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Kinder- und Jugendheilkunde 12. September 2007

Fulltime-Job Schule

Früher war alles anders! Nach der Schule machten die Kinder in Ruhe ihre Hausaufgaben, und es gab immer noch genügend Zeit, um mit Freunden Fußball oder Verstecken zu spielen. Sämtliche Kinderzimmer waren fernsehfrei und Mäuse existierten nur als Haustiere, aber keineswegs als Bedienungselement von Computern. Sicherlich, diese überzeichnete Idylle existierte nie wirklich, aber dennoch lässt sich nicht leugnen, dass heute immer mehr Kinder an chronischen Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Schlafstörungen leiden. Schuld sind Überforderung und Dauerstress.

 Schulkind
Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Dabei ist Stillsitzen doch aller Laster Anfang.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Eine genaue Anzahl an Kindern und Jugendlichen, die an den Folgen von Stress und Überforderung leiden, kann auch Prof. Dr. Karl Toifl, Leiter der Ambulanz an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH Wien, Spezialgebiet Komplexitätsforschung, nicht nennen. „Es gilt zuerst einmal Stress zu definieren. Stress ist eine individuelle Sache, und alles, was überfordert, verursacht Stress“, erklärt der Experte. In diesem Sinne wären fast alle seine Patienten Opfer von Stress.

Was Hänschen nicht lernt ...

Die Eltern als Vorbilder vermitteln ihren Kindern die Gestaltung des Lebens. Diese Information nehmen die Kinder auf, und nach Abspeicherung im Gehirn wird sie ins Leben des Kindes integriert. Fehlt aber die synchrone Weitergabe von Bewältigungsmechanismen, von Strategien zur Problemlösung, sind Frustrationen vorprogrammiert. Das Kind kann Problemsituationen nicht adäquat lösen, was nach der Definition von Prof. Toifl Stress zur Folge hat: „Denn Kinder verfügen selbst nicht über geeignete Strategien zur Problemlösung, auf die sie zurückgreifen können“, so Toifl. Kinder reagieren auf Stress mit Essstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Depression oder Aggression. „Wenn in der Familie ein aggressiver und abwertender Umgang untereinander herrscht, findet man eher Aggression beim Kind und weniger Depression und Rückzug“, weiß Toifl. Der Umgangston innerfamiliär prägt also maßgeblich die Art der kindlichen Verhaltensänderung. Aber auch Selbstverletzungen, die Zeichen von (Auto)Aggression, aber auch Depression sein können, werden in der Ambulanz häufig beobachtet.
Eine beachtliche Zahl von Kindern leidet bereits unter psychosomatischen Störungen. Dazu zählen vor allem Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen. Häufige Arztbesuche sind die Folge, da vorerst immer eine somatische Ursache als Auslöser angenommen wird. Ein relativ sicherer Indikator für Stress im Kindesalter ist auch ein plötzlich auftretender schulischer Leistungsknick. Es kann dadurch zu sozialem Rückzug bis hin zur totalen Vereinsamung des Kindes oder aber deutlich aggressivem Verhalten kommen. Raufereien und Sachzerstörungen stehen auf der Tagesordnung, auch diverse Verhaltensstörungen (Enuresis, Enkopresis, Pica u.a.), die teilweise bereits auf tiefgreifende Störungen hinweisen, können auftreten.

... lernt Hans nimmermehr

Hier kommt das ADHS ins Spiel: „Beim ADHS handelt es sich um einen Symptomenkomplex“, erklärt Toifl. Immer häufiger werde ADHS diagnostiziert. Toifl: „Keineswegs erfolgt dabei aber eine routinemäßige medikamentöse Behandlung mit Ritalin, denn die Aggression von ADHS-Kindern beruht nicht selten ebenfalls auf Überforderung und Stress. Und Stress ist ein geeigneter Trigger für eine ADHS-Symptomatik.“
Um im späteren Berufsleben erfolgreich zu sein, werden Kinder schon früh auf maximale Leistung getrimmt. Eltern wünschen sich, in durchaus guter Absicht, später bessere Berufschancen für ihren Nachwuchs. Selbstredend müssen hervorragende Schulnoten erzielt werden (niemals gab es so viel Nachhilfe wie heute) sowie Leistungskurse und Freifächer belegt werden. Nach der Schule stehen Ballettunterricht, Tennis, Schachkurs und Schwimmunterricht auf dem Programm.
Das Beherrschen mindestens eines Musikinstruments ist obligatorisch. Dadurch entsteht ein straffer Zeitplan auch in der Freizeit. Die Erwartungshaltung der Eltern wird oft von Kindern internalisiert, die sich immer mehr anstrengen müssen, um den Anforderungen der Eltern gerecht zu werden. Nicht jedes Kind verfügt über ausreichende Mittel zur Stressbewältigung und Problemlösung, sodass für viele ein Scheitern vorprogrammiert ist.

Generationenübergreifendes Therapiekonzept

Die Diagnose und Therapie der Stressfolgen beim Kind und Jugendlichen ist immer eine mehrdimensionale. „Diese beinhaltet die körperliche, die psychische, aber auch eine tiefenpsychologische Komponente. Diese drei Einzelkomponenten gilt es parallel zu sehen und zu integrieren. Daraus ergibt sich dann ein umfassendes diagnostisches Mosaikbild“, erläutert Toifl. Die genaue Betrachtung der sozialen Zusammenhänge im Sinne der Systemtheorie leistet im diagnostischen und therapeutischen Zusammenhang wertvolle Hinweise. „Es ist sehr wichtig, nicht nur Eltern, sondern auch Großeltern einzubeziehen, denn die Dynamik fließt über Generationen“, betont Toifl. Ein Teil der Therapie bestehe dann darin, die Problematik dieser Dynamik zu vermitteln. Es gelte dann die Familienmitglieder zu ermutigen, das Gewohnte zu hinterfragen. Eine medikamentöse Therapie sei aber trotzdem häufig nicht zu umgehen. So werden Antidepressiva bei vordergründiger Depression oder aber Antipsychotika bei Vorhandensein von psychotischer Symptomatik gegeben.
Im dauernden „Sich-Hinterfragen“ sieht Toifl das einzige probate Mittel zur Prävention. Dies gelte sowohl für Familien als auch für die Gesellschaft als solche. „Nur durch eine Kultur des Hinterfragens können psychische und physische Folgen von Überforderung und Stress bei Kindern und Jugendlichen minimiert und so letztendlich Chronifizierung vermieden werden“, resümiert der Experte.

Maierhofer, Ärzte Woche 37/2007

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