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Neonatologie 3. März 2009

Sucht im Vorfeld des Lebens

Die Betreuung von substanzabhängigen Neugeborenen erfordert fachübergreifende Struktur und Vernetzung.

Substitutionsprogramme zur Behandlung von Opioid-abhängigen Menschen haben zu mehr Schwangerschaften in dieser Personengruppe geführt. Die Behandlung des neonatalen Entzugssyndroms beim Neugeborenen und die Beachtung psychosozialer Aspekte der Mutter stellen zwei wesentliche Säulen in der Betreuung dar.

 

„Durch Drogenabusus entstehen vielfältige psychosoziale Problemfelder – daher ist Betreuung von substanzabhängigen Neugeborenen immer auch Prävention von Misshandlung im weiteren Sinn“, stellt Dr. Berndt Urlesberger, klinische Abteilung für Neonatologie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Graz, fest. Derzeit stehen allerdings nur sehr wenige umfassende Studien zu diesem Thema zur Verfügung. In der bisher größten Studie, der Maternal Life Style Studie aus den USA, wurden alle Mütter in einem bestimmten Zeitraum bei der Geburt erfasst: Bei 10,7 Prozent der Probandinnen wurde Drogenmissbrauch während der Schwangerschaft festgestellt – wobei der Kokainmissbrauch mit 9,5 Prozent gegenüber den Opiaten (1,2 Prozent) deutlich erhöht war.

„Die Prävalenz bei Frühgeburten war deutlich erhöht“, berichtet Urlesberger. „Im Unterschied zu den USA wird der Kokainmissbrauch in Europa um eine Zehnerpotenz geringer geschätzt – und ist damit ungefähr gleich hoch wie der Opiatmissbrauch. Exakte Daten aus Europa hierzu gibt es allerdings nicht.“

Der neonatale Entzug verläuft zumeist problemlos

Während diverse Suchtformen bei vielen Erwachsenen – etwa Alkohol oder Kokain – deutliche gesundheitliche Konsequenzen bedingen, ist dies zumindest bei der Substanzabhängigkeit vom Morphintyp selten der Fall. „Daher ist Substitution als Therapiekonzept gut möglich“, so Urlesberger. „Seit Einführung der Substitutionsprogramme hat mit der damit verbundenen Steigerung der Lebensqualität auch die Schwangerschaftshäufigkeit zugenommen. Die meisten dieser Graviditäten werden bis zur Geburt fortgesetzt – in Wien etwa zu 84 Prozent.“

Der Konsum von Opioiden während der Schwangerschaft hat unmittelbar kaum Auswirkungen auf den Fetus – im Gegensatz zu Alkohol oder Kokain. Aber häufig ist nach der Geburt ein neonatales Entzugssyndrom (NAS) zu beobachten. In etwa 40 bis 80 Prozent der Fälle kommt es zu einem NAS. Meistens sehen wir eine Frühmanifestation, deren Symptome entweder kurz nach der Geburt oder zwölf bis 72 Stunden post partum einsetzen. In seltenen Fällen kann eine Symptomatik auch erst einige Wochen post partum auftreten.

Beurteilt wird das NAS mithilfe des Finnegan-Scores: Die medikamentöse Therapie startet bei Werten über acht. „70 bis 90 Prozent benötigen eine medikamentöse Therapie. Mittel der ersten Wahl ist eine Morphinlösung – 0,4mg/ml –, und zwar 0,05 ml pro Kilogramm Körpergewicht sechs- bis achtmal pro Tag. Dann erfolgt eine schrittweise Reduktion, bis der Finneganscore unter acht fällt“, erklärt Urlesberger. „Bei ausbleibendem Erfolg kann zusätzlich Phenobarbital eingesetzt werden.“

Gefährlich ist der Beikonsum

Die medikamentöse Begleitung dauert je nach Substitutionssubstanz unterschiedlich lange, zumeist jedoch mindestens drei Wochen. Wurden Benzodiazepine als Beikonsum eingenommen, gestaltet sich der Entzug oft sehr lange und schwierig. „Beikonsum zur Substitutionstherapie ist“, so Urlesberger, „ein sehr großes Problem. Genommen werden Benzodiazepine, Antidepressiva, Cannabis oder Kokain. Nicht zu unterschätzen ist auch der häufig exzessive Nikotinabusus mit all seinen Folgen.“ Doch nicht allein die medikamentöse Therapie des NAS sei die eigentliche Herausforderung. 60 Prozent der Personen im Substitutionsprogramm haben ein klar definiertes psychiatrisches Problem. Neben der Körpertherapie des Neugeborenen – Craniosacraltherapie und Physiotherapie – ist somit die psycho-soziale Unterstützung der Mutter ein wichtiger Pfeiler in der Therapie.

Um das drohende Chaos bei der Vernetzung der verschiedenen betreuenden Institutionen während der Schwangerschaft, nach der Geburt des Kindes und nach der Entlassung nach Hause etwas zu strukturieren, brauche es einen engmaschigen Kontakt zwischen allen beteiligten Berufsgruppen. Notwendig seien Struktur und Vernetzung über die Klinik hinaus.

Auf die Psyche der Mutter muss Bedacht genommen werden

„Eine Studie aus Wien definierte folgende Punkte, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass das Sorgerecht bei der Mutter bleibt: Je länger die Mutter im Substitutionsprogramm betreut wurde, je früher in der Schwangerschaft der erste Kontakt zum betreuenden Zentrum erfolgte und die Teilnahme der Mutter an einer Gruppen-Psychotherapie bereits in der Schwangerschaft, aber auch geringerer Beikonsum der Mutter“, sagt Urlesberger.

Opiatsubstitution in der Schwangerschaft führt zu erstaunlich wenig entwicklungsneurologischen Spätfolgen – deutlich weniger als bei Kokain oder Alkohol! Mangelnde Bindungsfähigkeit oder Verantwortungslosigkeit der Mutter tragen wahrscheinlich stärker zu Spätfolgen bei, ebenso wie das erhöhte Risiko für Kindesmisshandlung – und dies muss der betreuende Arzt richtig beurteilen. „Denn auch wenn das Ziel grundsätzlich heißen sollte: Das Sorgerecht bleibt bei der Mutter – so sollte dies nur dann erfolgen, wenn es auch wirklich das Beste für das Kind ist“, mahnt Urlesberger.

Von Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche

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