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Kinder- und Jugendheilkunde 1. September 2016

Montezumas Rache – oder: Was tun bei Reisedurchfällen bei Kindern?

Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde, Universitätsklinikum St. Pölten

pädiatrie & pädologie: Was ist aus pädiatrischer Sicht grundsätzlich zum Thema „Reisen mit Kindern“ zu sagen?

Zwiauer: Reisen ist noch nie so beliebt gewesen wie heutzutage, und auf Reisen werden Kinder, ja auch Säuglinge mitgenommen. Dies, obwohl geraden den Jüngsten die Lokalisation der Sandkiste, und sei es auch der schönste Strand, egal ist. Grundsätzlich gilt: Je jünger das mitreisende Kind, umso problematischer ist im Fall der Fälle die medizinische Versorgung und umso gravierender die Probleme, die mit einem banalen Reisedurchfall auftreten können. Säuglinge haben spezielle physiologische Gegebenheiten, die im Falle einer akuten Gastroenteritis rasch zu schweren Dehydrationszuständen führen und bei nicht adäquater Therapie im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden können.
Bei älteren Kindern sinkt dieses Risiko, und bei Jugendlichen ist eine Reisedurchfallerkrankung üblicherweise wohl den Urlaub störend, aber keine vitale Bedrohung.
Reisen mit Kindern in Ländern außerhalb der industrialisierten Nationen sind zudem durchaus noch kritischer zu sehen, als in hochentwickelte westliche Länder, da in diesen die medizinische Versorgung rascher und unseren Standards entsprechend erfolgt. Das Risiko z. B. an Reisedurchfällen zu erkranken, ist vor allem in Äquatornähe sehr hoch, sowohl in Afrika, Lateinamerika aber auch in Asien und Südostasien. Bei mehr als 50 % aller Urlauber kommt es in diesen Gebieten im Laufe des Aufenthaltes zu einer Durchfallepisode. Gerade die ersten Tage und vor allem Kinder sind es, die vorwiegend von bakteriellen Infektionen (E. coli, Salmonellen, Shigellen und Campylobakter) betroffen sind.

Welchen Stellenwert hat der Durchfall im Zusammenhang mit Reisen bei Kindern?
Reisedurchfall ist die bei weitem häufigste Problematik, die Eltern mit Kindern durchmachen, wenn sie reisen. Meist sind es bakteriell ausgelöste Durchfallerkrankungen, die mit kontaminierten Lebensmitteln aufgenommen werden, die zu wässrigen oder schleimigen, ev. auch blutigen Durchfällen führt. Auf Kreuzfahrten sind es die gefürchteten Noroviren, die Durchfallepidemien verursachen. Begleitet werden die Durchfallsymptome mit Allgemeinerscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, ev. auch Fieber, Schüttelfrost und natürlich Bauchschmerzen und -krämpfen. Die Durchfallerkrankung tritt fast immer recht früh im Rahmen der Reise auf und dauert normalerweise nicht länger als einige Tage. Oft sind es E. coli Erreger oder Shigellen, Salmonellen oder Campylobacter, die zum Durchfall führen. Gerade das bei Kindern so beliebte Eis ist häufig Ursache der Übertragung.

Ist Reisedurchfall für Kinder gefährlich?
Grundsätzlich ist die akute ReiseGastroenteritis eine selbstlimitierende Erkrankung, die nach einigen Tagen vorüber ist, allerdings kann sie – insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern – wegen der doch teilweise beträchtlichen Flüssigkeitsverluste gefährlich werden. Insbesondere dann, wenn die oralen Rehydrierungsmaßnahmen nicht in ausreichendem Maß möglich sind, oder die Rehydrierungsflüssigkeit nicht den Anforderungen entspricht. Je jünger Kinder sind, umso wichtiger sind eine rasche Rehydrierung und eine Rehydrierung, die insbesondere Elektrolyte und Glukose in entsprechender Relation zuführt. Das wichtigste Medikament in der Reiseapotheke für Kinder ist daher eine orale Rehydrierungslösung! Wird nicht ausreichend Flüssigkeit zugeführt, dann kann es innerhalb kurzer Zeit zu massiven Problemen im Sinne einer Dehydrationserkrankung bis hin zum hypovolämischen Schockzustand kommen.

Gibt es präventive Maßnahmen für Kinder bzw. die ganze Familie, welche eine Reise-Durchfallerkrankung verhindern können?
Bei Reisen in Risikogebiete (das sind alle Reisedestinationen außerhalb der industrialisierten Länder) sollen alle diätetische Maßnahmen getroffen werden, die eine Übertragung von Erregern, die eine Durchfallerkrankung auslösen können, verhindern. Die alte Richtlinie „cook it, peel it or leave it“ sollte unbedingt beachtet werden. Lebensmittel sollten vor dem Verzehr möglichst auf Temperaturen von über 70° C erhitzt werden, Obst und Gemüse sollte vor dem Verzehr geschält werden, Obst, das nicht geschält werden kann, soll te mit sauberem Wasser (Mineralwasser) intensiv gewaschen werden. Salate, Saucen, Rahm, nicht pasteurisierte Milchprodukte und auch Eis sollte – wie auch Wasser – überhaupt gemieden werden. Wasser sollte abgekocht oder aus Mineralwasserflaschen getrunken werden, in jedem Fall soll kein Leitungswasser verwendet werden. Wenn keine andere Möglichkeit besteht, dann Wasser mindestens eine Minute lang abkochen.

Kann ein Kind in einem fremden Land bei Durchfall von den Eltern betreut werden, oder empfehlen Sie eine ärztliche Begutachtung?
Abhängig vom Alter des Kindes und von der Schwere der Durchfallerkrankung ist – bei Säuglingen und bei massiven Wasserverlusten eher, bei älteren Kindern und leichten bis mäßigen Flüssigkeitsverlusten über Stuhl und/Erbrechen weniger rasch – eine ärztliche Begutachtung sinnvoll und notwendig. Immer sollte sofort mit einer oralen Hydrierung mit einer mitgeführten standardisierten oralen Rehydrierungslösung begonnen werden. Ist damit ausreichend Flüssigkeit zuzuführen, die auch behalten wird, kann von einer ärztlichen Begutachtung abgesehen werden, ist eine solche Flüssigkeitszufuhr nicht möglich, dann sollte eher früher als später ärztliche Hilfe aufgesucht werden.

Welche Reisemedikamente für Kinder sollen im Zusammenhang mit Durchfall von den Eltern immer mitgeführt werden?
Was ist zu den Themen „Rehydrierung“ bzw. „Elektrolyt- Ersatz“ zu sagen? Wie schon mehrfach erwähnt ist als wichtigstes Medikament in der Reiseapotheke eine orale Rehydrierungslösung, die im Bedarfsfall mit „sicherem“ Wasser aufgelöst wird, in der Reiseapotheke mitzuführen. Die Zubereitung von Rehydrierungsflüssigkeiten nach diversen „Rezepten“ ist insbesondere bei Säuglingen heutzutage nicht mehr empfohlen, zumal es fertige orale Rehydrierungslösungen in den meisten Apotheken weltweit gibt. Darüber hinaus ist es durchaus sinnvoll ein Fieberthermometer und Fieber-senkende Medikamente, mit denen die Eltern Erfahrung haben, in der Reiseapotheke mitzuführen. Nasenschleimhaut abschwellende Nasentropfen sind durchaus bei interkurrenten respiratorischen Infekten auf Flugreisen sinnvoll, da sie bei Flügen den Druckausgleich ermöglichen und heftigen Ohrenschmerzen damit vorbeugen können. Verbandsmaterial, Pflaster, Insektenschutz und Sonnenschutz ergänzen die Basis-Apotheke. Darüber hinaus können individuell noch weitere Medikamente kommen, die ev. Dauermedikamente, bzw. antiallergische Medikamente, u. a. kommen können.

Was ist zum Thema „Motilitätshemmer bei Durchfall für Kinder“ zu sagen?
Motilitätshemmer, wie z. B.: Loperamid (Imosec ®, Imodium®, Enterobene ®) werden bei Erwachsenen häufig bei akuten Durchfallerkrankungen verwendet, da sie zu einem raschen Sistieren der akuten Durchfallsymptome führen. Im Kindesalter sind Motilitätshemmer differenzierter zu beurteilen. Vor der Verwendung von Loperamid wird von der WHO und auch der American Academy of Pediatrics abgeraten: Sowohl Sicherheits- als auch Wirksamkeitsbedenken werden dafür angeführt. Insbesondere sind es Sicherheitsbedenken bei der Anwendung bei Kindern unter dem 3. Lebensjahr, bei denen ernsthafte Nebenwirkungen bei über zehn Prozent der behandelten Kindern aufgetreten sind. Die Nebenwirkungen, die auch schon bei niedrigen Dosierungen gefunden werden konnten reichen von Ileus, Lethargie bis hin zu Todesfällen bei Kindern unter drei Jahren. Bei älteren Kindern und Jugendlichen sind diese gravierenden Nebenwirkungen viel seltener, und dort ist auch der Einsatz dieser Motilitätshemmer differenzierter zu betrachten. Nach einer raschen Rehydrierung kann in der Altersgruppe der älteren Kinder/Jugendlichen durchaus die Anwendung überlegt werden, zumal die Wirksamkeit der Senkung der Durchfallsdauer gut belegt ist. Dies allerdings nur dann, wenn kein Fieber besteht oder blutige, schleimige Stühle vorliegen. Grundsätzlich ist zu bedenken, dass durch die Darmruhigstellung den pathogenen Keimen aber auch die Gelegenheit gegeben wird, länger im Darm zu verbleiben. Wenn also die einmalige Gelegenheit zur Besichtigung einer Attraktion unbedingt genutzt werden möchte, dann ist es u. U. der Motilitätshemmer, der auch bei Jugendlichen dies ermöglicht. In Österreich ist nur ein Präparat für Kinder ab dem 2. Lebensjahr zugelassen, alle anderen Loperamid-hältigen Medikamente sind erst ab dem 12. Lebensjahr zugelassen*.

Danke für das interessante Gespräch!

Dr. Renate Höhl, 18. April 2016

* Imosec® für Kinder ab 2. Lebensjahr; Imodium®, Enterobene®, Loperamid ratiopharm®, Loperamid Sandoz®, Normakut® für Kinder ab dem 12. Lebensjahr

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