zur Navigation zum Inhalt
 

Unerkannte oder versteckte Erkrankungen brauche besondere Aufmerksamkeit

Manche Krankheiten sind schwer zu diagnostizieren, andere werden von den Betroffenen versteckt gehalten.  Beides führt dazu, dass die Bedürfnisse der Patienten zu kurz kommen. Die Psoriasis und Psoriasis-Arthritis  (PsA) waren lange solche „U-Boot“-Krankheiten. Die Medizin hatte verzweifelten Betroffenen wenig zu  bieten – die Psoriatiker zogen sich oft lieber zurück. Inzwischen gibt es aber immer mehr Möglichkeiten, den  Patienten zu helfen. Das sollten alle Betroffenen erfahren.  

Obwohl  Psoriasis  eine  häufige   Krankheit ist – immerhin rund 2  % der Bevölkerung  sind  betroffen  –  ist  die   Schuppenflechte  in  der  öffentlichen Wahrnehmung  nicht  sonderlich  präsent. Prof. Dr. Klemens Rappersberger,  Primarius  der  Abteilung  für  Dermatologie  und  Venerologie  der  Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien, erklärte  bei  einem  Journalistenseminar  zu   „U-Boot“-Krankheiten: „Auf Grund der auffälligen  Schuppen wirkt  Psoriasis  sehr  oft  stigmatisierend.  Eine  von Krankheit gezeichnete  Haut  hat  auf   die  meisten  Menschen  eine  abschreckende  Wirkung,  daher  reagieren  viele  den  Betroffenen  gegenüber ablehnend.  Diese  Stigmatisierung  stellt  für   Patienten eine starke psychische Belastung dar, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken kann. Betroffene neigen  als Folge dazu, sich sozial zurückzuziehen,  um  verletzende  Begegnungen   mit anderen Menschen zu vermeiden.  Daher muss man immer wieder betonen:  Schuppenflechte  ist  nicht  ansteckend  und  sie  hat  rein  gar  nichts  mit mangelnder Hygiene der Patienten zu  tun.  Berührungsängste  der  Umwelt sind daher völlig unbegründet.“ „Bei der Psoriasis  lagen  die  ‚unmet medical  needs‘  in  den  letzten  Jahren  ganz  deutlich  auf  den  Personen,  die zwar nicht am ganzen Körper und  ganz schwer betroffen waren, aber bei  denen  sich  die  Erkrankung  gerade an leicht sichtbaren Stellen wie der Kopfhaut  oder  den  Fingernägeln  manifestierte“,  so  Prim.  Doz.  Dr.  Burkhard   Leeb  von  der  2.  Medizinischen  Abteilung  des  Landesklinikums  Weinviertel   Stockerau,  dem  NÖ  Kompetenzzentrum  für  Rheumatologie  und  dem  Karl   Landsteiner Institut für Klinische Rheumatologie.  Diese  Patienten  lebten  zurückgezogen   und   mieden   sozialen    Kontakt. Leeb weiter: „Die wirksamsten  Therapien waren ihnen aber verschlossen,  da  diese  erst  ab  einem  gewissen   Schweregrad der Erkrankung, der sich  nicht  an  der  Lebensqualität  bemisst,   zur Verfügung stehen.“
Auch Leeb wies darauf hin, dass Patienten,  die  sich  wegen  ihres  Äußeren  verstecken,  psychisch  unter  ihrer  Erkrankung leiden: „Sie werden nicht nur  visuell  zu  ‚U-Booten‘  sondern  auch  so   leise. Damit sind sie meist nicht in der  Verfassung,  bei  Behandlungsregimen   Verbesserungen in der Anwendung der  Therapie zu fordern. Es gibt aber mittlerweile  neue  Therapieoptionen  bei   Psoriasis,  die  die  Möglichkeit  bieten,  diesen Bedürfnissen entgegen zu kommen: zum Beispiel eine Therapie die sowohl bei Nagel- und Kopfhautpsoriasis  besonders vielversprechend ist und im Gegensatz zu den Biologika-Therapien  eine orale Behandlungsform ist.“

Auf Anzeichen einer Psoriasis  Arthritis achten

Je schwerer die Hauterkrankung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, eine  Psoriasis  Arthritis  zu  entwickeln.  „Ein   erhöhtes PsA-Risiko steht auch im Zusammenhang  mit  einer  Beteiligung   der  Nägel  und  der  Kopfhaut  sowie   einer  interglutealen  und  perianalen   Psoriasis“,  so  Prof.  Dr.  Hans  Peter  Brezinschek  von  der  Klinischen  Abteilung  für  Rheumatologie  an  der  Med-Uni  Graz.  Grundsätzlich  sollte  jedem  Psoriasis Patienten bewusst sein, dass  er  ein  hohes  Risiko  hat,  eine  Erkrankung  aus  dem  rheumatischen  Formenkreis zu entwickeln – die Gelenke  sollten daher regelmäßig beobachtet  werden.  

» Psoriatiker neigen dazu, sich sozial  zurückzuziehen, um verletzende  Begegnungen mit anderen Menschen  zu vermeiden

„Die  PsA  verläuft  progredient“,  so   Brezinschek.  Verzögerungen  bei  Diagnose  und  Behandlung  können  zu   körperlichen   Behinderungen   führen. Da die Hautsymptome im Durchschnitt  etwa  zehn  Jahre  vor  den  Gelenksymptomen  auftreten,  sind  die   Patienten  üblicherweise  bereits  bei   einem   Dermatologen   oder   Allgemeinmediziner  in  Behandlung.  Diese  Ärzte  befinden  sich  somit  in  einer  entscheidenden Position für die frühzeitige Diagnose der PsA und sollten daher bei jedem Patientenbesuch auf  Anzeichen  und  Symptome  für  PsA  achten.“

Ökonomische  Aspekte  

Zu  den  spezifischen  Krankheitsmanifestationen der PsA gehören Enthesitis  und  Daktylitis.  Die  PsA  kann  Betroffene  in  der  Ausführung  von  Aktivitäten   des  täglichen  Lebens  beeinträchtigen  und führt häufig zu einer Arbeitsunfähigkeit. „Die Krankheitslast“, erklärt Brezinschek,  „entspricht  der  von  rheumatoider Arthritis und Morbus Bechterew.  Gesundheitsökonomische Berechnungen  zeigen:  Durch  die  Verminderung   der  Lebensqualität,  der  körperlichen  Funktionsfähigkeit  und  der  Arbeitsfähigkeit entstehen indirekte Kosten von  ca.  11.100   €  pro  Jahr  und  Patient  für   die Gesellschaft.“ Die direkten Behandlungskosten  hingegen  würden  nicht   einmal ein Drittel betragen.

Interdisziplinärer Austausch kann den Diagnoseweg verkürzen

„Auch wenn jede U-Boot-Krankheit einen unterschiedlichen Verlauf hat und  anderer  fachärztlicher  Versorgung  bedarf, steht bei allen eines im Zentrum:  der  fachübergreifende  Diskurs  und   eine stärkere mediale Präsenz können  Leiden  verhindern  und  informierten   Patienten  zu  besserer  Lebensqualität   verhelfen“, betonte Leeb.  Patientin  Karin  Formanek  berichtete  aus  ihrer  persönlichen  Erfahrung:   „Bei  mir  hat  es  30  Jahre  bis  zur  Diagnose  gedauert.  Schmerzen  in  den  Gelenken  und  im  Rücken  waren  meine  ständigen  Begleiter,  wurden  damals  aber  nicht  ernst  genug  genommen. Gerade  ‚U-Boot‘-Krankheiten wie  meine PsA erfordern interdisziplinäres  Denken und einen Austausch zwischen  Patient  und  Arzt  auf  Augenhöhe.  Das   hätte mir viel Leid und manche Folgeschäden erspart.“  Formanek plädiert dafür, Dermatologen,  Allgemeinmediziner  und  Kinderärzte verstärkt darüber aufzuklären,  dass Psoriasis eine systemische Erkrankung ist und meint: „Ein automatisches  Screening in gewissen Abständen durch einen Rheumatologen wäre aus  meiner Erfahrung sinnvoll, um frühzeitig die oft sehr schwer nachweisbaren  Beschwerden richtig zuordnen zu können.“ Was Patienten außerdem wichtig  sei,  so  Formanek:  „Erscheinungsfreiheit  durch  die  Medikamente:  Es  sollte   für die Medikamentenwahl nicht ausschlaggebend  sein,  wie  groß  die  betroffenen Hautstellen sind, sondern wo  sie sich befinden und wie stark sie die  Lebensqualität einschränken.“

Quelle: Journalistenseminar U-Boot- Krankheiten – über  Krankheiten, die nicht wahrgenommen werden  (wollen). Wien,  2. Dezember 2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben