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Österreichischer Impftag 2016

Personalisiertes Impfen, Rückkehr „vergessener Krankheiten“ sowie Konsequenzen der Impfverweigerung  standen im Fokus.  

Die  bisher  gültige,  generelle   Impf-Strategie „eine Impfung passt für alle“ wird künftig  nicht  mehr  für  alle   Personengruppen  in  einer  demografisch  sich  stark  verändernden  Bevölkerung anwendbar sein. Es wird daher  –  mehr  als  früher  –  nötig  sein,  personalisierte  Strategien  zu  entwickeln   und  die  Menschen  ganz  spezifisch,  angepasst  an mögliche,  individuelle   immunologische oder genetische Veränderungen,  zu  impfen.  „Wir  stehen damit am Beginn  einer  neuen  Ära“,   sagte  Ursula  Wiedermann-Schmidt,  wissenschaftliche  Leiterin  des  Österreichischen  Impftages  und  Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe  und Tropenmedizin der MedUni Wien,  Mitte Jänner bei einer Pressekonferenz  in Wien.  Dementsprechend stand der Österreichische  Impftag  im  Austria  Center   Vienna  unter  dem  Motto  „Personalisierte  Medizin  –  Personalisierte  Impfungen?“  Mit insgesamt  mehr  als  800   Teilnehmern,  darunter  über  600  Ärzten, gab es einen neuen Rekord. Diese  größte  heimische  Fortbildungsveranstaltung für Ärztinnen und Ärzte sowie  Pharmazeutinnen  und  Pharmazeuten   fand zum zweiten Mal in Wien, diesmal  im Austria Center Vienna, statt.  

Personalisierte Impfung

Bei der personalisierten Impfung geht  es  zunächst  darum,  die  Risikogruppen  herauszufiltern,  betonte  Wiedermann-Schmidt.  Dazu  gehören  Frühgeborene,   die   heute   viel   bessere    Überlebensraten haben als früher, ältere Menschen, aber auch Personen, die  mit  Biologika  –  z.   B.  bei  Autoimmunerkrankungen  wie  z.   B.  Rheuma  oder   bei  Krebs-  und  Hauterkrankungen  –   behandelt  werden,  aber  auch  das  Gesundheitspersonal, um nicht selbst zur  Risikogruppe  für  die  Ansteckung  zu   werden.   Wiedermann-Schmidt:  „Was   wissen  wir  über  das  Ansprechen  auf   Impfungen oder Impfschutz dieser Risikogruppen? Wann muss ich die Impfstrategie ändern – und wie? Das ist die  neue Fragestellung.“  

Spezialisierte Impfstrategie

Die  Möglichkeiten für eine spezialisierte  Impfstrategie  sind  vielfältig:  Es   könnte sinnvoll sein, „doppelt“ zu impfen,  mit  geändertem  Impf-Intervall,   mit einem Impfstoff mit stärkeren Adjuvantien  oder  andere  „Impfrouten“   als  die  übliche  intramuskuläre  Route   zu  wählen.  In  der  Praxis  bedeutet  das   zum Beispiel: Wenn eine Person mit ei- ner  Autoimmunerkrankung  eine  Vierfach-Impfung  Diphterie/Tetanus/Polio/Keuchhusten  erhält,  ist  es  ratsam,   bald  danach  eine  Impferfolgskontrolle  zu  machen  und  zu  evaluieren,  „ob   die Impfung überhaupt angeschlagen  hat.  Bereits  in  der  gesunden  Bevölkerung  finden  wir  ein  bis  zehn  Prozent,   die  nach  Impfungen  keinen  ausreichenden  Schutz  aufbauen  können.   Diese Menschen nennt man „Non-Responder“. Unter bestimmten Therapien oder bei chronischen Erkrankungen ist  daher  anzunehmen,  dass  dieser  Prozentsatz viel höher liegt. Hat die Impfung  nicht  angeschlagen,  muss  man   die Strategie überdenken.  

Neue Impfstoffe

Für die Forschung  wird  das  zukünftig bedeuten,  dass  neue  Impfstoffe  entwickelt  werden  müssen,  die  ebenfalls   ganz  speziell  an  die  Bedürfnisse  dieser Risikogruppen angepasst sind: „Zur  Identifizierung bestimmter Risikogruppen  werden  neue  Technologien  wie   Transcriptomics zur Anwendung kommen“,  erklärt  Wiedermann-Schmidt.   Dabei sollen im Blut Biomarker zur Erkennung  genetischer  oder  immunologischer  Veränderungen  gefunden   werden, die dafür verantwortlich sind,  dass  jemand  zu  einem  „Non-Responder“ wird. „Alle diese Maßnahmen werden dazu führen, dass sich die Betroffenen sicher sein können, individuell und  nicht nach ‚Schema F‘ geimpft zu werden.“  Nichtsdestotrotz  sei  es  nach  wie   vor für einen effektiven Herdenschutz  sehr  wichtig,  darauf  zu  achten,  dass   die  Durchimpfungsraten  in  der  Bevölkerung hoch sind. „Denn wer sich impfen  lässt,  schützt  doppelt:  sich  selbst   und andere.“

Herdenschutz, aber kein Trittbrettfahren!

„Dank  der  ‚personalisierten  Medizin‘   können  nun  zunehmend  auch  jene   Personengruppen  geimpft  werden,   die  bislang  wegen  ihres  schwachen   Immunsystems  von  Impfungen  ausgeschlossen  waren,  wie  z.   B.  Krebspatienten   oder   junge   Säuglinge“,    sagte  der  Impfreferent  der  Österreichischen  Ärztekammer  (ÖÄK),  Rudolf   Schmitzberger. Somit wäre es ein klares  Missverständnis,  die  Möglichkeit   des  personalisierten  Impfens  als  Freibrief  für „immunologische  Trittbrettfahrer“  zu  sehen.  Gemeint  sind  Menschen,  die  sich  darauf  verlassen,  dass   andere  geimpft  sind  und  selbst  nur   jene  Impfungen  wahrnehmen,  die  ihnen  persönlich  relevant  erscheinen.   Personalisierte Impfungen stehen also  keineswegs  in  Konkurrenz  zum  „Herdenschutz“. Darunter versteht man das  Ziel, von Mensch zu Mensch übertragbare  Erkrankungen  auszurotten  oder   zumindest so weit einzudämmen, dass  auch  nicht  immunisierte  Personen  innerhalb  einer  Bevölkerung  geschützt   sind.

Herdenimmunität  ist  nach  wie  vor   eines  der  wichtigsten  sozialmedizinischen Ziele, die auch das Gratis-Kinderimpfprogramm verfolgt – gemäß dem  Motto:  Große  schützen  Kleine,  Kleine   schützen Große.

Rückkehr „vergessener“  Krankheiten

Die   ausgesprochen  gut   besuchten    „Lunchworkshops“   widmeten   sich  Impfthemen,  die  nicht  unmittelbar   mit  dem  Kernthema  „Personalisierte   Impfungen“  in  Zusammenhang  standen.  Univ.-Prof.  Ingomar  Mutz  konnte  anhand  zahlreicher  internationaler   Beispiele  zeigen,  wie  rasch  und  dramatisch  durch  Impfung  vermeidbare  Erkrankungen  wieder  zunehmen,  sobald  die  Durchimpfungsraten  sinken.   So  hatte  etwa  in  der  Sowjetunion  ein   staatliches Impfprogramm ab Ende der  1950er-Jahre binnen weniger Jahre zu  einem Rückgang der Diphterie-Neuerkrankungen  um  90   %  geführt.  1980  schließlich  war  eine  mehr  als  90-prozentige  Durchimpfungsrate  in  Russland  erreicht.  Nach  dem  Fall  der  Sowjetunion und wohl auch als Folge des  prinzipiellen  Misstrauens  in  staatliche  Maßnahmen  sank  die  Impfrate   auf 50 bis 60  %, sodass zwischen 1990  und 1998 in Russland 157.000 Diphterie-Fälle  zu  verzeichnen  waren,  davon   verliefen  5000  tödlich.  Mutz:  „In  unseren  Breiten  vergessene  Krankheiten   können durch die zunehmende Reisefreudigkeit,  aber  auch  durch  Migrationsströme  jederzeit  wieder  auftreten.   Allein möglichst hohe Durchimpfungsraten  bilden  einen  wirksamen  Schutz   vor Epidemien.“

Rechtliche und ethische Konsequenzen der Impfverweigerung  

Mehr Zuhörer als der Saal fassen konnte  interessierten  sich  auch  für  die rechtlichen  und  ethischen  Folgen  der  Impfskepsis.  Der  Sprecher der österreichischen  Patientenanwälte,  der  niederösterreichische  Patientenanwalt  Gerald  Bachinger,  erinnerte  daran,  dass  Schutzimpfungen   und  Hygienemaßnahmen  die  beiden  größten  Erfolgsgeschichten  der  Medizin  seien.  Es  sei  daher  „gerade  bei   Schutzimpfungen gegen von Mensch  zu  Mensch  übertragbare  Erkrankungen  absolut  legitim,  nicht  nur  danach  zu  fragen,  was  die  Allgemeinheit  für  das  Individuum  tun  kann,   sondern  auch  danach,  welche  soziale  und  moralische  Verantwortung  jeder  Einzelne  trägt“.  Das  treffe  ganz   besonders  auf  Eltern  zu,  die  schließlich verpflichtet seien, die Gesundheit  ihrer  Kinder  bestmöglich  zu  fördern.   Der  Kammeramtsdirektor  der  Österreichischen  Ärztekammer,  Johannes   Zahrl,   konnte   anhand   historischer    Dokumente  belegen,  dass  schon  zu   Beginn  des  19.  Jahrhunderts  Maßnahmen  überlegt  wurden,  um  die   Bevölkerung  von  dem  damals  gerade  aufkommenden  Instrument  der   Schutzimpfung zu überzeugen. Er legte auch klar, dass Ärzte, die aus medizinisch nicht vertretbaren Gründen generell von Schutzimpfungen abraten,  nicht nur mit straf- und zivilrechtlichen  Folgen   rechnen   müssten,   sondern    auch  die  berufs-und  standesrechtlichen Konsequenzen zu tragen hätten.  Das  könne  bis  zur  Streichung  aus  der   Ärzteliste  und  damit  zum  Entzug  der  Berufserlaubnis gehen.  

Der Österreichische Impftag 2016  

Der  Österreichische  Impftag  ist  die größte richtungsweisende Impfveran- staltung  für  Ärzte  und  Apotheker  in   Österreich  und  wird  von  der  Österreichischen Akademie der Ärzte GmbH in  Kooperation  mit  Medizinische  Universität  Wien,  Österreichische  Ärztekammer,  Österreichische  Apothekerkammer,  Österreichische  Gesellschaft  für  Kinder-  Jugendheilkunde  und  Österreichische  Liga  für  Präventivmedizin   veranstaltet.

Vorschau

Der  nächste  Österreichische  Impftag   wird am 14. Jänner 2017 stattfinden.

Quellen: Presseaussendung der Medizinischen Universität Wien, 13. 1. 2016. Der Österreichische Impftag 2016: „Personalisierte Medizin – Personalisierte Impfungen?“ fand am 16. Jänner 2016 statt. www.impftag.at Presseaussendung OTS, 18. 1. 2016

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