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Neonatologie 22. Juni 2012

Geschichte eines fatalen Irrtums

Mehr als 40 Jahre lang galt die Empfehlung, Säuglinge in Bauchlage schlafen zu lassen, um das Risiko für den plötzlichen Säuglingstod zu minimieren. Tatsächlich verstarben dadurch mehr Babys. Seit die Rückenlage propagiert wird, sind die Todesfälle zurückgegangen.

Die Geschichte der Entdeckung der Bauchlage als Risikofaktor für den plötzlichen Säuglingstod ist eine Geschichte von Irrwegen. Während diese Erkenntnis mehr als 40 Jahre lang auf Anerkennung wartete, kostete die Schlafposition Bauchlage mehrere tausend Babys das Leben.

Der plötzliche Säuglingstod (Sudden Infant Death Syndrom, SIDS), der zumeist in der Schlafzeit auftritt, bleibt heutzutage noch ein unzulänglich beschriebenes und unentschlüsseltes Ereignis. Das Sinnvollste, um solche unvorhersehbaren Ereignisse zu vermeiden, ist es, Risikofaktoren zu identifizieren. Dabei kann man auf gefährliche Irrwege geraten.

Ein einsamer Rufer

Schon 1944 warnte der New Yorker Kinderarzt Harold Abramson im Journal of Pediatrics vor der routinemäßigen Positionierung der Babys in Bauchlage während des Schlafs, da er herausgefunden hatte, dass zwei Drittel der verstorbenen Kinder in Bauchlage gelegen hatten. Leider war der Pädiater zu seiner Zeit ein einsamer Rufer, was sich übrigens dadurch zeigt, dass sein Kollege John Adams in derselben Ausgabe der Fachzeitschrift die Bauchlage ausdrücklich als ein geeignetes Mittel empfahl, um die Gefahr von plötzlichen Todesfällen zu minimieren.

Die Überzeugung, man solle die Säuglinge auf dem Bauch schlafen lassen, hat ihren Ursprung in den USA und ist womöglich auf die positive Erfahrung, die man im Zweiten Weltkrieg mit dem Transport verwundeter Soldaten in Bauchlage gemacht hatte, zurückzuführen.

Gegen Ende der Fünfzigerjahre schwappte der Trend allmählich nach Europa. 1959 sprach sich der Wiener Kinderchirurg Philipp Erlacher für die Bauchlage aus, weitere Fürsprecher folgten, bis 1971 in Wien auf einer internationalen Kinderärztetagung Czermak und Reisetbauer den letzten Impuls für die allgemeine Empfehlung der Bauchlage als Schlafposition setzten.

Die iatrogene Tragödie

Zwischen 1970 und 1979 begann, was von Ulf Högberg und Erik Bergström als „iatrogene Tragödie“ bezeichnet wurde: Die Häufigkeit der plötzlichen Todesfälle bei Säuglingen stieg bis 3,1 Promille in den USA, bis 3,8 Promille in Großbritanien und bis 4,4 Promille in Australien.

Derjenige, der 1982 in Deutschland als erster die Sicherheit der Bauchlage infrage stellte, war der Rechtsmediziner Saternus, der eine damit verbundene Mangeldurchblutung des Gehirns theoretisierte. Die erste Interventionskampagne, um die Bevölkerung über das Risiko der Schlafposition Bauchlage aufzuklären, fand 1987 in Holland statt. Erst nach weiteren Fall-Kontroll-Studien in England (1990) und Neuseeland (1991), die eine Risikoerhöhung für SIDS durch die Bauchlage auf das 8,8- bzw. 3,5-fache ermittelten, wurde die Schlafposition Bauchlage allgemein als Risikofaktor für den plötzlichen Säuglingstod anerkannt.

Seither ist die Anzahl der Eltern, die die Bauchlage praktizieren, dramatisch gesunken und somit auch die Häufigkeit des plötzlichen Säuglingstodes, die jetzt weithin unter 0,5 Promille liegt.

 

Quelle: Rechtsmedizin 2011, 21: 518

springermedizin.de, Ärzte Woche 25 /2012

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