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Kinder- und Jugendheilkunde 12. September 2007

ABC im Minirock – frühe Pubertät bei Mädchen

Seit gut einem Jahrhundert fällt auf, dass die sexuelle Reifung weiblicher Jugendlicher zunehmend früher einsetzt. Erst in den letzten Jahren scheint diese Entwicklung zu einem Stillstand gekommen zu sein. Was genau den Startschuss für den Wandel vom Kind zum Erwachsenen gibt, ist bis heute nicht klar. Wissenschaftler finden immer neue Faktoren, die das frühe Einsetzen der Pubertät erklären könnten, darunter auch soziale Einflüsse.

 Teenies
Das soziale Umfeld hilft, Pubertätsprobleme zu bewältigen.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Ein Blick in Österreichs Volksschulzimmer bestätigt, was den meisten ohnedies längst ins Auge sticht: Unsere Kinder kommen immer früher in die Pubertät! Zwölfjährige Mädchen schätzt man oft auf 16, das früher an Kinokassen sofort abgewiesene, weil altersmäßig entlarvte Kind erhält heute problemlos Eintritt in Erwachsenen-Filme.
„Dass die Pubertät heute nach vorne verschoben ist, ist ein Faktum, das durch viele Untersuchungen bestätigt wird“, bestätigt auch Prof. Dr. Karl Zwiauer, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Landesklinikums St. Pölten.

Menarche mit zehn Jahren

„Vor hundert Jahren noch fand die Menarche im Durchschnitt eineinhalb Jahre später statt als heute. Der Grund liegt vor allem in einer Akzeleration des Körperwachstums“, erklärt der Experte aus St. Pölten. „Mädchen sind heutzutage um durchschnittlich 15 Zentimeter größer als noch vor hundert Jahren. Das frühere Erreichen einer determinierten Größe führt auch zu einem früheren Pubertätsbeginn“. Die erste Menstruation findet heute durchaus bereits im Alter von zehn oder elf Jahren statt, obwohl eine gewisse Bandbreite nach wie vor vorhanden ist und viele Mädchen nach wie vor erst mit 14 oder 15 zum ersten Mal menstruieren. Der Median hat sich aber in den letzten Jahren eindeutig nach vorne verlegt. „Die Akzeleration hat sich jedoch derzeit eingebremst und in den letzten Jahren stabilisiert“, betont Zwiauer.

Die Chemie muss stimmen

Gibt der Körper das Signal der Geschlechtsreife, wird das Releasinghormon Gonadotropin Releasing Hormone (GnRH) vom Hypothalamus abgegeben, was die Hypophyse veranlasst, luteinisierendes Hormon (LH) bzw. follikelstimulierendes Hormon (FSH) in die Blutbahn zu sezernieren. Dadurch kommt es in weiterer Folge zur Stimulation von Ovarien (und Hoden) und damit zur Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Was genau das Signal zum Einläuten der Geschlechtsreife darstellt, ist bislang ungeklärt. Sicher weiß man, dass Gewicht und Körpergröße eine Rolle spielen. Hier kommt auch Leptin ins Spiel. Leptin ist ein wichtiges Proteohormon, welches von Fettzellen gebildet wird und für den Pubertätsbeginn verantwortlich gemacht wird. „Mädchen, die mehr Fettzellen besitzen, kommen also auch früher in die Pubertät“, erklärt Zwiauer. Genmanipulierte Mäuse, die kein Gen für Leptin besitzen, sind nicht fortpflanzungsfähig (Robert Steiner, University of Washington, Seattle). Leptin steht in engem Zusammenhang mit Kisspeptin, einer dem GnRH vorgeschalteten Eiweißsubstanz. Prof. Dr. Manuel Tena-Sempere, Physiologe an der Medizinischen Fakultät der Universität in Córdoba, ließ im Tierversuch Ratten hungern, was erwartungsgemäß deren Pubertät verzögerte. Wurde diesen Ratten jedoch Kisspeptin verabreicht, setzte trotz der bestehenden Unterernährung die Pubertät ein. Genetische Faktoren spielen wahrscheinlich ebenfalls eine wichtige Rolle. So pubertieren Töchter von Müttern, die ebenfalls frühzeitig in die Pubertät kamen, früher.

Wenn sich Brustdrüsen nicht an Stadieneinteilungen halten

Die Entwicklung des physiologischen Wandels von Mädchen (und Knaben) im Verlauf der Pubertät wird durch die Stadieneinteilung nach Tanner definiert. Die verschiedenen Stadien beschreiben den Verlauf der Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale der weibliche Brust, der Geschlechtsorgane und des Schamhaarbewuchses während definierter Zeitabschnitte der Pubertät. Die Stadien werden für die weibliche Brust mit B I bis B V bezeichnet und die Stadien für die Schambehaarung mit P I bis P V. (siehe Tabelle unten Tanner­stadien).

DDT und Phtalate als Auslöser einer verfrühten Pubertät

Nicht nur die Ernährung und die medizinische Versorgung verursachen einen früheren Pubertätsbeginn, auch Pestizide wie DDT und sein Abbauprodukt DDE haben aufgrund ihrer östrogenähnlichen Wirkung das Potenzial, die Pubertät zu initiieren. Vor allem Studien aus der dritten Welt bestätigten dies. Auch Walter Rogan vom US National Institute of Environmental Health Sciences stellte in einer Studie fest, dass Mädchen, die im Mutterleib mit diesen Substanzen in Kontakt gekommen waren, bis zu elf Monate früher als nichtbelastete Mädchen pubertierten.
Phtalate, die als Weichmacher in vielen Kunststoffen enthalten sind, wie beispielsweise Babyfläschchen und Lebensmitteldosen, stehen ebenfalls im Verdacht, eine verfrühte Pubertät auszulösen. Auch östrogenhältige Shampoos, Milch und Milchprodukte, die mit Östrogenen belastet sind, die man Kühen in Nahrungszusätzen verabreichte, sollen die Pubertät verfrühen.
Eine andere Erklärung kommt aus der Ecke der Evolutionspsychologie: Mädchen, die ohne Vater aufwachsen und aus einem konfliktbeladenen Elternhaus stammen, kommen laut Untersuchungen früh in die Pubertät. Erklärt wird dies mit dem Wunsch, dem familiären Umfeld zu entkommen und selbst eine Familie gründen zu können. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen bestätigten, dass Mädchen, die im Alter von vier bis fünf Jahren viel Zeit mit dem leiblichen Vater verbrachten, später pubertierten als Mädchen, die ohne Vater aufwuchsen.
Im 19. Jahrhundert soll die Menarche mit 17 stattgefunden haben. Heute gilt das Einsetzen der ersten Menstruation zwischen neun und 15 Jahren als normgerecht. In Einzelfällen kann die Pubertät, nach eingehender medizinischer Untersuchung, medikamentös verschoben werden.

Pubertas praecox

„Wenn beispielsweise ein sechsjähriges Mädchen Pubertätszeichen zeigen würde, würde man die Pubertät sicher hormonell verschieben“, bestätigt Zwiauern. Von einer Pubertas praecox spricht man, wenn sekundäre Geschlechtsmerkmale bei Mädchen vor dem achten und bei Knaben vor dem zehnten Lebensjahr auftreten.
Obwohl Labordaten sowie klinischen und diagnostischen Zeichen definiert sind, die Pubertätsentwicklung ist ein multidimensionaler physischer und psychosozialer Vorgang, der nicht immer in Diagnoseschemata passt.
Häufig wird angenommen, dass die heutzutage früher einsetzende Pubertät massive Probleme für die betroffenen jungen Menschen mit sich bringt. „Die Pubertät ist generell eine schwierige Zeit für jeden Jugendlichen“, erklärt Zwiauer. Ob diese nun früher oder später einsetzt, mache keinen allzu großen Unterschied.
Kinder und Jugendliche werden oft unterschätzt, aber sie verfügen bei weitem über mehr Bewältigungsstrategien, als man annimmt. Mit der richtigen Unterstützung durch Familie und Freunde kann also auch eine frühere Pubertät bewältigt werden.

 Körperliche Entwicklung bei Mädchen

Maierhofer, Ärzte Woche 37/2007

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