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Neonatologie 24. April 2007

Kaum länger als ein Kugelschreiber

Die Zeit, die ein Kind im Bauch der Mutter heranwachsen muss, um überleben zu können, wird immer kürzer. In den USA konnte vor kurzem ein Baby aus dem Krankenhaus entlassen werden, das schon vor dem Ende der 22. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblickt hatte.

Ein Kugelschreiber und ein Päckchen Butter. Das sind die Dinge, die Amillias Weltrekord begreiflich machen. 284 Gramm wog das Mädchen bei seiner Geburt am 24. Oktober 2006 und war bloß 214 Millimeter lang – nur etwas schwerer als ein Stück Butter und etwas länger als ein Stift. Amillia gehört damit zu den kleinsten Frühgeborenen, die es je ins Leben geschafft haben, vor allem aber ist sie das Jüngste: Sie hat nur 21 Wochen und sechs Tage im Bauch ihrer Mutter verbracht. Das wissen die Ärzte genau, weil Amillia ein Retortenbaby ist. Vier Monate nach ihrer dramatischen Geburt – und kurz vor dem errechneten Geburtstermin – konnte sie das Baptist Children’s Hospital in Miami verlassen.

Nicht lebensfähig

Dass ein Kind eine Geburt in der 22. Schwangerschaftswoche überlebt – das ist dem an der University of Iowa geführten Register zufolge noch nie da gewesen. Selbst Neonatologen an spezialisierten Zentren räumen solchen Kindern kaum Überlebenschancen ein. So bezieht sich die Empfehlung „Erstversorgung von Frühgeborenen an der Grenze der Lebensfähigkeit“ der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde auf Kinder, die ab der 22. Schwangerschaftswoche geboren werden. Denn: „Ein Frühgeborenes vor Vollendung von 22 SSW ist nach dem heutigen Stand des Wissens und der medizinischen Möglichkeiten nicht lebensfähig und sollte daher nur palliativ betreut werden.“ „Wir waren nicht sehr optimistisch, aber sie hat uns Lügen gestraft“, sagte Dr. William Smalling, der behandelnde Arzt in Miami. Amillia, die nach ihrer Geburt sogar zu schreien versuchte, sei ein „Wunder-Baby“. Ihre Versorgung sei vergleichbar gewesen mit dem Navigieren in unbekannten Gewässern.

Standards überdenken

„Wir wussten nicht einmal, was der normale Blutdruck für ein so kleines Baby ist.“ Nun müssten die Standards der US-Vereinigung der Kinderärzte überdacht werden, nach denen ein weniger als 23 Wochen altes Frühchen als nicht lebensfähig bezeichnet wird. Statistisch sinkt mit jedem Tag, den die Kinder weniger im Mutterleib verbracht haben, die Wahrscheinlichkeit, dass sie überleben. Zu viele Organe haben in diesem frühen Entwicklungsstadium noch nicht die nötige Reife erlangt. In der Lunge können sich die Luftbläschen nur schwer entfalten, Hirnblutungen und Darmentzündungen gehören zu den großen Herausforderungen, denen Neonatologen begegnen müssen.

Die Chancen steigen täglich

Doch jeder Tag zählt: Kinder, die auch nur wenig länger als Amillia im Leib ihrer Mutter verbleiben, haben der deutschen Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI) zufolge bereits deutlich größere Chancen. 20 Prozent könnten überleben, wenn sie in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, in der 24. seien es schon 50 Prozent und in der 25. schließlich über 80 Prozent (Zahlen aus Österreich siehe Kasten). Die GNPI rät daher in ihrer gemeinsamen Empfehlung mit anderen Fachgesellschaften, Babys nicht zu behandeln, die vor der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, in der Schweiz und in den Niederlanden wird sogar bis zur 26. Woche nur eine schmerzlindernde Intervention empfohlen. „Es gibt zu wenig Kinder, die überleben, und von denen, die überleben, sind zu viele behindert“, sagt Dr. Ulrich Thome, Neonatologe an der Universitätskinderklinik Ulm, wo den winzigsten Frühchen Deutschlands ins Leben geholfen wurde. 2001 kam dort ein Mädchen mit 290 Gramm Gewicht zur Welt, das überlebt hat. Thome betont jedoch, es gehe ihm und seinen Kollegen nicht um Rekorde. Gleichwohl sinkt die Grenze der Lebensfähigkeit seit Jahren. Immer kleinere Frühchen schaffen es dank modernster Geräte wie Brutkästen, die längst „herangereift sind zu künstlichen Gebärmüttern“, wie das New England Journal of Medicine einmal befand. Ein Kind mit 800 Gramm sorgt heute kaum noch für Aufregung auf einer Neugeborenen-Intensivstation. Noch vor 20 Jahren galten Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.200 Gramm als Fehlgeburt. Mittlerweile werden in Deutschland pro Jahr 500 Frühchen unter 500 Gramm auf Neugeborenen- Intensivstationen versorgt. Doch die Kinder, die bei der Geburt in eine Männerhand passen, haben häufig ein Leben mit Einschränkungen vor sich. Den Winzlingen, deren Überleben mit gro­ßem Aufwand gesichert wurde, geht es später häufig nicht so gut wie anderen Kindern, die in der 37. bis 42. Schwangerschaftswoche mit durchschnittlichen 3.200 Gramm und 52 Zentimeter Länge geboren wurden. Eine der wenigen umfassenden Untersuchungen zur Entwicklung von Frühgeborenen stammt von britischen Ärzten. Einbezogen waren 1.289 Frühchen, die 1995 vor dem Ende der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen waren. „Gerade einmal jedes Fünfte hatte bei Schuleintritt keine Probleme“, sagt Dr. Dieter Wolke von der Züricher Jacobs Foundation, der an der Studie beteiligt war. Jedes fünfte Kind litt unter schweren Behinderungen – Blindheit, Hörverlust, motorischen Störungen oder einem deutlich verringerten Intelligenzquotienten. Weitere 24 Prozent waren mittelgradig behindert, ein gutes Drittel leicht.

Bemerkenswerte Entwicklung

Zweifelsohne gibt es aber auch Erfolgsgeschichten, so wie die von Madeline Mann aus Illinois. Sie wog bei ihrer Geburt in der 26. Schwangerschaftswoche nur 280 Gramm und war 25 Zentimeter kurz. Das war 1989 Weltrekord. Dennoch ist ihre Entwicklung bemerkenswert gut verlaufen. Die heute 17-Jährige gehörte bei einer Schulprüfung vor wenigen Jahren zu den 20 Prozent Besten ihres Jahrgangs. Zwar leidet das Mädchen unter einer Atemwegserkrankung und einer Wachstumsstörung. Doch ins Krankenhaus musste sie nur ein einziges Mal, mit einer Lungenentzündung. Auch Amillia geht es gut, wie ihr Kinderarzt Dr. Paul Fassbach betonte. Zu Hause liege das Mädchen in einem normalen Kinderbett und trinke aus dem Fläschchen. „Es war schwer vorstellbar, dass sie so weit kommen würde“, sagte Sonja Taylor, Amillias Mutter, strahlend. „Sie wiegt zwar immer noch nur 1,8 Kilo, aber sie kommt mir schon fast dick vor.“

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