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Abb. 1: Frühgeborene brauchen in erster Linie Eltern, die sich liebevoll um sie kümmern, und ärztliche Ansprechpartner, die bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

 
Neonatologie 19. Jänner 2010

Frühstart ins Leben: Risiken und Perspektiven

Gespräch mit Ao. Univ.-Prof. Dr. Ursula Kiechl-Kohlendorfer, Innsbruck

Am 17. November wurde der „Internationale Tag der Frühgeborenen“ begangen. Die Prognosen selbst kleinster Frühgeborener haben sich dank moderner neonatologischer Intensivmedizin bedeutend verbessert. Wie es „Frühchen“ heute geht, welche medizinischen Fortschritte ihnen zugute kommen und auch welche Handycaps sie betreffen, erfahren Sie nun von a.o. Univ.-Prof. Dr. Ursula Kiechl-Kohlendorfer, Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde IV (Neonatologie, Neuropädiatrie, Stoffwechselerkrankungen) in Innsbruck.

 

Pädiatrie & Pädologie: Befinden sich Frühgeborene in Österreich aus Ihrer Sicht vom Start weg in guter Betreuung?

Kiechl-Kohlendorfer: Ja, denn es gibt für jedes Bundesland ein Schwerpunktspital, das für die Versorgung und weitere Betreuung kleinster Frühgeborener die notwendige Infrastruktur bietet. Die notwendige Infrastruktur bedeutet, sowohl von personeller wie auch apparativer Seite, wobei ich die personelle hervorheben würde: Zusammenarbeit zwischen den Neonatologen, Intensiv- schwestern und Pflegern – in Österreich können wir dank guter Ausbildung und Expertise die Frühgeborenen sehr gut betreuen.

 

Pädiatrie & Pädologie: Was hat die Medizin in den letzten zehn Jahren für Frühgeborene erreicht?

Kiechl-Kohlendorfer: Hier sind es aus medizinischer Sicht vor allem zwei Punkte, welche die Morbidität und Mortalität der kleinen Frühgeborenen wesentlich beeinflusst haben: Einerseits die Lungenreifungsinduktion bei drohender Frühgeburt, sowie postpartal die Gabe von Surfactant bei kleinsten Frühgeborenen.

 

Pädiatrie & Pädologie: Werden Risikoschwangere Ihrer Meinung nach in Österreich optimal betreut? Wie sieht hier der EU-Vergleich aus, wie der internationale Vergleich?

Kiechl-Kohlendorfer: Auch in diesem Punkt sind in Österreich die infrastrukturellen Möglichkeiten gegeben, und wir können uns sicherlich mit den anderen EU-Ländern vergleichen. In Österreich kann jeder Frau jede medizinische Hilfe angeboten werden, die sie benötigt: Konkret steht in jedem Bundesland mindestens ein Perinatologie-Zentrum zur Verfügung, das Risikoschwangere entsprechend betreuen kann. Es ist mir an dieser Stelle wichtig, den Intrauterin-Transfer anzusprechen: Risikoschwangere mit drohender Frühgeburtlichkeit müssen frühzeitig in eines dieser Perinatologie- Zentren mit den entsprechenden Möglichkeiten der Versorgung kleinster Frühgeborener transferiert werden.

 

Pädiatrie & Pädologie: Das geschieht auf Initiative der betreuenden Gynäko- logen?

Kiechl-Kohlendorfer: Richtig.

 

Pädiatrie & Pädologie: Bei welchen Frauen besteht ein erhöhtes Risiko einer Frühgeburt, z.B. bei Vorliegen welcher Krankheiten, und gibt es eine familiäre Disposition?

Kiechl-Kohlendorfer: Familiäre Disposition ist jetzt nicht so sehr ein Thema. Die häufigste Ursache einer Frühgeburtlichkeit ist eine Infektion in der Schwangerschaft, die oft auch inapparent ablaufen kann. Somit können auch Frauen betroffen sein, die bereits zwei, drei gesunde Termingeborene bekommen haben. Risikofaktoren auch für die Wiederholung einer Frühgeburtlichkeit sind EPH-Gestosen respektive die Prädisposition dafür, wobei dann Frauen möglicherweise bei der zweiten oder dritten Schwangerschaft wieder betroffen sind.

 

Pädiatrie & Pädologie: Häufen sich z.B. bei Diabetikerinnen Frühgeburten?

Kiechl-Kohlendorfer: Bei Diabetikerinnen kommt manchmal dazu, dass die ‚late preterm infants’ möglicherweise von der Lunge her noch mehr betroffen sind. Man weiß, dass die Frühgeborenen bei Diabetikerinnen von Surfactant weniger Nutzen haben oder von Atemnot- Syndrom eher betroffen sind als Frühgeborene bei Nicht-Diabetikerinnen.

 

Pädiatrie & Pädologie: Welche Probleme haben Frühgeborene heute, in denen Sie eine Herausforderung der (Intensiv-) Medizin sehen?

Kiechl-Kohlendorfer: Ich denke hier gar nicht so sehr an die Intensivmedizin, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten immense Fortschritte gemacht und das Überleben immer kleinerer Frühgeborener ermöglicht hat. In erster Linie liegt mir an dieser Stelle die Nachsorge ehemaliger Frühgeborener am Herzen: Viele Kinder brauchen eine entsprechend standardisierte Nachbetreuung, die in Österreich noch nicht lückenlos angeboten wird.

 

Pädiatrie & Pädologie: Was sind die wichtigsten Faktoren einer solchen standardisierten Nachbetreuung?

Kiechl-Kohlendorfer: Neben einer klinischen und klinisch-neurologischen Untersuchung auch standardisierte Entwicklungstests, die sowohl die motorische wie auch die kognitive Entwicklung testen. Das wäre in der Nachsorge von Frühgeborenen ganz klassisch der Bayley-Test, der international verwendet wird. Hier sind wir dabei, das auch entsprechend lückenlos aufzubauen.

 

Pädiatrie & Pädologie: Wie jung war das am frühesten geborene Kind, das Sie je selbst erlebt haben, und wie ging es dem Baby?

Kiechl-Kohlendorfer: Das waren Babies nach einer Gestation von 23 Schwangerschaftswochen, wobei ich erfreuliche und wenig erfreuliche Verläufe erlebt habe: Ein Mädchen – 23 Wochen und 5 Tage – hat sehr gut überlebt und zeigt jetzt im Alter von drei Jahren sowohl motorisch als auch kognitiv eine altersentsprechende Entwicklung. Ich habe aber zwei Patienten erlebt, wo zusätzlich eine Infektion vorlag und die trotz aller intensivmedizinischer Unterstützung leider nicht überlebt haben.

Pädiatrie & Pädologie: Welche Spätfolgen erwarten frühgeborene Kinder?

Kiechl-Kohlendorfer: Der größte Betreuungsbedarf in der Nachsorge ergibt sich aus entwicklungsneurologischer Sicht. Entwicklungsverzögerungen, Teilleistungsprobleme sollten möglichst bald diagnostiziert werden, um den Kindern entsprechende Förderungen anbieten zu können.

Als Folge der Frühgeburt ist häufig im ersten Lebensjahr sicherlich noch eine erhöhte Anfälligkeit für respiratorische Infekte gegeben – vor allem jetzt in der kalten Jahreszeit, die oft zu einer stationären Wiederaufnahme führen kann.

 

Pädiatrie & Pädologie: Holen Frühgeborene die am Termin Geborenen irgendwann auf, oder bestehen lebenslang Defizite?

Kiechl-Kohlendorfer: Zum Aufholen ist zu sagen, dass frühgeborene Kinder bis zum zweiten Lebensjahr streng korrigiert werden: D. h. wenn die Kinder zu früh geboren werden, werden ihnen diese Wochen dazugerechnet, um sie mit den Termingeborenen entsprechend zu vergleichen. Wie schnell sie aufholen, ist individuell verschieden, das kann man generell nicht beantworten. Ein Teil der Kinder ist unauffällig und schließt zu den Termingeborenen auf. Kinder, die aufgrund einer schweren Komplikation, z. B. einer ausgeprägten Hirnblutung mit Schädigung des Gehirnparenchyms, eine motorische Behinderung haben, werden dadurch oftmals lebenslang leider beeinträchtigt bleiben.

 

Pädiatrie & Pädologie: Teilleistungsprobleme sind statistisch gehäuft bei Frühgeborenen?

Kiechl-Kohlendorfer: Ja, solche Probleme sind statistisch gehäuft, Daten dazu finden sich in der Literatur. Das geht von grob- und feinmotorischen Defiziten bis zu kognitiven Problemen wie Lese- oder Schreibschwächen und Dys- kalkulien.

 

Pädiatrie & Pädologie: Der Kontakt zur Mutter bzw. den Eltern ist auch für Frühgeborene wichtig. Wird dieses Konzept auf österreichischen neonatologischen Intensivstationen umgesetzt, oder gibt es dabei Probleme?

Kiechl-Kohlendorfer: Wir bemühen uns hier sehr, dass die Eltern möglichst rund um die Uhr bei ihrem Kind sein können. Ausnahmen sind sicher Akut- und Notfallsituationen bzw. die Dienst- übergaben. Ich denke, hier können wirklich klare Regelungen Probleme vermeiden, im Erstgespräch mit den Eltern bei der Aufnahme erstens auf die Wichtigkeit hinzuweisen, dass die Eltern möglichst viel da sind, und zweitens Ausnahmesituationen anzusprechen, wo Eltern gebeten werden, aus dem Zimmer zu gehen.

 

Pädiatrie & Pädologie: Wie ist die Prognose von Frühchen in der westlichen Welt heute?

Kiechl-Kohlendorfer: Das ist ganz abhängig von der Reife, vom Gestations- alter: Je älter das Kind ist, um so besser. Ich zitiere jetzt Daten aus dem Vermont-Oxford-Network, wo ein Zusammenschluss der Qualitätskontrolle von vielen neonatologischen Intensivstationen erfolgt ist und wo auch wir (Innsbruck, Anm.), Salzburg, Graz und Wien dabei sind: Mit einem Gestationsalter von 24 Schwangerschaftswochen lag 2007 die Mortalität bei 40 Prozent, mit 28 Schwangerschaftswochen bereits unter 10 Prozent . Das Outcome dieser Kinder hängt neben dem Gestationsalter noch von anderen Faktoren ab, ob z. B. zusätzlich eine primäre Infektion vorlag oder ob eine Lungenreife verabreicht wurde. Etwa 40 Prozent aller sehr kleinen Frühchen, also jene unter 1000 g und unter 28 Wochen, brauchen wegen medizinischer Probleme eine weitere Betreuung nach der Entlassung.

 

Pädiatrie & Pädologie: Was wünschen Sie sich für Ihre kleinsten Schützlinge?

Kiechl-Kohlendorfer: In erster Linie Eltern, die sich liebevoll um sie kümmern, und ärztliche Ansprechpartner, die bei Fragen wirklich mit Rat und Tat zur Seite stehen – die die Kinder nicht nur während des Intensivaufenthaltes begleiten, sondern auch danach.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

Erstpublikation in ÄrzteWoche 47/09

1 Mag. Peter Bernthaler, freier Journalist

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