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Kinder- und Jugendheilkunde 31. Oktober 2015

Schlangenbisse: lebensrettendes Antiserum wird knapp

„Ärzte ohne Grenzen“  warnt vor einem Anstieg der Todesfälle.  

Im Vorfeld eines Symposiums, das im September in Basel stattfand, warnte die internationale Hilfsorganisation  Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières  (MSF), dass Zehntausende Menschen weltweit unnötig an Schlangenbissen sterben werden, wenn die Verantwortlichen im Gesundheitsbereich nicht die nötigen  Maßnahmen ergreifen, damit Behandlung und Gegengifte in ausreichender Menge zur Verfügung stehen.  

Häufige Todesursache

Schlangenbisse sind eine häufige Todesursache, gehören aber nach wie vor zu den am meisten vernachlässigten Gefahren für die öffentliche Gesundheit, da sich die globalen Akteure  im Gesundheitswesen beunruhigend  wenig dafür interessieren. Um unnötige Todesfälle zu vermeiden, sind gezielte Diagnosen und Behandlungen  nötig.  Jährlich werden schätzungsweise  fünf Millionen Menschen von Schlangen gebissen, von denen 100.000 sterben und 400.000 dauerhaft behindert oder entstellt bleiben. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara sterben pro  Jahr 30.000 Menschen an Schlangenbissen, und bei schätzungsweise 8.000 Personen muss nach dem Biss eine  Amputation vorgenommen werden.  Die Zahl der Opfer wird voraussichtlich weiter steigen, da die Lagerbestände eines der wirksamsten Gegengifte in  Afrika südlich der Sahara mit Verfallsdatum Juni 2016 unbrauchbar werden.

„Im Bereich Schlangenbisse sind  wir heute mit einer echten Krise konfrontiert. Wie können sich die Regierungen, die Pharmaunternehmen und die WHO genau dann aus ihrer Verantwortung stehlen, wenn ihre  Hilfe am dringendsten nötig wäre?“ ,  so Dr. Gabriel Alcoba, medizinischer  Berater für Schlangenbisse von  Ärzte ohne Grenzen . „ Stellen Sie sich vor, wie furchtbar es ist, von einer Schlange gebissen zu werden, den Schmerz zu spüren, während sich das Gift im  Körper ausbreitet und gleichzeitig zu wissen, dass es kein Serum gibt oder  dass Sie es sich nicht leisten können.“  

Immer mehr Schlangenbisse

In den Hilfsprojekten von  Ärzte ohne Grenzen  werden immer mehr Schlangenbisse behandelt. In Paoua in der  Zentralafrikanischen Republik sind es  300 bis 400 Schlangenbisse pro Jahr,  während 2014 in Agok im Südsudan  über 300 Bissopfer gezählt wurden, viele davon Kinder.  Von Schlangenbissen sind meist  Menschen in ländlichen Gebieten betroffen. Da oft keine Gesundheitseinrichtungen in der Nähe sind und eine Behandlung meist zu teuer ist, wenden sich viele Bissopfer an traditionelle Heiler oder lassen sich überhaupt nicht behandeln. Daher dürfte die Anzahl Schlangenbisse noch wesentlich höher  liegen, als aus den Statistiken hervorgeht. Eine Behandlung mit einem Antiserum kann, wenn verfügbar, pro Opfer bis zu 250-500 US Dollar kosten. Dies  entspricht in den betroffenen Ländern Pädiatrie & Pädologie 5  2015 229 etwa vier Jahresgehältern. Damit die Betroffenen Zugang zu dieser lebensrettenden Behandlung haben, müssen die Kosten der Antiseren teilweise oder vollständig übernommen werden.  

Wirksames und sicheres Gegengift

Das Medikament Fav Afrique des  französischen Pharmaunternehmens Sanofi hat sich in den Ländern südlich  der Sahara als einzig wirksames und sicheres Gegengift zur Behandlung der  Bisse unterschiedlicher Schlangen erwiesen. In Afrika gibt es noch einige  weitere Gegengifte, doch ihre Wirksamkeit und Sicherheit wurden bislang nicht ausreichend nachgewiesen.  Sanofi hat die Herstellung von Fav Afrique 2014 eingestellt, und die letzten Bestände werden im Juni 2016 ihr Verfallsdatum erreichen. Für mindestens zwei weitere Jahre wird kein Ersatzprodukt verfügbar sein, was bedeutet, dass es zu noch mehr unnötigen  Todes und Behinderungsfällen kommen wird.  „ Wir hoffen, dass Sanofi sofort die Ausgangssubstanz für die Herstellung von FavAfrique produzieren kann und dann Kapazitäten findet,  um daraus die nötigen Antivenine zu extrahieren, bis in Afrika ein Ersatzprodukt für FavAfrique verfügbar ist“, erklärt Julien Potet, Experte für vernachlässigte Krankheiten bei der Medikamentenkampagne von  Ärzte ohne Grenzen.  

Forderung an die WHO

Die Weltgesundheitsorganisation WHO  muss eine Führungsrolle einnehmen und Schlangenbisse als eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit thematisieren. Stattdessen stuft die WHO Schlangenbisse trotz der hohen Zahl  an Todesopfern nach wie vor als „vernachlässigtes Leiden ohne formelles  Programm“ ein. Die Verantwortlichen im Gesundheitsbereich, die Geberländer, die Regierungen und die Pharmaunternehmen  weltweit müssen anerkennen, dass die  Vernachlässigung von Schlangenbissen  zu einer Gesundheitskrise geführt hat,  und unverzüglich angemessene und  koordinierte Maßnahmen ergreifen.   

Quelle: Pressemeldung  MSF,  7. 9. 2015 

Informationen:  Ärzte ohne Grenzen Eva Hosp bzw. Florian Lems Tel. +43 (0)1/409 72 76-29 bzw. 49 E-Mail:  office@aerzte-ohne-grenzen.at Web: www.aerzte-ohne-grenzen.at   

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