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Neonatologie 23. August 2006

Tragödie aus heiterem Himmel

Was die Ursachen für den überraschenden Tod von Wickelkindern sind, kann bis heute nur ansatzweise gesagt werden. Verschiedene Vorsichtsmaßnahmen haben die Häufigkeit in den letzten 15 Jahren zurückgehen lassen. Doch jetzt orten Kinderärzte eine gewisse Präventionsmüdigkeit.

Er kommt im Schlaf und reißt junge Familien auseinander. Für die betroffenen Eltern ist der Tod ihres anscheinend völlig gesunden Babys ein traumatisches Erlebnis, Ehen zerbrechen an der gegenseitigen Schuldzuweisung der Partner. Verschiedene Risikofaktoren wurden für den plötzlichen Säuglingstod (Expertenkürzel SIDS für sudden infant death syndrome) bereits definiert, aber keine eindeutige, bei der Obduktion feststellbare Ursache. Derzeitiger Stand der Forschung ist, dass Regulationsschwächen im Organismus des Babys und widrige Umgebungsfaktoren zusammentreffen.

Die Gefahr mindern
Trotz des deutlichen Rückgangs von SIDS-Fällen seit den achtziger Jahren (siehe Grafik) bleibt der plötzliche Säuglingstod die häufigste Todesursache bei Kindern unter einem Jahr – in Österreich wie auch in anderen Industriestaaten. Und auch wenn die Ursachen für den Säuglingstod bisher noch nicht festgemacht sind, haben sich doch einige Maßnahmen herauskristallisiert, die die Gefahr wenigstens bis zu einem gewissen Grad mindern können. So wird dringend empfohlen, Babys zum Schlafen auf den Rücken zu betten – Bauchschläfer haben ein bis zu neunmal erhöhtes Risiko, plötzlich zu sterben. Auch das Schlafen in Seitenlage wird entgegen früherer Empfehlungen nicht mehr angeraten. „Diese instabile Schlafposition kann sich leicht in eine Bauchlage verändern und ist aus orthopädischer Sicht zudem der Entstehung einer Hüftdysplasie förderlich“, heißt es in der vor kurzem vom Verein SIDS Austria herausgegebenen Broschüre „SIDS-Vorsorgemaßnahmen“. Bei den in den achtziger Jahren so modernen Lammfellunterlagen winken die Experten ebenso ab wie bei Decken, die über den Babykopf rutschen können, Kopfpolstern und Stofftieren im Babybett sowie bei den so genannten Babynestern, die rund um die Gitterbettstäbe gelegt werden. Zudem ist es wichtig, Eltern darüber aufzuklären, dass Babys nicht zu warm gehalten werden sollen – zu hohe Körpertemperatur ist ebenfalls ein Risikofaktor für plötzlichen Säuglingstod. Dass Rauchen während der Schwangerschaft und in der Umgebung des Kindes allen Beteiligten schadet, müsste sich inzwischen herumgesprochen haben.

Anstieg der Fallzahlen
Überhaupt sind alle diese Maßnahmen lange bekannt, und Experten sind sich außerdem darüber einig, dass ihre Beachtung dazu geführt hat, die Fälle von plötzlichem Säuglingstod in Österreich von 150 im Jahr 1988 auf 16 im Jahr 2004 zu senken. Doch seit kurzem scheint sich eine Präventionsmüdigkeit breit zu machen. Deutlichstes Anzeichen dafür ist ein dramatischer Anstieg der Fallzahlen auf 32 im Jahr 2005. Freilich ist dieses Phänomen nicht auf Österreich beschränkt. Erst im Mai präsentierte die britische Foundation for the Study of Infant Deaths ähnlich steigende Zahlen für Großbritannien. Die Folge in beiden Ländern: eine Aufklärungskampagne, in der auf den leisen Tod und vor allem auf die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen hingewiesen werden soll. „Die Kampagne will nicht mit dem Finger zeigen und keinesfalls jemandem ein schlechtes Gewissen oder noch mehr Angst machen“, so Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Leiter der SIDS-Ambulanz an der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde bei der Pressekonferenz Mitte Juli in Wien. Die in diesem Zusammenhang vom Verein SIDS Austria herausgegebene Broschüre – eine Zusammenfassung der Ergebnisse des interdisziplinären Expertenmeetings – entstand unter anderem mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums, der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und des Schnullerherstellers MAM und wird allen niedergelassenen Pädiatern, Gynäkologen und Zahnärzten zugänglich gemacht. Neu aufgenommen in die Vorsorgemaßnahmen wurde die Verwendung von Schnullern, die laut mehreren Studien das SIDS-Risiko verringern soll. So kommt etwa eine neuseeländische Pädiatergruppe in einer kürzlich veröffentlichten Meta-Analyse (Pediatrics 2006 May; 117(5):1811-2) zu dem Schluss, dass „die Verwendung eines Schnullers die Häufigkeit von SIDS deutlich reduziert“, wenngleich die Mechanismen dafür noch nicht bekannt seien. Die Autoren räumen allerdings ein, dass Schnuller die Stilldauer verringern könnten, die Datenlage dazu sei jedoch nicht eindeutig. „Der Schnuller sollte erst dann verwendet werden, wenn das Stillen in Gang gekommen ist“, rät deshalb Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten.

Die Fallzahlen nahmen seit Ende der 80er Jahre ab, steigen jetzt aber wieder an.

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