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Kinder- und Jugendheilkunde 13. September 2007

Die Betreuer der frühen Jahre

Die heurige Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jungendheilkunde vom 13. bis 15. September setzt einen Schwerpunkt auf jene Krankheitsbilder, mit denen Pädiater immer öfter konfrontiert sind: Allergien und Diabetes.

Prim. Doz. Dr. Günther Bernert vom Preyer’sches Kinderspital der Stadt Wien ist Präsident dieser 45. Jahrestagung und spricht im Interview über das sich in Zukunft verändernde Berufsbild, die Kompetenzen, die ein Pädiater im Umgang mit Mitgrantenkindern und deren Familien braucht, und über die Wichtigkeit spezieller Schlaflabors für Kinder.

In welchen Bereichen der Kinder- und Jugendheilkunde gibt es besondere Fortschritte?
Bernert: Die Pädiatrie hat mehr als zehn Spezialgebiete und sechs neue Additivfächer, und in jedem gibt es natürlich laufend Fortschritte. Es war daher notwendig, für die Jahrestagung einige Schwerpunkte zu setzen. Wichtig auf dem Gebiet der Allergologie ist einerseits die bekannte Tatsache, dass allergische Erkrankungen im Zunehmen sind, seien es Nahrungsmittelallergien, Allergien auf Pollen, Insektengifte oder auch Medikamente; andererseits, dass uns heute differenzierte Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie zur Verfügung stehen, und dass die Allergieprophylaxe eine zunehmende Rolle spielt, vor allem jene von Nahrungsmittelallergien. Aus dem Gebiet der Endokrinologie und Diabetologie widmen wir uns den beiden Schwerpunktthemen Wachstumsstörungen und kindlicher Diabetes. Unsere erste Botschaft ist, dass die Behandlung mit Wachs­tumshormo­nen bei einer ganzen Reihe von Krankheitsbildern nach strenger Indikationsstellung sinnvoll ist und die Therapieerfolge ermutigend sind.
Beim Diabetes wollen wir die Notwendigkeit einer frühzeitigen, effektiven Therapie des Typ I Diabetes herausstreichen: die einzige Möglichkeit, um das Auftreten von Spätfolgen zu reduzieren. Langzeitbehandlung und -betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Typ I Diabetes ist zeitaufwändig, Rückschläge müssen immer wieder in Kauf genommen werden; die Resultate von Langzeitstudien rechtfertigen jedoch diesen Aufwand. Eine große Rolle spielt der auch bei Kindern in zunehmendem Maße auftretende Diabetes mellitus Typ II, der in erster Linie durch die immer häufigere Adipositas im Kindes- und Jugendalter verur­sacht wird.
In der Neuropädiatrie ist unsere wichtigste Botschaft, dass der immer wieder geäußerte Einwand, dass sich die Neuropädiatrie vor allem mit seltenen Erkrankungen befasse, viel diagnostischen Aufwand und wenig therapeutische Angebote habe, nicht mehr zutrifft: Neuropädiatrische Erkrankungen sind im Kindesalter gar nicht so selten und oft hervorragend therapierbar. Das trifft im Speziellen auf Epilepsie zu, aber auch auf neurometabolische Erkrankungen, wo eine Reihe faszinierender neuer Behandlungsmöglichkeiten den Langzeitverlauf entscheidend verbessern und in einigen Fällen eine Heilung möglich machen.
Schlafmedizin ist überaus wichtig für uns, stellt sie doch einen expandierenden Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde dar. Wir kennen eine ganze Reihe von Erkrankungen, bei denen als Begleit­erscheinung schlafabhängige Atemstörungen auftreten. Diese können mit Instrumenten der klinischen Untersuchung untertags meist nicht erfasst werden. Das heißt, man braucht eine Schlaflabor­untersuchung. Es gibt in Österreich aber noch keine ausreichende Versorgung mit pädiatrischen Schlaflabors. Die Indikationsstellung zur Mandeloperation ist derzeit in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Eines der wichtigsten Argumente für eine Mandeloperation ist die Obstruktion der oberen Atemwege durch chronisch entzündete und vergrößerte Tonsillen, die sich meistens im Schlaf manifestiert. Diese kann zu vielen Folgeerkrankungen, ja bis zu Schäden am Herzen führen, die nicht in allen Fällen reversibel sind. Schlafmedizinische Befunde sind immer hilfreich und manchmal auch notwendig, um Kinder, die unbedingt eine Mandeloperation benötigen, von jenen, bei denen diese Indikation nicht oder nur eingeschränkt besteht, verlässlich zu unterscheiden.

Wird die Ausbildung zum Facharzt für Kinderheilkunde der Weiterentwicklung der fachinternen Spezialgebiete gerecht?
Bernert: Der Idealfall sieht so aus, dass jeder werdende Pädiater eine komplette Ausbildung in allen Subspezialitäten der Pädiatrie erhält. Klar ist aber auch, dass diese Ausbildung regionale Schwerpunkte und Unterschiede hat. Das heißt, ein Pädiater, eine Pädiaterin in Ausbildung wird je nach Spezialangebot und damit Patientenaufkommen der jeweiligen Abteilung die Schwerpunkte und Spezialgebiete der Pädiatrie in unterschiedlicher Intensität vermittelt bekommen. Das hat zur Folge, dass eine optimale pädiatrische Ausbildung eine Rotation unter Einschluss verschiedener Abteilungen und unter Umständen auch unterschiedlicher Träger umfassen sollte. Das ist momentan ein wichtiges Diskussionsthema. Es wird hier in Wien versucht, durch Zusammenarbeit verschiedener Träger diesem Optimum nahe zu kommen. Die ultimative Lösung wurde aber bis dato noch nicht gefunden.

Wie sieht das Berufsbild der Kinderärzte in Zukunft aus: ganzheitliche Allrounder oder eine Palette von Subspezialisten?
Bernert: Ich bin in dieser Frage nicht für entweder – oder, sondern für sowohl – als auch. Natürlich werden sich bei jedem Einzelnen unterschiedliche Akzente darstellen, im Prinzip aber muss die Ausbildung die allgemeine Pädiatrie vermitteln und kann nach deren erfolgreichem Abschluss im Sinne der Additivfächer zusätzliche Erfahrungen und Fähigkeiten vermitteln. Ich denke, es sollte so wie bisher auch zukünftig ein entsprechender Entscheidungsfreiraum für den Einzelnen bleiben, Allgemeinpädiater oder aber spezialisierter Pädiater zu werden, wobei sich Letztere logischerweise v.a. an Krankenanstalten konzentrieren werden.

Gibt es Tagungspunkte, die Sie als besonders interessant hervorheben möchten?
Bernert: Beispielsweise die Sitzung „Transkulturelle Pädiatrie“. Was bedeutet es für uns, in der täglichen Praxis, Migranten und ihre Familien unter Einbeziehung ihrer Kultur und ihres sozialen Hintergrundes zu behandeln? Welche Kompetenzen brauchen wir, wie können wir sie weiter entwickeln?
Besonders wichtig ist es uns, die Verbindung und Verbundenheit zum neuen Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie zu betonen: Wir haben ein Symposium zum Thema ADHS, wo wir die umfassende Betreuung der Kinder und Familien hervorheben. Unsere Arbeitsgruppe Entwicklungs- und Sozialpädiatrie präsentiert eine Sitzung „Kinder in Not“, wo die Referenten Probleme, die Pädiatrie und Kinderpsychiatrie in Kooperation lösen müssen, darstellen.
Es wird auch eine eigene Kinderschutz-Sitzung geben: Hier geht es um sexuellen Missbrauch, Misshandlung, Epidemiologie von Gewalt an Kindern mit sehr gutem Datenmaterial. Der Kinderarzt ist meistens der Erste, der in diesem Zusammenhang angesprochen wird, die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist neben den zuständigen Behörden in der weiteren Behandlung der relevante Partner.

Wird sich die Tagung auch mit Tagesaktualität, wie z.B. dem Problem des jugendlichen Alkoholkonsums, auseinandersetzen?
Bernert: Sowohl zum Alkoholmissbrauch als auch zu den Themen Tests im Kindergarten, Tests in der Übergangsphase zwischen der Volksschule und den weiterführenden Schulen gibt es Statements unserer Fachgesellschaft. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass der Mutter-Kind-Pass als eines der wichtigsten Screening-Instrumente ja bereits existiert, aber im Vorschulalter nur mehr von 30 Prozent der Eltern in Anspruch genommen wird, da die finanziellen Zuckerln sehr früh ausgeschöpft sind. Das geeignete Instrument in der Früherfassung gibt es also aus unserer Sicht bereits, es muss nur noch besser eingesetzt werden. Die Sachlage ist genauso wie auch bei anderen Screeningmethoden: Gerade Populationen, die besonders hohe Risken haben, nehmen Screeningangebote sehr wenig wahr. Es gilt daher, vor allem für diese Gruppe die Attraktivität zu erhöhen, um damit die Effektivität zu steigern.

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl

Der Artikel erschien in voller Länge in der Zeitschrift Pädiatrie & Pädologie, Heft 4 vom 5. September.

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