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Komplementärmedizin 16. Oktober 2008

Musik und Mensch verstehen und therapeutisch nutzen lernen

Im November 2008 findet in Wien im Palais Niederösterreich der zweite internationale Kongress „Mozart & Science“ statt. Inhaltliche Schwerpunkte sind, verlässliche Maßstäbe für die Anwendung von Musik in der Medizin zu erarbeiten, neueste Theorien zur psycho-physiologischen Musikwirkung zu diskutieren sowie internationale Forschungen zur Musik als Medizin und Therapie vorzustellen.

Dass Musik Bluthochdruck senken kann, das konnte man schon 1918 im American Journal of Physiology nachlesen. Aber in der Behandlung durchgesetzt haben sich dann doch die chemischen Beta-Blocker als Mittel der Wahl. War es aber ein Gewinn für die Patienten? Die Stanford-Universität nennt Zahlen: Der Anteil der Hypertoniker, die gegenüber pharmakologischer Behandlung resistent sind, hat sich in den letzten zwölf Jahren von 14 auf 24 Prozent erhöht.
Inzwischen haben unterschiedliche Zweige der Komplementärmedizin zugenommen, sie sind sogar heute ökonomische Wachstumsbranchen. Musikanwendung in der Medizin wird vielfach angeboten. Wenn jetzt Österreich im Jahr 2008 ein Musiktherapiegesetz im Nationalrat beschlossen hat, dann erwachsen auch hierzulande auf diesem Gebiet der Musik in der Medizin Fragen nach den Kriterien der Wirksamkeit, nach effektivem Einsatz und nach den Voraussetzungen der Anwendung.
Genau dies greifen die Kongresse Mozart & Science (www.mozart-science.at) traditionell in Österreich auf. Seit 2006 versammeln sie interdisziplinär internationale Wissenschaftler und Mediziner, um das Phänomen der Musikwirkung zu erklären, durch Forschung zu belegen und sichere Anwendungen vorzuschlagen. Der Kongress von 16. bis 19. November 2008 in Wien ist auf die medizinischen Fragen konzentriert und versammelt Musiktherapeuten, Neurologen, Neuropsychologen, Physiologen und Mediziner, die Studien präsentieren, Beispiele aus internationaler Praxis zeigen und über Kriterien der Anwendung diskutieren. Der Kongress ist mit 30 freien Fortbildungspunkten (ÖÄK – Österreichische Ärztekammer) qualifiziert.

Pionierarbeit von Österreichern

Noch vor der „decade of brain“ in den USA fand in Österreich eine Pioniertat auf diesem Gebiet der Musikwirkung statt. Der Physiker und Psychoakustiker Juan G. Roederer erhielt 1973 die Gelegenheit, im Carinthischen Sommer am Ossiacher See interdisziplinäre Seminare zur Frage „Gehirn und Musik“ zu halten. Wissenschaftler aus aller Welt kamen, um dieses Thema zu diskutieren. Dann begann die Forschergruppe um die Professoren Harrer und Evers – bekannt durch ihre Messungen an Herbert von Karajan – in Salzburg zu arbeiten und vermaß noch vor dem Computerzeitalter Gehirnwellen und untersuchte physiologische Phänomene. In Wien unternahm fast zugleich der Neurologe Hellmuth Petsche erste Schritte zu setzen und arbeitete im wissenschaftlichen Dialog mit US-Kollegen.
Doch kein Vergleich mit dem, was in anderen Ländern entstand, von Amerika bis Deutschland, von Italien bis Australien! Inzwischen ist Musik und Gehirn ein großes Thema geworden. Kaum ein Monat, in dem nicht ein Wissenschaftsmagazin darüber berichtet oder neueste Ergebnisse in Tageszeitungen vorgestellt werden. Allein 2008 finden vier Weltkonferenzen zu diesem Thema statt.

Grundlagenforschung etablieren

In den Jahren 2002 bis 2005 gab es an der Musikuniversität Mozarteum in Salzburg einen erneuten Anlauf, Grundlagenforschung auch in Österreich zu etablieren. Die I.M.A.R.A.A (International Music and Art Research Association Austria) wurde 2003 in diesem Zusammenhang gegründet, um wissenschaftliche Untersuchungen verschiedener Einrichtungen zusammenzuführen. Heute bringt das Musikforschungsprogramm der Salzburger Paracelsus Medizinischen Privatuniversität mit den Kooperationspartnern Heidelberger Universität (Institut für Public Health) und Psychologie-Institut der Ohio State University sowie mit Hospitälern in Wien und Niederösterreich, Studien zur Musikwirkung in der medizinischen Anwendung hervor (Depression, Hypertonie, Herzfrequenzvariabilität, Insomnie), die Evidence-based-Kriterien entsprechen. Das ist auch im internationalen Vergleich wegweisend.
Es ist das Verdienst des Landes Niederösterreich, dass sie diese Wissenschaftsinitiative der I.M.A.R.A.A. unterstützt und die Kongresse Mozart & Science 2006 wie auch 2008 ermöglichen. Niederösterreich war nicht nur wichtiger Impulsgeber für die Gesetzesentwicklung zur Musiktherapie, sondern fördert bereits seit Jahren Musiktherapie in Forschung und Praxis.
Eine Einführung am 16. November 2008 gibt allen Kongressbesuchern in drei Vorträgen Gelegenheit, den „State of the Art“ der internationalen Musiktherapie, vor allem aber auch die psycho-physiologischen und neurologischen Zusammenhänge kennen zu lernen, auf denen die Musikwirkungsforschung beruht. Workshops erlauben Erfahrungen in Körperbewusstsein (Bonnie Bainbridge Cohen) und praktischer Musiktherapie zu sammeln. Den Festvortrag zur Eröffnung der Konferenz am 16. November 2008 (um 18.00 Uhr) hält einer der international renommiertesten Musiktherapeuten Prof. Dr. David Aldrige. Landesrat Mag. Wolfgang Sobotka wird mit seiner Ansprache den Kongress eröffnen.
An den darauffolgenden Tagen, 17. bis 19. November 2008, werden zahlreiche und hochkarätige Experten auf nationalem und internationalem Niveau drei große Themenblöcke diskutieren (siehe Kasten Programminhalte und Referenten). Zum einen geht es um die Frage der kognitivemotionalen Beziehungen zwischen Musik in Gehirn und Körper, zum anderen um Rhythmus als physiologischer Parameter. Der zweite Themenschwerpunkt beschäftigt sich mit der Ausarbeitung von Kriterien, die eine medizinischtherapeutische Qualität gewährleisten. Abschließend werden aktuelle Forschungen zur Anwendung von Musik in der Medizin vorgestellt.
Mozart & Science 2008 richtet sich an Mediziner in Ausbildung und Praxis, an Universitäten, in Hospitälern, an niedergelassene Ärzte, Pflegeberufe und Therapeuten, Psychologen, Biologen, aber auch an Verantwortliche des Gesundheitswesens sowie an alle Fachberufe der Pädagogik. Der Kongress arbeitet in Lectures und Workshops; Letztere geben dem Fachpublikum Gelegenheit, am runden Tisch mit einzelnen Referenten Themen zu erörtern, Debatten zu vertiefen und Praxisfragen zu stellen. Hier ist vor allem an Kongressbesucher aus Medizin, Ausbildung, Pflege und der Gesundheitspolitik gedacht.

Posterausstellung

Erstmals hat Mozart & Science einen Postercall an die wissenschaftliche Welt der Musikwirkungsforschung herausgegeben. 50 Poster sind aus allen Kontinenten angemeldet worden. Zum Kongress wird es eine Ausstellung und Debatte (18.11.08) der Poster der jüngsten internationalen und interdisziplinären Musikwirkungsforschung geben – geleitet von Prof. Dr. Robert Trappl, dem Leiter des Instituts für künstliche Intelligenz der Universität Wien.
Der Kongress wird von der Niederösterreichischen Landesakademie (NÖLAK) organisatorisch ausgerichtet. Es gibt Tages- und Gesamtkarten (17.–19.11.), die Sonntagsveranstaltungen sind auch für die Tageskarteninhaber zugänglich. Der Kongress findet in Wien im Palais der Niederösterreichischen Landesregierung statt.

Dr. Roland Haas ist Präsident der I.M.A.R.A.A. und Mitglied der Programmgruppe Mozart & Science (V. Brandes, Dr. G. Tucek)

Das detaillierte Programm und Aktualisierungen sind auf www.mozart-science.at zu finden.


Programminhalte und Referenten

Der Kongress widmet sich drei großen Fragen

Ab 17. November 2008 wird erörtert, wie Musik in den menschlichen Körper kommt und warum und wie sie dort von der Musiktherapie sicher aufgerufen werden kann. Hier sind chronobiologische, rhythmische und neuronale Prozesse von entscheidender Bedeutung. Dazu konnten unter anderem der Revolutionär der Säuglingsforschung, Prof. Daniel Stern, Kinderpsychologe in Genf, Prof. Colowyn Trevarthen, University Edinburgh, Prof. Björn Lemmer, Chronopharmakologie, Heidelberg, Prof. Katie Overy, Spiegelneuronenforschung, Edinburgh, Prof. Stephan Koelsch, Max Planck Institut Leipzig und University Sussex, Prof. Peter Vuust, Aarhus University Hospital, Prof. Eckhart Altenmüller, Musikhochschule Hannover, Prof. Dr. Gottfried Schlaug, Harvard University, USA, und Prof. Dr. Achim Kramer, Chronobiologe von der Charité Berlin, gewonnen werden. Über Bewegung und Musik, insbesondere unter dem Aspekt der Emotionsmessung, sprechen die Wissenschaftler Prof. David Lee und Dr. Benjamin Schögler aus Edinburgh, deren Arbeiten wesentlich auf Manfred Clynes Sentics aufbauen.

Das zweite Kongressthema, das am 18. November 2008 beginnt, bringt internationale Forschung der Musiktherapie auf das Podium. Dr. Gerhard Tucek, Musiktherapeut und Vizepräsident der I.M.A.R.A.A., und Vera Brandes, Leiterin des Musikforschungsprogramms der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, stellen ihre Studien zur interpersonalen Musiktherapie und zur Musikmedizin vor. Athanasius Dritsas, Herzspezialist an der Onassis-Klinik in Athen, und die beiden profiliertesten Forscherinnen und Praktikerinnen der Musiktherapie des amerikanischen Kontinents, Prof. Luanne Magill, University of Windsor/Kanada, und Prof. Cheryl Dileo, Temple University/USA, sprechen zur internationalen Forschung und geben ebenso Beispiele ihrer Arbeit. Ebenso sprechen Prof. Dr. Jaakko Erkkillä, Vizepräsident der
Europäischen Musiktherapieförderation und Prof. Dr. Walter Oder, RZ Meidling (AUVA).

Mit fachgerechten Kriterien für Musiktherapie, wie sie in der medizinischen Therapie gelten können, beschäftigen sich die Kongressteilnehmer am 19. November 2008: Vertreter der Lehrstühle Public Health wie Prof. Joachim Fischer, Universität Heidelberg, Prof. Julian Thayer, Ohio State University, zugleich ausgewiesene Experten der Herzfrequenzvariabilität, Prof. Dr. Franz Porzsolt, Qualitätsforschung Universität Ulm, Prof. Simon Gilbertson, Irland, Dr. Luisa Lopez, Institute Villaggio Eugenio Litta, Italien, und die Wiener Ärzte Prof. Klaus Felix Laczika, AKH Wien, und Prof. Walter Oder, AUVA, Wien, die mit Musiktherapie arbeiten.
Die gesundheitspolitische Abschlussdiskussion am 19. November 2008 mit Landesrat Mag. Wolfgang Sobotka greift die drei großen Themen der Konferenz in ihrer Bedeutung für die Musiktherapieentwicklung in Niederösterreich und für die Debatte fachgerechter Kriterien wirkungsvoller Musiktherapie auf.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

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