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Mit Magie gegen die Bockerlfraß (Narrenturm 101)

Die Anfälle im frühen Kindesalter waren die häufigste Todesursache bei Säuglingen. Die Ursache war ein durch die fast ununterbrochenen Schwangerschaften der Mütter hervorgerufener massiver Kalkmangel – was allerdings lange Zeit nicht bekannt war. Gegen eine so rätselhafte Krankheit konnten also nur magische Kräfte helfen.

Die Fraisen – abgeleitet vom Mittelhochdeutschen „vreise“, was soviel wie Angst, Wut, Schrecken oder Angst bedeutet –, „in Froas fallen“, im Osten Österreichs auch Bockerlfraß genannt, war einst eine der gefürchtetsten und gefährlichsten Kinderkrankheiten. Da die Ursache unbekannt war, versuchte man das Kind sowohl mit religiösen als auch mit abergläubischen Heilpraktiken – Hexensprüchen, Beschwörungen, Abwehrzaubern oder dem Gebrauch von Fetischen und Amuletten – zu schützen.

Pathologischer Kalkmangel

 Fraisenkette
Die Fraisenkette – mit Maulwurfszähnen und Ringelnatter-Wirbelknochen – sollte vor den gefürchteten Krämpfen bewahren.

Foto: Regal/Nanut

Die am häufigsten genannten Todesursachen in historischen Sterbeurkunden aus dem deutschen Sprachraum sind bei alten Menschen „Wassersucht“ und Altersschwäche, bei Säuglingen die Fraisen. Die „Wassersucht“ lässt sich leicht als Herzinsuffizienz, kardiale Dekompensation, identifizieren. Bei den Fraisen ist eine Identifikation nicht so einfach.
Die auch heute noch gelegentlich Fieberfraisen, Infekt-, Zahn- oder Fieberkrämpfe genannten Anfälle im frühen Kindesalter sind meist Krampfanfälle, die im Rahmen eines fieberhaften Infekts ohne entzündliche Beteiligung des Zentralnervensystems auftreten. Diese einfachen Fieberkrämpfe machen 80 bis 90 Prozent der Fieberkrämpfe aus. Sie sehen für Laien zwar furchtbar bedrohlich aus, sind aber meist harmlos und in der Regel ohne Folgeschäden. Nicht so harmlos waren aber die eigentlichen Fraisen. Sie waren dazumal eine der gefürchtetsten Kinderkrankheiten überhaupt.
Die Ursache war ein durch die fast ununterbrochenen Schwangerschaften der Mütter hervorgerufener massiver Kalkmangel, der bei vielen Säuglingen im Alter von etwa drei Wochen unter heftigsten Krampfzuständen zum Tod führte. Dieser Zusammenhang war naturgemäß nicht bekannt, und da es gegen diese scheinbar ohne Ursache auftretende – also angezauberte oder durch Erschrecken der Mutter während der Schwangerschaft entstandene – Krankheit kein wie immer geartetes medizinisches Mittel gab, konnte sie also nur mit religiösen, pseudoreligiösen oder magischen „Heilmittel“ bekämpft werden.
So genannte Fraisenhauben mit aufgemalten religiösen Sujets – Muttergottesbildchen oder Darstellungen des heiligen Valentin, des Schutzheiligen der Epileptiker, der auch für die Fraisen zuständig war – bekamen die Gebärenden schon prophylaktisch aufgesetzt. Neunteilig gefaltete Zettel, so genannte Fraisbriefe, die mit Gebeten, frommen Wünschen – „Ich töte durch große Macht und den hl. Namen Jesu alle 77 Freis“ – oder magischen Sprüchen bedruckt waren, wurden dem Kind zum Schutz auf die Brust gelegt.
Zu den religiösen Amuletten gehörte auch der „Schreckstein“ gegen die Fraisen, der „Fraisenstein“. Es war dies ein Tonplättchen von einem Wallfahrtsort mit der aufgemalten Darstellung eines Gnadenbildes der „Heilstätte“ auf der Vorderfläche. Von der unbehandelten Rückseite konnte der „geheiligte“ Ton abgeschabt werden und in einem Getränk dem Kranken „einverleibt“ werden. Vom „Einverleiben“ erwartete man sich eine besonders starke Wirkung. Mumifizierte Mäuseköpfe, Auerhahnzungen, verbrannte Pfauenfedern, Maulwurfszähne, Schwalbennester, Teile der getrockneten Nabelschnur kamen als Schutzamulette ebenso zum Einsatz wie lebendig auseinander gerissene Hühner und Tauben, die blutwarm prophylaktisch auf den Kopf gelegt wurden und so die Fraisen verhüten sollten.
Noch unappetitlicher war die Methode, dem Kind noch vor der Taufe einen lebend abgebissenen Mäusekopf um den Hals zu hängen oder einen in gleicher Weise gewonnenen Kopf einer Rutte – ein Süßwasserfisch – zu trocknen und ebenfalls vor der Taufe pulverisiert einzugeben. Der mächtigste und potenteste Schutz war aber zweifelsohne die „Fraisenkette“. Sie bestand sowohl aus christlich- religiösen Schutzmitteln als auch aus magischen Amuletten in meist ungerader Anzahl.

 Vitrine mit Schutz- und Heilmitteln
Vitrine mit Schutz- und Heilmitteln im pathologisch-anatomischen Museum im Narrenturm.

Foto: Regal/Nanut

Breverl und Alraunenwurzel

Da waren Reliquienbücher, heilige Faltzettel – so genannte „Breverl“ –, Heiligenmedaillen und Kreuze ebenso aufgefädelt wie zauberkräftige Alraunenwurzel, Korallen und Wirbelknochen der Kreuzotter oder Ringelnatter. Das Nebeneinander vieler Anhänger auf einem Band sollte die Wirkung exponentiell verstärken und darüber hinaus ging man anscheinend von der durchaus pragmatischen Überlegung aus, dass irgendwas von den aneinander gereihten Objekten – seien sie jetzt christlich oder magisch – schon helfen werde. Dass den Fraisenketten eine Gebrauchsinformation mit dem Satz „über Risiken und Nebenwirkungen informiert sie Ihr Exorzist“ beigefügt war, ist aber ein historisch nicht belegtes Gerücht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 22/2007

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