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Jugendschutz pränatal

Die kleine Kim war ständig laut und unkonzentriert, mit den anderen Kindern in der Tagesstätte wollte sie nichts zu tun haben. Der Arzt war sicher: Kim ist hyperaktiv. Ein Psychologe sollte feststellen, ob Medikamente helfen könnten. Doch dann stellte sich eine Vermutung ihrer Pflegeeltern als richtig heraus: Kims leibliche Mutter war Alkoholikerin gewesen.
„Es gibt viele Menschen, bei denen nie erkannt wird, dass ihre geistigen oder körperlichen Einschränkungen schon im Mutterleib von Alkohol verursacht wurden“, sagt Kinderarzt Prof. Dr. Hans Ludwig Spohr von den DRK Kliniken Berlin Westend.

Der Mediziner beschäftigt sich seit Jahren mit den sogenannten Fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) und hat in Berlin die erste deutsche Beratungsstelle für Kinder mitbegründet, deren Mütter während der Schwangerschaft getrunken haben und die dadurch geschädigt wurden. Obwohl FASD bereits 1973 in den USA entdeckt worden ist, sei die Krankheit in Deutschland sowohl bei Ärzten als auch bei Eltern kaum bekannt, beklagt Spohr. Ein Grund dafür ist seiner Ansicht nach, dass die Krankheit so schwer von anderen Störungen zu unterscheiden ist.

Herausforderung Diagnose

„Ganz selten kann man FASD schon bei der Geburt diagnostizieren“, sagt Spohr. Im Laufe der Entwicklung würden die Zeichen aber eindeutiger. „Die Kinder sind kognitiv auffällig, haben einen zu kleinen Kopf und schwere Probleme zum Beispiel bei der Organisation von Abläufen.“ Zudem wiesen sie häufig spezifische optische Merkmale auf. „Sie sind zu klein und untergewichtig. Ihr Gesicht sieht verändert aus: Ihre Oberlippe ist ­schmal und die Abstände der Lidspalten zu klein.“ Geistige und körperliche Behinderungen träten in unterschiedlichen Ausprägungen auf. Eine Diagnose sei extrem schwierig und brauche viel Zeit.
„Wir wissen nicht genau, ab welcher Menge von Alkohol sich FASD entwickelt“, sagt Spohr. Das sei von Frau zu Frau unterschiedlich. „Wenn eine Mutter einmal die Woche betrunken ist, ist die Gefahr sehr groß“, meint der Mediziner. Er rät werdenden Müttern zu vollständiger Alkoholabstinenz.
Obwohl die Krankheit wenig erforscht ist, kommt sie Schätzungen zufolge häufiger vor als gedacht. „Wir schätzen, dass bis zu vier von 1.000 Kindern betroffen sind“, erläutert Spohr. Bleiben die Störungen unerkannt, steht den Kindern ein langer Leidensweg bevor. „Weil zum Beispiel Gehirnstörungen nicht erkannt werden, wird das Verhalten der Kinder falsch interpretiert“, sagt die Psychologin Gela Becker-Klinger, die in der Berliner Einrichtung „Sonnenhof“ betroffene Kinder betreut. „Die Kinder werden falsch therapiert und sind dann doppelt bestraft.“ So werde beispielsweise fehlendes Erinnerungsvermögen als Trotz interpretiert und den Kindern vorgeworfen. Becker-Klinger: „Ärzte und Therapeuten müssen umdenken. Die Diagnose FASD ist in Forschung und Lehre nicht ausreichend vertreten.“ Und auch für die Eltern kann die Erkennung der Krankheit Erleichterung bringen. Schätzungsweise 90 Prozent der betroffenen Kinder lebten in Pflegefamilien, meint Spohr. „Es ist vor allem für die Pflegeeltern wichtig, dass der Run zu verschiedenen Ärzten aufhört. Nach einer Diagnose wissen sie, dass es nicht ihre Schuld, sondern eine körperliche Krankheit ist.“ Heilung für FASD gebe es nicht. „Man kann die Kinder nicht behandeln, aber man kann sie fördern. Und man kann ihnen den Status eines behinderten Kindes geben, denn sonst gelten sie oft als verhaltensgestört, aber nicht als körperlich geschädigt.“

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