seit 1986 vom Obersten Sanitätsrat anerkannt. Die Methode arbeitet mit Nadelstichen und Wärmewirkung an genau definierten Hautpunkten und wird in der westlichen Medizin als diagnostische und therapeutische Ergänzung eingesetzt. Die gezielten Nadelstiche bieten zudem eine neue Sichtweise bezüglich Gesundheit, Ätiopathogenese und Prophylaxe an – auch in der Gynäkologie.

Frauen scheinen einen wesentlich leichteren Zugang zu Prävention und Therapie mittels traditioneller chinesischer Medizin (TCM) zu haben. So berichtet Dr. Evemarie Wolkenstein, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Akupunktur: „Meine Arbeitsstatistik ist nahezu ident mit jener der Akupunkturambulanz des Kaiserin-Elisabeth-Spitals und zeigt stets eine Verteilung von zwei Drittel Frauen zu einem Drittel Männer.“

Breit gefächertes Indikationsgebiet

„Unter Berücksichtigung der Prinzipien der Akupunktur und ihrer Anerkennung in Österreich als Schmerztherapie, kann jeglicher Schmerzzustand im kleinen Becken durch Akupunktur positiv beeinflusst werden, beispielsweise die Dysmenorrhoe. Aber auch assoziierte Schmerzen sind gut therapierbar: unter anderem zyklusabhängige, rezidivierende Migränefälle.“ Reizblasen, rezidivierende Eierstocksentzündungen, Mastopathien und Myome sind weitere Anwendungsgebiete der Akupunktur. Dr. Evemarie Wolkenstein betont jedoch in diesem Zusammenhang die Prävention: „In der TCM ist der freie Fluss von Qi und Blut wesentlich. So wird etwa die Entstehung von Myomen durch Stagnation und Stauung im Energiefluss des Körpers erklärt, klumpiges Regelblut kann dabei erstes Warnzeichen sein. Primäres Ziel der TCM ist nicht zu reparieren, sondern präventiv zu handeln. Sinnvoll wäre es also, bereits vor Entstehung der Erkrankung regulativ einzugreifen.“
Zum Ausgleich hormoneller Dysbalancen wie bei sekundärer Amenorrhoe nach jahrelanger Pilleneinnahme oder im Rahmen der Menopause ist es jedoch aus Erfahrung der TCM-Expertin nicht vorstellbar, ausschließlich mit Akupunktur zu arbeiten. Hier biete sich vor allem die chinesische Kräutermedizin an. Akupunktur kann jedoch, zusätzlich angewandt, durchaus unterstützend wirken, etwa bei Schlafstörungen oder Verstimmungen. Ähnliches gilt für Malignomerkrankungen: „Akupunktur ist natürlich keine Krebstherapie, hat jedoch als ergänzendes Verfahren ihre Berechtigung. So reduziert sie bei Anwendung von Chemotherapien ausgezeichnet Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen.“

Akupunktur in der Geburtsvorbereitung

Bahnbrechend in diesem Forschungsbereich waren Veterinärmediziner, die mit Sonden am Uterus von akupunktierten Kühen zeigen konnten, dass die Gebärmutter schneller in der richtigen Art und Weise kontrahiert, sich also die Austreibungsphase beschleunigt. Dieser Effekt ist auch in der Humanmedizin nachweisbar, so Wolkenstein: „Mittels Akupunktur lässt sich bei vielen Erstgebärenden die durchschnittliche Dauer der Austreibungsphase von zehn bis zwölf Stunden auf gut die Hälfte reduzieren. Ich empfehle Schwangeren eine Akupunkturserie von der 36. bis zur 40. Schwangerschaftswoche (SSW), einmal in der Woche.“ Bei Frauen mit Babys in Beckenendlage gelingt es in vielen Fällen durch rechtzeitige Moxibustion (Erwärmen eines Akupunkturpunktes) eine Kindswendung hervorzurufen. Die uterusaktivierende Funktion dieses speziellen Punktes ist zusätzlich bei vorhandener Wehenschwäche ersichtlich: Wird er – diesmal durch Stechen – stimuliert, wirkt er weheninduzierend.

Nicht wahllos einsetzen

Mit Ausnahme der Anwendung von nadelfreier, zarter Impulssetzung (etwa bei Hyperemesis gravidarum) eignet sich Akupunktur in der Frühschwangerschaft jedoch nicht. „Akupunktur stellt eine Regulationstherapie dar, deshalb geht man davon aus, dass nichts passieren kann, was nicht der Körper selbst hervorruft.“ Unnötiges Eingreifen sollte dennoch vermieden werden, aus psychologischer und forensischer Sicht: „Käme es etwa bei einer akupunktierten Frau zu einem Abortus in der siebenten SSW, wer beweist, dass dies nicht durch die Akupunktur induziert wurde? Ich bin überzeugt, es wäre auf jeden Fall zum Abortus gekommen, aber eine Frage würde sich für die Frau trotzdem erheben: War es die Akupunktur?“ Auch das Setzen von Nadeln während des Geburtsverlaufes, beispielsweise zur Schmerzlinderung, hat sich nicht bewährt – vor allem was das Setting betrifft. Wolkenstein: „Zudem konnte festgestellt werden, dass durch die einsetzende akupunkturbedingte Entspannung der Tonus innerhalb der Presswehen unerwünscht nachlassen kann.“
Doch auch Infertilität kann mithilfe der Akupunktur erfolgreich behandelt werden, und zwar bei beiden Geschlechtern. In Versuchen konnte mit nur einer Akupunkturserie die Geschwindigkeit der Spermien eindrucksvoll gesteigert werden, ein Effekt, der für zirka neun bis zwölf Monate anhielt. Zusätzlich ergaben aktuelle Studien, dass Akupunktur unmittelbar vor und nach einem Follikeltransfer die Wahrscheinlichkeit der Einnistung von 25 auf 35 Prozent erhöht.

Mit Geduld und Spucke

In Kombination mit ausführlicher Anamnese, Diagnostik und schulmedizinischer Betreuung erweist sich die Akupunktur als zusätzliche, schonende Therapieoption, deren Wirksamkeit bereits in einigen Studien belegt werden konnte.
Schulung und Erfahrenheit des Akupunkteurs spielen im individuellen Zugang zum Patienten und Erstellen eines Therapieplans eine große Rolle. Dr. Wolkenstein verweist auf das Akupunkturdiplom der ÖÄK, welches fundierte Ausbildung und positiv abgeschlossene Prüfung voraussetzt. Nicht zu vernachlässigen ist jedoch die finanzielle Belastung der Patienten, weshalb diese ihre Akupunkturbehandlung oft vorzeitig nach geringfügigen Besserungen abbrechen. Wolkenstein dazu: „In China gibt es folgende Regel: So lange eine Erkrankung in Jahren existiert, so lange braucht sie mindestens in Monaten, um behandelt zu sein. Hatte man 15 Jahre lang kurz vor der Regelblutung Migräne, wird dies nach drei Sitzungen nicht behoben sein. Das ist einfach unrealistisch.“ Akupunktur auf Krankenschein ist bei niedergelassenen TCM-Ärzten nicht möglich, wird jedoch bei entsprechender Indikation in manchen Ambulanzen angeboten, beispielsweise an der Akupunkturambulanz am Kaiserin-Elisabeth-Spital oder an der Schmerzambulanz des AKH Wien.

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