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Kinder- und Jugendheilkunde 12. September 2006

Genetische Ursachen für plötzlichen Säuglingstod

Eine angeborene verminderte Lungenfunktion und ein geschwächtes Immunsystem erhöhen das Sterberisiko.

Für Babys, die mit einer Abweichung in drei spezifischen Genen geboren werden, erhöht sich das Risiko eines plötzlichen Kindstodes (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS) um das 14-fache. Das haben Wissenschaftler der Universität Manchester herausgefunden. Bereits vor fünf Jahren war es ihnen gelungen, einen Zusammenhang zwischen SIDS und bestimmten Varianten des Gens Interleukin-10 (IL-10) festzustellen. Jetzt konnten die Forscher auch Mutationen in den Genen Interleukin-6 (IL-6) und VEGF als Ursachen für SIDS identifizieren. Während die ersten zwei Gene eine Rolle in der körpereigenen Immunreaktion gegen Entzündungen spielen, ist das VEGF-Gen ein essenzieller Faktor für die Entwicklung der Lungen. Die Studienergebnisse wurden unlängst in der Fachzeitschrift Human Immunology (2006; (67) 8: 627-633 ) veröffentlicht.

Nicht genügend Abwehr gegen Infektionen

Die Forscher analysierten die DNA von 25 an SIDS gestorbenen Säuglingen und suchten nach Abweichungen in fünf bestimmten Genen. Dabei entdeckten sie, dass die drei betreffenden Gene signifikante Unterschiede mit jenen der Kontrollgruppe aufwiesen. Den Wissenschaftlern zufolge könnte die Kombination einer verminderten Lungenfunktion und eines geschwächten Immunsystems das Risiko der Babys steigern. „Wir haben jetzt drei Gene unterscheiden können, die sehr eng mit einem plötzlichen Kindstod im Zusammenhang stehen“, erklärt Studienleiter Dr. David Drucker. Diese könnten dazu führen, dass Babys in einer Phase mit einer geringeren Immunität Infektionen nicht gewachsen seien. Die meisten Säuglinge sterben zwischen ihrem zweiten und vierten Lebensmonat. „Diese Studie hat unsere Kenntnisse über die Ursachen von SIDS erheblich erweitert: Wir wissen jetzt, dass es keine simple Erkrankung ist, sondern eine Sammlung von verschiedenen Todesursachen“, so Drucker. „Jetzt, wo wir wissen, wie wir Risikobabys identifizieren können, kann die Gesundheitspflege sich explizit auf die am meisten gefährdeten Kinder richten.“ Laut dem Forscher könnte diesen Kindern im Prinzip ein Immunserum verabreicht werden. Daneben könnten die Mütter persönlich über die Einschränkung von anderen Risikofaktoren, wie etwa eine gefährliche Schlafhaltung, beraten werden. Wie die ÄRZTE WOCHE berichtete, hat sich die Zahl der SIDS-Opfer im letzten Jahr erhöht, was auf eine gewisse Präventionsmüdigkeit zurückgeführt wird. Informationskampagnen hinsichtlich sinnvoller Vorsichtsmaßnahmen zur Verhinderung des plötzlichen Säuglingstodes sind deshalb im Gange. Ein weiterer Vorteil der Kenntnisse über die genetischen Ursachen sei laut Drucker, dass forensische Wissenschaftler künftig durch genetische Proben beurteilen könnten, ob ein Baby tatsächlich an den Folgen von SIDS gestorben ist. So können tragische Fehltritte der Justiz, die in der Vergangenheit zu unberechtigten Verurteilungen geführt haben, in Zukunft vermieden werden.

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