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„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“

Infektionskrankheiten sind nicht die einzige Bedrohung für Kinder auf Reisen. Andere Risiken sind die erhöhte Sonneneinstrahlung, Verletzungen – Tierbisse, Schnittverletzungen durch Korallen und/oder Seeigelstacheln – sowie das Ertrinken.

Zum Reisen mit Kindern gehört eine entsprechende Vorbereitung – Kinderärzte haben hier eine wesentliche Informationsaufgabe. Der Linzer Reisemediziner DDr. Martin Haditsch bedauert, dass der Informationsstand der Reisenden derzeit sicher nicht ausreichend ist.

Herr DDr. Haditsch, heute reisen viele Menschen bereits mit kleinen Säuglingen in ferne, auch tropische Länder. Wie beurteilen Sie dieses Verhalten?
HADITSCH: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, schon gar nicht Säuglinge. Es ist zu beachten, dass Kinder ganz anders reagieren. Als Beispiel möchte ich hier die Reisediarrhoe anführen: Für Erwachsene ist dies in der Regel eine lästige, aber nicht lebensbedrohliche Situation. Für Kinder, insbesondere für Säuglinge, kann eine Reisediarrhoe eine schwere, lebensbedrohliche Erkrankung darstellen.

Soll der Kinderarzt die diesbezügliche Beratung selbst vornehmen oder an den Facharzt verweisen?
HADITSCH: Ich denke, dass das Management von Reisenden, und das betrifft nun nicht nur Kinder, sondern alle Menschen mit speziellen Bedürfnissen, interdisziplinär handgehabt werden sollte. Es gibt wenige Reisemediziner, die auch ausgebildete Pädiater sind, und es gibt wenige Pädiater, die auch Spezialisten der Reisemedizin sind. Das heißt, wir sollten ein Miteinander anstreben. Es ist für uns Reisemediziner wichtig, für das Risiko einer bestimmten Region sensibilisiert zu sein und im Kontext der Reise mit dem behandelnden Facharzt Kontakt aufzunehmen. Bei Fragen im Zusammenhang mit Kindern ist der Facharzt für Pädiatrie, bei Gravidität und Fragen zur Empfängnisverhütung auf Reisen der Facharzt für Gynäkologie der richtige Ansprechpartner.
Wenn ein Kind mit einer spezifischen Reiseanforderung zu mir kommt, handle ich das allgemein Reisemedizinische, einschließlich der sinnvollen Impfungen, ab und bespreche mit den Eltern die Risiken. Es macht aber durchaus Sinn, wenn die Eltern auch mit dem Kinderarzt sprechen.

Was ist bei Erkrankung eines Kindes in einem fremden Land, vor allem in der Tropenzone, zu tun?
HADITSCH: Wichtig ist, bereits vor Reiseantritt gemeinsam mit dem Pädiater und dem Reisemediziner die Zusammenstellung der Reiseapotheke auf die möglichen Reisezwischenfälle abzustimmen. Nicht alles, was von der Medizin als banal eingestuft wird, ist für die Familie, die es miterleben muss, banal. Bei der Zusammenstellung der Apotheke, abgestimmt auf Kind, Destination und Dauer des geplanten Aufenthaltes, ist wichtig, dass man in den Tropen in vielen Situationen die Primärtherapie selbst übernehmen muss, weil kein Arzt in der Nähe verfügbar ist. Ansonsten ist die ärztliche Betreuung in vielen Ländern bereits adäquat.

Wohin können sich Kinderärzte in Fragen der Reisemedizin wenden?
HADITSCH: Es gibt in allen Bundesländern Fachleute, die sich auf Reisemedizin spezialisiert haben. Orientieren können sich Pädiater am offiziellen Register der Gelbfieberimpfstellen. Allgemeine Fragestellungen können an allen Impfstellen beantwortet werden, spezielle Fragen werden an eine kompetente Stelle weitergeleitet. Die Anlaufstelle für Eltern, die mit ihren Kindern verreisen wollen, sollte der Kinderarzt sein. Bei speziellen Fragestellungen soll der Reisemediziner hinzugezogen werden.

Das Gespräch führte Dr. Renate Höhl
Das vollständige Interview erschien in Pädiatrie & Pädologie 3/2007

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