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Innere Medizin 13. September 2007

Bewegung muss man lernen

Falsches Arbeitsmobiliar, kiloschwere Schultaschen, zu wenig Bewegung: Unsere Kinder können kaum mehr aufrecht durchs Leben gehen. Mehr als die Hälfte der österreichischen Schüler leidet an Haltungsschwächen oder -schäden. Viele Probleme könnten bei entsprechender Vorsorge verhindert werden.

 Fußball
Schul- und Vereinssport hat einen hohen Stellenwert in der Prävention.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Eine Studie der Universität Salzburg (www.sttrv.at/de/menu_2/downloads/studien) hat gezeigt, dass das körperliche Leistungsvermögen der 11- bis 14-jährigen Schüler höchst besorgniserregend ist. Das betrifft vor allem die Rumpfmuskelkraft, was wiederum die Gefahr von Haltungsschäden und Wirbelsäulenerkrankungen mit sich bringt. Aber auch die koordinativen und motorischen Fähigkeiten sind stark eingeschränkt. Studienautor Dr. Andreas Sandmayr: „Der bereits in dieser Altersgruppe vorhandene hohe Anteil an verkürzter und abgeschwächter Muskulatur führt zu Störungen in den Gelenkmuskelbeziehungen und in Folge zu schmerzhaften Reizzuständen an der Wirbelsäule und an Gelenken sowie zu Haltungsschwächen und -schäden. Die Haltungsschäden der Kinder legen den Grundstein für Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates im Erwachsenenalter.“
Es liegt also nicht nur an der Schultasche, wenn Haltungsschwächen auftreten. Dr. Richard Lemerhofer, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in Baden, der im Zuge seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch Schulungsprogramme für Schulärzte durchgeführt hat: „Nicht die schwere Schultasche ist ein Leitsymptom für schlechte Haltung, ein wichtiger Faktor, um Haltungsschwächen vorzubeugen, sind ausreichend Bewegung und ein richtig gestalteter Arbeitsplatz.“ Nur wenige Arbeitsplätze in der Schule und zu Hause wachsen mit dem Kind mit. Selbst wenn Schrägbänke angeboten werden, bei denen das Lesepult aufgeklappt werden kann, bleiben diese oft ungenützt. Lemerhofer: „Krank wird man durch einen schlechten Arbeitsplatz zwar nicht, aber eine Wirbelsäulenverkrümmung wird unterstützt. Eine Muskeldysproportion wird mit Sicherheit durch einen schlechten Arbeitsplatz begünstigt und verschlechtert sich.“ Ein massives Problem für die kindliche und jugendliche Haltung sei das Stillsitzen. Lemerhofer dazu: „Häufig entstehen Halswirbelsäulenbeschwerden durch die vorgebeugte Zwangshaltung. Es kommt auch zu Wirbelsäulenbeschwerden im unteren Bereich der Wirbelsäule, in der Folge zu Haltungsanomalien und Fehlhaltungen. Wirbelsäulenverkrümmungen sind meist auch familiär bedingt, wird die Muskulatur nicht trainiert, kommt es zu Beschwerden. So etwa ist die Scheuermann’sche Erkrankung genetisch bedingt. Dabei handelt es sich um Entwicklungsstörungen im Wirbelkörper, die nicht richtig ausheilen, und sekundär Veränderungen in der Haltung verursachen. Es kommt zur Bildung eines Rundrückens und zuz Beschwerden. Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr auf, verläuft stumm und führt mit 30 Jahren wieder zu Beschwerden.
Skoliose hingegen wird bei Schulkindern aufgrund des genauen Screenings und einer entsprechenden Schulung der Schul­ärzte erfreulicherweise genau diagnostiziert, auch bei leichten Fällen. Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule, tritt während des zweiten Wachstumsschubs, also in der Pubertät, vor allem bei Mädchen auf.“ Warum es ausgerechnet Mädchen sind, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt, neuere Erkenntnisse gehen davon aus, dass dafür auch stoffwechsel- oder hormonell bedingte Entwicklungen verantwortlich sein könnten – daneben gibt es eine Reihe von anderen Theorien, die von einer Ionenkanalveränderung bis zu einem Melatoninmangel reichen, auch eine gewisse Vererblichkeit wird diskutiert. Eine Besserung ist in vielen Fällen nur mit einer Operation zu erzielen.
Ideal wäre eine harmonische Haltung. Dabei weist die Wirbelsäule Biegungen in Brust und Kreuz auf, die harmonisch zusammenpassen. Der Kopf sollte im Lot über dem Becken sein, dann ist die Architektur des Körpers in Ordnung, und es sind kaum Beschwerden zu erwarten. Statt elterlicher Appelle wie „geh ordentlich“ oder „halt dich gerade“ sollten die Kinder und Jugendlichen eher ermutigt werden, ihre Rückenmuskeln zu stärken, beispielsweise durch ein Krafttraining. Insbesondere sollten Brust- und Rückenmuskeln gekräftigt werden. Nicht alle Sportarten sind jedoch dazu geeignet. Beim Radfahren etwa bleiben die Rückenmuskeln in ruhiger Stellung. Beim Tanzen oder bei Jazzgymnastik hingegen sind Wirbelsäule und Muskeln stark gefordert. Ideale Sportarten für Jugendliche sind unter anderem Kampfsportarten, Bodengymnastik oder auch sportliches Schwimmen (Kopf unter Wasser).
Dr. Andreas Stippler, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in Krems, hat Motoriktests bei Kindern durchgeführt: „Viele Kinder können heute kaum mehr auf einem Bein stehen, ohne umzufallen.“ Das ist eine massive Degenerationserscheinung, das Kind versäumt dadurch, das eigene Körperbewusstsein zu entwickeln. „Schuld daran ist aber auch der zeitgeistige Leistungsgedanke, der den Begriff Sport immer mit Höchstleistungen, Konkurrenzkampf und Leistungsdruck in Zusammenhang bringt. Bewegung hat nichts mit Hochleistungssport zu tun“, betont Dr. Andreas Stippler.

Wirbelsäulenmuskeln trainieren

Speziell die Muskulatur entlang der Wirbelsäule muss trainiert werden, um Haltungsschwächen vorzubeugen. Dr. Stippler: „Sie wirkt wie ein Stoßdämpfer. Sind die Muskeln zu schwach ausgebildet, wirken sich Belastungen direkt auf die Bandscheiben aus. Es kommt zu Rissbildungen und Vorfällen. Da ­diese Bereiche stark von Nervenstrukturen umgeben sind, verursachen derartige Probleme auch starke Schmerzen.“
Um Problemen mit den Bandscheiben vorzubeugen, sollten die wirbelsäulennahen Muskeln, die so genannten Rotatoren, gestärkt werden. Sie steuern jede Drehbewegung – am gefährlichsten sind Positionen, bei denen der Oberkörper nach vorne geneigt ist und dazu eine Drehbewegung erfolgt, also so wie beim Mähen mit einer Sense. Glücklich, wer seine Rotatoren von Jugend an trainiert hat.
Vorsorge sollte daher ein Thema sein – lange noch, bevor etwas weh tut. „Jeder Mensch putzt sich heute die Zähne. Kaum jemand ist jedoch bereit, 15 Minuten in ein gesundes Rückenprogramm zu investieren. Einfache Übungen, die man ohne großen Aufwand machen kann, reichen aus, um die Wirbelsäule gesund zu erhalten“, sagt Dr. Stippler. Bei sitzenden Tätigkeiten sollten alle 90 Minuten Pausen eingelegt werden, in denen man in den Körper hineinspüren und die Bauchatmung aktivieren sollte. Stippler: „Vor allem Kindern sollte man ein entsprechendes Körperbewusstsein vermitteln, sie erleben sehr schnell, wie gut ihnen Bewegung tut und wie positiv sich das auf das eigene Körperbewusstsein auswirkt.“

Dr. Doris Simhofer, Ärzte Woche 37/2007

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