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Kinder- und Jugendheilkunde 6. Februar 2007

Die Eieruhr als Biofeedback-Instrument

Die häufigste Blasenfunktionsstörung bei Kindern ist die Enuresis, doch in 20 Prozent der Fälle leiden die Kleinen an einer durch eine überaktive Blase verursachten Harninkontinenz. Bei jedem Vierten löst sich das Problem durch Spontanremission von selbst, bei zwei von drei bessern sich die Symptome durch Verhaltenstherapie.

Oft fällt die Störung erst dann auf, wenn die Kinder in der Schule unter Druck stehen, sich mit einem Problem herumschlagen oder übermüdet sind: Dann können sie ihren Harndrang nicht mehr bezwingen und machen, obwohl längst den Windeln entwachsen, in die Hose. Zuweilen wird die durch eine überaktive Blase verursachte Inkontinenz auch als Enuresis fehldiagnostiziert, da der imperative Harndrang untertags durch diverse Haltemanöver gut kompensiert werden kann und das Kind nur nachts einnässt. Zur Diagnose der Störung, der meist eine Reifungshemmung der Blasenkontrolle mit Persistenz der frühkindlichen Detrusorhyperaktivität zugrunde liegt, reichen in der Mehrzahl der Fälle das Kind nicht belastende, nichtinvasive Untersuchungen aus: Anamnese, körperliche Untersuchung, Urinuntersuchung und Restharnbestimmung mittels Ultraschall. Freilich lautet der Befund nur dann „überaktive Blase“ (overactive bladder – OAB), „wenn keine zugrunde liegenden Pathologien wie Harnweginfekte, anatomische oder neurologische Störungen vorhanden sind“, betont Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Ärztliche Leiterin des Kontinenzzentrums des Schwarzwald-Baar-Klinikums in Villingen.

Trink- und Blasentagebuch

Das wichtigste Instrument, um die OAB von einer Enuresis abzugrenzen, ist jedoch das so genannte Trink- und Blasentagebuch, das zwei Tage während der Woche und das ganze Wochenende geführt werden sollte, so die Urologin in ihrem Überblicksartikel (Urologe 2006; 45(7):841-846). In dieses Tagebuch trägt das Kind ein, wann und wie viel es trinkt, wann es auf die Toilette geht und wie viel Zeit zwischen den Klogängen liegt. Die Eltern sollten die jeweiligen Harnmengen notieren. Anhand der Aufzeichnungen kann das mittlere Miktionsvolumen errechnet werden. Ist es geringer als 65 Prozent der altersentsprechenden Blasenkapazität, spricht das für eine OAB. Die Blasenkapazität in Millilitern wird mit der Formel (Alter x 30) + 30 errechnet. An den Dokumentationstagen sollte das Kind eine Windel tragen, empfiehlt Schultz-Lampel. Dann kann das nächtliche Diuresevolumen aus dem Gewicht der Windel und dem ersten Morgenurin errechnet werden. Ist das Volumen größer als die altersentsprechende Blasenkapazität, liegt eine nächtliche Polyurie vor. „Erste Behandlungsschritte bei der OAB sind verhaltenstherapeutische Maßnahmen“, erläutert Schultz-Lampel. Das bedeutet: Zur Toilette nach einem festen Zeitplan und ein Blasentraining, bei dem das Kind den Harndrang möglichst lang zu unterdrücken lernt. Durch dieses Hinauszögern der Miktion kann es nach und nach zu einer Verlängerung der Miktionsintervalle und damit zu einer Vergrößerung der Blasenkapazität kommen. Ziel ist jedenfalls, beim Kind das Bewusstsein für den kommenden Harndrang zu schärfen und damit die Grundlage zur willentlichen Hemmung des Miktionsreflexes zu schaffen. Um das Hinauszögern zu messen, genügt eine einfache Eieruhr – sozusagen als Biofeedbackinstrument. Mit der Zeit lernt das Kind mit dem Toilettengang wenigstens so lange zu warten, bis die Uhr abgelaufen ist.

Geduld ist notwendig

Feste Trinkpläne, nach denen alle zwei Stunden rund 150 bis 200 Milliliter und zwei Stunden vor dem Schlafengehen gar nichts mehr getrunken wird, unterstützen die Blasenkontrolltherapie. Dieses Training führt bei jedem dritten betroffenen Kind zu einer vollständigen Heilung, bei 66 Prozent zu einer wesentlichen Reduktion des Einnässens. Geduld ist allerdings gefragt: Bis sich der Erfolg einstellt, kann es zwei bis drei Jahre dauern.

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