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Die Resilienz bei Kindern mit einer onkologischen Erkrankung ist teilweise beachtlich, wie Forscher jetzt herausgefunden haben.
 

Wie Kinder Krebs verarbeiten

Resilienz. Kinder kommen mit Krebserkrankungen besser zurecht als gedacht. Tumoren sind für Kinder zwar belastend, jedoch sind sie im Schnitt nicht häufiger traumatisiert als Kinder ohne schwere Erkrankungen.

Kinder erleben eine Krebserkrankung häufig anders als Erwachsene. So ist für sie nicht unbedingt die Diagnose das größte Problem. Die Trennung von der Familie, lange Aufenthalte im Krankenhaus sowie die Therapienebenwirkungen sind zusammengenommen ebenso schrecklich wie die Erkenntnis, an einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu leiden. Darauf deuten die Ergebnisse einer Umfrage von Ärzten um Dr. Katianne Sharp von der St.-Jude-Kinderklinik in Memphis (Cancer 2017; online 4. Mai). Eine weitere Erkenntnis der Befragung: Krebskranke Kinder sind im Schnitt auch nicht häufiger traumatisiert als Kinder ohne gesundheitliche Belastungen.

Umfrage mit 254 Krebskranken

Für die Umfrage konnten die Kinderärzte 254 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren gewinnen, die sich an ihrer Klinik einer Krebsbehandlung unterzogen hatten. Im Schnitt waren die Kinder 13 Jahre alt, bei der Hälfte lag die Diagnose mehr als zwei Jahre zurück, bei einem Viertel weniger als sechs Monate.

Die Kinder sollten zunächst aus einer Liste mit traumatisierenden Ereignissen solche auswählen, die sie bereits erlebt hatten, und dann dasjenige bestimmen, welches sie am schrecklichsten fanden. Über dieses Ereignis wurden sie anschließend in einem strukturierten Interview (PTSD Scale for Children and Adolescents) befragt. Solche Fragen stellten die Ärzte auch 202 Kindern ohne ernste Gesundheitsprobleme. Diese konnten gegen eine Belohnung von 25 Dollar aus Schulen in der Umgebung der Klinik für das Projekt begeistert werden. Alter, Geschlechterverhältnis und sozioökonomischer Status in der Kontrollgruppe waren vergleichbar.

Wie sich zeigte, fanden nur 54 Prozent der Krebskranken ein Ereignis im Zusammenhang mit ihrem Tumor am schlimmsten. Das war vor allem dann der Fall, wenn die Diagnose noch nicht lange zurücklag. Mit der Zeit schien die Bedeutung der Erkrankung etwas zu verblassen. Von den Kindern mit Krebs als schlimmstem Ereignis nannte wiederum nur knapp die Hälfte (47 Prozent) die Krebsdiagnose als das Furchtbarste in ihrem Leben, sie war damit insgesamt für nur ein Viertel der Betroffenen das beherrschende Problem. Dies sei ein großer Unterschied zu Erwachsenen, denen in der Regel das Bewusstsein um eine lebensbedrohliche Erkrankung am meisten zusetze, so die Forscher um Sharp. Sie begrüßen es daher auch, dass nach den neueren DSM-Kriterien bei Kindern mit Tumoren nicht per se eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) angenommen wird.

Kinder womöglich sensibilisiert

Für die tumorkranken Kinder waren neben der Diagnose auch viele andere Faktoren belastend. So nannten 28 Prozent derer mit Krebs als schlimmstem Ereignis Übelkeit, Haarausfall, Gewichtsverlust oder Müdigkeit als Hauptgrund für ihre Einschätzung, bei sieben Prozent standen die negativen Folgen auf die Familie und sozialen Beziehungen im Vordergrund, fünf Prozent fand die Zeit vor der Diagnose am schlimmsten, weil sie nicht wussten, was sie krank machte. Ähnlich viele litten vor allem unter Spätfolgen oder der Angst vor dem Tod.

Bei den krebskranken Kindern, die den Tumor nicht als das Schrecklichste in ihrem Leben betrachteten, traten ähnliche Ereignisse in den Vordergrund wie bei den nicht erkrankten Kindern. Der Tod eines nahen Verwandten, Freundes oder geliebten Haustieres war hier das am häufigsten genannte Geschehen – es wurde von 56 Prozent dieser Kinder genannt, in der Kontrollgruppe lag der Anteil mit 36 Prozent deutlich niedriger. Entweder sind die krebskranken Kinder hier stärker sensibilisiert oder sie erleben tatsächlich mehr Todesfälle in ihrer Umgebung, etwa durch andere Krebskranke, schreiben die Studienautoren. Bei anderen Ereignissen gab es jedoch keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Familienprobleme und Scheidung waren für zehn Prozent (Krebskranke) und 13 Prozent (Gesunde) am schlimmsten. Naturkatastrophen und Hausbrände spielten mit jeweils sechs Prozent eine untergeordnete Rolle, ähnlich viele Kinder in beiden Gruppen nannten auch Gewalterfahrungen, Missbrauch, Unfälle und Phobien, etwa durch Alpträume.

Kriterien für PTBS erfüllt?

In dem Interview schauten die Forscher auch, ob die Kinder die neueren DSM-Kriterien für eine PTBS erfüllten. Das A1-Kriterium, also ein Ereignis, das als Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit empfunden wird, erfuhren danach 70 Prozent der Krebspatienten, die Krebs als schlimmstes Ereignis nannten, sowie 75 Prozent der Tumorkranken mit anderen schlimmsten Erlebnissen. Die Raten waren damit nicht signifikant höher als bei Kindern ohne Krebs (72 Prozent). Ähnliche Werte wurden auch für das A2-Kriterium ermittelt. Dieses charakterisiert eine Situation mit starker Hilflosigkeit und Angst. Letztlich sei eine Tumorerkrankung nicht stärker traumatisierend als ein anderes schreckliches Ereignis, und Tumorpatienten seien deswegen nicht unbedingt stärker traumatisiert als Kinder ohne Krebs. „Krebs im Kindesalter wird aber noch vorwiegend aus der Traumaperspektive betrachtet“, bemängeln die Autoren. Man könne jedoch nicht davon ausgehen, dass bei krebskranken Kindern der Tumor das schlimmste Ereignis im Leben sei. Auch sei der Schluss nicht zulässig, dass Krebskranke, die andere Erlebnisse als furchtbarer empfinden, besonders Schreckliches erlebt haben müssen: In der Umfrage waren andere Erlebnisse auch nicht schlimmer als bei Kindern ohne Krebs.

Thomas Müller/ÄZ

, Ärzte Woche 26/2017

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