zur Navigation zum Inhalt
Foto: Archiv
Prof. Dr. Karl Zwiauer Vorstand der Kinderabteilung in St. Pölten
 
Neonatologie 26. Mai 2009

Zahnlos das Brezel im Mund

Die Notwendigkeit einer Beikosteinführung hat sowohl nutritielle als auch entwicklungsneurologische Gründe.

Wann sollen wir was unseren Säuglingen zum Essen geben? Lange Zeit machten pedantische Ernährungsrichtlinien Eltern das Leben schwer und ihren Babys den Speisezettel eintönig. Allergieprävention war das hohe Ziel aller Empfehlungen. Das wissenschaftliche Symposium in Obergurgl Anfang des Jahres brachte – in Ermangelung evidenzbasierter Beweise für die Sinnhaftigkeit der Allergenkarenz – eine generelle Trendwende, und die lautet: weg von monotonen Vorschriften und hin zu einem abwechslungsreichen Menüplan.

 

Auf dem Symposium in Obergurgl beschäftigten sich die Experten mit einem heißdiskutierten Thema: dem richtigen Zeitpunkt der Beikosteinführung. Die Ärzte Woche interviewte zu diesem Thema Prof. Dr. Karl Zwiauer, Vorstand der Kinderabteilung in St. Pölten.

 

Warum ist Beikost bei Babys überhaupt notwendig?

ZWIAUER: Dafür gibt es nutritielle Gründe, das heißt, es ist nur eine limitierte Versorgung des Säuglings mit Muttermilch möglich, wobei insbesondere Zink und Jod zu erwähnen sind, aber vor allem auch die Eisenversorgung bei einem Teil der Kinder problematisch ist. Wichtig sind aber auch entwicklungsneurologische Gründe: Der Säugling lernt zu kauen, er zeigt Interesse an anderen Nahrungsmitteln, er ist für einen Übergang zu anderer Nahrung bereit.

 

Es gibt ja in weiten Bereichen eine Übereinstimmung hinsichtlich des Zeitpunkts der Einführung der Beikost – wo liegen nun eigentlich die Probleme?

ZWIAUER: Das größte Problem ist, dass es wenig evidenzbasierte Da- ten gibt. Man weiß nach wie vor sehr wenig über den optimalen Zeit- punkt, mit der Beikost zu beginnen. Es ist ja durchaus denkbar, dass es auch für diesen Entwicklungsschritt ein ideales Zeitfenster gibt. Von der WHO wird ausschließliches Stillen für sechs Monate empfohlen. Diese Empfehlung wird von vielen Län-dern übernommen – innerhalb der Länder jedoch dann heftig diskutiert, da ausschließlich tatsächlich ausschließlich meint: also weder Wasser, Tee noch sonst irgendeine Flüssigkeit oder Nahrung.

 

Welche Aspekte sind bei der Beikosteinführung in Europa zu berücksichtigen?

ZWIAUER: In der EU gibt es das Risiko, Mangelzustände zu entwickeln, eigentlich nicht, außer bei Säuglingen, die vegan oder makrobiotisch ernährt werden. Bei diesen Säuglingen kann es zu schweren irrever-siblen Entwicklungsstörungen kommen. Hochkalorische Beikost erhöht das Risiko einer übermäßigen Gewichtszunahme und damit das Risi-ko für Adipositas um das Zwei- bis Dreifache.

 

Welche neuen Erkenntnisse gibt es zur Einführung von Gluten?

ZWIAUER: Die Grenze nach unten ist unbezweifelt: Die Empfehlung, vor dem vierten Lebensmonat kein Gluten zu geben, ist unverändert gültig und auch EBM-abgesichert. Mittlerweile vermehren sich allerdings die Hinweise ganz deutlich, dass auch eine zu späte Einführung von Gluten ein erhöhtes Risiko, an Zöliakie zu erkranken, mit sich bringt. Sehr eindrucksvoll zeigte sich dies in Schweden: Dort wurde 1996 die Empfehlung ausgesprochen, dass Gluten nicht wie bisher ab dem vierten Monat, sondern erst ab dem sechsten Monat gege-ben werden sollte. Daraufhin kam es zu einem dramatischen Anstieg von Zöliakie. Nach Rücknahme dieser Richtlinie folgte wiederum ein deutlicher Rückgang der Zöliakierate. Wird Gluten „rechtzeitig“ in kleinen Mengen – optimalerweise noch solange der Säugling gestillt wird – eingeführt, kommt es zu einer Reduk-tion des Risikos für Zöliakie, aber auch für Diabetes mellitus Typ I und Weizenallergie.

In Schweden waren noch dazu „Trinkbreie“ aus Getreide in Mode – es wurden also plötzlich sehr hohe Mengen von Gluten gegeben.

 

Also keine Beikost zum Trinken – keine „Trinkbreie“?

ZWIAUER: Genau! Es besteht das Risiko der Überfütterung, die kritische Entwicklung kann gestört werden. Nicht zu vergessen das Risiko von Nuckelflaschenkaries.

 

Wie lautet nun die aktuelle Empfehlung hinsichtlich Gluten?

ZWIAUER: Gluten sollte nicht vor dem vierten Monat, aber auch nicht nach Beginn des siebenten Lebensmonats eingeführt werden. Ideal ist, wenn Gluten in kleinen Mengen noch während des Stillens gegeben und weiter gestillt wird.

 

Das Brezel im Mund, aber die Hand an der Brust?

ZWIAUER: Ja, so ähnlich.

 

Große Diskussionen gab beziehungsweise gibt es über den richtigen Zeitpunkt der Einführung von diversen Lebensmitteln. Eltern – je nachdem, wo sie ihre Information holten – bekamen die unterschiedlichsten Empfehlungen: Von „14 Tage nur Karotten“ bis „ja kein Ei vor dem ersten Geburtstag“ und „Zitrusfrüchte schon gar nicht“ ... So mancher Säugling wurde oder wird mit relativ einförmiger Kost ernährt, aus lauter Angst, bei falscher Fütterung Allergien auszulösen. Ist dies noch zu rechtfertigen?

ZWIAUER: Ein wunder Punkt ... Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit diesem Thema und musste massive Änderungen in den Richtlinien wahrnehmen. Momentaner Stand der Dinge ist folgender: Bisher wurden potenziell allergene Lebensmittel verzögert eingeführt. Es gibt jedoch keine sichere Evidenz, dass eine Allergieentwicklung durch Allergenvermeidung oder verzögerte Einführung vermieden wird.

 

Jeder kann alles immer essen?

ZWIAUER: Nicht jeder und nicht immer. Was bleibt und durch Studien kurzfristig und in einem 10-Jahres-Follow up belegt, ist: Hochrisikokinder entwickeln eine atopische Dermatitis, wenn sie allergene Lebensmittel wie Fisch, Ei, Nüsse oder Meeresfrüchte vor dem vierten Monat zu sich nehmen. Sonst können Säuglinge ab dem vierten Lebensmonat jegliches Nahrungsmittel – natürlich altersentsprechend zubereitet – essen. Dies gilt allerdings nicht für Erdnüsse – diese sind in den ersten Lebensjahren aus esstechnischen Gründen, mit dem Risiko einer Fremdkörperaspiration, definitiv zu vermeiden.

 

Wie steht es um vegetarisch ernährte Säuglinge?

ZWIAUER: Säuglinge sollen nicht vegetarisch ernährt werden! Es gibt keine Vorteile einer vegetarischen Ernährung im ersten Lebensjahr, nur gravierende Risiken! Säuglinge dürfen nicht vegan oder makrobiotisch ernährt werden!

Es gibt auch keinen Vorteil bei sehr gleichförmiger Beikost („immer Karotten“) für Allergieprävention?

ZWIAUER: Nein, wechselnde Beikostarten fördern die Akzeptanz neuer Produkte und sind mit höherem Gemüseverzehr im Alter von 15 Monaten assoziiert. Dazu gibt es sehr interessante Studien aus Frankreich: Die Franzosen dürften doch eine etwas sinnlichere Einstellung zum Essen haben... Als erste Beikost eignet sich zum Beispiel ein Brei aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch, dieser enthält gut verfügbares Eisen und Zink. In zirka monatlichem Abstand empfiehlt sich zusätzlich ein Getreide-Milch-Brei und ein Obst-Getreide-Brei.

 

Ab dem vierten bis sechsten Lebensmonat können Säuglinge – außer Hochrisikokinder – also alles essen? Was bleibt von allen Ernährungsvorschriften?

ZWIAUER: Keine Kuhmilch als Getränk im ersten Lebensjahr und die dringende Notwendigkeit, unsere Empfehlungen auf eine evidenzbasierte Basis zu stellen, die mit klinischen Studien abgesichert ist.

 

Das Gespräch führte Dr. Karin Reischl

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben